7.3 Der Mauerbau – Für die Berliner Morgenpost

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                                                                                                                                                              Berlin, 13. Juli 2011

Sehr geehrter Herr Stoltenberg,

am Samstag fand ich in der Berliner Morgenpost die Ankündigung der Serie zum Thema 50 Jahre Mauerbau und ich möchte gern ebenfalls ein paar schöne Erinnerungen von Zeitzeugen beitragen. Der BND von Reinhard Gehlen meldet der Regierung in Bonn schon seit Januar 1961 »dass eine Isolierung Westberlins bevorstehe und sich offenbar eine Zernierung vorbereite«. So kann Gehlen spätere Vorwürfe über eine Untätigkeit in dieser Hinsicht zurückweisen: »Ich habe noch im Jahre 1961 eine ausführliche Dokumentation erstellen lassen, aus der zweifelsfrei hervorging, dass der Dienst sehr wohl seine Aufgabe zur rechtzeitigen Unterrichtung der damaligen Bundesregierung erfüllt hatte. In zahlreichen Einzelmeldungen vor dem 13. August war auf die außerordentliche Zuspitzung der Situation an den Übergängen in Berlin hingewiesen worden. Die Massenflucht, die zum Verlust vieler wertvoller Spezialisten geführt hatte, musste demnach von Pankow unterbunden werden, sollte es nicht zu einer Katastrophe für das Ulbricht-Regime kommen. Viele Informationen zeigten in aller Deutlichkeit auf, dass der Zeitpunkt für rigorose Maßnahmen zur Abschnürung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.« Am 17. Februar 1961 übergibt der Moskauer Botschafter in Bonn Smirnow Bundeskanzler Adenauer zwei Schriftstücke, die West-Berlin und den Friedensvertrag mit Deutschland betreffen. Darin heißt es, wenn das Besatzungsregime in West-Berlin nicht liquidiert werde, müsse man »mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen« rechnen. Auch das führt nicht zu einer Warnung der Bürgerinnen und Bürger über den Rundfunk. Anfang Juni treffen sich Chruschtschow und Kennedy in Wien, um über die Lage rund um West-Berlin zu beraten. Dabei kommen sie überein, dass es der DDR erlaubt sein soll, Ausweiskontrollen an den Übergängen zwischen Ost- und West-Berlin durchzuführen. Es geht den Staatsmännern darum, dass es wegen Deutschland nicht schon wieder zu einem Weltkrieg kommt. Allerdings sagt Chruschtschow dem Amerikaner, dass er den Eindruck hat, Adenauer wünsche keine Vereinigung Deutschlands, was Kennedy nicht recht glauben möchte. Im Abschlussgespräch sagt der Präsident, es sei Chruschtschows Sache, was bezüglich der DDR geschieht; die USA könnten und wollten sich nicht in Entscheidungen einmischen, die die Sowjetunion »in ihrer Interessensphäre« treffe.

Auch der SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt wird von den Amerikanern über die Entwicklung auf dem Laufenden gehalten und schreibt: »Kennedy hatte große Hochachtung vor Adenauer, war aber mit der besserwisserischen Sturheit der deutschen Außenpolitik unzufrieden. Dass es an konstruktiven deutschen Beiträgen während der Berlin-Krise mangelte, hatte sich ihm eingeprägt.« 1961 bittet der Regierende von Berlin (West) Brandt um eine »neuerliche Überprüfung der alliierten Vorbehalte gegen ein Bundesland Berlin«. In Bonn wird er allerdings »mit juristischen Spitzfindigkeiten abgespeist«. Der Adenauer-Vertraute Heinrich Krone aus der CDU vermerkt im Tagebuch, in Washington hoffe man auf einen Wechsel von Adenauer zu Brandt, weil ihnen der Kanzler, der die Bundesrepublik seit 1949 führt, in seiner Außenpolitik »zu hart ist. Man sucht nach einer Verständigung mit Moskau; da steht Deutschland im Wege.«Nach der Zusammenkunft in Wien trifft sich der ehemalige Hochkommissars der USA in Deutschland, McCloy, mit Herrn Chruschtschow in Pizunda am Schwarzen Meer. Dort einigen sie sich auf drei Eckpunkte, die Washington als Bedingung für die geplanten Ausweiskontrollen in Berlin durch die DDR-Polizei stellen. Washington besteht vor allem auf dem freien Zugang der westlichen Alliierten zu West-Berlin. Dem stimmt der sowjetische Staatschef Chruschtschow zu.

Im Frühsommer 1961 hält sich der Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, in einem Sanatorium der Regierung in der Nähe von Rheinsberg in der Mark Brandenburg auf. Dorthin wird mein Vater, der zweiunddreißigjährige Arzt Wolfgang Leube, der seit 1946 ein Mitglied der SED ist und im nahegelegenen Gühlen eine Praxis betreibt, zu einem Patienten bestellt. Das ist bemerkenswert, weil das Sanatorium natürlich über eigene Spezialisten verfügt. Als der Arzt das bezeichnete Zimmer betritt, findet er als Patienten Ulbricht vor. Beim Blick in die Krankenakte schlussfolgert er, dass Ulbricht binnen weniger Tage sterben würde, wenn er dem Behandlungsvorschlag folgte, und unternimmt also nichts. Aus den Umständen ergibt sich entweder, dass sich die Spezialisten des Hauses zuvor geweigert hatten, Ulbricht umzubringen, oder, dass sie gar nicht gefragt worden waren. Wie das Leben meines Vaters weiterging, wollen Sie ganz bestimmt nicht wissen, und wie in der DDR so im Allgemeinen mit Widerporsten umgegangen wurde, ist ja in groben Zügen bekannt. Einem Anwalt aus Kassel ist es 1993 gelungen, das Material zusammenzubekommen, das über den Herrn Papa danach in Form von Krankenakten angelegt worden war.

Am 15. Juni 1961 fragt die Korrespondentin der Frankfurter Rundschau Annamarie Doherr Walter Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz, ob er am Brandenburger Tor eine Staatsgrenze ziehen will und ob danach »mit allen Konsequenzen« zu rechnen sei. Es fällt auf, dass das die Wortwahl aus der Moskauer Depesche an Adenauer vom Februar ist. Walter Ulbricht antwortet der Journalistin aus West-Deutschland, dass die Bauarbeiter an keinen Mauerbau denken, da sie mit dem Wohnungsbau genug zu tun haben. Im weiteren Verlauf dieses Tages besucht Walter Ulbricht eine Belegschaftsversammlung in einem Berliner Großbetrieb, auf der er eine der gestellten Fragen folgendermaßen beantwortet: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten . . . Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass eine solche Absicht besteht.« Am 25. Juli 1961 beantragt Präsident Kennedy eine deutliche Steigerung der Ausgaben für die Rüstung. Zu seinem Berater Walt Rostow sagt er: »Die NATO kann ich nur zum Einschreiten bringen, wenn Mr. Chrustschow etwas mit Westberlin anzustellen versucht, aber nicht, wenn er nur in Ost-Berlin etwas unternimmt.« BRD-Verteidigungsminister Strauß nutzt die Gelegenheit, um für die BRD taktische Atomwaffen an der Grenze zur DDR und die Aufstockung der Bundeswehr von 12 auf 18 Divisionen zu fordern, und erklärt dazu: »Der zweite Weltkrieg ist noch nicht zu Ende.«Und Kanzler Adenauer leistet seinen Beitrag zum Ausgang der Geschichte, »als er zusammen mit de Gaulle Anfang August in Paris die anderen westlichen Partner daran hinderte (anstatt sie zu ermutigen), den Russen ein festes Datum für Verhandlungen vorzuschlagen. Hätte man damals auf der Außenministerkonferenz den 20. September oder irgendein Datum nach dem Wahlsonntag für vorbereitende Ost-Gespräche genannt, Chruschtschow hätte es nicht riskiert, eine Woche später den Viermächtestatus Berlins einseitig und gewaltsam zu brechen.«

Walter Ulbricht fordert nach dem Treffen von Wien eine Aussprache mit Chruschtschow, zu der es schließlich am 3. August am Rand einer Tagung des Warschauer Vertrages kommt. Chef Ulbricht schildert dem Moskauer Chef die aktuelle Lage. Bei der weiteren Entwicklung würden 1962 im Vergleich zu 1960 mindestens 175.000 qualifizierte Facharbeiter fehlen. Der dadurch eingetretene Produktionsausfall betrage 1961 im Vergleich zu 1960 etwa 2,5 bis 3 Milliarden DM. Im Namen des Politbüros bittet Ulbricht um die Entsendung von etwa 50.000 Arbeitskräften aus der UdSSR und Bulgarien. In der »zunehmend hitziger werdenden Debatte, bei der sich Ulbricht Notizen machte«, fordert Chruschtschow »administrative Maßnahmen. Grenze schließen«, worauf Ulbricht erwidert, man könne nicht eine Mauer rings um Westberlin ziehen. Schließlich verständigt man sich darauf, 84 Kontrollpunkte auf 204 Kilometer einzurichten. Auf 80 Kilometer will man Draht ziehen, die Hälfte der Grenze ohne Draht. Im Spiegel steht schon im Herbst dieses Jahres, dass es im August im Kreml »eine harte Auseinandersetzung« zwischen Chruschtschow und Ulbricht über das weitere Vorgehen gegeben hatte. Der kleine Chef in Ost-Berlin will den Flüchtlingsstrom in den Westen abgeriegelt wissen, hält aber »die hermetische Schließung der Sektorengrenze für ein denkbar ungeeignetes Mittel, das für das innen- und außenpolitische Prestige der DDR äußerst abträglich sei und seine Bemühungen um internationale Anerkennung zurückwerfe.«

Spiegel-Redakteure wissen ganz einfach mehr, was an den guten Verbindungen des BND zu dieser Meinungsmaschine liegen dürfte. Der Spiegel schreibt ja auch keine Lügen. Dort stand noch nie, dass Walter Ulbricht eine Mauer bauen ließ. Dieses Magazin verwendet immer Formulierungen wie diese: »Als ZK-Sekretär für Sicherheit hatte Honecker 1961 für Walter Ulbricht den Mauerbau organisiert.« Obwohl, ein bisschen lügt Der Spiegel schon. Honecker hat den Mauerbau organisiert, nur eben nicht für Walter Ulbricht. Den hätte er gern kalt machen lassen. Rechtzeitig. Unser lieber Freund und Genosse Hoffnungsträger selbst wird später fabulieren: »Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass im Verlauf des Kalten Krieges, sozusagen auf Beschluss des Politischen Beratenden Ausschusses des Warschauer Paktes, am 13. August 1961 die Grenzsicherungsanlagen in der DDR zu Westberlin geschaffen und immer weiter ausgebaut wurden.« War es nun so, dass in Moskau der Bau einer Mauer beschlossen wurde, oder war es sozusagen so? Auf jeden Fall wird man noch am 13. August in Washington davon ausgehen, »dass der Flüchtlingsstrom über Berlin gedämpft, aber nicht abgeschnitten werden solle«, so wie es in Wien verabredet worden war. David Murphy, damals CIA-Chef in West-Berlin, wird in den neunziger Jahren dämmern: »Es sieht so aus, als ob der ostdeutsche Schwanz viel mehr mit dem sowjetischen Hund gewedelt hat, als wir bislang angenommen haben.« Am 24. Oktober 1996 wird das Bundesverfassungsgericht bestätigen, dass »der Einfluss der UdSSR auf die Ausgestaltung der Grenzsicherungsanlagen eher gering« war.

Dafür war das Wissen des BND schon über die Planung der Grenzsicherungsanlagen eher umfangreich. Noch bevor sich unsere beiden Führer der Arbeiterbewegung im schönen Moskau zankten, »werden die Warnungen dringlicher – es heißt, die Sperrung der Sektorengrenze stehe bevor. Am 1. August wird gemeldet, es müsse mit der Unterbrechung des S-Bahn- und U-Bahn-Verkehrs gerechnet werden.« Bei Gehlen heißt es: »Eine bevorstehende hermetische Abschließung der Zonengrenze, insbesondere in Berlin, wurde vorher gemeldet, auch über die Lagerung von leichtem Sperrmaterial wurde berichtet. Es ist später behauptet worden, dass der Aufklärung des Dienstes die Bereitstellung des zum Mauerbau erforderlichen schweren Materials verborgen geblieben sei. Diese Feststellung lässt außer Acht, dass die Mauer in ihrer massiven Form erst am Ende einer Operation stand, von der die Initiatoren am Anfang selbst nicht wussten, ob sie gelingen würde.« Gehlen bringt auch in Erfahrung, dass die »X-Zeit« für die komplette Abriegelung West-Berlins »nur ganz wenigen Spitzenfunktionären bekannt« war. Dabei ist es noch der allerschärfste Beitrag, dass neben Walter Ulbricht auch der Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR Markus Wolf, ein Vertrauter Moskaus, zu denen gehört, die von den Ereignissen in Berlin erst hinterher erfahren.

Es ist auch nicht schön, zu lesen, dass diese innerdeutsche Grenze aus einer Doppelsperre bestand, »vorn der aus dem Westen importierte Streckmetallzaun, dahinter der verzinkte Metallzaun«. Die vielen Transporte mit den Drahtrollen sind dem BND aber doch sicherlich nicht entgangen? Mir ist es eigentlich nicht wichtig, ob es die Aufgabe des BND mit seinen »Verbindungen zur Presse, und analog auch zu den anderen Massenmedien« war, dort vor der Gefahr zu warnen, als die Agenten die Krampen, das Holz und den Draht rund um Berlin sahen – mein Vater hat dieses Baumaterial für die Grenzanlagen bei den Hausbesuchen nördlich von Berlin auch gesehen –, ich wünsche mir nur, dass bei jeder Erwähnung der Maueropfer die Rolle, die die Bundesregierung und der BND dabei gespielt haben, auch mit in Erinnerung gerufen wird. Und wie hat Bonn denn auf Honeckers Geheimaktion reagiert? »Bundeskanzler Konrad Adenauer rief noch am gleichen Tag über Radio die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit auf und verwies auf nicht näher benannte Reaktionen, die gemeinsam mit den Alliierten folgen würden. Er ließ sich erst zwei Wochen nach dem Mauerbau in West-Berlin blicken.« Bei der Ruhe und Besonnenheit blieb es auch, und wie schon seit 1957 wurde weiter illegal Geld zum Überleben in Koffern in die DDR getragen. »Als Adenauer am 16. August – zur gleichen Stunde, da ich [schrieb Brandt] die Berliner zu einer großen Protestkundgebung vor dem Rathaus versammelte – Botschafter Smirnow empfing, ließ er verlautbaren: Man stimme darin überein, das aktuelle Streitobjekt nicht auszuweiten . . . Die Variante einer West-Berliner Volksabstimmung, die von Adenauer mit den Amerikanern erörtert wurde, hatte einen gefährlichen Haken: Der Bundeskanzler wollte darüber votieren lassen, ob die (West-)Berliner ihre Schutz- (und, jedenfalls formal, Okkupations-)macht behalten wollten.« Oder ob nicht.

Zwei Tage nach der Errichtung der Drahtsperren in Berlin sitzt SED-Chef Ulbricht mit dem CDU-Chef Gerald Götting im Auto und berichtet von seinem Erstaunen, als Chruschtschow in Moskau in großer Runde plötzlich erklärte, der Genosse Ulbricht habe ihm vorgeschlagen, um Westberlin eine Mauer zu ziehen. Er sei, sagte Ulbricht, wie vom Donner gerührt gewesen. Einen solchen Vorschlag habe er nie gemacht, den Begriff der Mauer habe er allenfalls ironisch gebraucht. Er habe schlecht in dieser Runde aufstehen und Chruschtschow widersprechen oder gar dementieren können. Und auch außerhalb des Kreml hätte er das kaum öffentlich machen können. Gerald Götting empfindet Ulbrichts Betroffenheit als echt. Eigentlich würde es mich ja schon interessieren, was sich damals hinter den Kulissen abgespielt hat, zumal mein Vater von einem Bruchstück immer erzählt hatte.

Mit herzlichen Grüßen verbleibt Ihnen

Ihr Reinhard Leube,

Randowstr. 12, 13057 Berlin.