5.1 Das Attentat auf John F. Kennedy

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Was schreibt der Chef des westdeutschen Geheimdienstes BND Gehlen in seinen Erinnerungen „Der Dienst“ auf Seite 297 über das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy? „In anderen Teilen der Welt brachte das Jahr 1963 entscheidende Veränderungen in wichtigen Führungspositionen. In Griechenland . . .

Nur wenige Tage später (am 18. Juni 1963) zog sich auch Israels großer alter Mann, David Ben Gurion, als israelischer Minsterpräsident von der politischen Bühne zurück . . .

Am 15. Oktober 1963 erlebte die BRD eine schwerwiegende Veränderung an ihrer Führungsspitze: Bundeskanzler Dr. Adenauer trat zurück und überließ seinen Platz Professor Ludwig Erhard . . .

Anfang November wurde im fernen Süd-Vietnam das Regime Diem von einer Militärjunta gestürzt; Diem selbst wurde ermordet. Militärrevolten und Regierungsumbildungen folgten. Sie lähmten die Staatsgewalt und die Schlagkraft der Armee, sie begünstigten damit Entwicklungen, die zur Ausweitung der Auseinandersetzungen in Vietnam und schließlich zum Vietnam-Krieg führten.

Das weltgeschichtlich bedeutendste Ereignis des Jahres war jedoch zweifellos die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy am 22. November in Texas. Ich habe in diesen Tagen besonders engen Kontakt mit meinen amerikanischen Partnern gehalten, nicht nur, um ihnen die Anteilnahme des Dienstes zu versichern, sondern um für alle Fälle gegen etwaige sowjetische Versuche Vorkehrungen zu treffen, die schwere Erschütterung im Westen auszunutzen. Die sowjetische Führung stand indes selbst schon vor internen Schwierigkeiten, die zur Weltsensation des folgenden Jahres führen sollten.“

Das ist alles. Bezüglich Süd-Vietnam weiß er mehr, als er über die USA schreibt. Über Griechenland berichtet er doppelt so viel. Bezüglich Israel weiß er mehr als doppelt so viel. Über die Bundesrepublik Deutschland schreibt er dreimal so viel. Vielleicht gibt es über die USA nicht so viel zu sagen. Außerdem sagt der Geheimdienstchef Gehlen nicht ein einziges Wort über die Politik von Präsident John F. Kennedy. 

Der US-Präsident und die Bundesrepublik Deutschland

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika kam im Juni 1963 zu einem Staatsbesuch in die Bundesrepublik Deutschland und nach West-Berlin. „Jetzt, im Sommer 1963, kam der amerikanische Präsident zum Abschluss seiner Deutschland-Reise nach Berlin. Die Bilder von den jubelnden Menschenmassen, die Erinnerung an den überwältigenden Empfang des Präsidenten und an die berühmten Sätze, mit denen John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus seine Solidarität mit dem freiheitsliebenden Berlin zum Ausdruck brachte, haben ein anderes Ereignis dieses denkwürdigen Tages fast vergessen lassen: Kennedys Rede vor den Studenten der Freien Universität. Sie ist politisch wichtiger als die Rathaus-Rede und für die Politik Brandts in den folgenden Jahren von besonderer Bedeutung, denn hier rief Kennedy zur Inventur in der Frontstadt auf. In der Freien Universität verlangte er, sich in Berlin von Schlagworten frei zu machen und die Tatsachen zu sehen: »Wenn wir für die Zukunft dieser Stadt arbeiten wollen, dann lassen Sie uns mit den Gegebenheiten fertig werden, so wie sie wirklich sind, nicht so, wie sie hätten sein können und wie wir sie nur gewünscht hätten.«“ Der Spiegel wusste: „Das »Schlüsselzitat« für Bahr, den Erfinder des »Wandels durch Annäherung«, war einst das Kennedy-Wort: »Wir müssen den Status quo anerkennen, um ihn ändern zu können.«“

Doch nicht nur John F. Kennedy wünschte sich die Anerkennung der Nachkriegsgrenzen und nicht die Anerkennung der Teilung Europas. Berlins Regierender Bürgermeister Brandt erinnerte sich so an eines seiner Gespräche mit dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle in jenem Jahr: „Zu mir, 1963 auch: »Wenn wir Europa wollen, muss es dies auch sein und nicht Amerika plus einzelne europäische Staaten.« Im Übrigen werde es entweder Krieg geben oder die Sowjetunion sich neuen Problemen gegenübersehen. Als Doktrin und als Regime sei der Kommunismus – in Russland und Osteuropa – »viel weniger überzeugend als zu Stalins Zeiten«. Er habe die andere Seite wissen lassen, welche entscheidenden Fragen in eine Friedensregelung einbezogen werden müssten. Für ihn bleibe offen, ob die Deutschen hieran – er dachte an die Grenzen – wirklich interessiert seien; Frankreich könne zur Not auch mit einem geteilten Deutschland leben . . . Sehr positiv wertete der französische Staatschef die Politik der kleinen Schritte, die ich in Berlin durchgesetzt hatte.“

Lesen Sie ruhig diese Passage noch einmal, in der der Franzose sagte, Paris könne zur Not auch mit einem geteilten Deutschland leben. Zur Not. Und für ihn blieb offen, ob die Deutschen, und er meinte damit die Demokraten in Bonn, an einer Friedensregelung zur Beendigung des Kalten Krieges wirklich interessiert seien. Den Herrn Präsidenten schienen ja langsam Zweifel zu quälen, wie groß das Bonner Interesse an einer Vereinigung tatsächlich war. Besser spät als nie.

Bei den Führungskollektiven in Moskau lässt sich von 1945 bis 1964 zeigen, wie sie immer wieder um gesamtdeutsche Lösungen rangen. Je weiter die Wohlstandsschere zwischen den beiden deutschen Staaten auseinanderklaffte, desto unsinniger werden die Spekulationen, dass Moskau auch noch Mitte der 1960er Jahre vom „Ausdehnen des kommunistischen Herrschaftsbereiches“ geträumt haben könnte. Aber das nur am Rande.

Der Regierende Bürgermeister von West-Berlin Willy Brandt über schräge Argumentationen in der Bundesrepublik: „Unter Unionspolitikern in München und Bonn hatte sich inzwischen eine Gruppierung herausgebildet, die sich als »gaullistisch« oder »europäisch« verstand – im Unterschied zu den in der Regierung (und in der SPD) dominierenden »Atlantikern«. Die Kontroverse ging doppelt an den Realitäten vorbei: Die deutschen »Gaullisten« übersahen oder wollten übersehen, dass der General ihren Träumen von einer europäischen Atomrüstung – oder einer Beteiligung an der französischen – nie und nimmer zu folgen gedachte. Auch übersahen sie, dass de Gaulle keinen übermäßigen deutschen Einfluss in der EWG wollte und dass er außerdem in Begriff stand, eine eigene Politik der Entspannung neu zu begründen, eine Politik, die einer deutschen Ostpolitik eher nutzen als schaden würde. Die Bonner »Atlantiker« wiederum rannten dem Phantom einer strategischen Sonderbeziehung zu den USA nach, für die alle Voraussetzungen fehlten.“ Aber man hatte über die Jahre immer etwas, womit man die Zeitungen füllen konnte.

Wo für Bonn gedacht wurde

Eine Woche nach Kennedys Berlin-Besuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der Evangelischen Akademie in Tutzing, deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion, nicht gegen sie.«“ Wie wahr. 

Willy Brandt hat dort gewettert wie ein Rohrspatz: „In Tutzing kritisierte ich, dass das offizielle Bonn einen Wettlauf gewinnen wolle und »immer am schnellsten und am entschiedensten Nein sage zu jedem Hinweis, der aus dem Osten kommt, weil er aus dem Osten kommt«. Meine Schlussfolgerung: »Ich finde, wir sollten jeden Anschein vermeiden, als hätten wir zwei Dinge noch nicht begriffen: Dass Abrüstung nur die andere Seite der Sicherheitspolitik ist. Und dass Deutschland an der Entspannung und nicht an der Spannung interessiert ist.« Die deutschen Dinge in Bewegung zu bringen war ohne Entspannung nicht denkbar. [...] Ich erinnerte an die Bereitschaft im deutschen Westen, die Wirtschaftskraft auch östlichen Projekten zuzuwenden, und fand, dass jeweils mehrere der verschiedenen Aspekte der deutschen Frage miteinander verzahnt werden müssten.“

Da hatte er im Prinzip vollkommen Recht. Davon hatte er nur nichts, weil es in Bonn nicht darum ging, was sich Brandt in seinen Träumen wünschte. Die deutschen Dinge sollten gar nicht in Bewegung versetzt werden, und von daher war auch die Entspannung nicht erwünscht. Egon Bahrs These vom Wandel durch Annäherung beruhte übrigens nach Ferdinand Kroh „auf einem Strategiepapier des Planungsstabs des State Department vom Frühjahr 1961“. Was Bahr so in den politischen Diskurs in der BRD einführte, war das US-amerikanische Streben nach einer Entspannung in Europa und in der Welt. Das war nicht gut.

Das Attentat

Am 22. November 1963 wurde US-Präsident John Fitzgerald Kennedy in Dallas erschossen. Mir ist nicht bekannt, wie lange die Belegschaft in Bonn am Rhein darüber traurig war. „Die Umstände der Ermordung des Präsidenten und die Frage, ob Oswald Mittäter und Hintermänner hatte, waren Gegenstand mehrerer staatlicher Untersuchungen und zahlreicher Verschwörungs-Theorien.“ Im Internet fand ich die Ansage: „In fast allen Verschwörungs-Theorien um die Ermordung Kennedys wird die Central Intelligence Agency (CIA) genannt. Während der 1960er und 1970er Jahre waren Gerüchte aufgekommen, dass die CIA an Planungen zur Ausschaltung ausländischer Staatschefs beteiligt gewesen sein solle. Wenn ausländische Staatschefs Gegenstand von Mordkomplotten waren, so könne sich, meinten die Verschwörungs-Theoretiker, auch ein Komplott gegen die eigene Regierung gewendet haben. Gründe, Kennedy zu beseitigen, habe die CIA genug gehabt. Dessen Drohung nach dem Schweinebucht-Fiasko, er werde die CIA »in Tausend Stücke zerschlagen«, wird als Hauptgrund für eine Gegnerschaft gesehen.“ In tausend Stücke. Und dann hätte Amerika nackt dagestanden. Richtig, warum sollen sie nicht auch ihren eigenen Chef gelyncht haben. Aber warum sollte nicht auch jemand im Ausland das Ziel verfolgt haben, den Entspannungsfreak wegzuschießen? Vielleicht vorher nochmal mit Jubel und Fähnchen in Deutschland empfangen und Schluss. Der Attentäter Oswald wurde noch vor seinem Prozess selbst erschossen. Der sagte danach nichts mehr aus. Das ist zu perfekt. 2007 erschien Tim Weiners Buch Legacy of Ashes. The History of the CIA in den Vereinigten Staaten. Weiners wichtigstes Argument scheint zu sein, dass Lee Harvey Oswald im Vorfeld einen Einreiseantrag für die Sowjetunion gestellt hat. Mir sagt das erst einmal nur, dass sich der Attentäter absetzen wollte, so er dazu noch Gelegenheit haben würde. Auf Seite 309 schließt ein Kapitel mit dem Satz: „Seine Kernaussage war, so Whitten, dass die CIA keinen unwiderleglichen Beweis hatte, dass Oswald ein Agent Moskaus oder Havannas war – aber möglicherweise war er es.“ Das konnte man von allen Amerikanerinnen und Amerikanern sagen.

Ein Teil der Darstellung Weiners läuft also auf die Ermordung des US-Präsidenten auf Wunsch Nikita Chruschtschows hinaus. Hier fehlt ein Abklopfen der sowjetischen Außenpolitik der letzten, sagen wir, fünf Jahre. Welchen Nutzen konnte es den Sowjets bringen, wenn Kennedy tot war, insbesondere, wenn die Urheberschaft aufgeflogen wäre? Und ein Teil seiner Darstellung basiert auf dem schlechten Gewissen in Washington, wo einige Mitarbeiter der CIA davon wussten, dass John Fitzgerald Kennedy verschiedentlich versuchen ließ, den kubanischen Staatschef zu ermorden. Hier sieht der Autor zumindest ein Motiv – die süße Rache Fidel Castros. Ist gut verständlich. David gegen Goliath. Aber Scherz beiseite. Angenommen, die Geschichte flog auf. Wie sollte der Text denn dann weitergehen? Die USA ziehen das ganz groß in den Medien auf und haben nun endlich einen Grund, mit einer Armee über die kleine Insel herzufallen, statt eine Handvoll Exilkubaner in der Schweinebucht landen zu lassen. Am Rande: Tim Weiner wies auf die dilettantische Vorbereitung dieser Operation hin. Die CIA nutzte Karten, aus denen nicht hervorging, dass es sich in der Schweinebucht um ein Gelände handelte, das das Vorwärtskommen für die Soldaten so erschwerte, dass es den Revolutionären kein großes Problem bereitete, sie daran zu hindern.

Im selben Jahr bemühte sich ein deutscher Sender um eine weitere Verschwörungstheorie: Der Vater von John Fitzgerald Kennedy habe Wahlkampfunterstützung von der amerikanischen Mafia erhalten. Der Bruder Robert habe jedoch als Minister unter John Fitzgerald versucht, Licht in die Mafiastrukturen zu bringen und ohne anzudeuten, ob Robert nun dem Vater, dem Bruder oder beiden mit seinem Kampf gegen die Mafia eine auswischen wollte, wurde konstruiert, die Ami-Mafia habe den Präsidenten John F. Kennedy auf dem Gewissen. Nein, ich persönlich bin für Ansätze, die zumindest in sich selbst keine unbeantworteten Fragen enthalten, oder auf letztere dann zumindest hinweisen. Um so einen Mord aufzuklären wird übrigens manchmal nach dem Motiv für die Tat gesucht. Beginnen wir gleich vor unserer Haustür. Hier war nicht jeder mit John F. Kennedys Amtsführung glücklich.

Unterschiedliche Interessen der Bundesrepublik und der USA

Über den Beginn der verdammt kurzen Ära John F. Kennedy schrieb sein Kritiker Franz Josef Strauß aus dem schönen München, der nach Erich Schmidt-Eenboom herzliche Beziehungen zum BND pflegte: „Im November 1960 war John F. Kennedy mit knappem Vorsprung vor Richard Nixon zum Nachfolger von Präsident Eisenhower gewählt worden. Die deutsche Politik hatte sich auf diesen Wechsel einzustellen. Nach dem soliden, phantasievollen Konzeptionen abgeneigten Eisenhower kam ein junger Mann, der Amerika zu neuen Ufern führen wollte. Kennedy und seine liberale Führungscrew von der Ostküste schienen die damaligen Modeworte »egghead« und »thinktank« geradezu erfunden zu haben. Skeptikern wie mir fiel dabei freilich auch der Begriff »deskwarriors«, Schreibtischkrieger, ein. In meinem Bonner Ministerium verfolgten wir den Regierungswechsel in Washington mit großer Aufmerksamkeit. Das Verteidigungsressort – dies kann nicht deutlich und oft genug gesagt werden – kümmerte sich damals noch viel mehr um außenpolitische Fragen, als dies später der Fall war, als es auf den Status eines reinen Bundeswehrministeriums zurückgedrängt wurde und sich zurückdrängen ließ. Die Änderungen, die sich mit dem Amtsantritt der Regierung Kennedy abzuzeichnen schienen, nährten die Furcht vor einem Abbau oder einer Verringerung der amerikanischen Sicherheitsgarantie für die Bundesrepublik Deutschland. Unsere Sorge vor dem Hintergrund einer schwelenden und im Sommer 1961 dann akut werdenden Berlinkrise war, dass sich bei den Amerikanern womöglich eine optimistisch-irreale Beurteilung der sowjetischen Politik einnisten könnte.“

Nachdem der Kalte Krieg so wunderbar angelaufen war, dürfte eine optimistische Beurteilung der Absichten der Moskauer Führung durch die Administration in Washington die Sorge aber schon seit 1945 gewesen sein. Mit egghead bezeichnen sie hinter dem großen Wasser eine Intelligenzbestie, jemanden, der es nur mit Büchern und dem Nachdenken hat, und ein think tank ist eine Beratergruppe. Das Longman Dictionary of Contemporary English erklärt das als ein Team von Leuten, die daran arbeiten, Ideen zu entwickeln und Ratschläge zu geben. Was den Schreibtischkrieger angeht, sei daran erinnert, dass Strauß ein Jahr zuvor angeblich den atomaren Erstschlag in das Nato-Konzept reindrücken wollte.

In einer Analyse der innenpolitischen Situation der frühen sechziger Jahre fand der populäre Politologe Arnulf Baring „drei Gruppierungen in der westdeutschen Politik“. Das Überraschende an seiner Darlegung ist, dass eine dieser Gruppen nur aus Willy Brandt bestand, was ursprünglich verhindert hatte, dass ich beim Zählen bis drei kam. Nach Baring gab es also „eine breite Mittelgruppe im Bonner Parlament wie in der westdeutschen Öffentlichkeit“, die „auf den Zerfall des westlichen Bündnisses mit einer besonderen Betonung der westdeutschen Bindung an die Vereinigten Staaten“ reagiert habe. Das westliche Bündnis zerfiel aber gar nicht; es hatte nur niemand die rechte Lust, wegen der deutschen Zickerei einen Atomkrieg mit der Sowjetunion zu riskieren. „Von dieser Partnerschaft versprach man sich vor allem die Gewährung der Sicherheit, eines Tages auch die Lösung der Deutschlandfrage – über die man sich im Übrigen keine scharfsinnigen Gedanken machte.“ Das wäre aber wichtig gewesen, denn niemand sonst war in der Lage, die Lage in Europa zu entspannen. Ich mag es gar nicht gern wiederholen – es ging um die endgültigen Grenzen dieses Landes. „Ein gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten galt hier als Eckpfeiler der westdeutschen Außenpolitik, wobei man dazu neigte, die Gleichgerichtetheit der beiderseitigen Interessen ebenso zu überschätzen wie die Bedeutung der Bundesrepublik als eines Partners der USA. Denn man war nicht mehr in den fünfziger Jahren; John Foster Dulles, der Adenauer seinen Freund genannt hatte, war lange tot.“ Das war die McCarthy-Ära, als Leute wegen der Spionage für die Sowjetunion auf den elektrischen Stuhl geschnallt und totgemacht wurden. So ähnlich klingt dieses Motiv übrigens bei dem jugendlichen Historiker Markus Payk: „Angelpunkt aller vorgeblich »unideologischen« Zugänge zum deutsch-amerikanischen Verhältnis war die teils reale, teils behauptete Interessenkonvergenz angesichts der sowjetischen Bedrohung.“

Halten wir fest – als die (bösen) Vereinigten Staaten vom Kalten Krieg mit der (bösen) Sowjetunion wegkommen wollten, waren die außenpolitischen Interessen von USA und BRD nicht mehr gleichgerichtet. Und dass sie überhaupt gleichgerichtet waren, wurde teilweise auch nur behauptet. Also widersprachen sie sich auch da schon hier und da. Der Publizist Sebastian Haffner machte noch deutlicher, dass damals die unterschiedlichen Absichten der Regierungen in Washington und in Bonn, was die Entwicklung in Deutschland nach dem Krieg anging, immer mehr divergierten: „Der erste außenpolitische Akt der Bundesrepublik war die Zustimmung zu ihrer eigenen Gründung. Der zweite, fast unmittelbar anschließende, war die erfolgreiche Umwandlung des Abhängigkeits-Verhältnisses in ein Bündnisverhältnis. Beide hatten zum Hintergrund den Kalten Krieg, und das eine schien sich zu seiner Zeit fast naturnotwendig aus dem anderen zu ergeben. Man tut aber gut, zwischen den beiden Vorgängen deutlich zu unterscheiden, denn in ihnen zeigt sich von Anfang an der Unterschied zwischen der westlichen Deutschlandpolitik und der deutschen Westpolitik, der damals ein kaum wahrnehmbarer feiner Riss war, später aber erhebliche Ausmaße annahm und in den sechziger Jahren mitunter geradezu zum Gegensatz wurde.“ Das ist eine Interessendivergenz von 180 Grad. Aber wir waren bei der Analyse der innenpolitischen Situation nach Baring. In diese Richtung tendierte auch „der Militärpolitiker Fritz Erler, (der sich damals auch als außenpolitischer Sprecher seiner Partei profilierte, obwohl er in ihrer Hierarchie erst an vierter Stelle rangierte)“. Er mochte „den amerikanisch-sowjetischen Dialog eher für nötig und nützlich halten als die Führung der CDU“ – er war ja auch der Sprecher der Opposition. Wäre es umgekehrt gewesen, dann wäre es höchstwahrscheinlich umgekehrt gewesen. Am Ruder in der BRD wird ja stets die eine und wahre Regierungspolitik betrieben. Da werden nicht die Sachen durchgesetzt, von denen man in den Oppositionsjahren am Rednerpult mit lauter Stimme gesprochen hatte. Er unterschied sich in dieser Hinsicht auch „nicht wesentlich vom sozialdemokratischen Exponenten gesamtdeutschen Wollens, Herbert Wehner. Auch für ihn führte 1963 der Weg zur Wiedervereinigung über einen westeuropäischen Zusammenschluss und die Partnerschaft mit Amerika. Jedenfalls sagte er das.“ Veralbern kann ich mich selber.

In scharfem Gegensatz zur atlantischen Gruppierung um Schröder und erst recht natürlich zum gesamtdeutsch-pragmatischen Flügel um Brandt stand die durch Teile der CDU und eine weite Resonanz unter den Vertriebenen verstärkte CSU. Es lag wesentlich an der Selbstsicherheit und Lautstärke dieser dritten Gruppe – die eigene Zugeständnisse Bonns als überflüssig und töricht bezeichnete, aber gleichzeitig vorgab, eine Wiedervereinigung unter westlichen Vorzeichen für durchaus denkbar zu halten –, dass sich die zweite Gruppe, das Brandt-Lager, zunächst schwertat, überhaupt zu entstehen.“ Man muss doch die Dinge einmal auf den Punkt bringen.

Was haben wir jetzt erfahren? Der eine sagte jedenfalls, dass ein Weg zur Vereinigung führt, und die anderen gaben vor, dass ein Weg zur Vereinigung führt. Und eigene Zugeständnisse der Partei- und Staatsführungen in Bonn am Rhein waren überflüssig und töricht.

Inzwischen, seit dem Berliner Frühjahr 1963, wusste Brandt, dass die Bevölkerung die Situation möglicherweise ruhiger betrachtete, als man in Bonn meinte. Sein unbefangeneres Verhältnis zum Osten, seine Bereitschaft zur Entspannung, hatte sich bei den Wahlen für ihn und die SPD ausgezahlt. Jedenfalls war er 1963 der einzige führende westdeutsche Politiker – und damit der Mittelpunkt einer wachsenden zweiten Gruppierung der westdeutschen Politik –, der eine Politik der Entspannung entschieden bejahte. [...] An seiner ostpolitischen Konzeption war bemerkenswert (und darin lag ein entscheidender Unterschied zu den eher beiläufigen ostpolitischen Vorstößen Schröders), dass Brandt auch damals schon die DDR nicht ausklammerte.“

Es hat dem CDU-Außenminister Schröder (nicht zu verwechseln mit dem späteren Bundeskanzler von der SPD) nicht geschadet, dass er ostpolitische Vorstöße eher beiläufig machte. Der Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) von Kanzler Helmut Schmidt (SPD) schrieb „in Würdigung seiner Leistungen als Innen- und noch mehr als Außenminister und als Parlamentarier“, dass er doch „zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegspolitik“ gehört habe. Und weiter liest man in seinen Erinnerungen: „Auch die Nachfolger Gerhard Schröders im Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses, Barzel und Stercken, haben ihre Verantwortung vorbildlich wahrgenommen.“

Halte ich Helmut Schmidts Erinnerung, „Wehners ostpolitische Vorstellungen waren schon klar gewesen, bevor Willy Brandt die seinigen entwickelte und bevor dessen damaliger Berliner Mitarbeiter Egon Bahr in der ersten Hälfte der sechziger Jahre vom »Wandel durch Annäherung« sprach“, gegen die Ansage der FAZ aus dem Jahre 1994, dass „die propagierte »zweite Phase der Entspannungspolitik«, die der ersten folgen sollte, gerade nicht auf den Sturz des Kommunismus zielte“, dann sehe ich nicht, dass Willy Brandt „der Mittelpunkt einer wachsenden zweiten Gruppierung der westdeutschen Politik“ war.

Adenauer hatte sich nach dem Ende der Ära Dulles und vollends seit dem Amtsantritt Kennedys immer mehr in ein Misstrauen gegen die Vereinigten Staaten hineingesteigert, das ihn an die Seite de Gaulles drängte, den er als überragende Figur ohnehin bewunderte und dessen Frankreich schon immer im Mittelpunkt seines außenpolitischen Denkens und Handelns gestanden hatte. Mit seinem Elysée-Vertrag vom Januar 1963 wollte Adenauer nicht nur seine unberechenbaren Nachfolger binden, die Freundschaft mit Frankreich bekräftigen und eine mögliche französisch-russische Annäherung auf deutsche Kosten verhindern, sondern auch den Amerikanern die Grenzen seiner Bündnistreue demonstrieren.“ Was bedeutet denn hier nun schon wieder „auf deutsche Kosten“?

Aber Frankreich kam erst in den Genuss der Liebe Konrad Adenauers, als die Amerikaner den Kalten Krieg abblasen wollten. Nach dem Krieg klang das noch anders. Der amerikanische Befreier Lieutenant Just Lunning hatte am 28. März 1945 protokolliert: „Adenauer erläuterte dann seine Vorstellung von einer idealen Lösung: Errichtung eines Bundesstaates aus Österreich, den Resten Preußens, Westdeutschland (Westfalen und Rheinland) und Süddeutschland. Wäre Preußen nur einer von vier Staaten, dann lasse sich der vorwiegend »undeutsche« Einfluss Preußens neutralisieren. Sollte diese Idee nicht verwirklicht werden können, dann müsste das Rheinland als separater Staat anerkannt werden. Unter keinen Umständen – hier wurde er fast heftig – dürfe es unter die Kontrolle Frankreichs geraten, weil dieses das Rheinland völlig zerstören würde. Eine britische oder amerikanische Vormachtstellung wäre hingegen hinnehmbar. Seine Frau, die während der Unterhaltung nur zweimal etwas sagte, betonte ebenfalls, Frankreich würde das Rheinland und dessen Kultur zerstören, wenn es dazu Gelegenheit erhielte.“ Logisch, das Rheinland brauchte Adenauer als das wirtschaftliche Rückgrat für den Weststaat.

Wie es mit den Beziehungen zu Frankreich in den sechziger Jahren letztendlich weiterging, wurde später von John Dornberg thematisiert: „Außerdem behauptet Bonn, die Teilung sei eine der Ursachen des Kalten Krieges gewesen, jedoch nicht dessen Ergebnis. Daraus entstand die recht zweifelhafte Theorie, dass es vor einer deutschen Wiedervereinigung keine Entspannung in Mitteleuropa geben kann.

Diese Maxime zwang Bonn, sich in alle Bemühungen um Entspannung einzuschalten, bis Präsident Lyndon Johnson am 7. Oktober 1966 die neue Politik des Ost-West-Brückenbaues formulierte. Bis dahin schien jedes Arrangement gegen deutsche Interessen gerichtet, jede Änderung im Status quo als schädlich für die Wiedervereinigung. Solche Diplomatie führte zu Reibungen zwischen Adenauer und Präsident John F. Kennedy. Als Präsident de Gaulle ähnliche Gedanken verriet, kühlten sich die deutsch-französischen Beziehungen ab.“

Erhard war Adenauers Nachfolger als Bundeskanzler, Schröder war dessen Außenminister, und sie blieben exakt auf der Regierungslinie. Abkühlung, sobald eine Erwärmung drohte. Strauß verkaufte das als Perestroika in der Außenpolitik: „Schröders gesamte Politik stand in einem diametralen Gegensatz zur deutsch-französischen Annäherung und damit im Gegensatz zu einem der Grundgedanken Adenauers. Zwischen Schröder und mir hatte sich Anfang der sechziger Jahre ein deutlicher Dissens herausgebildet, der mit den Schlagworten »Atlantiker« für Schröder und »Gaullist« für mich Zeitgeschichte machte.“ So hatte also das Auf und Ab in den Beziehungen zwischen der BRD und Frankreich exakt den gleichen Grund wie die Schwankungen im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Strauß schrieb darüber: „Konrad Adenauer und Charles de Gaulle waren trotz aller Unterschiede in Wesen und Prägung zwei Staatsmänner, die in geschichtlichen Bahnen dachten, die sich gegenseitig verstanden und respektierten. Die beiden hatten sich etwas zu sagen und hörten einander zu. Zwischen ihnen gab es nie eine lähmende Verlegenheit, weil sie unter dem Zwang gestanden hätten, wortlose Zeit überbrücken zu müssen, wie es mitunter zwischen dem General und Erhard der Fall war.“ Ich aber sage Ihnen, wäre Adenauer noch länger Chef geblieben, dann hätte er den Franzmännern seine Liebe auch wieder entzogen. Wetten, dass?

Für den „gesamtdeutsch-pragmatischen Flügel um Brandt“, der aus Willy Brandt bestand und sich zunächst schwertat, überhaupt zu entstehen, war es bei der übermächtigen Mehrheit an Intimfeinden in Bonn selbstverständlich nicht so ganz leicht, zu überleben, denn „der Beginn einer Phase der Entspannung, der Versuch der Vereinigten Staaten, den Kalten Krieg auf der Grundlage des Status quo zu beenden, wurde – wahrscheinlich bewusst – nicht wahrgenommen“. Wie kam der populäre Politologe Arnulf Baring eigentlich auf die bösartige Unterstellung, dass der amerikanische Versuch, den Kalten Krieg auf der Grundlage des Status quo in Europa zu beenden, wahrscheinlich bewusst nicht wahrgenommen wurde?

Willy Brandt versuchte es deshalb immer wieder auf eigene Faust, nur unterstützt durch die Gilde aus West-Berlin. Hören Sie sein Klagelied: „So wurden mir die Grenzen noch so ehrlichen Bemühens immer wieder vor Augen geführt. Aus gescheiterten Initiativen und versäumten Gelegenheiten eine Rechnung aufzumachen, bringt keinen Ertrag. Und es ist ein verdammt schwieriges Geschäft, in eine Aufgabe hineingestellt zu sein, der die Perspektive fehlt. Aber ich habe in Berlin nicht nur gelernt, wie man Krisen meistert. Ich habe auch die Erfahrung bestätigt gesehen, dass es hoffnungslose Situationen kaum gibt, solange man sie nicht als solche akzeptiert. Und dass der Zwang zum Wagnis heilsam sein kann.“

Apropos West-Berlin. Brandt, der damalige Regierende Bürgermeister, hat sich so an Adenauers letzten Versuch erinnert, einen Keil zwischen Kennedy und ihn zu treiben: „Im Juni 1963, als Kennedy seinen großen Tag in Berlin hatte, war der nicht wenig erstaunt, als ihn der »Alte«, noch vor dem Mittagessen im Rathaus, zu einem Vieraugengespräch bat und dem Präsidenten einschärfte: Er solle sich bloß nicht von mir einwickeln lassen, denn »die Sozialdemokraten bleiben unzuverlässig.« Kennedy, mit Adenauer als Tischnachbar an der anderen Seite, flüsterte mir die Mahnung noch während des Essens ins Ohr.“ Dabei war es auf jeden Fall hilfreich, dass Brandt Englisch sprechen konnte.

Nun fragt sich der außenstehende Beobachter natürlich, wie es Bonn gelang, die politisch hochinteressierten Bürgerinnen und Bürger auf Linie, also auf Schlingerlinie zu halten. Dazu findet man Wütendes in den Erinnerungen von Brandt: „Umso mehr empörte es mich, als in den folgenden Jahren einer grässlichen Mode gehuldigt und die Keule des Antiamerikanismus im bundesdeutschen Parteienstreit geschwungen wurde. Was bei Adenauer noch Grund und jedenfalls Format gehabt haben mag – auch wenn es auf eine Goldwaage schon damals nicht passte –, wurde durch wiederkäuende Epigonen zum puren Ärgernis.“

Lassen Sie mich diesen Bonner, oder sagen wir besser den Münchner Antiamerikanismus an einem Mann verdeutlichen, bei dem man dieses Phänomen nun eher nicht erwarten möchte. Vielleicht als Antwort auf eine amerikanische Kritik an der jungen westdeutschen Version von Demokratie äußerte Franz Josef Strauß kurz nach dem Ende der Nazi-Diktatur: „Wir sind kein Experiment für demokratisierwütige Besatzungsoffiziere. In Bayern ist die Demokratie älter als in Amerika die weißen Menschen.“ Hu, ha! Bernt Engelmann konnte für Das neue Schwarzbuch Franz Josef Strauß noch weitere schlimme Enthüllungen über den besten bayerischen Volksschauspieler aus der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts offerieren. So versicherte Franz Strauß „mit deutlichem Bezug auf die Deutschlandpolitik“ der Westmächte: „Wir Deutschen haben zwar den Krieg verloren, aber nicht den Verstand!“ Es wäre wissenswert, was die vielen amerikanischen Universitäten eigentlich bewogen hat, Strauß immer neue Ehrendoktortitel zu verleihen. Wollten sie den grollenden Vulkan vielleicht den Vereinigten Staaten gegenüber milde stimmen?

Strauß seinerseits äußerte in seinem herzerfrischend knackigen Stil über Bernt Engelmann: „Meine literarischen Fähigkeiten und die vom Engelmann, dann kann man ja sagen: Das ist Goethe zu Ganghofer.“ Das Anti-Strauß-Heftchen ist allerdings so primitiv in seiner platten Propaganda gegen den Pseudo-Rechten und Honecker-Freund Strauß abgefasst, dass es auf mich eher so wirkt, als sei es in Absprache mit Strauß entstanden. Der Verfasser versucht in einer äußerst bemühten Manier, Strauß mit Gewalt in die braune Ecke zu stellen, und sei es mit einer Konstruktion wie dieser: „Ein Jahr zuvor, im selben Sommer, als in München eine Vielzahl von alten Weggefährten Hitlers auf dessen Befehl hin ermordet wurden, war der 19jährige Primaner Strauß, der sich für Politik nicht interessierte, auch noch süddeutscher Straßenmeister im Radfahren geworden.“ Falls es Sie interessiert: Ein Jahr zuvor, im selben Sommer, als in Chile der Militärputsch stattfand, kam ich in die dritte Klasse. Strauß war schon ein Kandidat der Sonderklasse. Weil es zu schön ist, noch ein Wort von der Historikerin Vanessa Conze: „Franz Josef Strauß war es, der 1968 forderte, der Konservatismus habe »an der Spitze des Fortschritts zu marschieren«.“ Und als wenige Jahre später die Rollen gewechselt waren, marschierte der Konservatismus wieder träge hinter der Karawane her. So hat meine Generation drüben in der Bundesrepublik den großen Meister dann in Erinnerung behalten und oft gehasst. Ein Missverständnis.

In einer Darstellung der geistigen Ergüsse jener Philosophen eines christlichen, europäischen Abendlandes, das bekanntlich katholische Länder wie Rumänien oder Polen nicht in seine Philosophie einbezog, findet sich die folgende Passage: „»Amerika« fungierte im Rahmen abendländischer Ordnungsvorstellungen oftmals als Fremdkörper, der sich auf nahezu allen Ebenen von dem unterschied, was sich im Begriff des »Abendlandes« bündeln ließ. Es war daher nur konsequent, dass man dieses Konzept in der Folge immer öfter mit »Europa« überschrieb, was nicht nur geographisch, sondern ebenso politisch und kulturell gemeint war, und woraus genuin kontinentale Programmatiken (hier dachte man durchaus ebenso an die autoritären Systeme von Spanien und Portugal) in Abgrenzung zu beiden »Supermächten« entstehen sollten. Tatsächlich lebten bei einer Betrachtung der Vereinigten Staaten vom Standpunkt des »Abendlandes« aus die tradierten Stereotype und anti-amerikanischen Klischees einer »flachen« und »kulturlosen«, materialistischen wie »vermassten« Zivilisation unangetastet fort. Versuche, die USA einzubeziehen, wurden hier zwar entsprechend einer Formel von »kultureller Äquidistanz und politischem Bündnis« formuliert, doch dies stand in der Regel unter dem Anspruch einer dominanten geistigen Führungsrolle Europas.“

La, la, la. Ich habe da jetzt exorbitant wenig verstanden. Aus solchen Texten, die „verdunkeln, wovon sie sprechen“, um hier Enzensbergers Kritik am bunten Spiegel aufzugreifen, haben sich manche Leute ihr nichts aussagendes und pseudo-intellektuelles Blödmanngeschwätz aufgelesen. Weil ich ein krasser Optimist bin, hatte ich 1989 gedacht, nun sei Gott sei Dank Schluss mit dem Parteichinesisch. Aber manche heutige Gesprächsführung ist mir noch mehrere Male unangenehmer. Die Bundesrepublik bettelte schon seit anderthalb Jahrzehnten um ein politisches Bündnis und um den militärischen Schutzschirm der USA gegen eine vermeintliche militärische Bedrohung durch die Sowjetunion, und man wünschte sich gleichzeitig die Äquidistanz, also den gleichen gehörigen Abstand zu den beiden Staaten, die Abgrenzung zu beiden Supermächten, und setzte das Wort Supermächte allen Ernstes in Anführungsstriche? Nein. Es wird verdammt schwer werden, mir nun wieder auszureden, dass eine gute Anzahl an Publizisten, Journalisten und Historikern in diesem Land viel genauer als ich weiß, wie die Europäer nach 1945 zu so unterschiedlichen Lebensverhältnissen gekommen sind. Und lesen Sie einmal Marion Gräfin Dönhoffs Darlegungen in ihrem Werk Amerikanische Wechselbäder aus jener Zeit des Machtübergangs von einem Bundeskanzler Helmut auf den nächsten 1982 über den Zirkus, den Bonn ständig mit den Amis hatte. Um ehrlich zu sein, vermute ich nur, dass ich da noch mehr zu dem Thema fände, weil ich andere Schriften von ihr gelesen habe. Aber inzwischen kann ich aufschlagen, was ich will. Bei diesem Puzzle passt ein Teil nahtlos zum anderen. Es dürfte den Gesprächen von Marion Gräfin Dönhoff mit Helmut Schmidt geschuldet sein, dass das Wort von den Wechselbädern im Umgang mit den Amerikanern auch bei ihm fiel.

Ist Ihnen vielleicht noch ein kleines bisschen Abendland von Vanessa Conze gefällig? Es ist ja auch nur, damit Sie wissen, dass sich da nicht politikferne Intellektuelle irgendetwas Abstraktes ausgedacht hätten, sondern dass „Philosophie“ in der „B.R.D.“ genau wie ich das auch in der DDR kannte, für Propagandazwecke missbraucht wurde: „In dieser Organisationsform spiegelt sich letztlich die konservative Grundstruktur der »abendländischen« Gruppierung. Es handelte sich bei den »Abendländern« immer um einen relativ kleinen, elitären Kreis von Protagonisten, von gleichgesinnten Konservativen, die keinen Wert darauf legten, diesen Zirkel zu erweitern. Zwar wollte man durchaus die eigenen Ordnungsvorstellungen und Interessen verbreiten, doch sollte dies zu keinem Zeitpunkt über eine große Organisation, gar eine Massenbewegung geschehen.“ Vanessa Conze schrieb auch: „In der Bundesrepublik waren einige Vertreter der CDS/CSU-Bundes- oder Landtags-Fraktionen Mitglieder im CEDI [im Europäischen Dokumentations- und Informationszentrum]: Hans-Joachim von Merkatz und Richard Jaeger, später auch Friedrich Zimmermann und Franz Heubl. Hinzu kamen aus dem publizistischen Bereich Redakteure und Mitarbeiter konservativer Blätter der westdeutschen Medienlandschaft, etwa Emil Franzel (Neues Abendland, Deutsche Tagespost, Bayerischer Staatsanzeiger), Paul Wilhelm Wenger und Otto B. Roegele (Rheinischer Merkur) oder Alfons Dalma (Münchner Merkur). [...] Gleichzeitig richtete sich die Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten nunmehr verstärkt auf politische Zusammenhänge. Ausgelöst wurde diese Entwicklung nicht zuletzt durch die Tatsache, dass sich die internationale politische Situation zu wandeln begann. Der Status quo des Kalten Krieges wurde mehr und mehr zur anerkannten Realität, die Entspannungspolitik warf ihre Schatten voraus.“ Das klingt aber seltsam. Der Status quo des Kalten Krieges wurde mehr und mehr zu anerkannten Realität. Warum war denn das so wichtig? Das Wort vom anerkennen wird von demjenigen verwendet, der etwas für richtig hält und möchte, dass es von anderen anerkannt wird. Das ist für mich ein weiterer Hinweis darauf, dass der Kalte Krieg von den besseren Deutschen in Bonn am Rhein ausging. Dieser Gedanke wäre so gewiss nicht formuliert worden, wenn Vanessa Conze den Kalten Krieg für ein Problem gehalten hätte, das endlich einer Entspannung der Lage hätte weichen sollen. Als hätte es der Bestätigung noch bedurft, klingt auch der zweite Teil des Satzes nicht nach Freude und Erleichterung. Haben Sie schon mal gesagt, dass etwas Gutes einen Schatten vorauswirft?

Es entwickelte sich in den Reihen des CEDI die Überzeugung, dass nur ein starkes Europa in der Lage sei, die eigenen Interessen, die mit jenen der Vereinigten Staaten eben doch nicht als deckungsgleich angesehen wurden, kraftvoll zu vertreten. Diese Forderung eines politisch starken Europas richtete sich, nicht zuletzt unter dem Einfluss französischer Gaullisten im CEDI, zunehmend auch gegen die USA. Der bereits seit Jahrzehnten in der Abendland-Idee virulente kulturelle Antiamerikanismus kehrte sich Ende der 1950er Jahre ins Politische. Nachdem sich die Fronten des Kalten Krieges gelockert hatten und die Amerikaner mit der beginnenden Entspannungs-Politik signalisierten, dass sie nicht bereit waren, die antikommunistischen Interessen der »Abendländer« weiterhin wie zu »Hochzeiten« des Ost-West-Konfliktes zu vertreten, verlor sich die in den 1950er Jahren notgedrungen vorgenommene Annäherung an die USA und den »Westen«. [Sicher erinnern Sie sich an meine Seiten zum Antikommunismus in Bonn und München.] Zwar betonten die CEDI-Mitglieder weiterhin, dass das atlantische Bündnis grundsätzlich von überragender Bedeutung für Europa sei. Doch sie forderten eine stärkere Position des europäischen »Abendlandes« gerade in Fragen, die primär Europa angingen. […] Angesichts solcher Positionen verwundert es nicht, dass die »Abendländer« innerhalb der Auseinandersetzung, die unter dem Schlagwort der »Atlantiker-Gaullisten-Kontroverse« bekannt geworden ist, eindeutig und ausschließlich auf Seiten der »Gaullisten« standen. Dies lag nicht zuletzt daran, dass jener »feste Kern«, der die »Modernisierung des Abendlandes« im Verlauf der späten 1950er und 60er Jahre umsetzte, zum allergrößten Teil der CSU nahestand oder ihr angehörte. Dabei handelte es sich um Vertreter der bundespolitischen Führungsgruppe um Franz Josef Strauß, welche die europapolitischen Konzeptionen der Partei entwickelten. Mit Richard Jaeger, Franz Heubl (seit 1958 Vorsitzender der CSU-Fraktion, seit 1960 auch Leiter der Bayerischen Staatskanzlei), Friedrich Zimmermann (von 1956 bis 1963 Generalsekretär der CSU, MdB), Emil Franzel und Ewald H. von Kleist (Verleger) versammelte sich ein Großteil der politischen und publizistischen Vertreter des Straußschen Europa-Konzeptes im CEDI. [...] In den 1960er Jahren manifestierte sich der konservative Antiamerikanismus dann innerhalb völlig veränderter Rahmenbedingungen. Die einsetzende Entspannungspolitik und der vermeintliche Rückzug der Amerikaner aus ihrem europäischen Engagement schufen Raum für eine veränderte Haltung gegenüber der atlantischen Schutzmacht. Erstmals konnte nun auch politische Kritik an der amerikanischen Hegemonie in Europa laut werden.“ Ein Rückzug dieser Amerikaner aus ihrem Engagement in Europa führte zur Kritik an ihrer Hegemonie in Europa. Vermissen Sie hier auch eine innere Logik? Übrigens brachte die Anlehnung an Frankreich gar nichts, denn auch in Paris trachtete man allmählich nach einer Entspannung der Beziehungen mit Moskau.

Obwohl also das fundamentale Misstrauen gegenüber dem American way of life auf Seiten Konservativer sicherlich erhalten blieb, traten nun machtpolitische Aspekte stärker in den Vordergrund. Es ist jedoch zu betonen, dass eine solche gegen die amerikanische Hegemonie gerichtete machtpolitische Ausrichtung der europäischen Konservativen erst in jenem Moment möglich war, als die Vereinigten Staaten ihren europäischen Verbündeten durch eine veränderte außenpolitische Richtung diesen Freiraum boten. Dass die politische Hegemonie Amerikas sich letztlich nur in veränderter Form präsentierte, blieb den hier betrachteten Konservativen verborgen.“ Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass Franz Josef Strauß auf diesem Feld mehr verborgen blieb als Vanessa Conze. Er wusste, wer Europa die Richtung gab. 

Damit ist sicherlich geklärt, dass das Bonn von Kanzler Konrad Adenauer Grund genug hatte, um den charismatischen Präsidenten John F. Kennedy auszuschalten. Für Sonderaufträge wie diesen gibt es Geheimdienste. Es ist einfach zu perfekt, dass der Attentäter selbst getötet wird, bevor er vor einem Gericht aussagen kann, wer mit ihm unbedingt über Kennedy sprechen wollte. Es fällt mir auch nicht schwer, mir ein mögliches Szenario vorzustellen, wie BND-Chef Gehlen um die Ecke einen Ami finden ließ, der ein Attentat ausführt. Im Warren-Report, dem offiziellen Untersuchungsbericht der amerikanischen Regierung finden sich zum Beispiel diese Hinweise: Lee Harvey Oswald hatte mehrere Monate in der Sowjetunion gelebt und war damit schon per se verdächtig. Von daher stammten auch seine Kenntnisse der russischen Sprache – und in seinem Bekanntenkreis gab es Russen sowie Russisch sprechende Personen. Was meinen Sie, wer alles Russisch spricht? Damit ließ sich der Verdacht in Richtung Moskau lenken, wo man in Washington eher Gefahr vermutete als in Bonn. Übrigens hat der KGB seine Aufzeichnungen über Lee Harvey Oswald, den sie dort für einen CIA-Agenten hielten, unverzüglich den Amerikanern zugänglich gemacht. Wenn der BND-Chef Reinhard Gehlen das eingefädelt haben sollte, wäre es aufgefallen, wenn er kein Wort zu dem Attentat gesagt hätte. Aber was er dazu äußert, spricht Bände: „Das weltgeschichtlich bedeutendste Ereignis des Jahres war jedoch zweifellos die Ermordung des amerikanischen Präsidenten Kennedy am 22. November in Texas. Ich habe in diesen Tagen besonders engen Kontakt mit meinen amerikanischen Partnern gehalten, nicht nur, um ihnen die Anteilnahme des Dienstes zu versichern, sondern um für alle Fälle gegen etwaige sowjetische Versuche Vorkehrungen zu treffen, die schwere Erschütterung im Westen auszunutzen. Die sowjetische Führung stand indes selbst schon vor internen Schwierigkeiten, die zur Weltsensation des folgenden Jahres führen sollten.“ Und mit dieser Moderation ist er schon beim nächsten Thema.

P.S.: Selbst wenn der BND dieses Attentat nicht organisiert hat, liefern die angeführten Texte von westdeutschen Historikern und Publizisten zumindest die Erklärung dafür, warum die Außenpolitik Deutschlands nach 1990 nicht von der Dankbarkeit an die Vereinigten Staaten von Amerika geprägt war, wie es der Außenpolitiker Robert L. Hutchings konstatierte. Doch er hat verstanden, dass Amerika keine Dankbarkeit erwarten kann, wenn Washington die Vereinigung Deutschlands aus seinen eigenen Interessen heraus unterstützt hat. In Bonn wollte außer der „dritten Gruppe“, also Willy Brandt, so gut wie kein Politiker eine Vereinigung – wegen des gefürchteten Friedensvertrages und der mit ihm verbundenen Reparationen für den Zweiten Weltkrieg. Darüber äußerten sich sogar Spitzenpolitiker wie Hans-Dietrich Genscher und Franz Josef Strauß. Selbst an den Reparationen für den Ersten Weltkrieg hat Deutschland ja noch bis zum Oktober 2010 bezahlt.