6.2 German Churches – Die Kirchen 1933 bis 1990

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1933

Die Barmer Erklärung war nicht das erste Wort aus der Kirche gegen die Versuche, die Autorität der Kirche für die eine oder die andere Ideologie ausnutzen zu wollen. Im Januar 1933 war bereits das „Altonaer Bekenntnis“ durch die Druckmaschinen im Verlagshaus eines Hinrich Springer, dem Vater von Axel Springer, 20, gelaufen. Es waren Worte von 21 evangelischen Pastoren aus dem Hamburger Stadtteil, die am 11. Januar 1933 verlesen wurden in der Hauptkirche zu Altona, in der Axel Springer einst getauft wurde. 

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Während der Kanzler überall seine Reden für den inneren und äußeren Frieden hält, sind die führenden Männer in den Kirchen im Clinch über ihre Haltung zur avisierten nationalen Erneuerung Deutschlands. Schon am Montag nach dem Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte trifft sich die Führung der Deutschen Christen zu ihrer ersten Reichstagung. Sie können sich nicht für das Altonaer Bekenntnis vom Januar erwärmen. Wenn Deutschland im revolutionären Aufbruch ist, können sie nicht an alten Sprüchen hängen. Am 4. April 1933 bringen Sie das Ergebnis ihrer wegweisenden Zusammenkunft an die Öffentlichkeit: „Gott hat mich als Deutschen geschaffen, Deutschsein ist Geschenk Gottes. Gott will, dass ich für mein Deutschland kämpfe. Kriegsdienst ist in keinem Fall Vergewaltigung des christlichen Gewissens, sondern Gehorsam gegen Gott … Der Staat Adolf Hitlers ruft nach der Kirche, die Kirche hat den Ruf zu hören … Christus ist zu uns gekommen durch Adolf Hitler!“

Um gerecht zu bleiben – die Nazis haben sich die evangelischen Kirchen aber auch schneller und massiver vorgenommen als die katholische. Der Diplomat Erich Kordt weiß es: „Dem Grundsatz getreu, immer nur einen Gegner anzugreifen, konzentrierten sich die Bestrebungen der NSDAP zunächst auf die protestantische Kirche. Mit den gleichen Methoden, mit denen die politische Macht übernommen worden war, sollten auch die Kirchen gleichgeschaltet werden. Zunächst wurde eine große Zahl SA-Männer, die bisher nur bürgerliche Eheschließungen vorgenommen hatten, zu kirchlichen Massentrauungen veranlasst. In der Propaganda wurde scharf gegen die aus der Kirche Ausgetretenen gewettert. Gleichzeitig wurde eine »Vereinigung deutscher Christen« gebildet, die bei der Kirchenwahl mit staatlicher Unterstützung die Mehrheit erhalten und die Pfarrhäuser ähnlich besetzen sollte, wie es vorher mit den Polizeipräsidien durch die SA geschehen war. Obwohl gerade aus der protestantischen Pfarrerschaft die NSDAP bei den politischen Wahlen wertvolle Unterstützung erhalten hatte, setzte sich die Mehrheit der deutschen Pfarrer unter der Führung von Pastor Niemöller hiergegen zur Wehr, und der Plan einer einfachen Machtübernahme scheiterte. Auch der mit Unterstützung der Partei fungierende sogenannte Reichsbischof Müller hatte kein Glück.“ Ein namenloser Martin Niemöller* hebt mit Gleichgesinnten einen Pfarrernotbund aus der Taufe. Sie möchten die Freiheit des christlichen Bekenntnisses vor der Nazi-Ideologie schützen und sie halten deshalb an der Einheit von Altem und Neuem Testament fest.

Der politische Katholizismus und die Katholische Arbeiterbewegung auf der anderen Seite waren bereits vor dem Jahreswechsel auf Distanz zu den Vorreitern des Rassismus gegangen. Viele Bischöfe verurteilten das Buch Mythus des 20. Jahrhunderts des Rassenfanatikers Alfred Rosenberg. Was die Nazis als Weltanschauung verkauften, bezeichneten sie als eine Irrlehre. Mit dem artgemäßen Christentum in der Evangelischen Kirche können sie nichts anfangen. Anders als bei den Protestanten gibt es in der Katholischen Kirche eine lange Tradition des Widerstands und des Märtyrertums. So sind viele bereit, auch Verfolgung, Haft und Folter wegen ihrer Überzeugungen auf sich zu nehmen, wobei sich das in der trockenen Theorie sicher feierlicher liest, als es in Wirklichkeit ist. Unter der Hand macht bald dieser Spruch die Runde: Auch die Pfarrer grüßen jetzt mit „Heil Hitler!“ Aber der katholische grüßt anders als der evangelische. Der evangelische Pfarrer ruft: „Im Namen Gottes, Heil Hitler!“ Der katholische Pfarrer grüßt: „In Gottes Namen, Heil Hitler.“ Das hat nicht denselben Klang und das hat auch nicht denselben Inhalt.

Doch nirgendwo ist man so unmittelbar mit den neuen Herren in Berlin konfrontiert wie in Deutschland selbst und jeder sucht seinen Weg, um mit den ungewohnten Umständen klarzukommen. Dabei sind sich viele Leute nicht sicher, wie viel Reichskanzler Hitler von den Zuständen im Land weiß. Vielleicht glaubt der Kanzler ja, Kundgebungen wie eine am 13. November im Berliner Sportpalast widerspiegelten die Meinungen der meisten Christen in der evangelischen Kirche. So setzt sich Gustav Heinemann* am 29. November aufgewühlt an seinen Schreibtisch und richtet einen scharfen Brief an ihn: „Sehr verehrter Herr Reichskanzler! Wieder einmal versucht die »Glaubensbewegung Deutscher Christen«, hohe Regierungsstellen durch falsche Berichte über den wahren Zustand der evangelischen Kirche irrezuführen (vgl. heutige Telegramme über Essener Vorgänge).“ Sicher brodelt es überall im Reich, aber in Essen kennt er sich aus, da ist er seit Jahren zu Hause, da ist er Justiziar und Prokurist bei den Rheinischen Stahlwerken sowie Kirchenvorsteher der Evangelischen Gemeinde Essen-Altstadt. In seinem Brief nimmt er auch Stellung zu den jüngsten Einlassungen von Studienrat Dr. Krause im Berliner Sportpalast, der dort zum Aufbau einer Volkskirche aufrief, wozu erst einmal die „Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen“ gehört. Weiter sagte er: „Die Juden sind nicht Gottes Volk. Wenn wir Nationalsozialisten uns schämen, eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse vom Juden anzunehmen. Hierher gehört auch, dass unsere Kirche keine Menschen judenblütiger Art mehr in ihre Reihen aufnehmen darf.“

In seinem Brief an den Reichskanzler setzt sich Dr. Heinemann damit auseinander: „Die ungeheuerlichen Angriffe des Berliner Gauobmannes Dr. Krause auf die Grundlagen des Christentums und der evangelischen Kirche haben eine gewaltige Erregung in den hiesigen Gemeinden hervorgerufen. Diese Erregung steigert sich täglich, nicht zuletzt deshalb, weil eine plötzlich eintretende Nachrichtensperre für die hiesige Presse den Gerüchten Tür und Tor öffnet.“ Obwohl Gustav schon 34 Jahre alt ist, oder vielleicht gerade weil er erst 34 ist, hat er den Drang, seinem Kanzler die Wahrheit über die Stimmung in seinem Reich zu vermitteln; wie soll es der Kanzler in Berlin sonst auch erfahren, wenn es ihm keiner sagt? „17 Pfarrer des Kirchenkreises Essen haben heute ihren Austritt aus der Glaubensbewegung Deutscher Christen erklärt, weil sie nach der Weimarer Tagung überzeugt sind, dass diese Bewegung mit dieser Führung nicht mehr auf den rechten Weg zu bringen ist. Von den 54 Pfarrern des hiesigen Kirchenkreises verbleiben damit nur noch etwa 5 bei den »Deutschen Christen«. Immer deutlicher wird es weiten Kreisen der Gemeinden mit ihren Pfarrern, dass die Kirchenpolitik der Reichsleitung der »Deutschen Christen« und der von ihr einseitig beherrschten preußischen Kirchenbehörden ein Verderb für Staat und Kirche ist.“ Gustav muss ernsthaft glauben, der Kanzler wisse das alles nicht, sonst hätte er diesen Brief gar nicht erst geschrieben. Er erhält freilich keine Antwort darauf. Dafür erlässt die Reichsregierung am 1. Dezember ein Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat. Das ist wichtig, um die Gleichschaltung demokratischer Institutionen voranzutreiben.

1934

Außerdem berichtet Dr. Gisevius: „Der Kirchenstreit entbrennt in voller Stärke. Die Hitlerjugend zieht gegen die widerstrebende Elternschaft zu Felde. Vornehmlich aber wird die sogenannte Reaktion zur Zielscheibe leidenschaftlicher Angriffe.“ Von unten nach oben aufgerollt haben die Nazis unsere Gesellschaft. Bei den Kommunisten fing es an und mit den Juden ging es weiter, dann kamen die Gewerkschaftsfunktionäre dran und Vertreter der SPD, dann Liberale und nun räumen diese Horden bei den Konservativen auf. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, den überrollt der Zug der Zeit… Der Neid muss es den Braunen lassen: Clever haben sie es angestellt. Es ist nur die Krönung, dass jetzt intrigiert wird, um die Hackordnung in den eigenen Reihen zu erneuern. Geschickt haben sie die Vorbehalte der verschiedenen Gruppen im Land gegeneinander ausgespielt, und ehe sich die erst Verschonten versahen, waren sie selber zum Opfer der Brutalität geworden. Festzuhalten bleibt jedoch, dass sich diese etwa 30 Prozent Nazis mit einer widerstrebenden Bevölkerung auseinanderzusetzen haben.

Kommen wir zurück zur innenpolitischen Entwicklung in Deutschland. Am Dienstag, dem 30. Mai 1934, treffen sich evangelische Pastoren, die sich Bekennende Kirche nennen, in Barmen. Am Mittwoch publizieren sie ihre Barmer Erklärung, in der sie gegen nazistische Aktualisierungen des althergebrachten Glaubens auftreten. Damit ist geklärt, was diese Männer in Zukunft von den Kanzeln aus verkünden werden. Die Barmer Erklärung war nicht das erste Wort aus der Kirche gegen die Versuche, die Autorität der Kirche für die eine oder die andere Ideologie ausnutzen zu wollen. Im Januar 1933 war bereits das „Altonaer Bekenntnis“ durch die Druckmaschinen im Verlagshaus eines Hinrich Springer, dem Vater von Axel Springer*, 20, gelaufen. Es waren Worte von 21 evangelischen Pastoren aus dem Hamburger Stadtteil, die am 11. Januar 1933 verlesen wurden in der Hauptkirche zu Altona, klein Axels Taufkirche.

Man muss wissen, dass diese regimekritischen kirchlichen Kreise bei der Reichswehr den größten Rückhalt finden. Neuerdings erleben Deutsche eine Überraschung, weil Offiziere in großer Zahl und in der Uniform am öffentlichen Gottesdienst teilnehmen. Die Führung der Reichswehr sieht in dem Angriff auf die christliche Religion eine Bedrohung der sittlichen Grundlagen des Soldatentums. Das wehrpsychologische Handbuch, das vom Reichswehrministerium in Auftrag gegeben worden war, betont gerade diesen Gesichtspunkt sehr stark. Allgemein trachtet die Reichswehr danach, das Gedankengut der Nazis nicht in ihre Reihen einsickern zu lassen; so dürfen Soldaten beispielsweise keine NSDAP-Mitglieder sein oder werden, und Dr. Leys Versuche, die Freizeitgestaltung der Soldaten durch seine Organisation „Kraft durch Freude“ zu übernehmen, werden abgeschmettert. Das wird damit begründet, dass man Politik außen vor lassen will. Nazi-Funktionären, die zur Reichswehr eingezogen werden, wird die revolutionäre Aufgeblasenheit oft vom Feldwebel ausgetrieben, und jungen Leuten, die frisch aus einem Nazi-Schulungslager kommen, werden die ideologischen Phrasen schnell wieder ausgetrieben. Auch die vormilitärische Ausbildung bei der Hitler-Jugend wird in diesem Lichte gesehen. Stellvertretend für die Haltung zu dieser Kinderschinderei mag folgendes Wort eines deutschen Offiziers stehen: „Das einzige Resultat des beständigen Marschierens sind Widerwille gegen alles Militärische und – Plattfüße.“

Zum Höhepunkt für viele Christen wird der Niederrheinische Kirchentag „Unter dem Wort“, der am 14. Oktober beginnen soll. Da abzusehen ist, dass keine der normalen Versammlungsstätten ausreichen wird, um die Zahl der zu erwartenden Teilnehmer aufzunehmen, wird für diesen Zweck „die gewaltige Maschinenhalle einer früheren Lokomotivfabrik in Düsseldorf-Grafenberg“ zur Verfügung gestellt. Es wird eine durchaus eindrucksvolle Veranstaltung. Die Reichsbahn hat im Vorfeld genügend zu tun; mit Sonderzügen kommen die Leute von überall her. Zuerst sind schätzungsweise 30.000 Menschen in der Halle versammelt und mit der Zeit kommen noch Tausende hinzu. Doch dann die große Ernüchterung. Über einen Lautsprecher wird verkündet, diese Versammlung sei zwar vom Düsseldorfer Regierungspräsidenten genehmigt worden, soeben sei jedoch aus Berlin der Befehl gekommen, dass diese Versammlung nicht stattfinden dürfe. Stille. Kein Aufruhr. Stille. Und dann bricht es aus den Leuten heraus, ein gemeinsam laut gesprochenes Gebet des Herrn. Man möchte meinen, jetzt fühlten alle in diesem Raum dasselbe. Und dann heben sie ihre Stimmen und singen gemeinsam und laut das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“. Auch diese abgebrochene Feier trägt bei zur Bindung der Gläubigen an ihre Bekennende Kirche. Sie trägt nicht bei zur Liebe für die Stadt Berlin. Die Haltung für oder gegen das braune Staatswesen teilt Deutschland und sie führt zu Rissen bis in die Familien hinein, die sich weiter vertiefen, je länger der Spuk dauert. 

Zu Weihnachten sitzt Gustav Heinemann* zusammen mit seiner Frau in der Küche und denkt über das vergangene Jahr nach. Seit dem Sommer gilt nun schon der Erlass des Reichsinnenministers Wilhelm Frick, mit welchem „alle Veröffentlichungen über die derzeitigen Verhältnisse der Evangelischen Kirche in Deutschland“ verboten worden waren. Dabei haben das die Schlawiner weder in den Reichsanzeiger gesetzt noch ins Reichsgesetzblatt oder ins Reichsministerialblatt. Reichsbischof Ludwig Müller, der große Stratege, ließ es ins Reichskirchengesetzblatt bringen. 

1936 

Öffentlich hört man Kritik, wenn überhaupt, nur noch in der Kirche. An dieses heiße Eisen traut sich die braune Fraktion noch immer nicht ran. Man kann sich ja auch an den Fingern einer Hand ausrechnen, was hier passieren würde, wenn sich die Nazis an den Kirchen vergriffen. Und ein Pfarrer, ob katholisch oder evangelisch, ist eben wichtiger als ein neuer Bürgermeister. Da kann der Reichsbischof reden, wie er will; es ist doch wohl entscheidend, was der Pfarrer im eigenen Dorf sagt. Vor allem die katholischen Jugendverbände im Reich entziehen sich diesem extremen Gleichschaltungsdruck. Sie führen Wanderfahrten und Heimabende mit ihren Mitgliedern durch, sie gestalten Bibelkreise und schaffen für ihre Teilnehmer eine eigene Welt, die frei ist von der staatlichen Propaganda. Einer, der die Freiheit in der Unfreiheit ausschöpft ist Wolfgang Vogel*. Die Familie des 10-jährigen wohnt in Schlesien. Er tritt nicht jetzt und nicht später der Hitlerjugend bei. Das muss einer durchstehen. Täglich. Das prägt einen Menschen. Die Leute lassen ihre Kirchen nicht mit der Nazifahne schmücken. Nein, nein und nochmals nein. Der Flaggenstreit mündet „1936/37 in Schulstreiks und regelrechte Volkserhebungen“, als die Nazis im Reich versuchen, das Kreuz aus den Klassenzimmern in unseren Schulen zu entfernen. Später werden es Historiker hoffentlich zu würdigen wissen, dass alte und junge Leute im Deutschen Reich den Zuständen im Lande kritisch gegenüberstehen und nicht die glänzenden Augen von Marktweibern oder die Filme der schönen Leni Riefenstahl zum Maßstab der Dinge machen – zumal die Weiber mit den entrückten Blicken auf ihren Friedenskanzler gar keinen Einblick in die Planungen einzelner Häuser in Berlin haben und genauso wenig Möglichkeiten, die Entwicklung unter den Umständen dieser Diktatur zu beeinflussen. Man kann nur hoffen, dass sie es würdigen werden, dass viele Leute im Land mutig genug sind, den Gruß „Heil Hitler“ zu verweigern und sich weiter wie normale Menschen bewegen. In den Betrieben zum Beispiel hat der Nazigruß kaum eine Chance. Der deutsche Arbeiter hat die Hand an der Werkbank und nicht in der Luft. Hier und da macht der Witz die Runde: Göring besucht eine Irrenanstalt. Die Kranken sind tagelang darauf gedrillt worden, dass sie stramm stehen und mit „Heil Hitler“ grüßen. Es klappt prächtig, die Kranken rufen „Heil Hitler“ und stehen in strammer Haltung mit gerecktem Arm da. Nur ein einziger Mann sitzt in der Ecke und kümmert sich offensichtlich nicht um den ganzen Zauber. Göring geht auf ihn zu und fragt: „Warum grüßen Sie nicht?“ Darauf meint der Angesprochene: „Ich bin der Wärter, ich bin doch nicht verrückt!“

Lord Vansittart bleibt nicht der einzige Londoner Politiker, der sich für die Entwicklung in Deutschland interessiert. Im Süden empfängt Hitler im September Lloyd George auf dem Obersalzberg. Nach seinen Talks äußert der frühere Premier, der 1919 für England in Versailles am Verhandlungstisch saß: „Ich habe jetzt den berühmten deutschen Führer gesehen und auch einiges von dem großartigen Wandel, den er herbeigeführt hat. Was man auch von seinen Methoden halten mag – und es sind gewiss nicht die eines demokratischen Landes, kann es doch keinen Zweifel geben, dass er eine großartige Transformation in der Stimmung im Volke, in ihrem Verhältnis zueinander und ihren sozialen und wirtschaftlichen Aussichten erreicht hat. Zu Recht hat er in Nürnberg behauptet, in vier Jahren würde er ein neues Deutschland schaffen.“ Er sagt das zugegebenermaßen aber nicht gleich auf Deutsch. So weit reicht seine Begeisterung doch nicht. Der deutsche Dolmetscher Schmidt traut seinem Verstand nicht mehr. George schließt seine Laudatio auf seinen Favoriten unter den Politikern mit den Worten: „Ich habe noch nie ein glücklicheres Volk gesehen und Hitler ist einer der größten Männer.“

Die Vorläufige Leitung des Bruderrats der Bekennenden Kirche sieht die Zustände im Reich schon etwas kritischer und benennt die anstehenden Probleme in einer an Herrn Hitler gerichteten Denkschrift. Sie verurteilt den bei uns offiziell propagierten Judenhass, bezeichnet die Vereidigung von Kindern in der Hitlerjugend am Führergeburtstag als unerträglich, prangert die Manipulation der Reichstagswahl vom 29. März an und die Tatsache, dass es bei uns weiterhin diese Konzentrationslager gibt.

Die Worte sollen auf Adolf Hitler Einfluss nehmen, ihn zur Änderung in seinem Regierungsstil bewegen. Kann das heimlich, still und leise etwas werden? Nicht alle glauben das und übergeben das kritische Papier der ausländischen Presse. Ist es gut oder schlecht, dass es im Ausland in die Zeitung kommt und der Dissens zwischen der Kirchenführung und dem Staat der Öffentlichkeit bekannt wird? Für diejenigen, die dem Verdacht ausgesetzt sind, mit der Angelegenheit vielleicht etwas zu tun zu haben, hat es schmerzhafte Folgen. Der Bürochef der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche Dr. Friedrich Weißler und seine Kollegen sind bald verhaftet und werden in das Konzentrationslager Sachsenhausen in der Nähe von Berlin verbracht. Dort werden sie gefoltert und immer wieder gefoltert. Dr. Weißler wird besonders grausam misshandelt; nach einem halben Jahr ist er endgültig tot. Seine früheren Kollegen werden wieder freigelassen, aber sie wissen jetzt aus eigenem Erleben, wie hier mit den Volksgenossen umgegangen wird.

Nach der Veröffentlichung der Kritik außerhalb des Reiches meldet sich die Kirchenleitung erneut zu Wort. Jetzt, wo es sowieso bekannt ist, dass sie Kritik geübt hat, kann sie auch gleich ihre Pfarrer öffentlich Stellung beziehen lassen beim nächsten sonntäglichen Gottesdienst. Was von der Kanzler herunter gepredigt werden wird, ist mit Bedacht ausformuliert. Ihre Gläubigen seien es der Obrigkeit sicherlich schuldig, Gehorsam zu leisten, aber nur bis zu dem Punkt, an dem sie etwas verlangt, was gegen Gottes Gebot ist. Damit setzen sie ihren Gott höher als Hitler, dem mit diesen Worten ein Platz unter den Menschenkindern zugewiesen wird – Hochverrat in der Wahrnehmung des Despoten. Er Gott, Du Mensch. Ist es nun wieder gut oder schlecht, dass sie sich in der Stellungnahme auf ihre kirchlichen Angelegenheiten beschränkt und nicht erneut gegen die Konzentrationslager, die Gestapo und den Führerkult auftritt? Scheuen die Männer in der Vorläufigen Kirchenleitung die Kraftprobe zwischen den überzeugten Nazis und dem Rest der Gesellschaft? Wollen sie einen ganz großen Zusammenstoß mit blutigem Ausgang verhindern? Es wird schließlich von den Kanzeln verkündigt, die Christen seien verpflichtet, der Obrigkeit zu widerstehen, wenn Gottes Gebot es fordert, ein Novum, eine Sensation für die Evangelische Kirche, die immer und bis ins Letzte unbedingt für die Interessen der jeweiligen Obrigkeit eingetreten war.

Nun ging Lloyd George bei dem Abstecher auf den Kontinent auch nicht in ein Konzentrationslager, und die Leute, die er so sieht, schütten ihm wohl kaum ihr Herz aus, so dass er von der Stimmung bei uns im Reich nur einen Teil wahrnimmt, der jedoch mächtig Eindruck auf ihn macht. Hätte er sich für eine längere Zeit zu Leuten in die Küche gesetzt, wäre vielleicht das zu hören gewesen: Ein SA-Mann trifft einen Juden, der ein sehr trauriges Gesicht macht: „Nun, Jude, warum machst du denn so ein trauriges Gesicht?“ Darauf meint der Angesprochene: „Ach, wir wissen nicht mehr, wovon wir leben sollen!“ Da antwortet ihm der SA-Mann: „Euch hat man doch nichts versprochen.“ Will heißen, uns hat man was versprochen und es wird auch nicht besser. Oder der alte Brite hätte den Witz zu hören bekommen: Eine Frau hat ihren Papagei gefährliche Aussprüche gelehrt: „Nieder mit dem Nazigesindel!“ und ähnliche. Die Frau muss mit dem Papagei vor Gericht erscheinen. Unterwegs trifft sie einen Pfarrer, dem sie erzählt, welches Unheil ihr droht. Der Geistliche schlägt vor, sie solle ihren Papagei doch mit seinem vertauschen, da werde ihr nichts passieren. Gesagt, getan. Als die Frau nun vor den Richtern steht, streitet sie ab, dass sie ihrem Papagei staatsgefährliche Aussprüche beigebracht habe. Die Richter wollen sie jedoch überführen und sprechen dem Vogel die sorgsam protokollierten Sprüche immer lauter vor. Doch der Vogel gibt keinen Ton von sich. Am Ende dröhnt es im ganzen Saal, so strengen die Herren Richter ihre Lungen an: „Nieder mit Hitler!“ und „Nieder mit dem Nazigesindel!“ Plötzlich reagiert der Vogel und krächzt los: „Der Herr erhöre unser Flehen!“

Schwer ringen die Gläubigen mit sich, wie weit sich ihre Kirchen an den neuartigen Staat anpassen müssen oder dürfen. Eine gewisse Freiheit ist ihnen vor Jahren im Reichskonkordat zugesichert worden. Doch Hitlers Staatsführung bemüht sich unentwegt, den Einfluss der Christen auf das Denken der Menschen auszuschalten. Geistliche und Gläubige sträuben sich gegen die Verletzungen des Konkordats und die Einschränkung des kirchlich geprägten Vereinslebens. Bald wird der Ton rauh. Am 14. März veröffentlicht die Katholische Kirche die durch Regimegegner wie den Berliner Kardinal Konrad Graf von Preysing* und sowie den Erzbischof von München und Freising Kardinal Michael von Faulhaber* beeinflusste päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Sie verdeutlicht, dass es sehr wohl Grenzen der Anpassung an die politischen Verhältnisse geben muss. Zu den Wortführern des katholischen Widerstandes, die Opfern des Regimes Hilfe leisten, gehören zum Beispiel der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg oder Margarete Sommer. In Münster ist es unser Bischof Clemens von Galen, der durch seine kritischen Worte auf die Zustände im Reich hinweist – ihm kann dieses Regime nicht so einfach den Mund verbieten. Auch einfache Menschen und darunter längst nicht nur Katholiken finden Wege, um etwas für die Verbreitung der Worte zu tun. Sie schreiben seine Predigttexte ab und verteilen sie, so dass man sie in ganz anderen Gegenden des Reiches lesen kann. Das heißt auf der anderen Seite nicht, dass jeder Katholik regimekritisch ist.

Schwer ringen die Gläubigen mit sich, wie weit sich ihre Kirchen an den neuartigen Staat anpassen müssen oder dürfen. Eine gewisse Freiheit ist ihnen vor Jahren im Reichskonkordat zugesichert worden. Doch Hitlers Staatsführung bemüht sich unentwegt, den Einfluss der Christen auf das Denken der Menschen auszuschalten. Geistliche und Gläubige sträuben sich gegen die Verletzungen des Konkordats und die Einschränkung des kirchlich geprägten Vereinslebens. Bald wird der Ton rauh. Am 14. März veröffentlicht die Katholische Kirche die durch Regimegegner wie den Berliner Kardinal Konrad Graf von Preysing* und sowie den Erzbischof von München und Freising Kardinal Michael von Faulhaber* beeinflusste päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Sie verdeutlicht, dass es sehr wohl Grenzen der Anpassung an die politischen Verhältnisse geben muss. Zu den Wortführern des katholischen Widerstandes, die Opfern des Regimes Hilfe leisten, gehören zum Beispiel der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg oder Margarete Sommer. In Münster ist es unser Bischof Clemens von Galen, der durch seine kritischen Worte auf die Zustände im Reich hinweist – ihm kann dieses Regime nicht so einfach den Mund verbieten. Auch einfache Menschen und darunter längst nicht nur Katholiken finden Wege, um etwas für die Verbreitung der Worte zu tun. Sie schreiben seine Predigttexte ab und verteilen sie, so dass man sie in ganz anderen Gegenden des Reiches lesen kann. Das heißt auf der anderen Seite nicht, dass jeder Katholik regimekritisch ist.

Wer nicht exorbitant prominent ist und trotz allem aufmuckt, ist richtig schnell von der Bildfläche bei uns verschwunden. Seit Jahren schon gibt es nur noch zwei große Institutionen, in denen man vor der staatlichen Willkür dieses Nazi-Regimes einigermaßen geschützt ist. Eine ist unsere Wehrmacht und dann gibt es selbstverständlich noch die Kirchen. Doch nur die Kirchen nutzen ihren gegebenen Spielraum, um sich kritisch zu äußern. Gisevius, der oft am Sonntag in die Kirche von Pastor Niemöller in Berlin-Dahlem geht, soll hier von dieser Einrichtung berichten: „Sie stemmt sich gegen das immer beängstigendere Tempo dieser Bewegung zum Abgrund. Und gerade die Gegenüberstellung mit den Offizieren macht ersichtlich, mit wie viel Mut die Geistlichen beider Konfessionen kämpfen. Vielleicht muss ich einschränken, nicht die Kirche als solche kämpft. In ihrer organisatorischen Umhüllung verstecken sich tausend bürokratische Wenn und Aber, ungezählte diplomatische Bedenken und leider auch so manche Philosophien vom kleineren Übel.“ Bleibt anzumerken, dass viele Leute im Inland wie im Ausland diese Ansicht teilen. Doch im Übel sehen sie trotzdem ein Übel. „Da gibt es Bischöfe, die über ihren Sprengel nicht hinaussehen wollen und sich damit begnügen, dass dieser intakt bleibt. Da gibt es Bischöfe, die schweigen, wenn sie reden sollten, und die reden, wenn sie schweigen sollten. Aber fast möchte ich sagen, wie sollte es anders sein?“ Voller Stolz resümiert Gisevius: „Dies gerade macht den Kirchenkampf zu einem solch bedeutsamen, weit über über die deutschen Grenzen hinausreichenden Ereignis, dass sich plötzlich neue Führerpersönlichkeiten herausschälen. Mit einem Male wird ersichtlich, dass es nicht eine Institution ist, die da kämpft, dass es vielmehr Menschen von Fleisch und Blut sind, die durch ihren persönlichen Einsatz alle jene Lügen strafen, welche so tun, als sei das Christentum eine längst überholte Angelegenheit und als gehe der Streit nur noch um ein leeres Dogma, um Traditionen, um Vergangenes. Wie immer die Geschichte dieses Kirchenkampfes geschrieben werden mag und wie viele Namen dann rühmend erwähnt werden müssen, ein Name wird immer an erster Stelle genannt werden: der Martin Niemöllers. Hitler hat ihn als »den« kirchlichen Antipoden gehasst.“ Wir werden sehen, wie viele Namen später rühmend genannt werden. Gisevius sieht, dass sich dieser Pfarrer nach zwei Seiten verteidigen muss – einerseits gegen die Nazis, „wenngleich nicht immer bemerkt wurde, dass die Unverdrossenheit, mit der er als unbekannter Pfarrer das Risiko der ersten vier Jahre auf sich nahm, fast noch höher einzuschätzen ist als die Ungebrochenheit, mit der der prominente Häftling später das Konzentrationslager ertrug“, und andererseits muss „sich Niemöller ausgerechnet denen gegenüber zur Wehr setzen, die ihm seiner ganzen Herkunft nach am nächsten standen und deren Argumentationen ihm am geläufigsten waren. Das waren die »Patrioten«, jene braven Kirchenchristen aus der Zeit von »Thron und Altar«, denen das neuralgische Leiden des deutschen Protestantismus, sein bedenklicher Hang, jedweder Regierung untertan zu sein, auch dann noch zu schaffen machte, als die Hitler-Diktatur wahrhaftig nur noch eine Verhöhnung aller echten Obrigkeit darstellte. Diese Menschen waren keineswegs Nazis. Sehr oft standen sie in offener Opposition. Nichts wünschten sie sehnlicher, als dass diese braune Gewissensqual von ihnen genommen werden möchte. Deshalb war ihnen Niemöller* als kämpferischer Mensch sympathisch. Aber, warum ist er immer so unvorsichtig? Muss er alles gleich so scharf sagen?“

Am 1. Juli 1937 fühlt sich Hitler letztlich stark genug, Martin Niemöller verhaften und in das KZ Sachsenhausen bringen zu lassen. Zahlreiche Geistliche und gläubige Christen protestieren dagegen. Das kann nichts an der Tatsache ändern, dass der Pfarrer in Haft bleibt; aber die Herren an der Macht wissen auch, dass diese Tatsache nichts daran ändert, dass viele Deutsche ihr braunes System jetzt noch stärker ablehnen, wissen, dass sie sich Niemöllers Schweigen teuer erkauften. Sein gelegentlicher Zuhörer Dr. Gisevius registriert, dass Hitler Martin Niemöller zu seinem Privatgefangenen macht und ergänzt: „Viele Zeugenaussagen bestätigen, wie wutverzerrt des Tyrannen Gesicht wurde, sobald er nur den Namen dieses mutigen Dahlemer Pfarrers hörte. Sollte nicht diese Tatsache allein schon begreiflich machen, warum das deutsche Kirchenvolk beider Konfessionen Niemöller vor allen andern zu seinem Helden erkor?“ In der Lagerzelle noch kann Niemöller, auf seine „immer größer werdende Personalgemeinde“ einwirken. Später soll der Prozess stattfinden. 

(Langer Rede kurzer Sinn: Die Kirchen tun eine Menge gegen das Regime. Es sind jedoch längst nicht alle Geistlichen, die das Regime rundheraus ablehnen, was nach seinem Ende 1945 zu scharfen Auseinandersetzungen unter den Geistlichen führt.)

Die leise Auswertung der großen Kirchen 1945

Vom 21. bis zum 23. August 1945 trafen sich die katholischen Bischöfe in Fulda. Die Auswertung des Wirkens der Bischöfe in diesen „Tausend Jahren“ fiel zu Recht hart aus: „Furchtbares ist schon vor dem Kriege in Deutschland und während des Krieges in den besetzten Ländern geschehen. Wir beklagen es zutiefst. [...] Schwere Verantwortung trifft jene, die auf Grund ihrer Stellung wissen konnten, was bei uns vorging.“

„Da die Kirche als Institution des öffentlichen Lebens in ihrer Struktur und ihrem Selbstverständnis nahezu intakt geblieben war, waren die Bischöfe aufgerufen, wieder, wie 100 Jahre zuvor, den neuen Staat mit aufzubauen. Dabei ging es um die Umsetzung der Prinzipien der katholischen Soziallehre in praktische Politik und um ein Staats-Kirche-Verhältnis, das die Rechte und das Selbstbestimmungsrecht der Kirche wahrte – und zwar auf der Basis der Trennung von Kirche und Staat, aber in einem partnerschaftlichen Zusammenwirken. Immer öfter meldeten sich die deutschen »am Grabe des Hl. Bonifatius in Fulda versammelten« Bischöfe kritisch in gemeinsamen Hirtenbriefen zu Wort.“ Und die Hirtenbriefe wurden fein auf deutsch abgefasst, damit die Botschaften beim Publikum dann auch ganz sicher ankamen. Wohl mit demselben Ziel bemühte man sich in der katholischen Kirche „um die schrittweise Einführung der Muttersprache beim Gottesdienst“, was vorerst am Vatikan scheiterte.

Josef Kardinal Frings war einer jener katholischen Würdenträger, die Deutschland nach der Wende von 1945 die Entwicklung vorgaben. „Das Amt des Erzbischofs von Köln, in das er am 1. Mai 1942 überraschend berufen wurde, bekleidete er von 1942 bis 1969. Seine Bischofsweihe nahm am 21. Juni 1942 der apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Cesare Orsenigo, im Kölner Dom vor. Der Presse in Deutschland hatte das nationalsozialistische Regime verboten, über die Weihe des neuen Erzbischofs von Köln zu berichten; so behalfen sich die Kölner Katholiken, indem sie private Kleinanzeigen aufgaben. Die internationale Presse war bei den Weihefeierlichkeiten im Kölner Dom jedoch vertreten, so dass außerhalb von Deutschland mancherorts über die Weihe berichtet wurde. Die Judenverfolgung bezeichnete Frings öffentlich als »himmelschreiendes Unrecht«, seine Popularität bewahrte ihn vor Repressalien. Allerdings wurde er von der Gestapo mit Hilfe einer Anzahl von V-Leuten, von denen mindestens einige Kleriker waren, anhaltend intensiv beobachtet.“ Von 1945 bis 1965 war er Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz. In den sechziger Jahren führte er dann den späteren Papst Benedikt XVI. im Vatikan ein. Deutsche Geschichte ist spannender, als man denkt.

Die Kirche organisierte sich bereits im Jahr 1945, als noch gar nichts klar war, in „auctoritas territorialis“, also in Gebietskörperschaften, so dass die Teilung des Landes hier bereits vorbereitet wurde. Und so hört sich der einschlägige Text mit der Begründung im Original an: „Um die Liturgie überall einheitlich ordnen zu können – es ging u. a. um die schrittweise Einführung der Muttersprache beim Gottesdienst und bei liturgischen Handlungen und die dazu erforderlichen authentischen Texte – konstituierten sich die deutschen Bischöfe in Rom als »auctoritas territorialis« gem. Art. 22 § 2 der Liturgiekonstitution, wie sie jeweils eigens bei diesen Sitzungen betonten (im Vorgriff auf die später generell notwendig werdende rechtliche Neuregelung).“ Mit der gut verständlichen Begründung, dass sie die Liturgie überall einheitlich regeln wollten. So war das. Ganz harmlos. Im Vorgriff. Also bevor die Alliierten von der Teilung dieses Landes wussten. Sie hatten Deutschland bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages besetzt. Der Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg lag am 28. Juni 1919 im Schloss zu Versailles unterschriftsreif vor. Damit revanchierte sich Frankreich damals für die Kaiserkrönung Wilhelm I. auf französischer Erde, den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und für den Weltkrieg. Dieser Schuss ging aber ins Knie, denn nun waren die Deutschen wütend und sannen auf Rache.

Ende August trafen sich in Treysa dann auch auf der evangelischen Seite „die Vertreter des Einigungswerkes, des Reichsbruderrates und der inzwischen größtenteils umgebildeten Kirchenleitungen der Landeskirchen“. Klingt auch völlig harmlos. Der inzwischen größtenteils umgebildeten Kirchenleitungen. An die frische Luft gesetzt haben sie die Nazi-Bischöfe. Die Eröffnungsrede hielt der Bischof Wurm. Er hatte wie auch die katholischen Bischöfe Faulhaber und Preysing Kontakte zum Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke unterhalten. Und auch diese Männer gaben unserem Land nach dem Krieg die neue Richtung. Zu Wort kam in Treysa als Sprecher des Reichsbruderrates unter anderem der ein Vierteljahr zuvor von den Amerikanern aus dem Konzentrationslager Dachau befreite Pastor Martin Niemöller: „Gewiss, wir stehen vor großen drückenden Nöten überall, wir stehen vor dem Chaos und vielfach schon mitten drin. Und wir haben zu fragen, was uns dahin gebracht hat. Die Not geht nicht zurück auf die Tatsache, dass wir den Krieg verloren haben; wer von uns möchte denn wünschen, wir hätten ihn gewonnen; wo würden wir erst stehen, wenn Hitler gesiegt hätte! Es ist ja gar nicht auszudenken, was das erst für eine Katastrophe und für ein Chaos geworden wäre. Unsere heutige Situation ist aber auch nicht in erster Linie die Schuld unseres Volkes und der Nazis; wie hätten sie den Weg gehen sollen, den sie nicht kannten; sie haben doch einfach geglaubt, auf dem rechten Weg zu sein! Nein, die eigentliche Schuld liegt auf der Kirche; denn sie allein wusste, dass der eingeschlagene Weg ins Verderben führte, und sie hat unser Volk nicht gewarnt, sie hat das geschehene Unrecht nicht aufgedeckt oder erst, wenn es zu spät war. [...] Wir aber, die Kirche, haben an unsere Brust zu schlagen und zu bekennen: meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld! [...] Wir haben jetzt nicht die Nazis anzuklagen, die finden schon ihre Kläger und Richter, wir haben allein uns selber anzuklagen und daraus die Folgen zu ziehen.“

Beim Umbilden der Kirchenleitungen wurden also deutsch-christliche Personen durch solche aus den Bruderräten der Bekenntnissynoden ersetzt. Das konnte aber eine heikle Prozedur sein. So war zum Beispiel Walter Koch bis 1946 Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche im Rheinland, und sein Nachfolger Joachim Beckmann trat dieses Amt bereits im Jahr 1945 an. Im Osten wurde genauso vorgegangen, wie in einer jüngeren Studie herausgearbeitet wurde: „Die Leitung der Kirche Berlin-Brandenburg übernahmen nach dem Krieg Pfarrer aus der antifaschistisch orientierten Bekennenden Kirche. Sie entfernten zwar NS-belastete Kollegen aus dem Dienst, taten dies jedoch eher im Verborgenen, um die Unabhängigkeit der Kirche zu wahren, so die These Halbrocks.“ Nach dem in Gütersloh herausgegebenenKirchlichen Jahrbuch von 1945 bis 1948 ging es in jenen Jahren darum, „einer kirchlichen Restauration zu wehren und auch weiterhin den Erkenntnissen der Bekennenden Kirche bei den weitreichenden Entscheidungen über die aktuellen kirchlichen Fragen Geltung zu verschaffen“.

Wie in der Politik hat man auch in den Kirchen nicht laut gesagt, auf welcher Seite der Barrikade die neuen Leute an der Spitze denn nun vor 1945 gestanden hatten. Stattdessen nahmen die Hitler-Gegner die später aufkommende Kritik an den Bischöfen, die sich mit den Nazis eingelassen hatten, auf sich. Ich gehe davon aus, dass es ohne dieses Versteckspiel der Nachkriegselite in allen Bereichen der Gesellschaft nicht zu dieser permanenten Revolution der achtundsechziger Jugend gegen das vermeintlich unbelehrbare, alte deutscheEstablishment mit Kaufhausbränden und Morden gekommen wäre, die ein Jahrzehnt lang den Westen unseres Landes in Angst und Schrecken hielt.

Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche

Am 19. Oktober 1945 brachte die Evangelische Kirche die Stuttgarter Schulderklärung unter das Volk. Darin konnte der geneigte Teil des Publikums lesen: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat: aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben. Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche, gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass Er unsere Kirchen als Sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, Sein Wort zu verkündigen und Seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und bei unserem ganzen Volk. Dass wir uns bei diesem neuen Anfang mit den anderen Kirchen der ökumenischen Gemeinschaft herzlich verbunden wissen dürfen, erfüllt uns mit tiefer Freude. Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Macht und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann. So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!“

Albrecht Schönherr, der sich 1943 der Bekennenden Kirche angeschlossen hatte und der dann im Jahr 1946 in der sowjetischen Zone Superintendent wurde, schrieb über die Stuttgarter Schulderklärung: „Ich erinnere mich noch sehr deutlich, wie schwer es mir als Lagerpfarrer geworden ist, es den hohen Offizieren, die eine Zeit lang meine»Gemeinde« waren, klarzumachen.“ Interessant ist auch die Wanderungsbewegung zwischen den Kirchenleitungen und der Politik im Westen Deutschlands. Ein frühes Beispiel liefert der Präses der Evangelischen Kirche Gustav Heinemann des Jahres 1945, der erst die FDP und dann die CDU mitbegründet und später in die SPD überwechselt.

1950

Zur Entwicklung in der Katholischen Kirche

Die deutschen Bistümer der Katholischen Kirche hatten sich schon am 23. August 1945 und somit nur wenige Tage nach dem Abschluss der Potsdamer Konferenz in sogenannten auctoritas territorialis also in separaten Gebietskörperschaften organisiert. So richtete sich die Kirche offenbar frühzeitig auf eine dauerhafte Teilung Deutschlands ein. Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass es auf der politischen Ebene bis 48 Kontakte zwischen den Alliierten gab, die auf eine Lösung der deutschen Frage auf dem Verhandlungswege abzielten; damals war es eben gerade nicht klar, wie es mit diesem Land weitergehen würde. Im September 49 wurde dann zwar in Bonn am Rhein die Bundesrepublik Deutschland gegründet; aber sie war nicht als das Ende der Geschichte sondern als Provisorium bis zu einem Erfolg der Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit den nunmehr zwei und mit Österreich drei deutschen Staaten verkauft worden. Und ausgerechnet in dieser Phase erfolgte ein weiterer Schritt in Richtung Zerlegung der Katholischen Bischofskonferenz für Deutschland in eine für die BRD und in eine für die dann im Oktober 1949 gegründete DDR. Es gibt Entscheidungen, für die sich die Katholische Kirche mehr Zeit genommen hat. Seit 1945 hatten die Bischöfe und Bischöflichen Kommissare in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone immer wieder Kontakte untereinander; viele Aufgaben wurden gemeinsam in Angriff genommen. »Eminenz Preysing wird am 12. Juli 1950 mitgeteilt, dass der Heilige Vater seine Zustimmung erteilt zu einer Konferenz, in der sich die Ordinarien von Ostdeutschland unter seiner Leitung treffen, ähnlich wie die bayerischen und westdeutschen Bischöfe schon seit längerer Zeit zusammenkommen.« Mit diesem Entscheid der Fuldaer Bischofskonferenz kam es zur Gründung einer eigenen regionalen Bischofskonferenz, die sich dann später »Berliner Ordinarienkonferenz« nannte. Diese »Berliner Ordinarienkonferenz« hatte aber nicht den Status einer Bischofskonferenz, wie sie im kirchlichen Recht vorgesehen ist. Bis zum Mauerbau 1961 bestanden zwischen beiden Konferenzen rege Kontakte. Während des Konzils in Rom konnten die ostdeutschen Bischöfe mit den westdeutschen zusammen tagen und beraten.“

Abweichler in der Kirche

»Ihr Politiker seid unserem Volk die Wiedervereinigung schuldig!« mahnte im Juni Bischof Otto Dibelius, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland.“ So sah er das und das beendete seine Karriere. In einer Rezension zu Gerhard Besiers Band Der SED-Staat und die Kirche – der Weg in die Anpassung findet sich der Hinweis, dass es der Leitung der Evangelischen Kirche gelang, „konservative Kirchenführer wie Otto Dibelius“ zu isolieren. Damit war wieder ein Kandidat von der deutschen Bühne verschwunden. Ich erlaube mir den Hinweis, dass ihn nicht besonders böse Kommunisten, sondern ganz besonders gute Christen in der Versenkung verschwinden ließen. Zum guten Zweck. Die Mehrheit der Kirchenfürsten verfolgte jedenfalls eine andere Linie.

Das Gefühl, im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen zu haben, habe darüber hinaus die Bereitschaft vieler Theologen verstärkt, auf die Kommunisten zuzugehen und den Aufbau eines sozialistischen deutschen Staates als unumgängliche Folge der »deutschen Katastrophe« von 1945 zu unterstützen. Viele der prägenden Theologen des Kirchenbundes kamen aus der Bekennenden Kirche, einige hatten zunächst den Nationalsozialismus unterstützt und als Offiziere oder Militärgeistliche der Wehrmacht angehört.“ 

1957 

Unterstützung beim Aufbau der DDR

Allerdings konnte die Empörung des Großmeisters Strauß über diese Schwarztauscherei und das Aufkaufen dringend benötigter Waren im Osten durch Landsleute aus dem Westen nicht wirklich verhindern, dass seit dem Kriegsende bereits mehr als zwei Millionen Menschen die sowjetische Zone beziehungsweise die spätere „D.D.R.“ verlassen haben und dass wesentlichen Bereichen der Infrastruktur der Zusammenbruch drohte. Das hat das Leben und die Stimmung der dort auch weiterhin Sesshaften nicht vorteilhaft verändert. Nun war guter Rat teuer. Wenn die Teilung Deutschlands nicht durch die Übersiedlung der restlichen Ostdeutschen in den Westen aufgehoben werden sollte, musste die wirtschaftliche Situation in Unserer DDR schnell stabilisiert werden. Da man aber nun einmal die Amerikaner und die Russen mit einem Kalten Krieg beschäftigt hatte, konnte man jetzt nicht einfach anfangen, offiziell den Osten zu unterstützen. Also übernahmen die katholische und die evangelische Kirche die tatkräftige Unterstützung des Aufbaus des Sozialismus auf deutschem Boden.

Über die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik zum Wohle der DDR, wie sie in Bonn praktiziert wurde, informierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die demokratiebesessenen Amerikaner dann erst nach dem GAU von 1989: „Vielmehr haben die beiden Kirchen in der Zeit der deutschen Teilung schon lange vor dem Häftlingsfreikauf Geld über die KoKo in die DDR transferiert – zum Nutzen der Kranken und Alten in Hospitälern und Heimen ebenso wie zum Nutzen der kirchlichen Angestellten und vieler Gläubiger. Die – längst veröffentlichten – kirchlichen Zahlungen von etwa 4,8 Milliarden Mark addiert mit den Zahlungen im Rahmen des »Kirchengeschäfts B« (Flüchtlingsfreikauf) in Höhe von 3,43 Milliarden summieren sich auf etwas mehr als 8,2 Milliarden D-Mark – wie von Schalck korrekt genannt. […] Denn lange vor dem »Kirchengeschäft B« gab es das »Kirchengeschäft A«. Es war 1957 mit DDR-Ministerpräsident Grotewohl vereinbart worden. Bei diesem ebenfalls streng geheimen Transfer ging es der evangelischen Kirche um die Unterstützung der östlichen Landeskirchen, die von der DDR ihrer finanziellen Grundlagen beraubt worden waren. Da direkte Transfers zwischen Ost und West undenkbar waren, wurden der DDR – von 1966/67 an Schalcks »KoKo« – im Rahmen der »Kirchengeschäfte« Waren in einer vorher vereinbarten finanziellen Größenordnung zur Verfügung gestellt, die der DDR-Bevölkerung nutzen sollten. […] Von der Bundesregierung wurden den Kirchen dazu aus dem Haushaltstitel 68 521 Zuschüsse in Höhe von etwa 1,4 Milliarden D-Mark gewährt. Dass der Umweg dieser Devisen über Schalcks »KoKo« für die DDR-Führung mehr als einträglich war und den wirtschaftlichen Bankrott der DDR für viele Jahre vertuschen half, ist mittlerweile kaum mehr bestritten. Freilich darf man in diesem Zusammenhang nicht die offiziellen Transferleistungen (»Pauschalen« für Transit und Post) nach 1970 vergessen: Sie umfassten mehr als zehn Milliarden D-Mark und erhöhen die Summe der seit den fünfziger Jahren erbrachten Devisenleistungen aus Westdeutschland auf weit mehr als 20 Milliarden D-Mark.“ Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Darüber freute sich das SED-Mitglied Alexander Schalck-Golodkowski: „Noch vor der Gründung von KoKo [Schalcks Bereich Kommerzielle Koordinierung] waren die sogenannten Kirchengeschäfte eines der Geschäftsfelder des Ministeriums, die außerhalb des Volkswirtschaftsplans lagen. Sie nahmen historisch ihren Anfang in den Bemühungen der evangelischen und der katholischen Kirche in der Bundesrepublik, ihre Schwesterkirchen in der DDR zu unterstützen. Die beiden großen Kirchen wurden bei uns staatlicherseits toleriert und wegen ihrer sozialen Leistungen durchaus geschätzt, aber nicht finanziell gefördert.“ Und es gab ja auch Grund zur Freude. Schalck wusste: „Der Wert der vereinbarten jährlichen Warenlieferungen wurde den Kirchen in der DDR durch KoKo in Mark der DDR im Verhältnis 1:1 ausgezahlt.“

Während sich die Führung in Ost-Berlin ewig und lauthals über die Wechselkurse auf dem Schwarzmarkt erregt hat, wurde über diesen ganz exorbitant günstigen Kurs im Handel mit der BRD mit mir nicht gesprochen. Deshalb dachte ich immer, die im Westen seien gegen den Sozialismus im Osten gewesen. Weil das andere Leute auch dachten, wurden nach der Wende die wildesten Untersuchungsausschüsse eingerichtet; einer war jenem Herrn Schalck gewidmet.

In der FAZ wurde über diese Aufklärungsveranstaltung beispielsweise berichtet: „Der Schalck-Untersuchungsausschuss hat am Freitag mit der Mehrheit der Koalitionsabgeordneten beschlossen, die Beweisaufnahme abzuschließen. Die im »Feststellungsteil« des Untersuchungsberichtes zusammengefassten Erkenntnisse des Ausschusses werden von den drei Fraktionen gemeinsam getragen, im Bewertungsteil gibt es jedoch abweichende Voten der SPD, der PDS und des Bündnis 90/ Die Grünen. Das Minderheitsvotum der Vertreterin von Bündnis 90/ Die Grünen, Köppe, wurde am Freitag von der Ausschussmehrheit als »geheim« eingestuft und kann daher nicht veröffentlicht und debattiert werden. Zur Begründung heißt es, Frau Köppe habe nicht rechtzeitig beantragt, die in ihrem Bericht enthaltenen Geheimdokumente freizugeben. Der Obmann der Unionsfraktion, Hörster, sagte dazu, beim Bericht von Frau Köppe werde jetzt das gleiche Verfahren angewandt, wie seinerzeit bei einem ergänzenden Bericht von CDU/CSU und FDP im Untersuchungsausschuss »Neue Heimat«. Frau Köppe hielt dagegen, die Ausschussmehrheit wolle nur eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fehlverhalten der Bundesregierungen und der Geheimdienste verhindern.“ Aber nicht doch. Die hielten sich ganz strikt an die Staatsräson, wie sie seit 1949 galt.

Um die Verwirrung perfekt zu machen, wurde die Verschleierung der Enthüllungen dieses Ausschusses mit den Summen der DDR begründet, die zu interessanten Zwecken in die Bundesrepublik zurückflossen: „Was in verschiedenen Zeitungen unter »Geheimbericht Köppe« laufe, sei keineswegs geheim. Das sei vielmehr die Mehrheitsmeinung des Ausschusses »Kommerzielle Koordinierung« im Bundestag. Darauf machte gestern in Bonn Andreas von Bülow, der SPD-Sprecher in diesem Gremium aufmerksam. Natürlich habe der Verfassungsschutz gewusst, wie die Gelder aus der DDR in den Westen geflossen sind. Er habe auch gewusst, wie die DKP finanziert wurde. Damals hätten eben die beiden Blöcke bestanden. Alle Bundesregierungen hätten das getan, was notwendig ist. Da sei es eben auch um menschliche Erleichterungen [offenbar für die DKP] gegangen. Diesen Regierungen jetzt vorzuwerfen, sie hätten das DDR-Regime verlängert, sei falsch.“ So falsch wird das schon nicht gewesen sein. Zu dem Ergebnis kamen sowohl der britische Historiker Norman Stone als auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Verbummeln Sie Ihre Zeit nicht mit dem Lesen unabhängiger Zeitungen – lesen Sie lieber einmal Außer Dienst. Im Unterschied zu Stone hatte Schmidt aber praktischen Einfluss auf die lebensverlängernden Maßnahmen für die DDR. Sicher sind von diesen Milliarden auch ein paar Millionen in die BRD zurückgeflossen. Darauf bezog sich Ingrid Köppes Kritik aber gar nicht. Sie vermerkte 1994: „Wir haben jetzt schon 500 Geheimakten, in der Regel wird alles als geheim eingestuft, was den Westen betrifft und ihm unangenehm ist.“

Nach dem GAU von 1989 witzelte dann ein Journalist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Und als die DDR finanziell und wirtschaftlich in Not geriet, suchte (und fand) sie Hilfe nicht bei den Klassenbrüdern im Osten, sondern bei den Stammesbrüdern im Westen.“ Immer einen flotten Spruch bei der Hand. Ich kann mich noch sehr lebhaft daran erinnern, wie meine Eltern getobt haben, als in den achtziger Jahren der neueste Geldsegen aus dem Westen auf die Ost-Berliner Führung herniederging: „Jetzt geben die denen auch noch Kredite!“ Ich kann heute nur noch darüber spekulieren, was deren Eltern gesagt hätten, wäre in den fünfziger Jahren bekannt geworden, dass zu der Zeit schon westdeutsches Geld an die Machthaber in Ost-Berlin geflossen ist. Sie wären darüber vermutlich ebenfalls schon nicht amüsiert gewesen.

Als in den fünfziger Jahren die offene Unterstützung für die DDR noch nicht so recht zum Kalten Krieg passen wollte, waren es also Einrichtungen der Kirchen, die die wirtschaftlichen und finanziellen Hilfsleistungen für den deutschen Staat der Arbeiter und Bauern abwickelten, um die Embargomaßnahmen der Amerikaner abzumildern, die immer alles zu ernsthaft betreiben. Dabei kam den beiden Kirchen zugute, dass ihre Aktivitäten keiner Kontrolle durch demokratische Gremien unterlagen. Prof. Heinrich August Winkler wird schon Recht gehabt haben, als er nebulös orakelte: „Und vielleicht stand auch Luther Pate bei den Bemühungen, die Erfahrung von Schuld auf die Ebene einer säkularisierten Geschichtstheologie zu heben.“ Und denken Sie mir nur nicht, ich hätte das etwa aus dem Kontext gerissen. Die Zeilen zuvor lauten: „Zu akzeptieren, dass die Teilung Deutschlands in letzter Instanz selbstverschuldet war und insoweit in der »Logik der Geschichte« lag, hieß für mich, dieser Geschichte einen Sinn abgewinnen und das Leben mit ihr zu erleichtern. Aber woher wusste ich, der ich 1986 die »Logik der Geschichte« beschwor, dass sie die unbegrenzte Fortdauer der Teilung verlangte? Und wenn auch meine ostdeutschen Freunde, die alle zu den Gegnern des Regimes gehörten, ebenso dachten wie ich: War es nicht unendlich viel leichter, vom Westen aus die Teilung Deutschlands historisch zu »erklären«, als dort, wo man auf eine ganz andere, nämlich existenzielle Weise unter den Folgen der Teilung litt? Nietzsches Diktum, wir Deutschen wären Hegelianer, auch wenn es nie einen Hegel gegeben hätte, hat wohl einen richtigen Kern. Jedenfalls gibt es bei deutschen Intellektuellen eine ausgeprägte Neigung, frei nach Hegel das Wirkliche als vernünftig zu begreifen. Und vielleicht stand auch Luther Pate . . . “ Theologie von und für Lieschen Müller.

1958

Der bekennende Christ wechselt wieder einmal die Partei

Gustav Heinemann, der die FDP und die CDU mitbegründet hatte, und inzwischen immer mal mit dem Genossen Heinz Renner von der KPD-Führung eine Runde Skat gespielt hat, wechselte nach ein paar Jahren mit seiner pazifistischen Gesamtdeutschen Volkspartei zur SPD. Dort kam er dann auf Anhieb ganz oben an, was niemanden verwundert, denn er kam ja aus der antifaschistischen Bekennenden Kirche. Einer von Gehlens Nazispitzeln, der die Welt wie so viele andere auch nicht verstanden hatte, notierte für seine guten Auftraggeber: „Heinemanns Bedeutung unter den Genossen der SPD ist gering. Nur hin und wieder hat er Gelegenheit, seine ätzende Polemik gegen seine früheren Freunde einzusetzen.“

Erich Schmidt-Eenboom, der ganz bestimmt mehr weiß, als er seinem Publikum darbietet, kommentierte das so: „Von intimer Kenntnis der Verhältnisse in der SPD zeugt die Wertung nicht, denn obwohl erst seit Mai 1957 Sozialdemokrat wurde Heinemann 1958 in den Parteivorstand gewählt und erhielt dabei 20 Stimmen mehr als der Kronprinz Willy Brandt.“

Kronprinz war Brandt durch die Wählerinnen und Wähler in Berlin-West geworden. Vom Stellenwert, den er bei den Eingeweihten hatte, zeugt die Anzahl der Stimmen für ihn. Genießen Sie die Einschätzung, die Franz Strauß, der auch in Ost-Berlin fälschlich für einen kalten Krieger gehalten wurde, über den Träumer abgab: „Willy Brandt hat politisch und persönlich einen Kreisbogen zurückgelegt. Der glühende Linkssozialist der dreißiger Jahre trat in mein Gesichtfeld als ein Befürworter der Aufrüstung, als ein Mann von der rechten Seite des SPD-Spektrums, als der junge Mann Ernst Reuters. Als die Sowjets einen West-Berliner festgenommen und verschleppt hatten, hielt er im Bundestag eine bemerkenswerte, uns alle bewegende Rede. Brandt galt damals als ein Sozialdemokrat, der abgesehen von seiner persönlichen Lebensführung, genausogut hätte bei der CDU sein können. Noch lange Zeit, auch als Regierender Bürgermeister von Berlin, war er ein »kalter Krieger«. Seine Wandlung erfolgte nach dem Bau der Mauer, in den Jahren 1961/62. Willy Brandt hatte natürlich eine bestimmte Ausstrahlung und übte auf viele Menschen große Faszination aus. Er war der Mann der Visionen und Utopien, der Prophet, der Seher, der den Eindruck zu erwecken wusste, daß er die Ufer der Zukunft erblickte. Davon war sein Auftreten in der Mitte der sechziger Jahre geprägt. Auch als Außenminister hat er dann in solche Richtung gewirkt, wobei er ursprünglich sich gar nicht zugetraut hatte, Außenminister der Großen Koalition zu werden.“ Während Willy Brandt die Ufer der Zukunft sah, spielte Franz Josef Strauß erfolgreich auf Zeit. Was die Visionen und Utopien anging, so schickte Helmut Schmidt aus der SPD-Spitze Leute, die Visionen hatten, zum Arzt. Mit Visionen wurde man weder ein Freund des kühlen Hanseaten noch ein Freund des bayerischen Volksschauspielers.

Nun war Brandt aber 1958 auch gar nicht zum ersten Mal für den Sitz im Parteivorstand der SPD angetreten. Diesen Hinweis fand ich dann erst bei Klaus Harpprecht: „Zweimal scheiterte sein Anlauf, einen Sitz im Vorstand der SPD zu gewinnen. Er wurde noch abgeschmettert, als es in Berlin keinen Zweifel mehr gab, dass er Ernst Reuters Erbe übernehmen würde, und die Ahnungsvollen in ihm längst den kommenden Mann der deutschen Sozialdemokratie sahen.“ Genau dieses Übel galt es rechtzeitig zu verhindern. Schön ist aber, dass Gustav Heinemann, der Überläufer und jetzt frischgebackene Genosse, für seine Wahl in den Parteivorstand auf Anhieb zwanzig Stimmen mehr bekam als der Kronprinz Willy Brandt.

1961

Unterdessen taten auch die Kirchen, was sie konnten, um den Bundesbürger der Neuzeit zu kreieren: „Im Tübinger Memorandum von 1961 hatten acht evangelische [...] Persönlichkeiten ihre grundsätzlichen Bedenken gegenüber dem Hang der politischen Parteien zum Ausdruck gebracht, fiktive Positionen aufzubauen, sich mit taktischen Erfolgen zu begnügen und die wahre Lage nicht offen auszusprechen und zu behandeln. Auf dem speziellen Gebiet der Ost- und Deutschlandpolitik sprachen die Verfasser davon, es ginge zwar um die Sicherheit der Freiheit Westberlins und um das Recht der Deutschen in der DDR zur Selbstbestimmung; es sei aber ein bedenklicher Weg, diese verständlichen und respektierten Forderungen mit dem heute nicht durchsetzbaren nationalen Anliegen der Wiedervereinigung zu verknüpfen. [...] Sie bezeichneten es als das wichtigste Ziel, der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen, die doch so vielen Politikern bekannt sei, die diese aber aus taktischen Rücksichten zu sehr verschleierten. […] Das Dokument mündet jedenfalls in der Forderung, die deutsche Öffentlichkeit darauf vorzubereiten, dass man einer Regelung der Oder-Neiße-Frage im Zuge eines wirklichen Dialogs und Ausgleichs mit dem polnischen Nachbarn bald nicht mehr werde ausweichen können und dürfen.“ Damit Kanzler Adenauers Konzept aufging, war es jedoch notwendig, dass vor der Oder-Neiße-Grenze erst noch die DDR anerkannt wurde. Damit sie jedoch nicht nur von den repräsentativen Demokraten in der schönen Stadt Bonn am Rhein sondern auch von den Bürgerinnen und Bürgern in Hintertupfingen anerkannt wurde, war jetzt noch sehr viel Propaganda nötig.

1962

Manfred Stolpe – eine deutsche Karriere 

Manfred Stolpe – eine deutsche Karriere

Sicher haben Sie längst den Eindruck gewonnen, dass Geschichte deutlich spannender ist, als man landläufig annimmt. Und dass einen das was angeht, was „die“ da oben machen. Aber jetzt sind wir mitten in der Geschichtsaufarbeitung“ nach der jüngsten Wende. Haben wir uns nicht alle die Frage gestellt, warum jeder Siebzehnjährige, der eine Verpflichtungserklärung für dieses Ministerium für Staatssicherheit unterschrieben hatte – und der war noch nicht einmal richtig strafmündig – für die von ihm geleistete Unterschrift jahrelang an den Pranger gestellt wurde, während Manfred Stolpe immer noch eine Stufe höher fiel? Wer ist dieser Mann? Er wurde auf jeden Fall am 16. Mai 1936 in Stettin geboren. Er ist also neun Jahre jünger als Hans-Dietrich Genscher und sechs Jahre jünger als Helmut Kohl. 1955 hat er in Greifswald das Abitur abgelegt. Bis 1959 hat er in Jena an der Saale Jura studiert und mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Die Stadt Jena in Thüringen ist sehr schön, da habe ich später unter Gorbatschow auch studiert. Unser Lieblingslied dort war Die Gedanken sind frei. Den Text hatten wir allerdings nicht von den Flugblättern, die gegen 1780 herumgingen. Diesen Text kannten wir auswendig. Da Jena sehr traditionsbewusst ist, hat sicher auch schon Manfred Stolpe diese Zeilen gesungen, die in ihrem Wunsch nach Freiheit an Aktualität in den inzwischen vergangenen Jahren leider nichts eingebüßt hatten. Sonst hätten wir etwas Aktuelleres gesungen. Nina Hagen vielleicht. Bis 1961 war der junge Stolpe Gaststudent an der Freien Universität in West-Berlin und 1959 bis 1969 war er bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg tätig. Im Jahre des Herrn 1962 wurde er dann der Leiter der Geschäftsstelle der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der Deutschen Demokratischen Republik. Sein Motto war für einen Christen dann doch überraschend militärisch: „Bei mir gilt Pflichterfüllung bis zur letzten Patrone.“

Schon seit Jahren waren die Kirchen damit beschäftigt, sich in eine Ostkirche und in eine Westkirche zu zerlegen. Das war nicht ganz einfach, weil es eine ganze Weile gedauert hat, bis die Bischöfe ihre widerspenstigen Brüder, wie Otto Dibelius, aussortiert hatten. Nicht alle Bischöfe sahen in der Zerlegung des Landes die beste Lösung für alle. Es sollte jedoch nicht gemacht werden wie mit Hitler: Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat. Als dieser Prozess endlich abgeschlossen war, konnten die Antifa-Bischöfe endlich zur Tat schreiten. „Eine erste Station auf diesem Weg war die Bildung einer eigenen Dienststelle unter der Leitung Manfred Stolpes im Jahr 1962.“

Hätte man die Teilung aber auch nicht so unmotiviert von Nord nach Süd gezogen, sondern hätte einfach die Weißwurschtgrenze bis zur Oder verlängert, hätte sicher niemand etwas dagegen gehabt. Weder in München noch in Hamburg. Streng genommen hätte es dann gar keiner bemerkt. Man hätte die Alliierten einfach über die ethnischen Eigenheiten des besetzten Landes informieren müssen und hätte sich so den ganzen Aufwand mit dem Kalten Krieg erspart.

Kirchenpolitisch wie theologisch spielten dabei die »linken« Bruderschaften in West und Ost eine tragende Rolle. Mit Hilfe einer einseitigen Aneignung der theologischen Einsichten des Schweizer Theologieprofessors Karl Barth und einer eigenwilligen, zum Teil marxistischen Interpretation der Theologie Dietrich Bonhoeffers entwickelten sie eine theologisch qualifizierte Standortdefinition der »Kirche im Sozialismus«. Im Jahr 1969 wurde schließlich der Kirchenbund in der DDR als eigenständige Größe und theologisch bestimmter Neuanfang gegründet. Man war bereit, in »vertraulichen Gesprächen« die Staatsfunktionäre über personalpolitische Entscheidungen eingehend zu informieren. Das, wogegen sich die Kirchen so lange gewehrt hatten, die Bildung einer »Staatskirche«, war Wirklichkeit geworden.“

Das klingt natürlich gruselig wie alles im Osten. Aber hier wird so ein kleines bisschen nicht gesagt, dass die deutsche Nachkriegselite in beiden Teilen Deutschlands zur Begründung der dauerhaften Teilung eine verweltlichte Geschichtstheologie aus dem Boden gestampft hatte, wie der Historiker Prof. Dr. Heinrich August Winkler nach 1990 schrieb. Lassen Sie sich diese süffisante Formulierung sehr genussreich auf der Zunge zergehen: „Und vielleicht stand auch Luther Pate bei den Bemühungen, die Erfahrung von Schuld auf die Ebene einer säkularisierten Geschichtstheologie zu heben.“ Wir sind schon ein Volk. Auf welchem Wort Sie diesen Satz auch immer gerne betonen würden. Neben dem Genossen Erich Honecker vertrat auch ich die irrige Auffassung, dass Er in der DDR der Chef gewesen sei. In die Kirche ging ich damals, damit bei den nächsten Wahlen Gorbatschow der Chef wird. Wie hätte ich damals darauf kommen sollen, dass ich nun gerade in der Kirche im Haus des Chefs zu Gast war. Das war wirklich grazil formuliert – man hat die Erfahrung von Schuld auf die Ebene einer säkularisierten Geschichtstheologie gehoben.

Und wie bekam die Kirche dabei intellektuell die Kurve? „Wie intensiv viele theologische Repräsentanten des DDR-Kirchenbundes am Gemeinwohlglauben festgehalten haben, zeigt sich vor allem an ihrem Menschenrechtsverständnis. Die Grundrechte des Individuums wurden zugunsten einer kollektiven Menschenrechtsauffassung relativiert. Die Sowjetverfassung von 1918 »entwickelte und garantierte die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft und die Entfaltung der Freiheit durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und brachte so den Zusammenhang von politischen und sozialen Rechten«, hat Manfred Stolpe noch 1980 bestätigt. Er hat auch behauptet, die DDR habe die völkerrechtliche Verpflichtung, die »universalen Menschenrechte« zu verwirklichen, in ihrer innerstaatlichen Rechtsordnung erfüllt. Im Interesse der bestehenden Ordnung hat der damalige Kirchenjurist auch die Einschränkung der Informations- und Pressefreiheit gerechtfertigt und die Beschneidung des Rechtes auf Freizügigkeit für menschenrechtskonform erklärt. »Die Ausreise in kapitalistische Länder ist auf gesetzlicher Grundlage genehmigungspflichtig. [...]

Eine generelle Ausreisegenehmigung für alle Bürger ist zur Zeit nicht möglich. Sie würde sofort einen subjektiven Abwerbungsmechanismus auslösen, dem infolge von Wohlstandsverblendung doch eine größere Zahl von Menschen erliegen könnte«, hatte Stolpe seinerzeit gesagt. […] Das Gefühl, im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen zu haben, habe darüber hinaus die Bereitschaft vieler Theologen verstärkt, auf die Kommunisten zuzugehen und den Aufbau eines sozialistischen deutschen Staates als unumgängliche Folge der »deutschen Katastrophe« von 1945 zu unterstützen. Viele der prägenden Theologen des Kirchenbundes kamen aus der Bekennenden Kirche, einige hatten zunächst den Nationalsozialismus unterstützt und als Offiziere oder Militärgeistliche der Wehrmacht angehört.“ Ja, die Wehrmacht. Da waren ja einige Leute aus dem Widerstand drin. Wer die Namen der bekannten Akteure vergessen hat, müsste sie im ersten Band meiner Intimfeinde nachschlagen, oder eben in vernünftiger Literatur.

Nun konnte eigentlich der Dialog der Bischöfe mit den Arbeitern und Bauern beginnen. Zu diesem Behufe erhielt Manfred Stolpe 1962 von ihnen ein Mandat „für eine Gesamtzuständigkeit für Verhandlungen mit dem Staat und den Parteien“. Die Führer der Partei der Arbeiterklasse suchten allerdings ihrerseits nicht den revolutionären Schulterschluss mit den Bischöfen. Streng genommen suchten sie ja noch nicht einmal das Gespräch, weil sie besonders seit den dreißiger Jahren ein sehr negatives Bild von der Kirche im Kopf hatten. Deshalb behalf sich die neue deutsche Elite, indem sie „bewusst und gewollt“ Kontakte mit den Freunden und Genossen im Hauptquartier der SED über die ganz besonders heimliche Staatssicherheit aufbaute, was ihr ja auch gelang.

Einer der Kontaktmänner war der vorbildlichste Antifaschist der DDR, Manfred Stolpe, der von 1963 bis 1989 ununterbrochen Kontakte mit dem Staatssicherheitsdienst unterhalten hat“. Er kommentierte seinen Beitrag zum Aufbau eines zweiten deutschen Staates so: „Meine Aufgabe als Kirchenjurist war es [...], die Interessen der evangelischen Kirchen gegenüber dem Staat wahrzunehmen.“ Gut, und auf welche Art? „»Die Methoden waren weithin mir überlassen. Erfolge waren aber nur möglich, wenn ich mit Mächtigen in allen Bereichen sprach – also auch mit der Staatssicherheit.« Rund 1000 Gespräche habe er zwischen 1959 und Herbst 1989 mit Vertretern von Staat, Partei und auch der Stasi geführt.“ Es ist ganz sicher eine zutreffende Formulierung, wenn es nach dem Scheitern der ultimativen Teilung hieß, Herr Stolpe hätte „das totalitäre System der SED-Diktatur mehr stabilisiert als mancher Altfunktionär“. Zumal er ja im Unterschied zu den Altfunktionären auch recht attraktiv war. In dem erwähnten Interview aus dem Jahr 1990 fragten Reinhold Andert und Wolfgang Herzberg den inzwischen aus der SED hinausgeschossenen früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR: „Noch eine andere Frage: Welche Bedeutung hat für Sie im Nachhinein die Kirche der DDR? War sie in Ihren Augen doch mehr progressiv oder hat sie den Weg für die »Konterrevolution« bereitet?“ Darauf antwortete der verehrte Gefragte: „Unser Verhältnis zur Kirche. Ich möchte sagen, dazu gehörten selbstverständlich immer zwei. Unsererseits haben wir in der Vergangenheit von 40 Jahren verschiedene Dummheiten gemacht, von der anderen Seite kann man das gleiche nicht abstreiten. Aber wir waren mit den Ergebnissen vom 6. März 1978 doch zu einer Grundlage des Zusammenwirkens von Kirche, Staat und Gesellschaft gekommen, die gute Ansatzpunkte enthielt für die gesamte weitere Entwicklung.“ Und er setzte fort: „Es gab gute Seiten in der Entwicklung von Kirche und Staat und auch negative Seiten. Die negativen Seiten waren zumeist stark geprägt durch sektiererische Elemente, die in unserer Gesellschaft und auch teilweise in der Partei vorhanden waren.“ Vielleicht hätte es eher heißen sollen, in der Partei und teilweise in der Gesellschaft.

Und wie war das sonst mit der Kirche? „Wir waren glücklicherweise in einem Land, in dem die Kirche frei ihrer Tätigkeit entsprechend ihrem Auftrag nachgehen konnte. Das diakonische Werk der evangelischen Kirche als auch der katholischen Kirche genoss stets die Unterstützung des Staates. [...] Dass die Kirchen später Zufluchtsstätten wurden von jenen, die mit der Kirche überhaupt nicht verbunden waren, ist schon eine andere Sache. Durch ein direktes Verhältnis zur Kirche und auf der anderen Seite zur Nationalen Front hätte man zu einer guten Einbeziehung der einzelnen Initiativgruppen kommen können. Und zwar nicht nur in Versammlungen, sondern auch bei den Wahlen. Das alles wurde ungenügend durchdacht. [...] Ich war immer – das möchte ich hier betonen – für die Herstellung eines guten Verhältnisses zur Kirche unter dem Gesichtspunkt: Gebt der Kirche, was der Kirche gehört, und dem Staat, was dem Staat gehört.“ Dass der Staat der Kirche nun etwas gegeben hätte, ist wohl eher ein Gerücht. Wie hieß es doch gleich in den Deutsch-deutschen Erinnerungen von Schalck-Golodkowski: „Noch vor der Gründung von KoKo waren die sogenannten Kirchengeschäfte eines der Geschäftsfelder des Ministeriums, die außerhalb des Volkswirtschaftsplans lagen. Sie nahmen historisch ihren Anfang in den Bemühungen der evangelischen und der katholischen Kirche in der Bundesrepublik, ihre Schwesterkirchen in der DDR zu unterstützen. Die beiden großen Kirchen wurden bei uns staatlicherseits toleriert und wegen ihrer sozialen Leistungen durchaus geschätzt, aber nicht finanziell gefördert.“ Und anders noch viel weniger. Ich erinnere mich gut an den schwarzen Wagen vor unserem Jenaer Gemeindehaus.

Die Wertschätzung für die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik der beiden großen christlichen Kirchen war berechtigt. Ich konnte mich in den achtziger Jahren in einem Heim für komplex behinderte Kinder in Thüringen davon überzeugen, wie liebevoll man in einer evangelischen Einrichtung mit diesen Menschen umgegangen ist. Und dort kamen auch nicht nur die stabilen Stühle aus der Bundesrepublik. Über einen, der früher nie etwas von den Ossis wissen wollte und der nach meinem Ermessen jetzt das U-Boot der hiesigen Staatslenker bei der PDS sein dürfte, ließ der Spiegel sein geschätztes Publikum später wissen: Oskar „Lafontaine fügte zur Beruhigung seiner Partner hinzu: Auch die Kontakte führender SPD-Politiker zur evangelischen Kirche bedeuteten nicht, dass die SED nicht weiterhin den Vorzug genieße – jede andere Vorstellung sei »völlig absurd«.“ Das war natürlich schön, war doch die SED die staatstragende Partei in „Unserer“ DDR. Wie kam ich nur auf das U-Boot der Eingeweihten? Ganz einfach. Lafontaines Theaterabgang aus der SPD, ein paar Jahre Theaterpause und sein späterer erneuter Einzug in die demokratische Arena über die PDS erinnern doch zu arg an die Biographie Gustav Heinemanns.

Während es mit der DDR unter der Führung des Genossen Honecker in den siebziger Jahren peu à peu bergab ging, ging es mit der Karriere Manfred Stolpes Zug um Zug bergauf. 1969 wurde er der Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik. Im Jahr 1976 wurde er in die Menschenrechtskommission des Weltkirchenrates berufen und ab 1982 war er Unser Konsistorialpräsident der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, und als solcher auch Mitglied der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, und gleichzeitig war er von 1982 bis 1989 einer der beiden stellvertretenden Vorsitzenden des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Weil Erich Mielke gedacht hat, Herr Stolpe spioniere für ihn die Evangelische Kirche aus, überreichte ihm Klaus Roßberg, der seinerseits glaubte, er sei Stolpes Führungsoffizier gewesen, eine Bibel, die der Genosse Minister Mielke persönlich unterschrieben hatte. „Solche Geschenke hätten dazu gedient, die Bindungen zu festigen.“ Ja, aber das wäre doch nicht nötig gewesen. Danke. Manfred Stolpe war freilich beileibe nicht der einzige Christ, der sich für seinen Herrgott gerne auch mit den Kommunisten eingelassen hat. „1987 haben insgesamt 223 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) für die für Kirchen zuständige Hauptabteilung XX/4 gearbeitet.“

Und wie ist dieses nebenberufliche Engagement zu bewerten? Das ist gar nicht ganz so einfach: „Schwierig zu beurteilen sei allerdings jene kleine Gruppe kirchlicher Mitarbeiter, die von ihrer Kirche mehr oder weniger präzise beauftragt gewesen seien, mit dem Staat Gespräche zu führen, und zugleich als IM registriert gewesen seien.“

Im November 1989 verlieh ihm dann die Theologische Fakultät der Universität Greifswald die Ehrendoktorwürde. Nach dem Scheitern der deutschen Teilung stand dann in der Zeitung, Manfred Stolpe habe „eine herausgehobene und besondere Stellung im Verhältnis zwischen dem Staatsapparat und der Kirche gehabt, zwischen den evangelischen Bruderkirchen in Deutschland, sogar im politischen Geschäft der beiden Regierungen im geteilten Deutschland“. Das freut einen doch sehr. Es musste in diesem Zusammenhang gar nicht extra betont werden, dass Herr Stolpe „nicht der normale DDR-Bürger“ war, wenn er hin und wieder mal in politischer Mission in Bonn war. Der normale DDR-Bürger fuhr nicht in politischer Mission nach Bonn. Als nach den ersten freien Wahlen im März 1990 dann klar war, dass die Brandenburger mehrheitlich die SPD wählen, trat er im Juli 1990 in die SPD ein.

1990 war der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt auf einer Reise durchs Land. „Auf dem Weg nach Hause machte er in Potsdam Station. Hier fiel ihm ein, wie er im Spätsommer Manfred Stolpe begegnet war; in den achtziger Jahren hatte er ihn nur zwei- oder dreimal getroffen. Jetzt kam der einstige Kirchenmann auf ihn zu, fröhlich rufend: Hallo, Willy. Der zuckt zusammen und denkt: Wieso duzt der Dich? Es klickt, und geistesgegenwärtig fragt W. B. zurück: Wie kommst denn Du in die SPD? Die Antwort verblüfft noch einmal: Helmut Schmidt und Rau haben mich da reingebracht.“ Am 14. Oktober 1990 wurde Manfred Stolpe in den Landtag des Landes Brandenburg gewählt und am 1. November erfolgte die Wahl zum Ministerpräsidenten. Im Mai 1991 wurde er Mitglied im Vorstand der SPD und im gleichen Jahr bekam er den Carlo-Schmid-Preis verliehen, aber sicher nicht dafür, dass er es ein Jahr in der SPD ausgehalten hatte. Stolpe blieb für die nächsten hundert Jahre Ministerpräsident und wurde letztlich Bundesminister. Wäre dieser Kirchenmann bei einem anderen Wahlausgang in die CDU eingetreten, hätte das auch keinen Menschen in Erstaunen versetzt.

In der kommunistischen Presse ging man nach der Wende hart mit ihm ins Gericht. Hier ist ein Beitrag des Neuen Deutschland von Silvester 1994: „Test the Best … Manfred Stolpe (16. Mai 1936): Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Kastanie (15. – 24. Mai): selbstkritisch, begeisterungsfähig, diplomatisch, Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft, Familienmensch, verlässlich. Altersrentner Stolpe ist im derzeitigen Kabinett in vieler Hinsicht einzigartig.

Er hat im Kreis seiner Regierungskollegen die mit Abstand gepflegteste männliche Rundfunkstimme und kann auf die schönsten Titel verweisen: Er war Konsistorialassessor, Konsistorialpräsident, General-Superintendent, Konsistorialrat und sogar Oberkonsistorialrat. Was er da immer genau gemacht hat, vermag er nach einer derartig angefüllten Laufbahn natürlich nicht mehr im Detail zu sagen, es war aber immer wichtig. So ist es auch unerheblich, warum er es nicht auch noch zum Obergeneral-Superkonsistorialrat gebracht hat, denn selbst in dieser Position hätte er irgendwas Wichtiges gemacht, was er ja aber ohnehin getan hat. Heute erzählt der Familienmensch Stolpe gern von seiner Kindheit und seiner Jugend. Dass er bei diesen Gelegenheiten nicht mehr alle Einzelheiten parat hat, ist nicht verwunderlich: Kindheit und Jugend liegen schon so furchtbar lange zurück. Das Kastanienhafte an Stolpe ist für Außenstehende gar nicht so leicht zu verstehen: Was siegt denn nun beim Kampf zwischen Vernunft und Leidenschaft? Dazu Stolpe diplomatisch: »Das weiß ich jetzt gar nicht so genau . . « Beruflich hat der fotogene Senior mit so einem komplizierten System zu tun, wo es um sehr große Autos geht. »Aber wie das jetzt genau heißt, also ich wüsste gar nicht . . . «

Wie kam der Quereinsteiger Richard von Weizsäcker in die Politik? 1962 wurde er ein Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages und 1964 dessen Präsident. 1965 schlug ihn der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kohl als Kandidaten für einen Sitz im Bundestag vor. Herr von Weizsäcker lehnte diese Kandidatur jedoch mit der Begründung ab, ein politisches Mandat ließe sich nicht mit seiner Rolle als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages vereinbaren. Nichtsdestotrotz wurde derselbe Richard von Weizsäcker 1966 Mitglied des Bundesvorstandes der CDU. Obwohl das selbstverständlich auch ein politisches Mandat war, blieb er bis 1970 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Überzeugend ausgeprägt ist hierzulande also die Trennung von Kirche und Staat ebenfalls nicht. Wie hätte man sonst auch die historischen Lehren der Bekennenden Kirche in die tägliche politische Praxis übertragen können? Das war ja das erklärte Ziel – der Kirchen.

Welchen Beitrag konnten in dieser Zeit Kirchenleute zur Entwicklung des Neuen Menschen in der BRD leisten? Richard von Weizsäcker, der 1962 für sein verehrtes Publikum noch kein Politiker, sondern ein Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages war, forderte von der Politik: „Die Hallstein-Doktrin modifizieren! [...] Auf der einen Seite gelten wir gegenüber dem politischen Bewegungskrieg der Sowjets als die treuesten Hüter des Status quo in Europa.

Auf der anderen Seite sind wir die einzigen Mitglieder der westlichen Allianz, deren Hauptforderung auf seine Veränderung abzielt: Wir wollen die Wiedervereinigung unseres Landes. [In den Grenzen von 1937, weshalb sich Europa ja so vor den Deutschen gegruselt hat.]

Hier scheint ein innerer Widerspruch vorzuliegen. Bei näherer Betrachtung erweist sich allerdings der Mangel an Möglichkeiten, unsere Forderung zu verwirklichen, als so offensichtlich, dass sie kaum noch wie ein Angriff auf den Status quo empfunden wird.“

Nein, Sie täuschen sich. Das beißt sich kein bisschen. Wir gelten als die treuesten Hüter des Status quo in Europa. Die Forderung nach einer Wiedervereinigung unseres Landes wird kaum noch wie ein Angriff auf den Status quo empfunden. Aber ein wenig schon. Und dann erklärte der Maestro, wie schön diese DDR werden musste, damit man sie jetzt anerkennen konnte: „Was wir nicht anerkennen können, ist Walter Ulbricht mit seinem Regime. Was wir aber anerkennen müssen, ist die Existenz zweier Teile Deutschlands, die – wie wir zuversichtlich glauben, jede Möglichkeit zur Vereinigung wahrnehmen werden, heute aber selbstständig nebeneinander bestehen.“ Das Nebeneinander kam zuvor schon aus der FDP. Wiedersehen macht Freude. Am besten wird es sein, wenn man da stärker differenziert. Vor allem bei Doktrinen.

Wir müssen also stärker differenzieren. Wir wenden ja die Hallstein-Doktrin auch Moskau gegenüber nicht an – warum also gegenüber den anderen Ostblockstaaten, die doch keine eigene Außenpolitik treiben können?“ Die armen Staaten. Jetzt muss nur noch geklärt werden, dass die neue Grenze mit Polen anerkannt werden muss ohne damit gleich einen Friedensvertrag zu riskieren, nach dem man womöglich für den Krieg bezahlen müsste. „Auch wir dürfen nicht verkennen, dass unsere Verweisung der Grenzfrage an eine Friedenskonferenz nicht die notwendige Absicht auf Befriedung der deutsch-polnischen Beziehungen erkennen lässt. [...] Dennoch werden wir substanzielle Opfer in großem Ausmaß in Aussicht stellen müssen. Es werden Opfer sein, die nach der einen Seite einen endgültigen Verlust bringen, die uns andererseits auf lange Sicht der Lösung unserer Hauptfrage näherbringen werden als der Zustand nicht vorhandener Beziehungen zu Polen.“ Es ist schade, dass der Edle nicht aufschrieb, wie man sich in den klügeren deutschen Kreisen die Lösung der Hauptfrage vorstellte und worin die Hauptfrage für unser Land eigentlich präzise bestand. 

1963

Der Häftlingsfreikauf läuft an

Kam es, wie es kommen musste? Professor Albert Norden gab den Ton an und die anderen machten letztlich die Musik? „In der DDR werden avantgardistische Künstler unterdrückt und Schriftsteller, die dem Regime kritisch gegenüberstehen, vom Büchermarkt verbannt. Selbst Parteimitglieder haben den Zorn Ulbrichts zu fürchten, wie etwa Christa Wolf, Verfasserin des Bestsellers Geteilter Himmel, die im April 1967 aus dem Zentralkomitee der Partei entfernt wurde, weil sie es gewagt hatte, öffentlich gegen ideologische Beschränkungen aufzutreten. Die kulturelle Atmosphäre der DDR wird vom politischen Dünkel beherrscht. Daran ändert auch die wirtschaftliche Prosperität nichts.“ Dabei ging es um die wirtschaftlich guten Jahre unter Walter Ulbricht. Die aber änderten leider tatsächlich nichts an den Mechanismen der politischen Monotonie.

Wer die Schönheit unseres Sozialismus nicht von sich aus sah, wurde in ermüdenden Gesprächen zum Sehen überredet. Wer diese Schönheit trotzdem noch nicht wahrnahm, wurde dann in eine Zelle eingesperrt, wo er über sein Vergehen nachdenken konnte. 1963 oder nach Vogel seit 1964 half einigen von ihnen ein Bus in die Bundesrepublik. „Nach zähen Verhandlungen entließ die DDR im Sommer 1963 die ersten acht Gefangenen über den Bahnhof Friedrichstraße in den Westen. Das »Ticket« für die Acht kostete 340 000 DM und wurde in bar bezahlt. Ein Jahr später waren es schon 888 Gefangene. Insgesamt erlangten rund 33 000 Häftlinge gegen die Zahlung von etwa 3,4 Milliarden DM an die DDR ihre Freiheit, dazu kamen über 250 000 Ausreisen, oft Familienzusammenführungen, für die Bonn ebenfalls Gebühren bezahlte – zynisch gesprochen eine frühe Form für den Aufbau Ost.

Doch zynisch war vor allem das Geschäft, oder wie es der erste Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, Günter Gaus, im Film ausdrückt: »Das war Politik pur und wenig Weltanschauung.« Was als humanitäre Aktion begann, entwickelte sich mit den Jahren zu einem einträglichen Devisengeschäft für die DDR. Sie erhöhte 1977 die »Kopfprämie« für jeden Häftling von 40 000 DM auf 95 847 DM.

Sie missachtete die Bonner Vorgaben, die den Geldtransfer durch Warenlieferungen für die DDR-Bürger ersetzt hatte. Denn die Waren – Erdöl, Metalle, Industriediamanten, Südfrüchte und andere Erzeugnisse – kamen nie in der DDR an, sondern wurden gleich vom Ursprungsort weg für Devisen auf den Weltmärkten weiterverkauft: ein Verstoß gegen die Bestimmungen des innerdeutschen Handels, an dem die involvierten »Vertrauensfirmen« aus dem Westen keinen Anstoß nahmen, denn sie verdienten mit ihrer Lieferung ganz gut. Auch für die Kirche im Westen war der Devisenhandel vorteilhaft, konnten damit doch die klammen Gemeinden in der DDR finanziert werden.

Die politisch Verantwortlichen in Bonn drückten bei all diesen Geschäften mehr als ein Auge zu, um das »gute Verhandlungsklima« mit der DDR-Staatsführung nicht zu gefährden. Verhandlungsführer wie Ludwig Rehlinger wollen erst nach der Wende von den Praktiken erfahren haben. Dabei ermittelte bereits 1977 das Zollfahndungsamt Düsseldorf gegen Firmen wegen des Verdachts, die Handelsbestimmungen zu unterlaufen. 1982 wurde Ministerialdirektor Edgar Hirt verurteilt, weil unter seiner Regie sechs Millionen DM aus dem Etat des Innerdeutschen Ministeriums in dunklen Kanälen verschwunden waren. Unbestritten war der Freikauf für die meisten Betroffenen ein Gewinn, die einzige Hoffnung, den meist menschenunwürdigen Haftbedingungen in der DDR zu entkommen. Zur Historie gehört aber auch eine kritische Betrachtung der Geschichte, die für die Autoren des 1993 erschienen Reports »Freikaufgewinnler« die Geschichte »einer grenzenlosen politischen Erpressung« ist.“ Es hat sich ganz bestimmt nicht um eine Erpressung gehandelt, auch nicht um eine grenzenlose politische, wenn Bonn die Ulbricht-Regierung ein Jahr lang oder nach Wolfgang Vogel sogar zwei Jahre lang gedrängt hat, endlich auf diesen Kuhhandel einzugehen. Sehe ich das richtig?

Verwirrung um die Freikauf-Milliarden: Wieviel hat Bonn wirklich gezahlt? Rudi Walther, langjähriger Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Deutschen Bundestag, war »natürlich erschrocken«. [...] Walthers Reaktion war verständlich. Denn der Häftlingsfreikauf unter der Chiffre »Kirchengeschäft B« galt als geheimes Kommandounternehmen – mehr als globale Kenntnisse auf diesem Gebiet hat auch Walther nicht. Beraten und – pauschal – gebilligt wurden die Ausgaben für »besondere Bemühungen« damals von dem zu strikter Verschwiegenheit verpflichteten und stets in abhörsicheren Räumen tagenden Bonner »8er-Ausschuss«; der bestand aus drei Mitgliedern des Haushaltsausschusses und fünf Abgeordneten des Innerdeutschen Ausschusses. Walther: »Wir haben das dann immer akzeptiert und auch nie versucht, die auszuquetschen.« Weniger irritiert als Haushaltsexperte Walther zeigte sich Ludwig Rehlinger, der das Häftlingsgeschäft von Beginn an kennt. Nach dem Mauerbau hatte er als Büroleiter des Gesamtdeutschen Ministers Rainer Barzel (CDU) 1963 das erste einschlägige Unternehmen abgewickelt – hochkonspirativ in Ost-Berlin, mit 100 000 Mark im Aktenkoffer.“ Geld rein. Meckerlieschen raus.

Die Staatsanwaltschaft vermutet, die mit den Freikäufen verbundenen angeblichen »Warengeschäfte« westdeutscher Firmen mit der KoKo Alexander Schalck-Golodkowskis hätten der DDR »zur illegalen Devisenbeschaffung verholfen«.

Dies verstieße gegen das bis 1990 fortwirkende Militärregierungsgesetz (MRG) 53 und müsste strafrechtlich verfolgt werden.“ Aus dem Häftlingsfreikauf habe Unsere DDR genau 3,43 Milliarden DM bezogen. Kirchen- und Steuergelder hätten weitere 4,8 Milliarden DM erbracht. Es war auch eine nette Geste, dass Vertrauensfirmen des Diakonischen Werkes der EKD „unserer DDR“ zu Devisen in Bargeld verhalfen. Die Partner Alexander Schalck-Golodkowskis in der B.R.D. hätten mit ihm einen „gemeinsamen Tatplan“ verfolgt. Wie man darauf nur kam?

In den neunziger Jahren versuchten dann einige renitente Leute, Licht in den innerdeutschen Dschungel zu bringen. Dass sie scheiterten, lag nicht allein an den unabhängigen Medien. Dr. Helmut „Kohl weiß, dass sich Nachforschungen nicht auf Wehner beschränken lassen. Es würde ans Tageslicht kommen, wie weit sich CDU-Politiker wie Lothar Späth oder Walther Leisler-Kiep oder auch Richard von Weizsäcker mit der SED-Seite eingelassen und wie viele Interna sie aus der Bonner Politik erzählt haben.“ So orakelte Der Spiegel und er klärte seine Leserinnen und Leser freimütig auf: „Eine große Koalition, um unkontrollierte Enthüllungen aus den frühen Jahren der beiden nunmehr vereinten deutschen Staaten zu verhindern – das hat die Witwe Willy Brandts bewirkt.“ So weit der alles und nichts sagende Kommentar des völlig ahnungslosen Drei-Groschen-Heftchens aus Hamburg. Ich gebe jedoch zu, dass große Koalition besser klingt als Verschwörung.

Eine unkonventionelle und nichtsdestotrotz einleuchtende Erklärung für die zunehmende Unzufriedenheit vieler Bürgerinnen und Bürger der DDR fand ich nun ausgerechnet bei der langjährigen Ministerin für Volksbildung, Margot Honecker. Sie war die zweite Ehefrau des langjährigen Landesvaters: „Das Bildungsniveau ist bei uns höher als in vielen anderen Ländern – von den USA gar nicht zu reden. Da ist ein ganz niedriges Bildungsniveau, nur einige Privilegierte haben ein hohes. Diese Tatsache erforderte gerade, darüber nachzudenken, wie man bestimmte Bedürfnisse auf geistigem Gebiet besser befriedigt. Das hatte noch nicht gegriffen. Ich glaube, dass das eine Ursache für verschiedene Konflikte war, die sich abgezeichnet haben.“ Diese Frau hat eines der Probleme erstaunlich sauber erfasst – Wer einmal Spaß am Nachdenken gewonnen hat, kann sich das Denken dann gar nicht mehr abgewöhnen. Dieser Mensch will sein Leben dann selbst in seine Hände nehmen. Hören Sie sich das an: „Ich habe immer gesagt, was die Jugend betrifft, das ist fürchterlich, dass wir alles für die Jugend machen. Natürlich Bedingungen schaffen, aber ihnen nicht alles abnehmen. Selber machen, selber machen! Hier ist ein weiter Bogen zum Eigentümerverhalten. Mehr Verantwortung für sich selbst, für seine eigenen Dinge, für die Familie, für die Interessenwahrnehmung. Nicht nur dasitzen, glotzen, nicht nur konsumieren.“ Entweder Erich war zu selten zu Hause, oder sie hat es ihm zu selten gesagt. Oder es war wie in jeder durchschnittlichen Ehe, sie hat geredet und er sah derweil am Fernseher. Ohne die ewige Gängelei in allen Belangen hätten nicht viele Leute etwas anderes als die DDR gewollt. Die meisten Leute in der Welt brauchen auch nicht dauernd neuen Kram, um glücklich zu sein. 

1964

Die Evangelische Kirche tagt in Ost-Berlin 

Fraglos trug die Kirche weiter ihren Anteil zur Umerziehung der West-Deutschen bei. Richard von Weizsäcker berichtete später: „1964 veranstaltete die Evangelische Akademie in Ost-Berlin eine Tagung unter dem Titel »Jubiläen ohne Jubel«. Referenten und Teilnehmer kamen, was ganz ungewöhnlich war, aus Ost und West. Zum damals fünfzig Jahre zurückliegenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges sprach Professor Immanuel Geiss, Universität Hamburg. Über den Zweiten Weltkrieg, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Beginn, referierte Dr. Klein von der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin.

Mir fiel die Aufgabe zu, über das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 aus dem Rückblick von zwanzig Jahren zu sprechen. Die Aufgabe übernahm ich gern. Am 20. Juli 1944 befand ich mich als Reserveoffizier im Norden der Ostfront. Von den Attentatsplänen hatte ich nur indirekt Kenntnis. Aber durch persönliche Kontakte und Freunde und durch ihre Gedanken und Taten war ich mit den Ereignissen in einer Weise verbunden, die meinen Lebensweg bestimmt hat. [...] Zum anderen, noch wesentlicheren Teil geht es auf meinen Vater zurück. Er war Diplomat, entschied sich nach langen Beratungen mit Beck, Canaris, Dohnanyi und anderen später hingerichteten Verschwörern, im Dienst zu bleiben und in verantwortlicher Stellung kriegsverhütend auf den Kurs des Dritten Reiches einzuwirken. Niemand wusste am Ende genauer als mein Vater, dass und warum er gescheitert war. Dass er dann aber nach dem Krieg vor ein amerikanisches Militärgericht in Nürnberg wegen angeblicher Vorbereitung von Angriffskriegen und Verfolgung von Juden gestellt wurde, war ein Irrsinn oder, wie Churchill sich vor dem Unterhaus ausdrückte, »ein tödlicher Irrtum der amerikanischen Anklagebehörde«. Aber im Angesicht aller geschehenen Verbrechen hielt mein Vater selbst solche Irrtümer für nur allzu verständlich.“

1966

Alexander Schalck-Golodkowski wird angeworben

Im Herbst 1966 betrat Unser Alexander der Große die Bühne. Ich hatte ja eigentlich gedacht, er sei von jemandem in Ost-Berlin in den achtziger Jahren in die Spur geschickt worden, um Devisen für die DDR aufzutreiben. War auch falsch. Lassen wir ihn selbst schildern, wie er zum Mittler zwischen BRD und DDR wurde: „Leipziger Messe 1966. Als ich den Stand eines guten Bekannten aus West-Berlin besuchte, stellte mir der Unternehmer überraschenderweise die Frage: »Hätten Sie Interesse, mit dem Berliner Wirtschaftssenator Dr. König zu sprechen?« [...] Im ersten Moment dachte ich also, dass König auf der Messe ist. Dann aber schlug mir der Mann ein informelles Gespräch in seiner Berliner Wohnung vor. »Sie sollten König einmal kennenlernen.« Ein geheimes Treffen in West-Berlin? Das war für mich eine Sensation. [...] König war immer für eine Überraschung gut. Langsam gewöhnte ich mich an den unverblümten Stil meines Gegenübers – indem ich einfach versuchte, mich auf seine unkonventionellen Wendungen einzustellen. [...] Was für ein Auftakt! Wir hatten uns kaum zweimal gesehen, und schon standen Grundfragen des Verhältnisses von West-Berlin zur DDR auf unserer Tagesordnung. Dennoch ahnte ich im Frühjahr 1967 nicht im Entferntesten, dass diese Gespräche der Beginn einer 23 Jahre währenden Unterhändlertätigkeit für die DDR sein würden. [...] Ich traf mich mit Karl König über sechs Jahre lang, mal in längeren, mal in kürzeren Abständen, bisweilen mehrmals an einem Tag. Unsere Zusammenkünfte waren technisch völlig unproblematisch, da wir strikte Geheimhaltung vereinbart hatten und auch durchhielten. König bewegte sich in den höchsten politischen Kreisen West-Berlins und der Bundesrepublik – hinter ihm standen Heinrich Albertz, Egon Bahr, Klaus Schütz, Herbert Wehner, sogar Willy Brandt und Kurt Georg Kiesinger. Sicherlich war es kein Zufall, dass König über einen engen Draht zu Herbert Wehner verfügte und viele Schritte mit dem »Alten« abstimmte. Ich meine sogar, dass Wehner der entscheidende Mann hinter Karl König war, und ich weiß, dass der Kanal König– Schalck nicht Wehners wichtigste und einzige Verbindung in die DDR darstellte. Als Wehner 1966 in der Großen Koalition das Amt des Bundesministers für Gesamtdeutsche Fragen übernahm, wurde er für die Kirchengeschäfte zuständig und kam mit Wolfgang Vogel in Berührung, woraus sich meines Wissens nach ein enger, langjähriger Kontakt entwickelte.“

Dr. Wolfgang Vogel hatte jedoch 1953 und nicht erst im Jahr 1966 mit dem Kirchengeschäft C, das über die Katholische Kirche organisiert wurde, die Bühne betreten, was Alexander Schalck-Golodkowski aber seiner Äußerung nach zu urteilen nicht erfahren hat. Um die Devisen- und Rohstoffflüsse der drei Kirchengeschäfte A, B und C vernünftig zu koordinieren, wurde im Jahr 1966 in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik die Abteilung Kommerzielle Koordinierung (Koko) des Ministeriums für Staatssicherheit eingerichtet.

Doch nicht nur in Ost-Berlin wurde hier für deutsche Ordnung gesorgt. Es ist natürlich schön, dass dem Bundesamt für Verfassungsschutz in den sechziger Jahren die Lieferanten von Embargogütern in die DDR bekannt waren. Doch das verwundert mich wiederum nicht, wenn die Führung in Bonn Bescheid wusste. Die unangenehme Bürgerrechtlerin Ingrid Köppe konnte es später einfach nicht fassen. Aber die Sachlage war eindeutig: „Überläufer hätten diese Informationen 1983 dem Bundesnachrichtendienst (BND) gegenüber bestätigt. Dennoch sei nicht gegen den illegalen Handel eingeschritten worden. Statt dessen sei einem der laut BND »einschlägig bekannten Embargolieferanten«, Ottokar Herrmann, der jahrelang unbehelligt Embargohandel im großen Stil unter den Augen der deutschen Behörden betrieben habe, 1992 eine Firma des KoKo von der Treuhandanstalt günstig verkauft worden.“ Heute wissen wir, dass der große Bruder in Amerika darüber nicht amüsiert war.

1968

Ein Wort zur Kirche

Währenddessen arbeiteten auch die Kirchen in der Abgeschiedenheit ihrer Gremien an ihrem Part in dieser Angelegenheit weiter. Am 20. Mai 1968 schrieben die ostdeutschen Bischöfe aus dem Kloster Lehnin einen Brief an ihren Genossen Walter Ulbricht. Darin hieß es unter anderem: „Als Staatsbürger eines sozialistischen Staates sehen wir uns vor die Aufgabe gestellt, den Sozialismus als eine Gestalt gerechteren Zusammenlebens zu verwirklichen.“ Und Bischof Albrecht Schönherr (EKD der DDR) forderte in einem Brief an die Konferenz der Kirchenleitungen in Unserer DDR, „sich jetzt öffentlich für die völkerrechtliche Anerkennung der DDR einzusetzen und insbesondere sich an die Evangelischen Kirchenleitungen in der Bundesrepublik zu wenden mit der dringenden Bitte, es an ihrem Orte ebenfalls zu tun“.

Auch von solchen Appellen war das Brandt-Lager, dass sich „zunächst schwertat, überhaupt zu entstehen“, nicht von seinen Überzeugungen abzubringen. Einer, der über Jahre hinweg auf ihn eingeredet hat wie ein Pfarrer, war Bischof Scharf. Brandt konstatierte nach seinem Rausschmiss im Frühling des Schicksalsjahres 1974: „Der Protestantismus hatte das einstige Bündnis von Thron und Altar verkraftet und die Auseinandersetzung mit der brutalen Diktatur bestanden, und nun erschien die deutsche Sozialdemokratie auf ihren oberen Etagen sogar überzogen – als die überwiegend evangelische Partei. Ich konnte nichts dagegen haben; meine hansestädtische Herkunft und meine Berührung mit dem skandinavischen Luthertum hatten mich protestantisch geprägt, aber gegen jeden missionarischen Eifer gewappnet. Für die »Fortsetzung von Kirchentagen mit anderen Mitteln« hatte und habe ich nichts übrig.“ Kann man es denn wirklich noch besser sagen? Besser nicht – aber deutlicher kann man es sagen. Brandt fiel auf, dass die Kirchenleitungen beim gläubigen Publikum Propaganda betrieben für eine Außenpolitik, die sich immer offener von der Vereinigung der beiden nun neunzehn Jahre alten deutschen Teilrepubliken abwandte. Ich freue mich jetzt immer besonders heftig, wenn ich ständig etwas von religiösen Fanatikern unter den Muslimen höre.

Scharf kritisiert wurden die Häupter der Kirchen in Unserer DDR nach der Wende in den vollkommen unabhängigen Medien: „Zwanzig Jahre lang unterhielt der Ost-Berliner Generalsuperintendent Krusche enge Gesprächskontakte zur Stasi. Er soll Dienstgeheimnisse verraten, sein Ordinationsgelübde verletzt und disziplinarische Maßnahmen gegen systemkritische Pfarrer unterstützt haben. Der einflussreiche Kirchenpolitiker belehrte ökumenische Gremien über die Vorzüge der östlichen »sozialen Menschenrechte« gegenüber dem bürgerlichen Menschenrechts-Individualismus des Westens. Um Krusche und sich die Peinlichkeiten eines dienstrechtlichen Verfahrens zu ersparen, gewährte ihm die Berlin-Brandenburgische Kirchenleitung die »billige Gnade« des vorgezogenen Ruhestands.

So darf Krusche weiter Kirchenpolitik gestalten.“ Das muss ich jetzt aber hoffentlich nicht verstehen. Als Ersatz für ein dienstrechtliches Verfahren darf Krusche weiter Kirchenpolitik gestalten. Nachdem der Fahrer mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Baum gefahren ist, wird ihm von unserer Polizei ein neuer Wagen finanziert.

Die Fälle Krusches, Stolpes und anderer prominenter Kirchenfunktionäre zeigen, wie schwer sich die Kirchen mit der Bewältigung des »Stasi-Problems« tun. [...] In der römisch-katholischen Kirche sind wichtige IM noch nicht enttarnt. Von den 4700 ostdeutschen evangelischen Pfarrern gelten derzeit knapp sechzig als belastet. […] Der Theologe E. Neubert, ein Bürgerrechtler des Jahrgangs 1940, weist in seiner Kritik der »Weißwäscherei« in Kirche und Politik nach, dass gerade »in den höheren Etagen des kirchlichen Apparats oft ein sehr hoher Prozentsatz von registrierten IM agierten.«“ Wo hätte man die Entscheidungsträger denn sonst finden können? Sie waren genau dort, wo sie etwas entscheiden konnten.

Die Empörung über die kirchlichen Würdenträger in Unserer DDR muss nun aber auch nicht überborden. Der Unterschied zu den ranghohen Würdenträgern in der „B.R.D.“ konvergierte hart gegen Null. In dieser Hinsicht taten sich neben dem vormaligen Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Dr. Gustav Heinemann, auch der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Richard von Weizsäcker, hervor oder zum Beispiel der Präses der Synode und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Jürgen Schmude. Sie alle kümmerten sich hingebungsvoll um Fortschritte beim Aufbau der entwickelten sozialistischen Gesellschaft unter der Führung des Freundes und Genossen Erich Honecker. Einer der Großen in dieser Hinsicht war der Bischof Hermann Kunst. „Dieser Bischof, dieser einflussreiche Freund und Gesprächspartner der Spitzenpolitiker über Jahrzehnte hin, ein Pastor? Hat er sich eine Rolle zugelegt, die ihm den Anschein der Bescheidenheit geben sollte? Man nannte ihn doch Diplomat im Lutherrock, protestantischer Nuntius, Fürstbischof und vieles andere mehr.“ Das hat natürlich ebenfalls einen ganz speziellen Charme. Das wurde in der DDR auch so gemacht. Manche Funktionsträger hatten einen offiziellen Titel und dann extra noch einen, wenn man unter sich war. „Wenn es um Erleichterungen für die Menschen und den Zusammenhalt der Deutschen in ihrem geteilten Land ging, scheute Hermann Kunst vermutlich auch vor ungewöhnlichen Kontakten nicht zurück. Es möge, meinte Bundespräsident Roman Herzog in seiner Glückwunschrede zum neunzigsten Geburtstag des Bischofs, »um der Sache willen dabei auch zu Grenzüberschreitungen gekommen sein, die sich nicht auf das Geographische beschränkten.« Ein bekanntes Nachrichtenmagazin brachte 1996 eine Notiz über angebliche Begegnungen des Bischofs mit Leuten vom Staatssicherheitsdienst. Kunst selbst habe dazu gesagt, als ein Pastor spreche er mit jedem.“ Diese Grenzüberschreitungen waren freilich keine demokratischen Formen gelebter Reisefreiheit. Es ist schön, dass es ihm um den Zusammenhalt der Deutschen ging; mir erschließt sich nur nicht so recht, wie das im Gespräch mit Leuten von der Staatssicherheit erreicht werden sollte.

1969

Während sich Brandt mit all diesen Volksvertretern in Bonn am Rhein abquälte, schlossen die evangelischen Bischöfe in der DDR den Aufbau ihrer separaten Kirchenstruktur mit der Gründung eines Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR ab. Timothy Garton Ash staunte: „Nachdem sie sich selbst als »Kirche im Sozialismus« definiert hatten, unterhielten sie ihren eigenen Dialog mit der Parteiführung.“

Am 5. Juni 1969 wandten sich sowohl der Vorsitzende des Regionalausschusses der Christlichen Friedenskonferenz der DDR Karl-Heinz Bernhardt als auch der Ausschusssekretär Carl Ordnung an die Konferenz der Kirchenleitungen „mit der Bitte, durch den Ökumenischen Rat der Kirchen bei der UNO dagegen zu protestieren, dass es der Deutschen Demokratischen Republik auf Grund eines diskriminierenden UNO-Beschlusses unmöglich gemacht wurde, sich an der Arbeit der UNO für die Entwicklungsländer zu beteiligen“. Die FAZ schrieb 1993: „Dieser Vorstoß diente der Sicherung des Außenhandels mit den Entwicklungsländern.“ Worum sich so ein Ausschusssekretär in der Kirche alles kümmern muss!

1972

Über die erfolgreiche „deutschlandpolitische“ Zusammenarbeit mit Erhard Eppler aus der SPD spricht nun zu uns Richard von Weizsäcker aus der CDU: „In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre konzentrierte sich meine ost- und deutschlandpolitische Tätigkeit auf eine aktive Mitarbeit in der Kammer für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Deutschland. Diese Kammer ist die politische Beratungskommission des Leitungsorgans der EKD, des Rats. Professor Ludwig Raiser war Vorsitzender der Kammer, ich sein Stellvertreter. Diese Kammer hatte schon 1965 die berühmt gewordene Ostdenkschrift der EKD verfasst. 1967 bis 1969 arbeitete die Kammer eine zweite Denkschrift über die »Friedensaufgaben der Deutschen« aus, und zwar gemeinsam mit der parallel arbeitenden Kammer der Evangelischen Kirchen in der DDR. Diese Denkschrift haben im Wesentlichen der damalige Bundes-Entwicklungshilfe-Minister Erhard Eppler und ich verfasst. [...] Daher veröffentlichte ich 1972 einen längeren Beitrag zur Analyse und zu den Aufgaben der Deutschen im Ost-West-Verhältnis. Es war Bischof Hermann Kunst wegen seiner unvergleichlichen Gabe gewidmet, in der Evangelischen Kirche zugleich als motorische Kraft und für Nüchternheit zu wirken.“

Aus seinem längeren Beitrag möchte ich nur einige kürzere Passagen wiedergeben: „Wenn wir die Teilung Deutschlands für die von ihr betroffenen Menschen erträglicher machen wollen, brauchen wir einen Modus vivendi mit den östlichen Nachbarn, müssen wir also die bestehende Lage der Teilung hinnehmen. [...] Bei solchen Verhandlungen dürfen wir auch nicht unsere Kraft überschätzen. [...] Wir können auch nachträglich nicht mit politischen Mtteln die durch den Zweiten Weltkrieg entstandene reale Gebietslage und Machtsituation wieder verwandeln. Schon Adenauer war in den letzten Jahren seines Lebens von dem Gedanken beherrscht, ein besseres Verhältnis zur Sowjetunion zu gewinnen. [...] Aber bei aller Übereinstimmung im Ziel ist der Streit über den gewählten Weg in der Vertragspolitik alsbald offen entbrannt. Die wesentlichen Punkte der Kritik sind die folgenden:

a) Den Verträgen und den zwanzig Kasseler Punkten [1970] haftet eine gefährliche Zweideutigkeit an. Vom Modus vivendi ist die Rede, also von einer vorläufigen Lösung, die eine endgültige in der Form eines Friedensvertrages vorbereiten soll. In Ost und West aber versteht man die Verträge gerade als die erreichbare Form von Endgültigkeit, welche an die Stelle von Friedensverträgen tritt. Die deutsche Frage soll offen bleiben, so sagt die Bundesregierung. Eine völkerrechtliche An-erkennung der DDR komme nicht in Betracht. [...] Faktisch aber versteht man nicht nur in Moskau, sondern auch in Paris die Verträge als den entscheidenden Schritt dazu, die deutsche Frage nicht offen zu lassen, sondern lautlos zu schließen.

Der französische Präsident Pompidou hat öffentlich erklärt, es gebe keinen Grund, die Deutschen dafür zu tadeln, dass sie eine Politik der Anerkennung der DDR betrieben, ohne Rücksicht darauf, welchen Namen sie dieser Politik gäben. Noch deutlicher kann man die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Richtung und Bezeichnung der Politik kaum charakterisieren. Die völlige Freigabe der internationalen Beziehungen der DDR ist prinzipiell zugestanden. Nicht das Ob dieser Freigabe ist noch fraglich, sondern nur noch das Wann, abhängig vom Fortschritt der innerdeutschen Verhandlungen. Für diese praktischen Fortschritte aber wird die Zusammenarbeit mit der Ostberliner Regierung im Wege völkerrechtlicher Verträge gesucht. Dies wird sich auf die Dauer kaum mit dem Gelöbnis der Nichtanerkennung verbinden lassen. Und wenn erst einmal zwei deutsche Staaten in die UNO eintreten, was die Bundesregierung nach ihren Erklärungen in Kassel, in Moskau und Oreanda ja unterstützt, dann werden diese beiden Staaten dort normale Mitglieder wie alle anderen auch sein. Niemand wird uns daran hindern, wenn wir dann noch an einem Begriff der Einheit der Nation im Sinn der Kulturnation festhalten wollen. Zugleich aber wird kein Staat der Welt daran zweifeln, dass die deutsche Nation im Sinne eines staatlich-politischen Einheitsziels verschwunden sein wird. Die Bundesregierung spricht indes nach wie vor davon, dass die Herstellung der staatlichen Einheit der Nation ihr Ziel sei, und zwar nicht nur ihr Fernziel. [...] Dennoch geht ihre Außenpolitik, ob gewollt oder nicht, den klaren Weg der Veränderung.

b) In diesen Zusammenhang gehört der Entschluss der Bundesregierung zum Alleingang in der Ost- und Deutschlandpolitik. Sie hat ihre Regierungserklärung und das sogenannte Bahr-Papier, die beiden entscheidenden Grundlagen der Vertragspolitik, ohne irgendeinen Konsultationsversuch mit der Opposition gemacht. [...] Eine solide Deutschland- und Ostpolitik ist auf der Basis des Alleingangs langfristig nicht möglich. [...]

d) Der letzte wesentliche Streitpunkt bezieht sich auf die Folgen der Verträge für die innerdeutschen Beziehungen. Ursprünglich hatte es so bei der Regierung Brandt geklungen, sie betrachte es als das Kernstück ihrer Vertragspolitik, die Menschen, die von der Teilung in Deutschland betroffen sind, selbst die Vertragsentspannungsschritte spüren zu lassen. Das erweckte den Eindruck, als würden die innerdeutschen Beziehungen zum Gegenstand der Ostverträge gemacht. Dann aber hat sich die Regierung einer anderen Reihenfolge verschrieben. Erst sollen die Ostverträge in Kraft treten. Als ihre Folge für die Menschen werden günstige Auswirkungen auf die anschließenden innerdeutschen Verhandlungen erwartet. Dem steht auf der anderen Seite die Befürchtung gegenüber, dass der nötige Druck und das Inte-resse des Ostens an Konzessionen am innerdeutschen Verhandlungstisch verschwunden sein würden, wenn die Ostverträge unter Dach und Fach sind. Die Gefahr besteht, dass die Bundesregierung dann nur noch einen Vertrag zur Regelung der Rechtsbasis für den Beitritt zweier deutscher Staaten in die UNO wird schließen können, ohne zugleich verbindliche Fortschritte für die Freizügigkeit von Menschen, Ideen und Informationen zu erzielen. [...] Der außen- und ostpolitische Streit in Bonn ist groß, größer eigentlich, als er dem relativ geringen Bewegungsspielraum der Deutschen in einer zusammenwachsenden Welt entspricht. Denn jede deutsche Regierung wird sich nach dem generellen Trend der Welt- und Ost-West-Politik zu orientieren haben; nicht aber werden die deutschen politischen Weichenstellungen die Ursache für diesen generellen Trend sein.“ Richard Nixon hingegen hatte explizit erklärt, der Schlüssel für Europa liege in Deutschland.

Gerade wegen der Gefahr der gesinnungsmäßigen Polarisierung halte ich die bewusste und gewollte Preisgabe der Gemeinsamkeit in der Deutschlandpolitik im Deutschen Bundestag für ein zu großes Risiko in unserer Außenpolitik. [...] Im offenen Kampf um den richtigen Weg findet das Gemeinwesen noch immer am besten zu sich selbst. Für die Mehrzahl der politischen Aufgaben ist diese Auseinandersetzung nützlich und verträglich. Aber für die Folgen der Teilung Deutschlands ist das politische und emotionale Risiko einer dauernden Polarisierung zu groß. Denn sie bestärkt nicht nur auf gefährliche Weise die Tendenz zu Gesinnungskriegen, sondern sie verführt zu Unklarkeiten im Verfassungsrecht, zur unaufrichtigen Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer Regierungspolitik und schließlich auch noch zur Vertiefung der Uneinigkeit auf Gebieten, auf denen Einigkeit möglich wäre, wie etwa auf dem der westeuropäischen Integration und gesamteuropäischen Kooperation; den beiden großen Themen, in deren Rahmen allein sich langfristig eine Antwort auf die deutsche Frage finden lässt.

Aufgabe der Kirche wird es niemals sein, eine politische Grundlinie zu konkretisieren oder gar den Politikern ihre Verantwortung abzunehmen. Aber die Kirche wird an der Sache bleiben müssen, mit der sie sich in den sechziger Jahren so intensiv und öffentlich beschäftigt hat. Sie kann und muss sich gegen Auswüchse in der politischen Debatte zur Wehr setzen, so wie sie es etwa durch die ostpolitische Resolution der EKD-Synode getan hat. [...] Die CDU/CSU-Opposition im Bundestag, die den Gang der Vertragsverhandlungen mit scharfer Kritik begleitet hatte, verfügte im Parlament aber über genau die Hälfte aller Stimmen. Sollte sie gemäß ihrer bisher geäußerten Kritik die Ratifizierung scheitern lassen? [...] Es kam auf jede Stimme an. Ich war damals deutschlandpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. [...] In dieser Situation veröffentlichte ich am 18. April 1972 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den folgenden Artikel. Sein Ziel war, dem Ausgleich einen Schritt näherzukommen und einen kleinen Beitrag zu leisten, um eine schwere Krise der außenpolitischen Lage unseres Landes zu vermeiden.“

Unter dem Datum des 18. April 1972 veröffentlichte Richard von Weizsäcker diesen Artikel, aus dem unter anderem hervorgeht, dass Paris wenige Jahre nach Moskau auch begann, sich mit der Teilung Deutschlands abzufinden: „Frankreich etwa hofft auf baldigen Beginn einer Sicherheitskonferenz und befürchtet Verzögerungen, wenn die Verträge nicht alsbald ratifiziert werden. [...] Eine wichtige Rolle spielen schließlich die Stimmungen im Ausland gegenüber Deutschland. Trotz des Briefes zur deutschen Einheit und mancher zu Hause gemachten Vorbehalte hat Brandt seine Vertragspolitik so eingeleitet, dass man sie als die vielfach erhoffte und doch nicht wirklich erwartete Bereitschaft der Deutschen verstand, Teilung und Grenzen einschließlich der DDR-Grenzen zu akzeptieren. Was alle dachten, sprach Georges Pompidou mit Genugtuung öffentlich aus: Man habe keinen Grund, den Deutschen dafür böse zu sein, dass sie sich zu einer Politik der Anerkennung der DDR entschlossen hätten. Das ist der Hauptgrund dafür, dass man draußen die Deutschen wegen ihres Friedenswillens lobt. Und nun soll das durch Nichtratifizierung plötzlich alles nicht mehr wahr sein? [...] Also war der Friedenswille der Deutschen nur ein Zwischenspiel? Also werden sie die Gelegenheit verpassen, ihre moralische Reifeprüfung zu bestehen? [...] Wir haben allen Anlass, den Russen jeden Grund zu nehmen, sich irgendwie bedrängt oder bedroht zu fühlen. – Freilich, wir liefern auch keine derartigen Anlässe. Das weiß jeder vernünftige Politiker in Ost und West. Es gibt keine politisch relevante Gruppe, vor deren nationalistischem Aberwitz und Revanchedurst man sich im Osten schützen müsste, und mögen einige Extremisten noch so unverantwortliches Zeug reden.“

Dann sind die Hohen Richter des Bundesverfassungsgerichts, die 1975 festlegten, dass das Deutsche Reich in seinen Grenzen von 1937 auch weiterhin existiert, ebenfalls zu den Extremisten zu rechnen? Ich will doch hoffen, die Herrschaften bekamen umgehend ein Berufsverbot! Wie meinen Sie das: natürlich nicht? Aber, wenn diese Extremisten so ein unverantwortliches Zeug in ihre Urteilsbegründungen schrieben?

II. Auf die Dauer kommt es freilich weniger darauf an, ob die Deutschen bequem und beliebt sind, sondern ob der Prozess der Entspannung gesicherte Fortschritte macht. Dieser Prozess hat größere und ältere Ursachen als die Vertragspolitik Brandts.“ Lässt sich das auch spezifizieren? Ich habe bei meinen Recherchen noch nichts zu einer Bemühung um Entspannung vor Brandt gefunden. „Gerade wenn wir sagen, dass Freiheit wichtiger als nationale Einheit ist, dass sich letzten Endes also über DDR und Grenzen reden lässt, gerade dann bedarf es Zug um Zug mit einer die Grenze behandelnden Vereinbarung auch der gesicherten Abrede über Freizügigkeit in Stufen für die Deutschen in der DDR. Die Osterreisen waren für die Menschen eine große Sache. Aber nur verbindliche Zusagen vor der Ratifizierung, dagegen nicht bloße Hoffnungen für die Zeit danach, berechtigen uns zur Annahme, dass uns eine bessere innerdeutsche Zukunft bevorstehe.“ Hören Sie die altbekannte Österreich-Lösung? „Zug um Zug, das würde auch zum inneren Schutz unserer freiheitlichen Ordnung, und das heißt hier, zur langfristigen unerlässlichen Wiederannäherung der politischen Kräfte unseres Landes in der Außen- und Deutschlandpolitik beitragen.

Heute sagt die Regierung der eigenen Bevölkerung, sie akzeptiere die deutsche Teilung nicht, obwohl ihre Politik genau darauf hinausläuft, obwohl dies im gesamten Ausland auch genauso verstanden wird, obwohl das Lob des Auslandes für die Brandtsche Politik auf eben diesem Verständnis beruht, und obwohl sich Brandt vor der eigenen Bevölkerung gerade auf dieses Lob ständig beruft. Diese Zweideutigkeit könnte auf die Dauer nicht ohne schädliche Folgen bleiben. Die innere Polarisierung schwächt langfristig unfehlbar beide, Regierung und Opposition, wer es auch jeweils sei, entweder in der Aufrichtigkeit oder im Realismus ihrer Positionen. Nur zusammen lässt sich nüchtern prüfen und ausprobieren, ob es denn wahr ist, dass wir die Teilung für die Menschen wirklich dadurch erträglich machen können, dass wir sie hinnehmen. So dagegen, wie die Regierung den Moskauer Vertrag heute interpretiert, wiegen die Risiken einer Ratifizierung langfristig schwer.

III. Bleibt unser Verhältnis zu Polen. Polen hat den Krieg auf der Seite der Sieger beendet, aber als einer der großen Verlierer. Die Leiden von Krieg und deutscher Besatzung, die Opfer an Menschen und Gütern und schließlich die zunächst ungesicherte Zwangsverschiebung nach Westen, das alles war schon schwer genug. Schwerer aber wiegt, dass dieses nationalbewusste und stolze, dieses kultivierte und europäische Volk seine Unabhängigkeit nachhaltig eingebüßt hat. Wer die polnische Geschichte kennt, versteht die Wirkung dieser Lage ohne weitere Worte. Polen kann und will keine Machtpolitik betreiben. Es will Sicherheit und das erreichbare Maß an Eigenständigkeit. Es will wirtschaftliche, kulturelle und menschliche Brücken auch zum übrigen Europa. Und es sucht im vollen Sinn des Wortes Respekt der anderen, vor allem der Deutschen, vor seiner Lage, in die es hineingezwungen worden ist und die niemand ohne Gewalt ändern kann. Das wiegt heute politisch schwerer als alles andere. Daran ändert auch das namenlose Elend nichts, welches Millionen unschuldiger Deutscher durch Vertreibung aus der angestammten Heimat erlitten haben. Die ganze Welt sieht es so. Für alle und nicht zuletzt für unsere Verbündeten ist die Oder-Neiße-Grenze eine längst endgültig geregelte Frage.“

Siebenundzwanzig Sommer nach der Stunde Null wagte also Richard von Weizsäcker, der grazile Vorturner der CDU, nun den Salto mortale. Fast drei Jahrzehnte war den Leuten verkauft worden, die Politik der Bundesregierungen führe zu einer Wiedervereinigung mit den lieben Brüderchen und Schwesterchen im Osten, und 1972 hievte der Edle nun auch die Wählerinnen und Wähler der Unionsparteien auf das Pferd einer Anerkennung der DDR, natürlich mit dem Hinweis auf die übermächtige Weltverschwörung gegen Deutschland. Er sagte jedoch nicht dazu, dass die Franzosen wie auch alle anderen schon seit vielen Jahren vergeblich auf die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch Bonn gewartet hatten, und sich nun mit der Anerkennung der DDR zufrieden gaben, um den Sprengstoff aus der sensiblen Lage an dieser Nahtstelle des Kalten Krieges in Europa herauszunehmen.

1974

Der Rücktritt von Willy Brandt 

 „Leicht war die Zeit nicht, die dem Rücktritt folgte. Wie hätte ich es anders erwarten können! Die Last blieb schwer, doch wer sie zu tragen nicht bereit ist, sollte dem politischen Geschäft entsagen. Der Entscheidungsdruck wich, Zeitgewinn war kaum zu verzeichnen. Ich lebte etwas unbeschwerter, wenn auch vorerst nicht frei von Skrupeln und Fragen, die sich noch leichter stellten als beantworteten. Wer half, dass der Übergang glimpflich ablief? Und ohne Bitternis? Einige we-nige persönliche Freunde und einige führende Kirchenmänner.

Wesens war davon nicht zu machen, weil ich derartigen Exhibitionismus nicht mochte und nicht mag. Aber gefreut habe ich mich, als ich wenige Tage nach dem Rücktritt in Berlin war und Bischof Scharf in einem guten Gespräch mit einem verständnisvollen Zuspruch half; wir kannten uns seit Jahren, und ich wusste mich in Bonn wie zuvor in Berlin ermutigend begleitet durch den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Protestantismus hatte das einstige Bündnis von Thron und Altar verkraftet und die Auseinandersetzung mit der brutalen Diktatur bestanden, und nun erschien die deutsche Sozialdemokratie auf ihren oberen Etagen sogar überzogen – als die überwiegend evangelische Partei. Ich konnte nichts dagegen haben; meine hansestädtische Herkunft und meine Berührung mit dem skandinavischen Luthertum hatten mich protestantisch geprägt, aber gegen jeden missionarischen Eifer gewappnet.

Für die »Fortsetzung von Kirchentagen mit anderen Mitteln« hatte und habe ich nichts übrig. Das Verhältnis zur katholischen Seite zu entkrampfen war viel schwieriger. Es musste sein, um der Demokratie, also auch der Parteiendemokratie willen. Im Laufe der Jahre wurden eine ganze Reihe nicht nur formaler Gesprächskontakte geknüpft.

Kardinal Döpfner hatte mir noch während unserer gemeinsamen Zeit in Berlin gesagt, zwischen seiner Kirche und meiner Partei deute sich eine Brücke an, aber begehbar müsse sie erst noch werden. Als wir uns in München wiedersahen, hatten uns die beiderseitigen Erfahrungen sehr viel näher gebracht; er schilderte mir seinen aufmüpfigen Priesternachwuchs und fügte hinzu: »Nicht viel anders als Sie und Ihre Jusos!« [Nicht viel anders als Sie UND Ihre Jusos!] Nach meinem Rücktritt brachte mir der Kardinal – zugleich im Namen seiner »Mitbrüder im Bischofsamt« – seine »Anteilnahme an der erlittenen menschlichen Enttäuschung« zum Ausdruck; das ging einigen zu weit, und es wurde bekanntgegeben, der Brief sei mit den übrigen Bischöfen nicht abgesprochen gewesen.“ So viel zu der überwältigenden Unterstützung, die der gesamtdeutsch-pragmatische Kanzler von der Evangelischen und von der Katholischen Kirche in Deutschland erfuhr.

Und hier kommt völlig unbeschwert die absolute Krönung daher: „Im Zentralkomitee der deutschen Katholiken wurde dem Vatikan, wegen dessen Haltung zur DDR, eine unheilvolle Ostpolitik vorgeworfen: im zuständigen Arbeitskreis hieß es, »der Papst und Willy Brandt machten den gleichen Grundfehler.«“ Ja, ist es denn zu fassen? Der Papst und Willy Brandt machen den gleichen Grundfehler. Sagt das Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Ob der Papst vielleicht für diese fundamental-christlichen Ganoven unfehlbar zu sein hatte? Aber der Papst und Willy Brandt waren wenigstens nicht die Einzigen mit einer von Bonn unabhängigen Haltung zur DDR. Da waren ja auch noch die Herren Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Jossif Wissarjonowitsch Stalin, Lawrentij Pavlovič Berija, Charles de Gaulle, Georges Pompidou, Winston Churchill, Harold Wilson, John Foster Dulles, John Fitzgerald Kennedy, Dwight David Eisenhower, George Bush, ein gewisser Michail Sergejewitsch Gorbatschow und mehrere Einwohner der größten DDR auf dieser Welt. Da stand Papst Paul VI. gar nicht so allein, wenn auch keiner der Genannten den anderen Herren über den Weg traute. 

Die Kirche im Sozialismus und das Treffen der Bischöfe mit Genossen Erich Honecker am 6. März 1978

Timothy Garton Ash konstatierte nach dem Herumwühlen in einigen Ost-Berliner Archiven: „Die Geschichte der Beziehungen von Kirchen und Staat innerhalb der DDR ist kaum weniger komplex als die der deutsch-deutschen Beziehungen. Unter Erich Honecker fand eine vorsichtige Annäherung zwischen Parteistaat und Kirchen statt. Diese Annäherung wurde durch ein Gipfeltreffen am 6. März 1978 zwischen dem Leiter des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, Bischof Albrecht Schönherr, und Erich Honecker symbolisiert.“ Was ist denn da Aufregendes an diesem 6. März passiert? „An diesem Tag fand ein Gespräch zwischen Erich Honecker und dem Vorstand des Bundes der evangelischen Kirchen der DDR statt. Honecker bemühte darin den Verfassungsgrundsatz, dass Glaubensfreiheit garantiert sei und christliche Bürger in der Gesellschaft gleiche Achtung und gleiche Rechte beanspruchen können. Bischof Dr. Albrecht Schönherr erklärte, dass sich die Evangelischen Kirchen der DDR als Kirche im Sozialismus verstehen, die »in der Freiheit und Bindung des Glaubens« bemüht seien, »das Beste für alle und für das Ganze zu suchen.«

Meinen herzlichen Glückwunsch: „Der Magdeburger evangelische Altbischof und ehemalige Vorsitzende des DDR-Kirchenbundes, Werner Krusche, wird am Donnerstag 85 Jahre alt. Von 1968 bis 1983 stand er an der Spitze der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. In diesen Jahren trug er mit seinen Predigten sowie Vorträgen und öffentlichen Erklärungen maßgeblich zum Selbstverständnis der evangelischen Kirchen in der DDR bei. Für die Situation der Christen und Kirchen in der DDR prägte er Anfang der 70er Jahre den Begriff der »ideologischen Diaspora«. Das Verhältnis der Kirchen zum sozialistischen Staat beschrieb er mit »kritischer Solidarität«.

Sein engagiertes Eintreten für Schwache und Benachteiligte, sein Beharren auf eigenständigem Arbeiten der Kirchen sowie sein konsequentes Friedensengagement hatten vielfältige Auseinandersetzungen mit der SED-Führung zur Folge. Besondere Zeichen setzte Krusche auch bei der Aussöhnung der Deutschen mit den Völkern der ehemaligen Sowjetunion. Eine lebhafte Diskussion darüber löste er 1984 auf einem friedenspolitischen Kongress der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Kiel aus.

Damals forderte er die Kirchen in Ost- und Westdeutschland auf, ge-genüber den Menschen in der Sowjetunion, die im Zweiten Weltkrieg über 20 Millionen Tote zu beklagen hatte, ein Schuldbekenntnis zu formulieren. Der im sächsischen Lauter geborene Krusche wurde 1968 in das Magdeburger Bischofsamt berufen.

In seine Amtszeit fielen die Gründung des DDR-Kirchenbundes sowie das Spitzengespräch mit SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker am 6. März 1978, an dem Krusche teilnahm. 1981 übernahm er vom Ost-Berliner Bischof Albrecht Schönherr das Amt des Kirchenbundvorsitzenden, das er bis zu seinem Ruhestand 1983 innehatte.“

Nach der Wende setzte es dann Hiebe: „Kritisches und Selbstkritisches gab es in Erfurt zu hören. Dem früheren Berliner Superintendenten Steinlein, 1978 wegen des Spitzengesprächs der Kirchenvertreter mit Honecker freiwillig aus der Kirchenleitung ausgeschieden, gelang das mit Selbstironie und ohne Häme. [Das war bestimmt die Hauptsache.]

Bei einer Podiumsdiskussion über die umstrittene Selbstbezeichnung der ostdeutschen Kirchen als »Kirche im Sozialismus« bezeichnete er den schillernden Begriff als kennzeichnend für den Weg des Kirchenbundes, der oft weniger von eindeutigem Zeugnis als von vorsichtigem Taktieren gegenüber der SED-Diktatur bestimmt gewesen sei. [...] Es sei nicht das Ministerium für Staatssicherheit gewesen, sondern die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) in den Kirchen, die einen gewissen Einfluss sicherten. [...] Am Beispiel des früheren Thüringer juristischen Oberkirchenrates Gerhard Lotz (IM »Karl«) zeigte der Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten Clemens Vollnhals, wie einem IM mit scharfem politischen Verstand gemeinsam mit Gleichgesinnten die Beeinflussung einer ganzen Landeskirche gelungen ist. Auch wenn die geplante Anwerbung des damaligen Landesbischofs Mitzenheim nicht zustande kam, waren es die IM in der Kirchenleitung, die den staatsloyalen Thüringer Weg festigten.“ Es war auch nicht nötig, den am 17. August 1891 geborenen Moritz Mitzenheim als Informellen Mitarbeiter anzuwerben, denn er war bereits durch seine Kirche auf den Aufbau eines zweiten deutschen Staates geeicht worden. Von 1911 bis 1914 hatte er sein evangelisches Theologiestudium absolviert. 1914 erfolgte dann die Ordination. 1947 wurde er Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Von 1955 bis 1961 war er ein Mitglied des Rates der EKD, also der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er war „ein Befürworter kooperativer Beziehungen von Kirche und Staat“.

1958 initiierte er den „Thüringer Weg“ der staatsloyalen Kirchenpolitik. Im Jahr 1961 (!) erhielt er den Vaterländischen Verdienstorden der DDR. 1966 war er Ehrenmitglied der CDU (Ost) geworden. Aus dem Jahr 1968 stammt sein Wort von der „Kirche im Sozialismus“, das nach dem Kollaps der DDR dann auch gut kritisiert wurde. Da war es freilich für die Kritik mehrere Jahrzehnte zu spät. Der Oberkirchenrat Gerhard Lotz war sein Stellvertreter, der dann unter dem IM-Namen „Karl“ die notwendigen Gespräche mit der Staatssicherheit führte. Von Bischof Moritz Mitzenheim ist die Ansage überliefert: „Die Christen in der DDR, die Glieder unserer Kirchengemeinden bejahen die Aufgabe der Nationalen Front.“ Die Nationale Front war das „Wahlbündnis“ von Parteien und Organisationen in der nur wenig christenfreundlichen Deutschen Demokratischen Republik.

Am 21. November 1978 erhielt endlich der Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche in der DDR, Manfred Stolpe, so eine Verdienst-medaille des wichtigen Ministeriums für Stasi von „seinem Führungsoffizier“ Klaus Roßberg. Die Urkunde dazu war unterschrieben von dem zuständigen Minister, Erich Mielke. Da Manfred Stolpe nicht die Gnade des frühen Todes erfuhr, wurde er dafür intensiver kritisiert als Moritz Mitzenheim. Unbeschadet aller Kritik fiel er in der deutschen Politik nach 1990 immer weiter nach oben. Es geht mir nur darum, dass Sie wissen, von welcher Gilde unser Volk nach dem Krieg geteilt und dann regiert wurde, nachdem Adolf der Führer seine Löffel für immer im Stich gelassen hatte. 

Warum es zu dem Spitzentreffen erst 1978 und nicht schon Jahrzehnte zuvor kam, beantwortete Erich Honecker später in einem durchaus recht ausführlichen Interview: „Unser Verhältnis zur Kirche. Ich möchte sagen, dazu gehörten selbstverständlich immer zwei. Unsererseits haben wir in der Vergangenheit von 40 Jahren verschiedene Dummheiten gemacht, von der anderen Seite kann man das gleiche nicht abstreiten. Aber wir waren mit den Ergebnissen vom 6. März 1978 doch zu einer Grundlage des Zusammenwirkens von Kirche, Staat und Gesellschaft gekommen, die gute Ansatzpunkte enthielt für die gesamte weitere Entwicklung.“

1980

Geschichtsaufarbeitung in der Kirche

Es heißt ja immer: Hinterher, das holen die Hunde. Werfen wir trotzdem einen exemplarischen Blick in eine von vielen Auswertungen, die es nachträglich zur Rolle der großen christlichen Kirchen beziehungsweise eines ihrer großen christlichen Führer gab: „Wie intensiv viele theologische Repräsentanten des DDR-Kirchenbundes am Gemeinwohlglauben festgehalten haben, zeigt sich vor allem an ihrem Menschenrechtsverständnis. Die Grundrechte des Individuums wurden zugunsten einer kollektiven Menschenrechtsauffassung relativiert. Die Sowjetverfassung von 1918 »entwickelte und garantierte die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft und die Entfaltung der Freiheit durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und brachte so den Zusammenhang von politischen und sozialen Rechten«, hat Manfred Stolpe noch 1980 bestätigt.

Er hat auch behauptet, die DDR habe die völkerrechtliche Verpflichtung, die »universalen Menschenrechte« zu verwirklichen, in ihrer innerstaatlichen Rechtsordnung erfüllt. Im Interesse der bestehenden Ordnung hat der damalige Kirchenjurist auch die Einschränkung der Informations- und Pressefreiheit gerechtfertigt und die Beschneidung des Rechtes auf Freizügigkeit für menschenrechtskonform erklärt.

»Die Ausreise in kapitalistische Länder ist auf gesetzlicher Grundlage genehmigungspflichtig. Eine generelle Ausreisegenehmigung für alle Bürger ist zur Zeit nicht möglich. Sie würde sofort einen subjektiven Abwerbungsmechanismus auslösen, dem infolge von Wohlstandsverblendung doch eine größere Zahl von Menschen erliegen könnte«, hatte Stolpe seinerzeit gesagt. […] Das Gefühl, im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen zu haben, habe darüber hinaus die Bereitschaft vieler Theologen verstärkt, auf die Kommunisten zuzugehen und den Aufbau eines sozialistischen deutschen Staates als unumgängliche Folge der »deutschen Katastrophe« von 1945 zu unterstützen. Viele der prägenden Theologen des Kirchenbundes kamen aus der Bekennenden Kirche, einige hatten zunächst den Nationalsozialismus unterstützt und als Offiziere oder Militärgeistliche der Wehrmacht angehört.“

Ich erlaube mir hier eine ganz persönliche Anmerkung. Im Sommer 1980 wurde meinem Vater bei einer Behandlung in einem Krankenhaus ein Röntgenkontrastmittel in sein Rückenmark eingespritzt. Wenige Tage danach blieb er mit den wildesten Krankheitssymptomen liegen. Da hatte es sich ausgehopst. Meine Mutter ließ ihre Arbeit Arbeit sein und pflegte ihren Ehemann. Nach zehn Monaten hatte er tatsächlich noch einmal seine Augen aufgemacht und seine Finger bewegt. Meine Mutter versuchte damals drei Kinder und zwei Erwachsene von der Rente meines Vaters zu ernähren. Seitdem wusste ich, was Hunger ist. Hunger. Ich meine nicht, zu wenig zu essen. Schuhe bekam ich vom Opa und getragene Sachen kamen aus dem Westen. Das hat weder den Parteisekretär des Ortes angehoben noch einen Pfarrer. Nach unserer „Wende“ bekam ich den Beipackzettel des West-Medikamentes in die Finger, auf dem ich unter den Nebenwirkungen alle Erkrankungen meines Vaters fand. Nebenwirkungen muss man eben auch testen. Es ist uns nicht gelungen, einen Indizienprozess in die Wege zu leiten.

Ich hatte hier schon illustriert, dass sich die Zusammenarbeit mit den Kommunisten und ihrer Staatssicherheit nicht auf christliche Führer im Osten beschränkte. So „scheute Hermann Kunst vermutlich auch vor ungewöhnlichen Kontakten nicht zurück“. Als 1996 „ein bekanntes Nachrichtenmagazin [...] eine Notiz über angebliche Begegnungen des Bischofs mit Leuten vom Staatssicherheitsdienst“ brachte, sagte der West-Bischof Kunst: „als ein Pastor spreche er mit jedem“. In einem Leserbrief wollte ein Wessi später kritisieren, dass die SPD-Politiker Frau Jutta Limbach und Jürgen Schmude, die sich ähnlich wie Manfred Stolpe positioniert hatten, als Kandidaten für einen freigewordenen Stuhl beim unabhängigen Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe im Gespräch waren. Der Leser zeigte sich über die zur Verfügung stehenden Kandidaten enttäuscht: „Ein Armutszeugnis für unser Land, wenn wir tatsächlich keine andere Wahl haben sollten. Ein Stolpe ist doch wirklich genug. Ulrich Wetzel, München“ Und die Empörung eines Herrn Bödecker über die Nominierung des bibelfesten Johannes Rau oder auch Bruder Johannes zum Bundespräsidenten ist Ihnen doch auch noch in Erinnerung? 

Die Weltmacht und das Schicksal der Polinnen und Polen

Winkler hat es ja schon immer gewusst: „Menschliche Erleichterungen im geteilten Deutschland, die Quintessenz der »Politik der kleinen Schritte«, konnte es nur in einem Klima der Entspannung geben, und weil dem so war, musste die Bundesrepublik die stillschweigende Vo-raussetzung der Entspannungspolitik, die Existenz von zwei deutschen Staaten, respektieren. [Die Bundesrepublik konnte einem so Leid tun.] Die Kehrseite des deutschen Interesses an Entspannung war jener ausgeprägte Etatismus im Verhältnis zu den Staaten des Warschauer Paktes, den als erste »Solidarność« und dann andere Bürgerrechts-bewegungen kennenlernten. Die sozialdemokratischen »Erfinder« der Ostpolitik waren in dieser Hinsicht besonders konsequent: Als Partner im Osten akzeptierten sie lange Zeit ausschließlich die Regierungen und die regierenden Parteien. Das Nachsehen hatten die oppositio- nellen Gruppen, die in gewisser Weise selbst Kinder der Entspannungspolitik, nämlich des humanitären »Korbes 3« der Helsinki-Schlussakte von 1975, waren.“ Sagen wir es einmal anders: bis 1969 sicherte der Kalte Krieg und ab 1974 die Kalte Entspannung die Existenz der DDR.

Kleine Schritte können schließlich und endlich in ganz verschiedene Richtungen führen. Vergleichen Sie die Sicht des Deutschen Winkler aber gerne mit der Sicht des Briten Timothy Garton Ash: „Es waren die Vereinigten Staaten unter Carter, die die Wahrung der Menschenrechte unmittelbar mit der Vergabe von neuen Krediten verknüpften. Ganz eindeutig beeinflussten sie damit Giereks Toleranz gegenüber der gerade flügge werdenden demokratischen Opposition. Es waren Regierung, Kongress, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen der Vereinigten Staaten, die den Vorgängern von Solidarność und schließlich Solidarność selbst die größte politische, moralische und vor allem finanzielle Unterstützung gewährten. Natürlich ist auch diese Geschichte wieder höchst kompliziert. Aber im Allgemeinen ist richtig, dass – wie Havel in seiner Frankfurter Rede andeutete – die Bundesrepublik hier das andere Extrem verkörperte.“

Rätsel hat dieses undemokratische Verwirrspiel nicht nur Breshnjew und Carter aufgegeben. Auch Markus Wolf wurde die Marschrichtung Herbert Wehners (SPD) und der vielen anderen mit den Jahren leider kein bisschen klarer: „Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine Destabilisierung im sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarność-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete.“ An der Waterkant sagen die Leute in solchen Situationen: Wat mutt, dat mutt.

Die DDR hatte im Dezember 1980 die militärischen Vorbereitungen für einen Einmarsch in Polen abgeschlossen, um gemeinsam mit anderen Staaten des Warschauer Paktes die Konterrevolution durch die freie Gewerkschaft Solidarność zu beenden. [...] Das streng geheime Vorhaben wurde aber offenbar in letzter Minute von der sowjetischen Führung gestoppt. [...] Mitglieder der Enquete-Kommission, darunter der Obmann der Unionsabgeordneten, Koschyk, forderten daraufhin die Staatsanwaltschaft auf, umgehend Ermittlungen gegen Honecker und die Mitglieder des Nationalen Verteidigungsrates wegen der »Vorbereitung eines Angriffskrieges« aufzunehmen. Dies sei auch nach DDR-Strafrecht ein Verbrechen gewesen. Aus Honeckers Befehl und den dazugehörigen Befehlen des Armeegenerals Hoffmann geht hervor, dass 21 Divisionen der DDR, der Sowjetunion und der ČSSR zu-nächst unter dem Deckmantel eines gemeinsamen Manövers auf polnischem Territorium eingesetzt werden sollten. Die DDR sollte vier Divisionen stellen. Dieses Manöver war sehr kurzfristig anberaumt worden und wurde von der Führung der polnischen Streitkräfte, die daran teilnehmen sollten, offenbar als Interventionsversuch erkannt. [...] Bei dem Manöver, das entgegen den Regeln der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) nicht vorher bekanntgegeben wurde, sollte dem Wortlaut des Honecker-Befehles zufolge der »Angriff aus der Bewegung auf einen eilig zur Verteidigung übergehenden Gegner und der Angriff in die Tiefe« – und zwar unüblicherweise nach Osten – »geübt« werden.“

Manfred Stolpe legte „am 15. Dezember 1980 gegenüber dem Leiter der Arbeitsgemeinschaft Kirchenfragen im ZK der SED, Bellmann,“ dar, „die Bischöfe hätten folgende Position »erarbeitet«: Man »wolle sich nicht infizieren lassen von der Nervosität des Westens, . . . die beste Hilfe für Polen bestehe darin, dass die DDR ihren klaren Kurs fortsetze«. Allerdings seien »Probleme in der Kirche unvermeidbar, wenn die NVA militärisch eingreifen müsse. Es sei ein Unterschied, wenn so etwas vonseiten der Sowjetunion geschehe oder von der DDR«. Wilke rief die evangelische Kirche auf, im Lichte der neuen Erkenntnisse klarzustellen, ob Stolpe gegenüber der SED hier tatsächlich im Namen der Bischöfe gesprochen habe. Es wäre ein »Skandal erster Ordnung«, wenn Honecker aus Stolpes Äußerungen den Schluss hätte ziehen können, dass die Bischöfe einen Einmarsch der Roten Armee in Polen zur Unterdrückung der Freiheitsbewegung gebilligt hätten, sagte Wilke. Die Planung der Nationalen Volksarmee für einen Einmarsch in Polen wurde, wie die Akten des Ministeriums für nationale Verteidigung zeigen, im Laufe des Jahres 1981 weiterentwickelt. [...] Die verfeinerten Einsatzplanungen des Jahres 1980 waren schließlich im Dezember 1981 Grundlage für die neuerliche Vorbereitung einer Invasion in Polen.“ 

1981

Der verbissene Kampf um den Fortbestand des Systemkonflikts

Was wäre um Gottes willen aus dem Systemkonflikt geworden, hätten es die Polen damals schon geschafft, die kommunistische Diktatur zu beseitigen? Nicht auszudenken. Das gleiche wie 1990. Sozialismus weg, DDR weg. Und das dann nicht unter Dr. „Dick und Doof“ Kohl, sondern unter „Schmidt-Schnauze“. Gewisse Vorteile hätte vielleicht auch das gehabt. Das Minus in der westdeutschen Staatskasse wäre dann um 200 Milliarden (!) geringer gewesen als zehn Jahre danach, die DDR wäre noch nicht ganz so arg in Ruinen versunken gewesen, und man hätte in all diesen Jahren nicht in der ständigen Angst vor einem ruinösen Kernwaffenkrieg leben müssen.

In Bonn und in Moskau beobachtete man also auch im Jahr 1981 die Entwicklung zwischen dem Riesengebirge und der Ostsee mit großer Sorge. Im Unterschied zu Bonn konnte Moskau dort jedoch militärisch eingreifen. Aber Helmut Schmidt hätte es ja auch nicht chic gefunden, wenn sich die DDR beteiligt hätte. Wegen unserer Geschichte. Es war 1981 immer noch geplant, die Aufstände in Polen im Rahmen eines Manövers des Warschauer Paktes niederzuschlagen. Das war aber auch weiterhin eine heikle Angelegenheit, da sich alle Länder der NATO und des Warschauer Vertrages 1975 in Helsinki verpflichtet hatten, große Truppenbewegungen ein halbes Jahr im Voraus anzukündigen. Ein halbes Jahr später konnte jedoch bereits längst alles aus dem Ruder gelaufen sein, also sollte die vertrauensbildende Maßnahme für diesen Zweck ausgehebelt werden. Sollten sich doch die Russen blamieren.

In dieser vertrackten Situation fuhren am 16. Juli 1981 der Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der Deutschen Demokratischen Republik, Manfred Stolpe, und der Bischof Albrecht Schönherr zu einem Sondierungsgespräch mit Helmut Schmidt in die BRD. Manfred Stolpe war geradezu prädestiniert für diese Aufgabe, denn er war ja seit 1976 Mitglied der Menschenrechtskommission des Weltkirchenrates. Bezüglich der Lage in der DDR hatte er sich ja auch 1980 schon als ein Kenner der Situation hier ausgewiesen, als er die Wertung absonderte: „Die DDR hat sich völkerrechtlich verpflichtet, die universalen Menschenrechte in ihrem Bereich zu verwirklichen. Sie hat diese Verpflichtung in ihrer innerstaatlichen Rechtsordnung erfüllt.“ Der Kirchenmänner Gesprächspartner in Bonn war für diese Sondierung bezüglich der renitenten Polen prädestiniert, weil er in der NATO ein Wörtchen mitreden konnte. In Bonn informierten sich die beiden Pioniere „über die Einstellung Bundeskanzler Schmidts zu einem Einmarsch“ sowjetischer Truppen in Polen. Wollen wir sehen, wie es Schmidt mit der Maxime seines Außenministers Genscher für die Bonner Außenpolitik hielt. Hans-Dietrich Genscher sagte nämlich 1986 bei der Verleihung der Thomas-Dehler-Medaille der bayerischen FDP: „Niemand kann sich eine zynische, eine wertfreie Außenpolitik weniger leisten als wir Deutschen.“

[Der Historiker Manfred] Wilke sagte, im Licht der neuen Beweise komme der Reise des heutigen brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe im Juli 1981 nach Bonn neue Bedeutung zu. Stolpe war damals den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit zufolge als »IM Sekretär« nach Bonn gereist und hatte danach seinen MfS-Führungsoffizier über die Einstellung Bundeskanzler Schmidts zu einem Einmarsch informiert.“ Was konnten die beiden Kirchenfürsten in Er-fahrung bringen? „Wenn Stolpe und Schönherr 1981 richtig zugehört hatten – und das war eine ihrer fundamentalen Qualitäten für dieses Geschäft –, hatte Schmidt in einem Gespräch mit ihnen Verständnis für die sowjetischen Interventionspläne Richtung Polen geäußert, was niemanden, der Schmidts Stabilitätsdenken kennt, erstaunt. »Schmidt äußerte weiter, dass er es verstehen könne, wenn sich die Sowjetunion engagiert, denn sie muss als Führungsmacht ihren Laden reinhalten«, heißt es im MfS-Gesprächsvermerk vom 18. Juli 1981. […] Also blieb auch hier das Wesentliche ungeklärt. Schmidt wollte diese auch für Moskau interessante Botschaft »nach ganz oben« transportiert sehen. Wie? Über die Stolpe/Stasi-Konnektion oder offen über den bischöflichen Amtsweg?“ Mich interessiert allerdings weniger, auf welchem Weg er seine Einstellung transportiert sehen wollte; wichtig ist doch wohl Schmidts Einstellung selbst?!

Auf derart infame Unterstellungen und unglaubliche Beleidigungen reagierte Schmidt-Schnauze 1993 einerseits empört, aber andererseits natürlich auch entrüstet: „Manfred Wilke [...] hat Ministerpräsident Stolpe und mir in meiner damaligen Funktion als Bundeskanzler vorgeworfen, 1981 die Ausrufung des Kriegszustandes und einen eventuellen Einmarsch in Polen unter Beteiligung der Nationalen Volksarmee billigend in Kauf genommen zu haben sowie in Kenntnis der Lage von einem DDR-Besuch nicht Abstand genommen zu haben.“ Gut, und wie soll man ihm sowas beweisen? Etwa mit Akten eines kommunistischen Geheimdienstes? Nie und nimmer. Die sind ja alle ungültig. Und was kann er anbieten, um diesen Vorwurf aus der Welt zu schaffen? Man sollte doch die Mitglieder seiner Delegation „beim DDR-Besuch vom Dezember 1981 (zum Beispiel die Herren Bölling, Bräutigam, Huonker, Graf Lambsdorff oder von Richthofen)“ fragen. Mir leuchtet nur nicht ein, woher die Herren vom Dezember wissen sollten, was „Schmidt-Schnauze“ im Juli zu Albrecht Schönherr und Manfred Stolpe gesagt hat. Und den nächsten Tipp hätte er sich wohl besser auch verkneifen sollen: „Auch hat Wilke darauf verzichtet, mich zu befragen.“

Stolpe berichtete am 27. Juli 1981 seinem Führungsoffizier, Schmidt sei in Sorge darüber, »was passiert, wenn in der VRP [Volksrepublik Polen] Ruhe und Ordnung doch nicht eingehalten werden und marschiert werden muss«. Schmidt könne verstehen, »wenn sich die Sowjetunion engagiert, denn sie muss als Führungsmacht ihren Laden reinhalten. Aber wenn die DDR sich einmischt, wenn sich Deutsche einmischen, dann gäbe es absolutes Unverständnis«, heißt es in einer nach der Berichterstattung Stolpes erstellten, »streng geheimen« Information des MfS an die Staatsführung. Dagegen wendet der Historiker Faulenbach ein, dass Schmidt sich im Bundestag öffentlich auf die Seite der polnischen Gewerkschaft ge-stellt habe. Auf Grund der Einschätzung, dass die deutsch-deutschen Beziehungen aus der möglichen Verschärfung der weltpolitischen Lage herausgehalten werden konnten, wurde nach Stolpes Bonn-Reise die Vorbereitung für den Besuch Schmidts in der DDR intensiviert.“

Fein gemacht. Aber vielleicht doch noch ein Wort zum Einwand des Historikers Faulenbach. Seinen Vornamen habe ich nicht extra noch recherchiert. Von Schmidts feucht-warmer Luft im Wasserwerk zu Köln am Rhein, nein, das war anders, Bonn am Rhöndorf, nein, auch nicht, also irgendwo im NSW, hatte kein Pole irgendetwas. Wenn er es aber geschafft hätte, die Russen in Marsch zu setzen, davon hätten die Polen echt was gehabt. Noch ein paar mehr Russen in Polen. Die sahen teilweise gar nicht so schlecht aus.

Auch hier gibt es eine wunderschöne historische Parallele, die an den Unterschied zwischen der Theorie für das Publikum vom Rednerpult aus und der Praxis im Umgang mit der Führung des „Unrechtsstaates“ im Osten des Landes erinnert. Dabei geht es einmal laut und einmal hinter vorgehaltener Hand um eine größere Stadt in Sachsen-Anhalt. Als 1953 auch dort Leute auf die Straßen gingen, um ihre Interessen deutlicher zu artikulieren, sagte Schmidts Genosse Herbert Wehner in Bonn am Rhein ins Mikrophon: „Zu den erschütterndsten Erlebnissen gehört ja doch wohl, wie die Arbeiter von Magdeburg, nachdem sie gehört hatten, in Berlin sei man in den Ausstand getreten, erklärten: Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Und sie traten ebenfalls in den Streik in einer Situation, in der sie seit sechs Wochen durch besondere Abgesandte des Politbüros der SED geknebelt und geplagt worden wa-ren wegen ihres angeblichen Sozialdemokratismus, wegen angeblicher Sabotage am Aufbauwerk. Und die erste Tat der Magdeburger war die Befreiung von 150 politischen Gefangenen aus dem Gefängnis (lebhafter Beifall bei der SPD) und das Einsperren der Wachmannschaften.“ Zum Zeitpunkt dieser Rede waren Ruhe und Ordnung in Magdeburg jedoch längst wieder hergestellt. Als dann aber 1956 die Ereignisse in Ungarn drohten, diese mitteldeutsche Stadt erneut aus ihrer Friedhofsruhe zu reißen, kamen von demselben SPD-Führungskopf ganz andere Töne. Wehner mahnte die DDR damals dringend, zu verhindern, dass es an der deutsch-deutschen Grenze bei Magdeburg zu Ungarn-ähnlichen Unruhen in der DDR komme.“ Vollkommen fraglos ging das dann nicht über das Saalmikrophon im Bundestag. Warum sollten Schmidts Worte in jenem Hause als Beweis dafür gelten, was er woanders (nicht) sagte?

Hören wir ebenso den ehemaligen Herrn Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker mit seiner Einlassung über den Umgang mit den guten Unterlagen der Staatssicherheit der DDR: „Die Akten bringen immer die Sicht des Auftraggebers. Sie lügen darin nicht, sind aber einseitig und müssen bewertet werden. Sie sind keine objektive und moralische Instanz und keine unwiderlegbaren Verurteilungsbeweise. [...] Aus der leidvollen Geschichte der DDR ein Objekt für Mediengeschäfte mit gekauften Akten und reißerischer Verbreitung von Angst und Feindschaft zu machen, ist ein widerwärtiger Skandal. Es darf nicht sein, dass die einen verdienen, die anderen verzweifeln.“ Wie verständnisvoll. Aber auch andere, wie Marion Gräfin Dönhoff oder rein zufällig auch Friedrich Schorlemmer und der ehemalige Vertraute von Brandt, Egon Bahr, kritisieren die Veröffentlichung der Akten. Auch der große Kanzler Helmut Kohl hatte es ungeheuer eilig, jeglichen Versuch einer Veröffentlichung ganz schnell unter Strafe zu stellen.

Nicht verhindern ließ sich jedoch die Veröffentlichung des Lebensrückblicks des Spionagechefs im geheimen Krieg, Markus Wolf. Auch seine Erinnerungen verstärken den schiefen Eindruck über westliche Politiker wie zum Beispiel über Herrn Wehner, den man bekommen könnte, wenn man ihn nicht schon vorher gehabt hätte: „Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner, der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. Wieder einmal warnte er vor Brandt, der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen Solidarność-Bewegung. Er fürchte, sagte er zu Vogel, einen »gefährlichen Ermunterungssog«, wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. Er riet seinem Freund Honecker zu »entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten, »je eher, desto besser«. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen, denn er meinte: »Es geht leider nicht ohne innere Gewalt, leider. Es ist eine halbe Minute vor zwölf.« [...] Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwänglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. Er bekannte, das schönste Geschenk zu seinem 75. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden, eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz, der kaum Beachtung fand, weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater.«“ So unglaubwürdig klingt das gar nicht; aber ein anderer Grund ist Markus Wolf offenbar nicht eingefallen, warum der Satz in den Medien kaum Beachtung fand.

Genauso wenig verhindern ließ sich die Veröffentlichung des Buches Im Namen Europas – Deutschland und der geteilte Kontinent: „Charakteristisch für den politischen Ansatz der meisten führenden Ostpolitiker der Bundesrepublik waren nicht nur deutliche Berührungsängste, sondern eben auch jene bewusste Vermeidung aller potenziell destabilisierenden Kontakte. Klaus Reiff, sozialdemokratischer Journalist, der in den frühen achtziger Jahren Presseattaché in der Deutschen [er meint die BRD-] Botschaft in Warschau war, erinnert sich, dass im Warschauer Besuchsprogramm Hans-Dietrich Genschers im März 1981 keine Gespräche mit Vertretern von Solidarność vorgesehen waren. Als Reiff auch nur versuchte, ihm während einer Pressekonferenz einen Journalisten aus den Reihen von Solidarność vorzustellen, erntete er eine höchst irritierte Reaktion des Außenministers – und dies zu einer Zeit, als Solidarność eine völlig legale Organisation und selbst von den kommunistischen Behörden anerkannt war! Unvermeidlich bleibt das Beweismaterial zu diesem Punkt anekdotisch. Aber an der Richtung, in die diese Anekdoten weisen, besteht kein Zweifel.“ Aus solchen Anekdoten bestehen die sechs Bände von Intimfeinde.

Es ist wirklich schön, dass auf der Rückseite drei Einschätzungen des Buches von durchaus bekannten Persönlichkeiten zu finden sind. Die zweite gefällt mir in diesem Zusammenhang am besten. Der Journalist Alexander Gauland formulierte: „Das Buch ist im besten Sinne typisch englisch: skeptisch, pragmatisch, allen Ideologien und Rechtfertigungen misstrauend, geprägt von der Weisheit eines whiggistischen Ge-schichtsbildes, das statt nach dem Nutzen für die Menschheit nach dem Nutzen für den einzelnen Menschen fragt – und das anstelle der abstrakten Freiheit lieber die konkrete Freiheit der Deutschen, Polen und Tschechen in den Mittelpunkt stellt.“ Das ist dann das Gegenstück zu Helmut Schmidts Realpolitik. Darüber kann man von Marion Gräfin Dönhoff lesen: „Als Augenzeuge und Kommentator des Geschehens in Osteuropa schreibt Timothy Garton Ash mit einer Brillanz und Kompetenz wie vor ihm nur Tocqueville.“ Und der dritte im Bunde ist Egon Bahr, der meinte: „Garton Ash ist ein großes Buch gelungen, das viele Diskussionen auslösen wird.“ Das will ich hoffen.

Und nun wollen Sie natürlich wissen, warum Helmut Schmidt mit dem Wink an Erich Honecker, er könne verstehen, „wenn sich die Sowjet-union engagiert, denn sie muss als Führungsmacht ihren Laden reinhalten“, schließlich doch keinen Erfolg hatte und warum Leonid Boss Breshnjew die Truppen des Warschauer Vertrages nicht in Polen einmarschieren ließ. Schauen wir uns an, was Schmidts Außenminister Hans-Dietrich Genscher aus der Führung der F.D.P. über diese Entscheidungsfindung in Erfahrung bringen konnte: „Die Gespräche mit den Regierungen Mittel- und Südosteuropas boten Gelegenheit, Entwicklungen im sowjetischen Machtbereich frühzeitig zu erkennen. So war es auch, als ich bei einem Prag-Besuch am 1. und 2. Februar 1983 einen Empfang in der deutschen Botschaft gab. Niemand konnte damals ahnen, welche Bedeutung dieses Botschaftsgebäude 1989 – nur sechs Jahre später – noch erlangen würde.

Während des Empfangs baten mich Ministerpräsident Strougal und Außenminister Chňoupek um ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen. Strougal berichtete, wie die Entscheidung zur Verhängung des Kriegsrechts in Polen zustande gekommen war. Es habe eine Sitzung im Rahmen des Warschauer Pakts stattgefunden, an der die General-sekretäre, aber auch die Ministerpräsidenten teilgenommen hätten. Deshalb sei er, Strougal, ebenfalls zugegen gewesen. Dabei sei es vor allem um die Frage einer militärischen Intervention in Polen gegangen. Zum ersten Mal hätten Angehörige der sowjetischen Delegation unterschiedliche Meinungen erkennen lassen. Suslow und Ustinow hätten damals für eine rasche Intervention plädiert, während Breschnew und Gromyko sich auffallend zurückgehalten hätten. »Es waren Ihre und unsere Nachbarn«, fügte er hinzu, »die auf eine Intervention drangen« – hier meinte er die Delegation der DDR. Als erster habe sich der Bulgare Schiwkow gegen einen militärischen Eingriff ausgesprochen. »Sie werden sicher denken, dass der ungarische Ministerpräsident Kádár als nächster gesprochen habe«, sagte Strougal, »aber dem war nicht so: Wir waren es. Präsident Husák hat als erster die Position von Schiwkow unterstützt.« Erst danach habe auch Kádár sich dieser Position angeschlossen. »Ihre und unsere Nachbarn«, gemeint war wiederum die DDR-Führung, »waren für ein Eingreifen.« Rumänien übrigens sei nicht vertreten gewesen; Ceauşescu hatte es abgelehnt, an der Sitzung überhaupt teilzunehmen. Schließlich habe Breschnew gesagt: »Da die meisten unserer Verbündeten sich gegen eine Intervention aussprechen, ist es nicht möglich, einzugreifen. Wir müssen erwarten, dass die polnischen Genossen ihre Probleme selbst lösen können.«

Für die Richtigkeit dieser Darstellung spricht, dass ich bei einem späteren Besuch in Sofia Präsident Schiwkow ohne Hinweis auf mein Ge-spräch in Prag fragte, wie man damals die Haltung des Warschauer Pakts gegenüber Polen festgelegt habe. Schiwkow antwortete: »Ich habe mich gegen die Intervention ausgesprochen, und die Tschechen haben mich unterstützt.« Und er fügte hinzu, dass er sich nicht sicher gewesen sei, wie die anderen reagieren würden, da es vorher keine Absprachen gegeben habe.“

Wäre die Entscheidung aber anders ausgefallen, und Breshnjew hätte Sorgen geäußert, wie man das der NATO beibringen solle, dann hätte der Architekt der zweitlängsten Wand der Welt, Erich Honecker, damit glänzen können, dass ihm der Herr Bundeskanzler Helmut Schmidt über einen hochrangigen Boten signalisiert habe, dass er die danach hochkochenden Wogen im Westen schon glätten würde. Ich bin mir noch nicht vollkommen sicher, ob man diesen unglaublichen Vorgang mit der Charakterisierung als einem unfassbaren Skandal nicht immer noch unzulässig verharmlost.

Wenn wir nun schon mal beim Verharmlosen angekommen sind, will ich hier noch eine weitere ganz infame Unterstellung wertfrei in die Diskussion bringen. „Am 13. Mai 1981 verübte der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Ağca auf dem Petersplatz in Rom ein Attentat auf Johannes Paul II. Dieser wurde dabei durch drei Projektile schwer verletzt und 20 Tage lang in der Gemelli-Klinik behandelt. Am 20. Juni 1981 wurde er erneut wegen der Schussverletzungen in die Klinik gebracht und nach einer Operation am 14. August wieder entlassen.“ Ich habe es mir hier wieder einfach gemacht und habe die technischen Daten der guten Internetseite von Wikipedia entnommen.

Zur Aufklärung eines Mordes fragt sich Kommissar Colombo zuerst: Cui bono – Wem nützt es? Erlauben Sie mir, die strategischen Über-legungen wiederzugeben, die man bei Wikipedia finden kann: „Die Hintermänner des Attentats wurden beim sowjetischen Geheimdienst KGB vermutet. Es blieb allerdings lange Zeit eine Vermutung, da Ağca sich bis März 2005 beharrlich über die Hintergründe des Attentats ausschwieg.

Inzwischen behauptet er, Unterstützung aus dem Vatikan erhalten zu haben. 2006 kam ein Untersuchungsausschuss des italienischen Parlaments zu dem Schluss, dass das Attentat im Auftrag Breschnews vom russischen Geheimdienst GRU in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst sowie der Stasi verübt wurde.“ Stosi.

Karol Józef Wojtyła war im Oktober 1978 als erster Slawe zum Papst gekürt worden; fortan trug er den Namen Johannes Paul II. Zu jedem Zeitpunkt x war der Vatikan gegen den Kommunismus, was nicht verwundert, war doch der Kommunismus ebenfalls zu jedem Zeitpunkt x gegen die Katholische Kirche. Da gab es also einen Zusammenhang. Es scheint mir interessant zu sein, wer seine Wahl begrüßt hat. Was sagt der Politologe und Journalist Ferdinand Kroh? „Mit »Gotteskriegern« ganz anderer Art hatte Reagan gegen die Sowjets eine zweite Front im Wendemanöver in Europa eröffnet: Erzbischof Wojtyłas Wahl zum Papst am 16. Oktober 1978 war eine Sensation. Was niemand damals ahnte: Die Entscheidung der katholischen Kirche für einen polnischen Papst war eng mit dem Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion in der Endphase der Regierung von Jimmy Carter verbunden gewesen. Wojtyła hatte schon als Krakauer Erz-bischof einen intensiven Briefwechsel mit dem polnisch-stämmigen amerikanischen Sicherheitsberater Carters, Zbigniew Brzezinski, un-terhalten. Brzezinski, der als offizieller amerikanischer Vertreter zur Beerdigung von Wojtyłas Vorgänger angereist war, hielt sich an-schließend 1978 während der gesamten Papstwahl, die zur Ernennung Wojtyłas führte, in Rom auf. Brzezinski war der ideologische »Stammvater« des Kalten Kriegs gegen die Sowjets. [...] Johannes Paul II. war sich der Gefahr einer gewaltsamen Revolution in Polen und Osteuropa bewusst. Um sicherzustellen, dass das kommunistische Regime gewaltlos gestürzt wurde, setzte er sich in der polnischen Arbeiterschaft für eine gemäßigte Führung ein. Er wurde dabei von der CIA und dem amerikanischen Gewerkschaftsbund AFL-CIO unterstützt, der eng mit dem US-Geheimdienst und dem US-Außenministerium zusammenarbeitete.

Mindestens 50 Millionen Dollar flossen über die CIA zum Vatikan für seine Wühlarbeit. Johannes Paul II. traf sich regelmäßig mit den katholischen Chefs der CIA zu Audienzen. Auf dieser Grundlage ergriff die katholische Kirche offen Partei für Solidarność. Keine acht Monate nach seiner Ernennung unternahm der neue Papst seine erste »Pilgerreise« nach Polen, der 1983 und 1987 zwei weitere folgten, und er gewährte einer Delegation von Solidarność in Polen gleich zu Anfang unter Leitung von Lech Wałesa eine Audienz. Erich Honecker äußerte damals, wenn die Gewerkschaft Solidarność in Polen die Oberhand gewönne, würde es um die DDR geschehen sein. Ähnlich sah es ein vertrauter Westfreund: Herbert Wehner, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag.“ Immer auf den armen Wehner; wir werden sehen, wie sich die anderen Demokraten in Bonn am Rhein in dieser heiklen Angelegenheit positioniert haben. „Nachdem das polnische Militär im Dezember 1981 die Macht übernommen und das Kriegsrecht verhängt hatte, verkündete Reagan 1982 vor dem britischen Parlament, dass er einen »Kreuzzug für die Freiheit« anführen wolle, der erst zu Ende wäre, wenn der »Marxismus-Leninismus auf dem Aschehaufen der Geschichte« gelandet sei.“ Das verband ihn mit Margaret Thatcher, die zu jener Zeit Premierministerin von Großbritannien war. Da klafften Welten zwischen Amerika und England und den Absichten in Bonn.

Mit der Wahl eines Ost-Europäers wurde somit ein deutliches Zeichen gesetzt. Ich erinnere mich, dass ich mit 14 die Symbolik dieser Wahl erfasst habe. Jetzt haben wir aber immer noch nicht die Frage aller Fragen geklärt – Cui bono? Breshnjew war jener Politiker, der trotz seiner sehr angeschlagenen Gesundheit nach Bonn flog, um die Welt vor der atomaren Zerstörung zu bewahren, und letztlich von einem Einmarsch in Polen Abstand genommen hatte, weil seine Genossen im Warschauer Vertrag dagegen waren. In Sofia regierte Todor Shiwkow, der als erster gegen einen Einmarsch von Truppen seines Landes in Polen gestimmt hatte. Und Erich Honecker. Gut, dann war es eben Erich Honecker. Der hat ja Walter Ulbricht schon mit Männern mit Maschinengewehren zum Rücktritt bewegt. Oder Schmidt. So fern liegt mir der Gedanke nicht. Wer Stolpe zu Honecker schickt, damit Breshnjew erfährt, dass er die Polen plattmachen darf, der ist zu jeder Schandtat fähig. Schmidt war auch derjenige, dessen Sinnen im März 1974 nicht mehr so auf ein Avancement gerichtet war und an dem zwei Monate später bei der Absägung von Willy Brandt nicht einmal der Hauch eines Verdachts hängen blieb, dass er mit der Geschichte etwas zu tun gehabt haben könnte. An Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski ließ Helmut Schmidt jedenfalls kein gutes Haar.

Auf der anderen Seite war Brandt seinerzeit überrascht, als er hörte, im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sei dem Vatikan, wegen dessen Haltung zur DDR, eine unheilvolle Ostpolitik vorgeworfen worden. Im zuständigen Arbeitskreis hatte, wie Sie sich erinnern werden, ein guter Katholik geäußert, „der Papst und Willy Brandt machten den gleichen Grundfehler“. Und dieser Papst war damals noch lange kein Pole. Im Jahre 1980 hatten die Bischöfe in Unserer DDR ja wohl auch einen denkbaren Einmarsch der Roten Armee in Polen gebilligt.

Genscher aus der FDP weigerte sich so beharrlich wie Schmidt aus der SPD, mit oppositionellen Gruppen in Polen Kontakte aufzunehmen; Egon Bahr aus der SPD sah im Aufstieg der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność eine Gefahr für den Weltfrieden und bejahte 1982 das Recht der Sowjetunion, gegen einen etwaigen Austritt Polens aus dem Warschauer Pakt militärisch zu intervenieren“. Im selben Jahr sagte Walther Leisler Kiep aus der Bonner CDU zu Herbert Häber von der Ost-Berliner Staatspartei SED, „dass in der Bundesrepublik nur wenig Bereitschaft bestünde, die Erfolge der Entspannung wegen Polen zu opfern“. Was hatte er damit nur gemeint?

Herbert Wehner aus der SPD ließ 1981 die Botschaft nach Ost-Berlin transportieren: Es geht leider nicht ohne innere Gewalt, leider.“ Und der Vorzeige-Antikommunist Franz Josef Strauß aus Bayern wird 1983 beim Abstecher nach Polen die Bitte der kommunistischen Regierung respektieren, sich nicht mit Führern illegaler Gruppen zu treffen. Ich sehe da keine Meinungsverschiedenheiten im Regierungskollektiv in Bonn. Ich weiß selbst, dass das noch nichts beweist. Das legt aber eine Urheberschaft Bonns näher als eine Urheberschaft Moskaus oder Sofias. Todor Shiwkow war vermutlich in die Schusslinie geraten, weil sich der Attentäter einmal in Bulgarien aufgehalten hat. Aber der war vielleicht auch mal auf den Malediven. Und in Bulgarien laufen auch nicht nur Bulgaren herum.

Gut, Brandt hat darauf hingewiesen, dass er Leute von der Opposition getroffen hat: „Horst Ehmke und ich hatten in der Deutschen Botschaft Gespräche mit Tadeusz Mazowiecki, der damals, im Jahre 1985, einer der engsten Mitarbeiter von Lech Wałesa war. Soll ich den Beispielen weitere hinzufügen?“ Aber, ist das nicht langweilig – immer Brandt anführen zu müssen, um das Regierungskollektiv in Bonn zu entlasten? Nein, Brandt wird den BND nicht beauftragt haben, einen zu finden, der aus irgend einem Grund den Papst umbringt. Ich sehe aber auch Breshnjew oder Shiwkow nicht als die Drahtzieher an. Was macht sie denn um Gottes willen gespenstischer als Helmut Schmidt?

Dieses Attentat war trotz der drei Projektile im Fleisch des Papstes glimpflich ausgegangen. Johannes war ein Sportler und ein Kämpfer, ein verdammt kerniger Pole. Der hat die Deutschen im Krieg schon überlebt. „Am 12. Mai 1982, während der Pilgerreise des Papstes in Portugal zum Dank, dass er das Attentat überlebt hatte, versuchte der ultrakonservative katholische Priester und Anhänger des französischen Bischofs Marcel Lefebvre, Joan Fernandez Krohn, mit einem Bajonett ein weiteres Attentat auf den Papst zu verüben, konnte jedoch von dessen Leibwächtern überwältigt werden. Der Attentäter begründete sein Handeln mit der »Rettung« der katholischen Kirche vor den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils.“ Das kaufe ich dem Autoren bei Wikipedia jetzt mal so ab. Lefebvre schwieg sich über sein Motiv zumindest nicht aus. Damit Sie nicht denken, ich sei zu amerikafreundlich, will ich Ihren Blick noch einmal auf die gute CIA lenken. 1978 war das Drei-Päpste-Jahr. Am 26. August war Johannes Paul I. zum Papst erkoren worden. Es sollte doch aber durchaus ein Ost-Europäer werden. Es würde auch Sinn machen, dass er gelyncht wurde, weil er die falsche Wahl war. Zumindest hält sich die wilde Verschwörungstheorie hartnäckig, dass John Cody, der Erzbischof von Chicago mit dem zügigen Ableben von Johannes Paul I. nach 33 Tagen in Verbindung stand. Wissen Sie, ich glaube an das Gute im Menschen. Es passiert nur so viel Mist, wenn Menschen dann das Gute mit dem Kopf durch die Wand erzwingen wollen.

1982

Polen gefährdet den Frieden in der Welt

Im Januar 1982 flog der Bundeskanzler zu Gesprächen mit Präsident Reagan über die Lage in Polen in die Vereinigten Staaten. Es gelang ihm jedoch nicht, ihn von wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen gegen die Führung in Warschau abzuhalten. Weil der Sozialismus – bei dem Gedanken daran, wie es den Menschen damals dort ging, bleibt mir dieses Wort im Halse stecken – weil dort also der Sozialismus gestützt werden sollte, verkaufte der Maestro den Leuten, dass der Amerikaner übereilt gehandelt habe: „Wenn aber das Fernsehen der fernsehenden Nation ein Ereignis – und sei es in noch so einseitigen Ausschnitten der Wirklichkeit – eindringlich vorgeführt hat, so muss das Weiße Haus dazu Stellung nehmen, in vielen Fällen noch am gleichen Tage, das heißt rechtzeitig zu den abendlichen Nachrichten- und Magazinsendungen, die am nächsten Vormittag zum Teil wiederholt werden. Infolgedessen werden manche politischen Entscheidungen in großer Hast und deshalb fehlerhaft getroffen.“ Unter diese Wertung fiel auch Präsident Reagans „Embargo gegen Polen, nach der Verhängung des »Kriegsrechtes« durch Jaruzelski.“ Das waren einseitige Ausschnitte der Wirklichkeit, denn Bonn war davon ja überhaupt nicht betroffen. Selbstverständlich hatte das Kollektiv der Staats- und Parteiführungen in Bonn am Rhein ihre Positionierung auch in dieser Frage koordiniert. Im Februar sagte Walther Leisler Kiep von der Bonner CDU zu Herbert Häber von Unserer Ost-Berliner SED, „dass in der Bundesrepublik nur wenig Bereitschaft bestünde, die Erfolge der Entspannung wegen Polen zu opfern“. Der Brite Timothy Garton Ash kommentierte das so: „Der Aufstieg der unabhängigen Gewerkschaft »Solidarität« in Polen erschien aus dieser Sicht geradezu als Gefahr für den Weltfrieden. Egon Bahr, einer der Architekten der »Öffnung nach Osten«, bejahte daher 1982 ohne Umschweife das Recht der Sowjetunion, gegen einen etwaigen Austritt Polens aus dem Warschauer Pakt militärisch zu intervenieren. Das Grundmuster einer sehr viel älteren deutschen Ostpolitik, der Bismarckschen, war plötzlich wieder klar zu erkennen: eine deutsch-russische Allianz, die die bestehende Ordnung gegen die unruhigen Polen verteidigte.“

Wie die Kirchen Defizite der Demokratie ausgleichen

Über die Ergebnisse einer Enquete-Kommission des Bundestages 1994 schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung damals: „Überdeutlich wird die innerdeutsche Diplomatie führender Kirchenvertreter gewürdigt. Geheimverhandlungen einzelner und deren Alleingänge werden nun fehlenden Absprachen zwischen den Kirchenleitungen und einer von ihnen vernachlässigten Verantwortungspflicht angelastet.“

Hans-Dietrich Genscher illustrierte mit dem Besten vom Bäcker, dass es sich hier ganz bestimmt nicht um dubiose Alleingänge handelte. Über eine Reise zum Besuch einer Konferenz in Potsdam in den achtziger Jahren schrieb er: „Im Anschluss an meine Rede suchten meine Frau, meine Mitarbeiter und ich noch den mir aus Begegnungen in Bonn bekannten Dr. Manfred Stolpe auf. Er hatte führende Repräsentanten der evangelischen Kirche in sein Haus eingeladen, wo wir uns bei Kaffee und Kuchen über das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und über die Stimmung in der Bevölkerung unterhielten.“ Bestätigung erfuhr Genscher von Oskar Lafontaine aus einer völlig anderen Bonner Partei. Um Missverständnisse auszuräumen, sagte er in einem seiner zahllosen Gespräche mit der Führung des Arbeiter-und-Bauernstaates: „Auch die Kontakte führender SPD-Politiker zur evangelischen Kirche bedeuteten nicht, dass die SED nicht weiterhin den Vorzug genieße – jede andere Vorstellung sei »völlig absurd«.“

Die Gustav-Heinemann-Initiative wurde 1978 von Persönlichkeiten aus Politik, Kirchen und Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland gegründet, um für die Erhaltung eines freiheitlichen Grundklimas einzutreten und »Fragen aufzugreifen, die von grundsätzlicher Bedeutung sind, die aber innerhalb des derzeitigen Parteienspektrums nicht oder nicht deutlich genug aufgreifbar und durchsetzbar sind.« Jeweils zum Verfassungstag hält die Initiative in Rastatt ihre Jahrestagung, 1982 zum Thema »Friedensaufgaben der Deutschen«.“

Hören wir nun Auszüge aus dem Referat von Albrecht Schönherr, der seinerzeit evangelischer Bischof in der DDR war, auf der Jahrestagung der Gustav-Heinemann-Initiative in Rastatt am 22. Mai 1982. Behalten Sie beim Lesen im Blick, dass im Publikum auch Uneingeweihte saßen. Mir geht es hier einfach nur um den grundlegenden Tenor dieser Rede.„Was die DDR betrifft, so darf man nicht vergessen, dass sie mehr als zwanzig Jahre auf Betreiben der BRD völkerrechtlich nicht anerkannt war. Solche Erfahrungen hinterlassen Narben. Dies und Erkenntnisse aus der Geschichte der Arbeiterklasse lassen verständlich werden, dass jeder Versuch oder Anschein einer Nötigung sofort die Situation des Klassenkampfes heraufbeschwört.

Es gibt eine innere Notwendigkeit, für humanere Verhältnisse, für mehr Gleichberechtigung und Beteiligung aller zu sorgen. Willige Bürger leisten Besseres als unwillige.

Entwicklungen in Richtung auf besseren Umgang mit Andersdenkenden, um ein christliches Anliegen zu nennen, können nur von innen unter entspannten Verhältnissen erwartet werden. Die Kirchen haben aus diesem Grunde das Ihre dazu getan, zu einem differenzierteren Urteil über die DDR zu verhelfen. [...] Wahrscheinlich muss sich noch vieles klären und bewähren, bevor wir wieder mit dem Begriff einer deutschen Nation argumentieren sollten. Heute sind manche Stimmen zu hören, die das deutsche Nationalgefühl wieder geweckt sehen wollen. Wir sollten nicht vergessen, dass unsere Nachbarn solche Stimmen nur mit großer Besorgnis vernehmen, zumal dann, wenn von einer wiedervereinten Nation die Rede ist. [...] Ich füge einen Gedanken hinzu, der mir wichtig ist. Es waren vor allem die Kommunisten, die mit Konsequenz und großen persönlichen Opfern dem »Dritten Reich«widerstanden haben. Sie haben die meisten Blutopfer gebracht. Zusammen mit Demokraten und Christen saßen sie in den Gefängnissen und starben in den Konzentrationslagern. Der Respekt und die Kameradschaft, die damals wuchsen, haben neben einer Reihe von anderen Ursachen bewirkt, dass sich das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR relativ günstig darstellt. Die Erinnerung an diese Leidensgemeinschaft sollte auch in der Bundesrepublik nicht verdrängt werden. Sie könnte Brücken bauen helfen.“

1983

Die inzwischen jahrzehntealte Praxis der kirchlichen Unterstützung für den sozialistischen Staat auf deutschem Boden wurde im März 1983 fortgeführt, als Ludwig Geißel und weitere Mitarbeiter des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Kapitalismus mit Wirtschaftsexperten aus dem Ministerium für Staatssicherheit während der Leipziger Frühjahrsmesse verhandelten. 

 „Der spektakuläre Milliardenkredit bundesdeutscher Banken für die DDR, den 1983 u. a. der damalige CSU-Vorsitzende Strauß eingefädelt hatte, ist nach Informationen der bayerischen SPD-Landtagsabgeordneten Carmen König »ziemlich komplett« auf ein Konto in Luxemburg überwiesen und von der DDR nicht mehr angerührt worden. Im hessischen Rundfunk sagte sie, die frühere Regierung in Ost-Berlin habe damit lediglich nach außen ihre Kreditfähigkeit demonstrieren wollen. »Wenn der Milliardenkredit nicht stattgefunden hätte, wäre vielleicht das ganze Regime drei Jahre früher gekippt.«

Und ohne das viele Geld, das seit 1957 in die DDR reingepumpt wurde, wäre das ganze Regime mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Jahrzehnte früher gekippt. Ludwig Geißel, der beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in der Bundesrepublik gearbeitet hatte und in jener Zeit schon Firmen im Osthandel beraten hatte, beriet nun als Pensionär Schalck-Golodkowskis Abteilung Kommerzielle Koordinierung. Darüber hatte sich der Mann gewiss gefreut. Ich bin vielleicht zu skeptisch, aber wie kann man sich über etwas freuen, was sich nicht vernünftig erklären lässt? Die entscheidenden Leute unterstützen den Sozialismus, obschon die entscheidenden Leute gegen den Sozialismus sind, ob es ein Geißel war oder Strauß oder Wienand oder Kohl. 

1984

Manfred Stolpe hält eisern die Stellung in der DDR

Es kann nicht wirklich erstaunen, dass er blieb, wo Gott ihn abgesetzt hatte. Schließlich war sein Motto ja – „Bei mir gilt Pflichterfüllung bis zur letzten Patrone.“ Wie eine altägyptische Grabbeigabe hat dieser Vermerk der Abteilung XX/4 des Ministeriums für Staatssicherheit vom Februar 1984 den Zusammenbruch des Reiches der Arbeiter und Bauern in Deutschland überdauert: „Krause, Martina, Pressestelle im Sekretariat des BEK in der DDR, muss Übersiedlungsersuchen in die BRD stellen wollen, erklärte Konsistorialpräsident Stolpe gegenüber IM Sekretär in einem internen Gespräch.“ In ihren Stasi-Unterlagen ist inzwischen nachzulesen: „Der Verdacht auf Begehung von Straftaten gemäß § 219 StGB konnte nicht bewiesen werden. Die K. wurde jedoch aus ihrer Funktion durch die Kirche selbst versetzt und siedelte nach entsprechender Antragstellung nach BRD/WB über.“ In einem Interview wurde Brandt gefragt: „Eine Bürgerrechtlerin wie Bärbel Bohley hat den Eindruck, dass die Opposition mit Stolpes Hilfe »scheibchenweise an den Westen verkauft worden sei«.“ Darauf sagte dieser gute Mensch: „Ich glaube, sie ist ungerecht in ihrer Beurteilung.“ Er wurde auch gefragt, ob Manfred „Stolpe im Sinne der offiziellen Deutschland-Politik [wirkte], die auch für die Kohl-Regierung galt?“ Darauf sagte er: „Man kann es nicht einfach gleichstellen, denn die Kirche hatte und hat ihren eigenen Auftrag. Aber wo es um menschliche Erleichterungen ging, da gab es einen starken gedanklichen Gleichklang zwischen einerseits Leuten wie Stolpe und mehreren der Bischöfe und andererseits denen, die hier Politik gemacht haben.“ So ähnlich wird es wohl gewesen sein. Doch Manfred Stolpe ist später nur zur Zielscheibe von dauernder Kritik geworden, weil er uns später auch noch persönlich regieren wollte. Man soll deshalb aber nicht die anderen vergessen: Während des Kirchentages in der DDR schmiedete der Kunsthandwerker Stefan Nau aus Protest gegen die Aufstellung neuer Atomraketen ein Schwert um in eine Pflugschar. Das bringt ihm selbstverständlich Ärger „mit dem Staat“ ein, wer auch immer da „der Staat“ war. Und der Pfarrer Friedrich Schorlemmer schließt ihn anschließend von den Friedensgebeten in seiner Kirche aus. Ja, genau dieser Schorlemmer.

 „Auch Erhard Eppler (Evangelische Kirche), Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission, schlug im Mai 1984 vor, mit Ost-Berlin über jene Anerkennung zu verhandeln; etwas vorsichtiger, aber gleichgerichtet, formulierte es der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Schmude. Hans-Jochen Vogel, Wehners Nachfolger im Fraktionsvorsitz, wollte die »Personalhoheit« der DDR »respektieren«.“ Vielleicht widersprach das ja aber dem Grundgesetz im Allgemeinen und Egon Bahrs Brief zu dem guten Grund(lagen)vertrag von 1972 im Besonderen?

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Jürgen Schmude, der ein Jahr später überraschenderweise Präses der Synode und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde (die radikale Trennung von Kirche und Staat hatte ich im ersten Band bereits zum Thema gemacht), hat sich jedoch nicht allein um die Anerkennung Meiner Staatsbürgerschaft bemüht; er hatte sich zwei Monate zuvor auch schon für die Auflösung der unzeitgemäßen Erfassungsstelle für DDR-Regierungskriminalität in Salzgitter eingesetzt. Sie war ja nicht mehr zeitgemäß, weil es keine Toten mehr gab an Unserer Grenze. Oder verwechsele ich da jetzt was? Ich werde halt auch älter. War er selbst auf diese zeitgemäßen Ideen gekommen oder stand er einfach nur unter schlechtem Einfluss, wie eine Mutter sagen würde? War es gar der tief religiöse Altkommunist Herbert Wehner, der ihm solches Tun eingeflüstert hatte? Greta Wehner sagte ja, dass „ein sehr herzliches Verhältnis zwischen Herbert und Jürgen bestand“.

1988

Die Freiheit der Andersdenkenden

Alljährlich organisierte die Partei- und Staatsführung der DDR einen Gedenkmarsch für die im Januar des Jahres 1919 ermordeten Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Im Januar 1988 wollten einige StaatsbürgerInnen der DDR freiwillig zu diesem Gedenkmarsch und ihn gleich dazu nutzen, die Forderungen dieser beiden für die Neuzeit zu aktualisieren. Dieser Versuch ging damals allerdings nicht gut: „Die Chance, die Querulantin endlich loszuwerden, sah die DDR-Regierung 1988. Oppositionelle und Ausreisewillige störten einen SED-Gedenkmarsch für die ermordeten Arbeiterführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit eigenen Transparenten; Opfer der darauf folgenden Verhaftungswelle wurde auch Bärbel Bohley. Reihenweise wurden Dissidenten damals gen Westen abgeschoben. Doch wieder gelang ihr das eigentlich Unmögliche: Mit ihrem damaligen Lebensgefährten Werner Fischer erstritt sie sich im Gefängnis das Recht auf Rückkehr in die DDR. So war sie, anders als andere, zur Stelle, als der Traum vom Aufbruch wahr wurde.“

Ich liebe den Spiegel. Die Querulantin störte einen Gedenkmarsch. Das Transparent, das bis zum Ende der real existierenden DDR diskutiert wurde, zitierte Rosa Luxemburg mit „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden“. 1988 drehte sich der politische Diskurs noch lange nicht um irgendwelche Südfrüchte wegen einer gesunden Ernährung oder gar um die Reisefreiheit. Da ging es noch um nukleare Mittelstreckenraketen und kernwaffenfreie Zonen in Europa. Störte.

In einem der Interviews, die die Bundestagsabgeordnete Ingrid Köppe von Bündnis 90/Die Grünen gab, wurde sie in dieser Angelegenheit gefragt: „Welche Rolle spielte die DDR-Opposition für den Westen?“ Darauf sagte sie: „Auf bundesdeutscher Seite gar keine, das kann man jetzt aus den Akten gut herauslesen. 1988, als einige bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration verhaftet wurden, weil sie Kritik am System geübt hatten, wurde das in den Verhandlungen zunächst überhaupt nicht erwähnt. Irgendwann kam dann von Wolfgang Schäuble die vorsichtige Frage, ob man den Leuten vielleicht Bewährungsstrafen geben könnte.“

Keine Bewährungsstrafe bekam Winkler: „Die These, dass die Teilung Deutschlands in letzter Instanz ein Ergebnis deutscher Politik war und darum von den Deutschen hingenommen werden musste, hatte ihre Verfechter nicht nur in liberalen bis linken Kreisen der alten Bundesrepublik, sondern auch in den Oppositionsgruppen der DDR. Für die letzteren war die Absage an einen neuen deutschen Nationalstaat unlösbar verknüpft mit der Forderung nach durchgreifenden Reformen in der DDR. In der alten Bundesrepublik befürworteten nicht alle, aber doch viele Kritiker der »Wiedervereinigungs-Rhetorik« ein solches Junktim. Ich zitiere aus einem Aufsatz, den ich im Februar 1988 in der sozialdemokatischen Zeitschrift Die Neue Gesellschaft/ Frankfurter Hefte veröffentlichte: »Solange die Menschen- und Bürgerrechte nur in der Bundesrepublik, nicht aber in der DDR gewährleistet sind, ist die Last der deutschen Geschichte ungerecht verteilt. Daraus ergibt sich für die Deutschen in der Bundesrepublik eine Pflicht zur nationalen Solidarität mit denjenigen Deutschen, denen die demokratische Selbstbestimmung bis heute vorenthalten wird. Auf die Tagesordnung gehört also nicht die Restauration des Deutschen Reiches, sondern die Demokra-tisierung der Deutschen Demokratischen Republik.«“ Auf die einfache Lösung dazwischen kam er offenbar nicht: keine Restauration eines Reiches, sondern die Vereinigung unter Verzicht auf die Ostprovinzen. Es ist kein feiner Zug, wenn jemand seine Klugheit zur Verdummung der anderen Leute benutzt.

Und auch Johannes Rau bekam keine Bewährungsstrafe. Umgekehrt. Er wurde hier Präsident: „Ihre Gespräche drehten sich um die »Aktion Wupper« – diesen Tarnnamen hatte die Stasi dem aus Wuppertal stammenden SPD-Spitzenpolitiker Johannes Rau verpasst, der Mitte Januar zu einem DDR-Besuch erwartet wurde. [...] Außerdem war der immer höfliche und bibelfeste Predigersohn aus dem Westen dafür bekannt, dass er bei DDR-Besuchen stets privaten Kontakt zu Kirchenleuten suchte. [...] Besonders schätzte die Staatssicherheit offenbar Raus pflegeleichte Verhaltensweise als Gast. [...] Stets bescheinigten ihm die Stasi-Aufpasser ein Verhalten, das »in jeder Weise korrekt« war und zur Freude der Aufpasser auch disziplinierend auf Journalisten wirkte, die Rau »misstrauisch und argwöhnisch« behandelte: So trug der Gast zur »Verhinderung ihres feindlich-negativen Wirksamwerdens« bei.“

Aber eine angenehme Demokratisierung wäre durchaus gut gewesen: „Unter einer schwarz-gelb lackierten Stahlluke, in einem ehemaligen Straßenbahntunnel (»Zutritt verboten«) zwei Meter unter der Pracht-allee Unter den Linden, verbirgt sich das geheime Herzstück der Ost-Berliner Überwachungstechnik: Rot blinkende Leuchtdioden zeigen die Betriebsbereitschaft der hauptstädtischen Video-Kontrollzentrale an: Hier laufen die Signale aus fernlenkbaren Grundig-Kameras zu-sammen, die überall im Stadtgebiet montiert sind. Ein Steuerungs- system der dänischen Firma APS leitet die Bilder ins Polizeipräsidium und ins Lagezentrum im Ministerium des Inneren (MdI). Dort kann mit Hilfe einer Galerie flimmernder Monitore die Verkehrs- und Demonstrationslage in allen größeren DDR-Städten beobachtet werden.“

Der ganz besonders kluge und weitsichtige Franz Josef Strauß wusste um den Stand der Dinge: „Trotz gebetsmühlenhafter Indoktrination durch den Parteiapparat fehlte dem Ulbricht-Regime ganz einfach die Legitimität. Diese Auffassung habe ich im Grunde noch heute, obwohl die Menschen drüben besser leben als früher und von uns nicht als die armen Verwandten, sondern als gleichberechtigte Deutsche angesehen werden wollen. Prinzipiell aber gilt noch immer, dass man in eine andere Welt kommt, wenn man die Demarkationslinie überschreitet.“ Das war sehr bedauerlich. Für mein Leben. Nein, es war nicht wirklich gut bestellt um die Freiheit der Andersdenkenden oder auch nur der Denkenden. Apropos Freiheit. Jean-Jacques Rousseau hatte sie seinerzeit sehr gut definiert: Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht tun will.

Ein persönliches Bild konnte sich Genscher von der Stimmung vor Ort machen, als er in Potsdam „eine politische Grundsatzrede auf einem von einem amerikanischen Institut veranstalteten internationalen Kongress“ halten durfte. Die schönen Worte zur deutschen Einheit dort waren selbstredend für den Sozialismus auf deutschem Boden ungefährlich, denn BürgerInnen waren als ZuhörerInnen nicht zugelassen. Bei dieser günstigen Gelegenheit führte diesmal er (absolut beiläufig) jene Konsultationen weiter, die Vertreter der Bonner Staats-führung seit vielen Jahren mit den Chefs der evangelischen Kirche in der DDR und nicht nur mit einem einzelnen verwirrten evangelischen Schäfchen unterhielten: „Im Anschluss an meine Rede suchten meine Frau, meine Mitarbeiter und ich noch den mir aus Begegnungen in Bonn bekannten Dr. Manfred Stolpe auf. Er hatte führende Repräsentanten der evangelischen Kirche in sein Haus eingeladen, wo wir uns bei Kaffee und Kuchen über das Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und über die Stimmung in der Bevölkerung unterhielten. Im Sommer 1988 befasste ich mich so intensiv mit der Lage in Deutschland und Europa wie nie zuvor. Womit war zu rechnen? Wie würde es weitergehen?“

Das muss ihn tatsächlich stark beschäftigt haben, denn er gab sogleich seinem Freund im kalten Moskau einen Wink: „Bereits Ende 1988 hatte Genscher, wie Schewardnadse in seinen Memoiren bestätigt hat, seinen Moskauer Amtskollegen intern vor Instabilität und Aufruhr in der DDR gewarnt, falls das Regime weiter Reformen verweigere.“ Wundern Sie sich jetzt noch über etwas? Und falls Sie mir nicht glauben, dass Genscher mit dem Kommunisten befreundet war, hören Sie sich doch das mal an: „Als der Moskauer Außenminister im Dezember 1989 zum erstenmal mit seinen EG-Kollegen in Brüssel zusammentraf, bekannte er im Kreis der Zwölf: »Ich muss heute sagen, dass mein Freund Hans-Dietrich Genscher uns frühzeitig auf die Entwicklungen in der DDR hingewiesen hat. Aber wir haben ihm anfangs nicht geglaubt«.“ Sollte es nötig sein, weise ich darauf hin, dass es hier um die Jahre des Kalten Krieges geht. Damals war jeder im Westen gegen den Kommunismus. Jeder. Aber ganz besonders die Demokraten in Bonn und unter ihnen speziell die freiheitsliebende F.D.P. und ihre Führer.

1989

Der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Dr. Leich, beglückwünschte am 19. Oktober den Genossen Egon Krenz auf Schloß Hubertusstock zur Wahl zum Chef des insolventen Unternehmens „D.D.R.“. In der Pressemitteilung danach hieß es: „Beiderseitiges Einverständnis wurde dahingehend festgestellt, daß der Dialog nicht durch unbedachte Handlungen, deren Auswirkungen unabsehbar sein können, gestört, gefährdet oder gar unmöglich gemacht wird.“ Damit dürfte gemeint gewesen sein, dass Egon Krenz in dem Gespräch mit dem Bischof seine Absicht angekündigt hat, die Mauer aufzumachen, um Druck aus dem Dampfkessel zu lassen. Was sollte Bischof Leich eventuell sonst mit unbedachten Handlungen gemeint haben können? Dass Egon Krenz damit gedroht hat, in den Westen abzuhauen?

Es wurde besprochen, was sich in der DDR ganz schnell tun musste: „Die Kirche fühle sich verpflichtet, ‘ihren Auftrag als Kirche hier in unserem Land, das ein sozialistisches Land ist, auszuführen.‘ [...] Die Kirche hat schon immer versucht, die Situation zu entspannen und zur Besonnenheit aufzurufen.“ Dafür war die Staatsführung allerdings über Jahrzehnte blind gewesen. Mir kam das an der Basis in Jena schon in den achtziger Jahren recht seltsam vor. Und andere fanden das lange vor mir bemerkenswert. 

Schon in den Äußerungen nach den Gesprächen von Egon Krenz mit dem Vorsitzenden der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Bischof Dr. Leich, und mit Wolfgang Mischnick aus Bonn, sowie in Zeitungsartikeln war klar geworden, dass sich die neue Staatsführung unter Egon Krenz nunmehr energisch darum bemühte, eine zivilisierte und geordnete Öffnung der innerdeutschen Grenze zu organisieren. Den Spekulationen, ob man nun die Grenze absichtlich oder versehentlich Anfang November aufgemacht habe, wird letztlich mit dieser Information ein Ende gesetzt: „Den Walter [Momper, Regierender Bürgermeister von West-Berlin] trifft die Weltsensation [der Maueröffnung] nicht gänzlich unvorbereitet. Am 29. Oktober hat er seinen Ost-Berliner Kollegen Erhard Krack nebst SED-Sekretär Schabowski bei einem Gespräch im Palasthotel [in Ost-Berlin] kennen gelernt. Am Ende der Unterredung eröffnete Schabowski ihm, wie Momper fand, ziemlich unvermittelt: ‘Übrigens – wir werden Reisefreiheit geben.’ Was er denn damit meine, fragte Momper. ‘Richtige Reisefreiheit’, versicherte Schabowski: ‘Jeder DDR-Bürger kann reisen, wohin er will. Er kann die DDR auch auf Dauer verlassen’.“ Die eckigen Klammern sind fast überall im Buch von mir eingefügt worden, wenn sie nicht im Original bereits so verwendet worden waren.

Die Kirche verwischt ihre Fußabdrücke 

 „Der Vizepräsident des Diakonischen Werkes der EKD, Geißel, der mit dieser Abwicklung von der Kirche und der Bundesregierung beauftragt war, wurde auf geheimen Stasi-Listen nicht nur wegen dieses Wissens um die – in Bonn angeblich unbekannten – Warenverkäufe als ‘verläßlich‘ für die DDR auch im Kriegs- und Spannungsfall eingestuft. Auch sonst war er ein Vertrauter: Als Schalcks Stellvertreter Seidel nach dessen Flucht im Dezember 1989 verhaftet wurde, erhielt der Pensionär Geißel als Westdeutscher innerhalb weniger Tage Einsicht in die vertraulichen Geschäftsunterlagen von ‘KoKo‘-Firmen, um den Vorwurf finanzieller Unregelmäßigkeiten zu prüfen – ein Privileg, das der damaligen Finanzministerin der DDR nicht gewährt wurde. Geißel, der frühere Vizepräsident des Diakonischen Werkes der westdeutschen evangelischen Kirche, beauftragte anschließend den Richter und Mielke-Freund Wetzenstein-Ollenschläger mit der Verteidigung des Schalck-Stellvertreters im Dienstrang eines Oberst des MfS.“

Intellektuelle kämpfen für die Ziele von Dr. Helmut Kohl

Wie auf Bestellung erhält die Modrow-Regierung sogleich auch Rückendeckung von den Führungen der Blockparteien.“ gifteten Helmut Kohls Geschichtenerzähler. „Aber auch aus der SDP und aus dem ‘Neuen Forum’ ist ähnliches zu vernehmen. ‘Kulturschaffende’, prominente Kirchenleute und andere der Modrow-Regierung nahestehende Persönlichkeiten veröffentlichen – gleichsam als Antwort auf die Zehn Punkte – [interpretierten nachträglich Kai Dieckmann und Ralf Georg Reuth in Helmut Kohl – Ich wollte Deutschlands Einheit] ein Gegenpapier. In dem unter anderen vom Schriftsteller und späteren PDS-Bundestagsabgeordneten Stefan Heym verfaßten Appell ‘Für unser Land’ wird dazu aufgerufen, alles für die Weiterentwicklung der sozialistischen Gesellschaft zu tun, um zu verhindern, daß ‘ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und über kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird’. Sogleich findet dieser Appell sein westdeutsches Gegenstück. In der Erklärung ‘Für eine offene Zweistaatlichkeit’ bekennen sich Intellektuelle wie Robert Jungk, Dorothee Sölle, Gerhard Zwerenz, Heinrich Albertz und andere leidenschaftlich zu einer reformierten, sozialistischen DDR. ‘Mit allen Kräften wehren wir uns dagegen, daß die (Reform-)Bewegung fremdbestimmt und der Wiedererrichtung eines erloschenen Deutschen Reiches nutzbar gemacht werden soll’, heißt es in dem Aufruf.“ 

Am 16. Dezember kamen der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, und Bischof Dr. Werner Leich, der Vorsitzende der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, in Eisenach zu einem Gespräch zusammen. Bei der Unterredung zugegen waren auch „die Bundestagsabgeordneten [Gerhart] Baum und [Burkhart] Hirsch, gebürtige Dresdner und Magdeburger.“ Da ich schon einige Zeit nicht mehr an den Weihnachtsmann glaube, erlaube ich mir anzumerken, dass ich Herrn Genscher bezüglich der Gesprächsinhalte nur die ersten beiden Punkte abkaufe: „Mit Bischof Leich unterhielten wir uns über die Lage in der DDR, über die Stimmung in der evangelischen Kirche und über die Möglichkeiten der Zusammenführung der beiden deutschen Staaten.“ Papier ist verdammt geduldig und wer will ihm denn das Gegenteil beweisen. Diejenigen, die in Eisenach dabei waren, doch sicherlich eher nicht.