6.5 Während die USA die DDR bekämpft, wird sie von Bonn unterstützt.

Zum besseren Lesen und Ausdrucken: Unrechtsregime

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Seltsam ungeschoren kam Alexander Schalck-Golodkowski davon, was nach 1989 viel Verwunderung ausgelöst hat. Doch wie kam er eigentlich überhaupt in die Rolle des Vermittlers von wirtschaftlicher Unterstützung für die Deutsche Demokratische Republik mitten im Kalten Krieg? In seinem Memoirenband Deutsch-deutsche Erinnerungen findet sich die Antwort.

Leipziger Messe 1966. Als ich den Stand eines guten Bekannten aus West-Berlin besuchte, stellte mir der Unternehmer überraschenderweise die Frage: ‘Hätten Sie Interesse, mit dem Berliner Wirtschaftssenator Dr. König zu sprechen?‘ . . . Im ersten Moment dachte ich also, dass König auf der Messe ist. Dann aber schlug mir der Mann ein informelles Gespräch in seiner Berliner Wohnung vor. ‘Sie sollten König einmal kennen lernen.‘ Ein geheimes Treffen in West-Berlin? Das war für mich eine Sensation. . . . Was für ein Auftakt! Wir hatten uns kaum zweimal gesehen, und schon standen Grundfragen des Verhältnisses von West-Berlin zur DDR auf unserer Tagesordnung. Dennoch ahnte ich im Frühjahr 1967 nicht im Entferntesten, dass diese Gespräche der Beginn einer 23 Jahre währenden Unterhändlertätigkeit für die DDR sein würden. … Ich traf mich mit Karl König über sechs Jahre lang, mal in längeren, mal in kürzeren Abständen, bisweilen mehrmals an einem Tag. Unsere Zusammenkünfte waren technisch völlig unproblematisch, da wir strikte Geheimhaltung vereinbart hatten und auch durchhielten. Sicherlich war es kein Zufall, dass König über einen engen Draht zu Herbert Wehner verfügte und viele Schritte mit dem ‘Alten‘ (Konrad Adenauer – d.V.) abstimmte. Ich meine sogar, dass Wehner der entscheidende Mann hinter Karl König war, und ich weiß, dass der Kanal König-Schalck nicht Wehners wichtigste und einzige Verbindung in die DDR darstellte. Als Wehner 1966 in der Großen Koalition das Amt des Bundesministers für Gesamtdeutsche Fragen übernahm, wurde er für die Kirchengeschäfte zuständig und kam mit Wolfgang Vogel in Berührung, woraus sich meines Wissens nach ein enger, langjähriger Kontakt entwickelte.“

Verwunderlich wäre es dann eigentlich nur gewesen, hätte man Herrn Golodkowski hinterher dafür bestraft, wofür man ihn ursprünglich angeworben hatte. Es ist viel darüber nachgedacht worden, ob im Osten alles kommunistisch war, was sich kommunistisch nannte. Aber wie ernst darf man heute noch den Antikommunismus im Westen nehmen? Bei den Nachkriegsregierungen in Westeuropa und mehr noch in den USA ist sicher auch weiterhin von der Ablehnung dieses Systems auszugehen, da sie in aller Heftigkeit ausgetragen wurde bis hin zu solchen Exzessen wie dem Krieg in Vietnam. Mit der gleichen wilden Ernsthaftigkeit wurde innenpolitisch auch in der Bundesrepublik agiert – bis hin zum Verbot der Kommunistischen Partei und Berufsverboten für bekennende Kommunisten. Die Bewertung der Rolle, die der Antikommunismus indes für die Bonner Außenpolitik gespielt hat, kann heute nicht mehr eindeutig ausfallen. Einen Versuch, sich ein Bild von der Bonner Strategie zu machen, unternahm der britische Historiker Timothy Garton Ash in seinem Werk Im Namen Europas – Deutschland und der geteilte Kontinent. Dort heißt es: „Zuerst, in den fünfziger Jahren, wurde die DDR dämonisiert. Dann, in den siebziger und achtziger Jahren, wurde sie zunehmend idealisiert. Schließlich, in den frühen neunziger Jahren, wurde sie wieder dämonisiert. Doch durch all diese Jahre hindurch blieb ihr hervorstechendstes Merkmal, wie wenig sie sich veränderte: weniger als irgendein anderer Staat in Osteuropa.“ Die Dämonisierung der frühen Jahre hatte Konrad Adenauer allerdings schon 1951 nicht daran gehindert, mit dem Berliner Abkommen die Grundlage für die wirtschaftliche Stabilisierung der DDR zu legen. „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“ sagte der alte Mann von sich selbst und blieb sich darin für den Rest seines Lebens treu. Der britische Historiker war seinerseits erstaunt, als er bei einem westdeutschen Historiker vor 1989 die Formulierung vorfand, die Bundesrepublik Deutschland sei eine „Weltmacht wider Willen“.

Doch der gemeinte Historiker Christian Hacke hatte selbstverständlich Recht. Von der Anerkennung der Grenzen Deutschlands mit der ČSSR, der Volksrepublik Polen und Österreich, über die es nie eine Volksabstimmung geben sollte, hing die Frage ab, ob es weiterhin einen Kalten Krieg geben würde oder endlich Entspannung. Wenn die SPD/FDP-Regierung aber schon am Anfang der siebziger Jahre die DDR als Staat anerkennen konnte und danach (trotzdem oder deshalb) wiedergewählt wurde, dann ist es nur schwer vorstellbar, dass sich die WahlbürgerInnen alternativ dazu nicht auch mehrheitlich für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, verbunden mit der Perspektive der darauffolgenden Vereinigung Deutschlands, ausgesprochen hätten. Dieser Option hätte vermutlich weder Moskau noch Warschau ablehnend gegenübergestanden, denn für sie hätte das endlich Klarheit in der Frage sicherer Westgrenzen gebracht. Ein Hinweis, dass es solche Überlegungen gab, fand sich 1994 im SPIEGEL. Dort stellte man dem früheren Unterhändler Dr. Wolfgang Vogel die Frage, ob es wahr sei, dass er Erich Honecker den Hinweis überbracht habe, Willy Brandt mache mit Leonid Breschnew Politik über Honeckers Kopf hinweg, was von Dr. Vogel in diesem Interview brav dementiert wurde. Das fordert die Frage nach der Zielorientierung der neuen politischen Elite nach dem Untergang des Nazistaates heraus. Regierungsvertreter aus London, Paris und Washington zumindest haben sich jahrzehntelang bemüht, Bonner Spitzenpolitiker dazu zu bewegen, die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen in den öffentlichen Diskurs einzuführen, um die Vereinigung Deutschlands als Voraussetzung für die Demokratisierung Osteuropas vorzubereiten. Damit hätten sie sicher mehr Erfolg gehabt, wenn die Bonner Führung ihrerseits nun auch auf die Einheit Deutschlands hingearbeitet hätte.

Eines der Motive, um eine Wiedervereinigung je doch um jeden Preis zu verhindern, lieferte der langjährige CSU-Chef, der Bonner Minister und bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß in seinen posthum erschienen Erinnerungen: „Bei allen Beratungen über den Deutschlandvertrag war von vornherein klar, dass dies kein Friedensvertrag sein konnte und durfte. Ein Friedensvertrag hätte nur von einer gleichberechtigt am Verhandlungstisch sitzenden gesamtdeutschen Regierung geschlossen werden können. Hinzu kam eine weitere wichtige Überlegung, die ich persönlich schon in den Gesprächen mit Josef Müller unmittelbar nach dem Krieg entwickelt hatte und die auch Konrad Adenauer nicht aus dem Auge verlor. Wenn wir einen Friedensvertrag schließen, dann verlangt man von uns Reparationen. Da wir aber nicht bereit und nicht in der Lage sind, Reparationen zu zahlen, wollen wir auch keinen Friedensvertrag. Die höhere und die niedere Mathematik der Politik trafen hier zusammen – das Offenhalten der deutschen Frage und das Vermeiden gigantischer Reparationszahlungen.“

Diese Argumentation war juristisch klug vorbereitet worden. Es gab natürlich keine gesamtdeutsche Regierung mehr, als man im September 1949 die real existierende Bundesrepublik ins Leben gerufen hatte. Erich Honecker hatte das Offenhalten der deutschen Frage seinerseits immer wieder kritisiert, sicherlich, weil es ihm nicht geeignet schien, um die Entspannung zu fördern, aber er hatte sich ja umgekehrt auch an der Zahlung der Reparationen nach diesem Krieg beteiligt. Lesenswert ist auch, wie sich Strauß in seinen Erinnerungen über den Arbeiteraufstand 1953 in einigen Städten der DDR äußerte: „Der 17. Juni 1953 hat in gewisser Weise die tragische Spaltung der Deutschen noch einmal vertieft. Die Deutschen jenseits des Eisernen Vorhangs verloren ein weiteres Mal den Zweiten Weltkrieg, im Westen wurde die Politik Adenauers bestätigt und bestärkt. Der Volksaufstand vom Juni 1953 und seine Niederschlagung fielen mitten in den Bundestagswahlkampf. Wir sahen uns in unserer Argumentation gestützt. ‘Da seht ihr, wie notwendig und richtig unsere Politik ist und dass es zu dieser Politik keine Alternative gibt‘, sagten wir zu den Wählern.“ Überzeugend klingt das nicht. Da seht ihr. Sagten wir zu den Wählern.

Timothy Garton Ash vermerkte in seiner Monographie Im Namen Europas 1993 über die Zeit, lange bevor Willy Brandt allzu viel mit der Bonner Politik zu tun bekam: „Noch vor dem Bau der Berliner Mauer hatten Adenauer und seine engsten Mitarbeiter Überlegungen angestellt, ob mit der Sowjetunion ein gewisser Modus vivendi zu erreichen sei, wenn man die Existenz eines zweiten deutschen Staates für einen genau definierten und begrenzten Zeitraum anerkennen würde.“ Solche Überlegungen hatte die Moskauer Führung jedoch in den fünfziger Jahren noch zurückgewiesen. Und in den Erinnerungen Brandts, der damals noch Regierender Bürgermeister von West-Berlin war, findet sich dann auch der empörte Hinweis, dass sich der erste Kanzler der Bundesrepublik, Dr. Konrad Adenauer (CDU), in den Tagen nach dem Mauerbau 1961 nicht persönlich in die abgeriegelte Teilstadt begab, „um keinen Aufstand in ’der Zone’ zu provozieren“.

Über die am Ende der Regierungen Adenauer und Erhard 1966 vorhandenen Unterlagen im Auswärtigen Amt äußerte sich Willy Brandt in seinen Erinnerungen gleichermaßen überrascht und enttäuscht: „Fünf Jahre später übernahm ich das Auswärtige Amt und ließ mich vom scheidenden Staatssekretär – es handelte sich um Karl Carstens, Bundespräsident der Jahre 1979 – 1984 – mit einigen vertraulichen Vorgängen bekannt machen. Er hatte eine Aufzeichnung vorbereitet, in der es nun überhaupt nicht mehr um vermeintliche Schritte hin zur staatlichen Einigung ging, sondern um das Ende der Bemühungen, dem anderen deutschen Staat internationale Anerkennung zu versagen; es war sozusagen, es war zunehmend schwieriger geworden, der DDR die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen streitig zu machen.“

Zu der vermuteten Ost-Berliner Fehleinschätzung, die Bonner Administration habe die gleichen Ziele verfolgt wie die Westmächte, kam offenbar der zweite Trugschluss, jede Sabotageaktion, die vom Boden der Bundesrepublik ausging, sei von den reaktionärsten Kräften des Imperialismus angezettelt worden – um im Sprachduktus der DDR zu bleiben. Aber im Unterschied zur DDR funktionierte die Bundesrepublik nicht nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus. Man konnte also nicht ohne Weiteres jede private antikommunistische Aktivität unterbinden. Ein Beispiel für das mühselige Aushebeln von Personen, die nun durchaus etwas gegen das sozialistische System unternehmen wollten, lieferte das Ende des Ostbüros der SPD in West-Berlin. Das soll mit einem Text aus dem Jahr 1994 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung illustriert werden: „Weiter notiert Frau Daniel-Wettigmeier (SPD), dass Wehner nach 1958, weil er die Gefährdung der Ostbüro-Mitarbeiter auf Grund seiner Erfahrung besser einzuschätzen gewusst hätte als die Leitung des SPD-Ostbüros, das Ostbüro nicht mehr als ein geeignetes Mittel gegen die SED-Diktatur angesehen habe. Hierzu ist zu bemerken, dass die Gefährdung der SPD-Leute in der SED-Diktatur in den vierziger und fünfziger Jahren nahezu gleich war; erst durch den NKWD, dann durch die Stasi. Nein, Wehner war von Anfang an gegen das Ostbüro eingestellt, aus Gründen, die hier darzustellen den Rahmen sprengen würde.“

Schade auch. Ergiebiger ist die folgende Passage über den letzten Leiter dieser Einrichtung in Erich Schmidt-Eenbooms Geheimdienst, Politik und Medien: „Ab Juni 1966 war Bärwald Leiter des in ‘Referat für gesamtdeutsche Fragen‘ beim Parteivorstand der SPD umbenannten Ostbüros. Da schwelte längst der Konflikt mit Herbert Wehner und dessen deutschlandpolitischen Plänen, denen der ‘Agentenschuppen‘ (Wehner) im Wege war.“ Dann wird Helmut Bärwald selbst wiedergegeben und kommentiert: „‘Nicht aus Loyalität zu einer sich stetig verändernden Partei, die Ende der sechziger Jahre schon nicht mehr meine politische Heimat war, vielmehr aus Treue zu einer selbst gewählten, aus eigenem Willlen und aus Überzeugung übernommenen Aufgabe, etwas für mein Vaterland, für dessen Einheit und Freiheit zu leisten‘, rechtfertigt er die innere Emigration innerhalb der Sozialdemokratie. Bezahlen ließ sich Bärwald die selbst gewählte Aufgabe aber weiterhin vom SPD-Parteivorstand, nur seine Loyalität wechselte in Richtung Pullach.“

Die Formulierung, Helmut Bärwald habe sich „aber weiterhin“ eine „selbst gewählte Aufgabe“ vom SPD-Parteivorstand bezahlen lassen, lässt aufhorchen. Dieser Personenkreis hatte also andere Ziele verfolgt als er. Im Unterschied zu deren Zielorientierung bewegte sich Bärwalds „Rechtfertigung“, etwas für Freiheit und Einheit tun zu wollen, jedoch im Rahmen des Grundgesetzes der Bundesrepublik. Aber beim BND in Pullach war Bärwald dann auch nicht besser aufgehoben als beim SPD-Parteivorstand, denn von dort aus behielt man derweil Günter Guillaume im Blick, über den Willy Brandt 1974 vom Thron stürzte.

Anfang 1978, vier Jahre nachdem Willy Brandt zurückgetreten war, organisierte der nunmehrige Ex-Kanzler die Veröffentlichung eines kritischen Papiers von SED-Kadern im Hamburger Magazin DER SPIEGEL und der neue SPD-Kanzler Helmut Schmidt, der Brandt seit 1974 auch inhaltlich ersetzte, sagte diesbezüglich zu dem besorgten Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, am Telefon: „Ich bin mir nicht darüber klar, welche Stelle die Störmanöver oder welche Personen die Ursache der Störmanöver sind. Ich bin mir nicht sicher, ob das Personen sind, die sich zum Teil auf dem Boden der DDR oder auf dem Territorium unseres Staates befinden oder ob es sich um Personen handelt, die sich sowohl dort als auch hier befinden.“

Über Herbert Wehners Reaktion auf dieses Papier, hieß es in diesem Zusammenhang siebzehn Jahre später 1995 in der Berliner Zeitung: „Herbert Wehner sprach in einem Interview von einer provokativen Veröffentlichung und bezeichnete das Papier vor dem Bundestag als komischen Findling.“ Die Zeitung setzte fort: „In die gleiche Kerbe schlugen andere SPD-Politiker wie Egon Bahr, Günter Gaus und Kurt Mattik. Die offizielle SED-Version, bei dem Papier handele es sich um eine Fälschung des Bundesnachrichtendienstes, blieb in der SPD unwidersprochen. … Auch von den Leitartiklern der meisten bundesdeutschen Blätter fühlten sich die SED-Dissidenten im Stich gelassen.” In Im Namen Europas schrieb Timothy Garton Ash: „In den Reden und Schriften von Helmut Schmidt tauchte der Begriff ‘Osteuropäer‘ fast ausschließlich im Zusammenhang mit osteuropäischen Staaten auf. Und bei diesen Staaten ging man – fragwürdigerweise – davon aus, dass sie tatsächlich durch ihre kommunistischen Machthaber repräsentiert wurden.“

1981 ließ Herbert Wehner in Anbetracht der neuerlichen Unruhen in Polen, wo es zu dieser Zeit nicht nur nichts zu essen gab, dem Staatsratsvorsitzenden über Dr. Wolfgang Vogel aus Ost-Berlin ausrichten, die polnische Bürgerbewegung Solidarnósc könne einen „gefährlichen Ermunterungssog“ auslösen. In Markus Wolfs Wiedergabe der Hinweise, die Herbert Wehner über Dr. Wolfgang Vogel an den Staatsratsvorsitzenden weiterleiten ließ, heißt es, er habe „seinem Freund Honecker“ zu „entschlossenen Maßnahmen“ der sozialistischen Staaten geraten, „je eher desto besser“. Deutlich ist auch seine klare Formulierung: „Es geht leider nicht ohne innere Gewalt, leider. Es ist eine halbe Minute vor zwölf.“ Und weiter heißt es in Spionagechef im geheimen Krieg: „Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. Er bekannte, das schönste Geschenk zu seinem 75. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden, eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge.“

Heinrich August Winkler weiß zu berichten: „Egon Bahr, einer der Architekten der ‘Öffnung nach Osten‘, bejahte daher 1982 ohne Umschweife das Recht der Sowjetunion, gegen einen etwaigen Austritt Polens aus dem Warschauer Pakt militärisch zu intervenieren. Das Grundmuster einer sehr viel älteren deutschen Ostpolitik, der Bismarckschen, war plötzlich wieder klar zu erkennen: eine deutsch-russische Allianz, die die bestehende Ordnung gegen die unruhigen Polen verteidigte.“ Zu dem Zeitpunkt war Egon Bahr schon lange auf den richtigen Kurs umgeschwenkt.

Anfang der achtziger Jahre wurden unter der Federführung von Kanzler Helmut Schmidt (SPD), dem Ministerpräsidenten von Bayern, Franz Josef Strauß (CSU) und Kanzler Helmut Kohl (CDU) zwei Kredite für die DDR in Höhe von insgesamt vier Milliarden D-Mark organisiert und Timothy Garton Ash schrieb nach seinen Einblicken in die Akten in die Unterlagen der Staatssicherheit: „In den frühen achtziger Jahren hatten die unmittelbar Beteiligten schon gesehen, dass es in der DDR finanziell eng geworden war. Was nun die späten achtziger Jahre anbelangt, so erinnert sich Schäuble, dass Schalck ihm das tatsächliche katastrophale Ausmaß genau mitgeteilt habe. Doch vielleicht noch wichtiger ist: Schalck erinnert sich an Schäubles Antwort: wenn das Schlimmste eintreffen würde, könnte die Bundesrepublik mit einem weiteren Milliardenkredit aushelfen.“

Am 10. Juni 1985 sagte Franz Josef Strauß (CSU) nach einer Wiedergabe in Neues Deutschland von 1997 in einem Gespräch mit Alexander Schalck-Golodkowski (SED): „Eigentlich darf ich Ihnen dies gar nicht sagen, Herr Schalck, aber nehmen Sie das mal mit, ich und meine politischen Freunde sind froh, dass Erich Honecker als Staatsratsvorsitzender und Generalsekretär die Geschicke der DDR leitet. Wir hoffen, dass das noch viele Jahre der Fall ist.“

Helmut Kohl wird wissen, warum er die Akten über seine Person nicht zum Lesen freigibt. 1993 wurde die innenpolitische Sprecherin der Bundestagsgruppe von Bündnis 90/Die Grünen, Ingrid Köppe, in Die Woche gefragt: „Welche Rolle spielte die DDR-Opposition für den Westen?“ Und darauf antwortete Frau Köppe: „Auf bundesdeutscher Seite gar keine, das kann man jetzt aus den Akten gut herauslesen. 1988, als einige bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration verhaftet wurden, weil sie Kritik am System geübt hatten, wurde das in den Verhandlungen zunächst überhaupt nicht erwähnt. Irgendwann kam dann von Wolfgang Schäuble die vorsichtige Frage, ob man den Leuten vielleicht Bewährungsstrafen geben könnte.“

Ist das Bild, das die großen deutschen Medien von der europäischen Nachkriegsgeschichte zeichnen, korrekturbedürftig? Wollten Adenauer, Schmidt, Strauß und Kohl weder die Grenzen von 1937 mit Stettin und Königsberg noch Berlin und Leipzig im Staatsverbund der Bundesrepublik? Unabhängig davon, was man in das Grundgesetz geschrieben hatte und unabhängig von den Wünschen der StaatsbürgerInnen im Sinne des Grundgesetzes im Westen oder gar im Osten dieses Landes? Hat 1989 wirklich nur der Aufstand gegen den totalen gesellschaftlichen Stillstand in der DDR das Unikum Deutschland wieder zurückgebracht in die Geschichtsbücher? Es ist interessant, dass sich die heutige Darstellung der Bonner Zielsetzungen nach dem Krieg inzwischen weitgehend deckt mit der Deutung durch DDR-Historiker, die die Absicht Deutschland zu teilen allerdings nicht ausschließlich den Spaltern in Bonn, sondern dem Westen insgesamt zuschrieben. Dabei wurde von ihnen als Motiv eben gerade Antikommunismus vermutet, was bei den drei westlichen Alliierten zweifellos zutraf. Die aber wollten 1945 demokratisch organisierte Gesellschaften nicht nur für einen Teil des Nazi-Reiches, sondern für Europa mindestens bis zur sowjetischen Grenze.

Eine gemeinsame westliche Strategie zur Beseitigung des kommunistischen Systems hätte jedoch in Ost-Berlin hinterfragt werden müssen, als dort seit den fünfziger Jahren erst auf geheimdienstlichen Wegen und zwanzig Jahre später auch öffentlichkeitswirksam finanzielle Hilfe und vielfach auch illegale wirtschaftliche Unterstützung für den Staat im Osten Deutschlands eintraf, die die Embargopolitik der Amerikaner entschärfte, zumal diese Überlebenshilfe auch anderen sozialistischen Staaten zugute kam. Deutsche Politik ist zwar eine sehr spannende Angelegenheit, aber sicher schwer zu durchschauen gewesen für Ausländer, die das Schweigen unter den Bedingungen einer Diktatur und das Reden in zweckdienlichen Worthülsen nur aus den Erzählungen fremder Leute kannten. Ein erhellendes Wort über den Ursprung dieses Sprechens in Worthülsen findet sich in den Erinnerungen des Großmeisters dieses Genres, dem Lehrer für alte Sprachen und Geschichte, dem Offizier und Verschwörungspraktiker des 20. Juli 1944 aus dem Kreis um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dem mutigen bayerischen Antifaschisten und späteren Helden der Bierzelte, Franz Josef Strauß. Er sagte dort über die braunen dreißiger Jahre: „Ich habe diesen Sprachschatz beherrscht wie ein tibetischer Mönch sein ‘Om mani padme hum‘. Mein Gegenüber hat genau gewusst, was ich denke, aber gegen die Phrase war er machtlos. Das System war auf Lüge und Verlogenheit, auf Täuschung und Hinterlist aufgebaut.“

Genau so habe ich 1990 die Bundesrepublik kennen gelernt. Irgendwo musste dieser entsetzliche Zynismus der Leute ja herrühren. Der große Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski war über die verspätete Kriminalisierung seiner außenwirtschaftlichen Tätigkeit dann auch höchst erstaunt, wie man es 1993 in der Berliner Zeitung nachlesen konnte: „Aber wir haben doch niemanden gezwungen, uns das zu liefern. Die haben doch alle freiwillig mitgemacht, weil sie natürlich auch daran verdient haben. Und nebenbei gesagt: In der ganzen Zeit zwischen 1986 und 1989, wo dies lief, wo jeder wusste, dass das läuft, hat mich kein Staatsanwalt, kein Politiker in der Bundesrepublik gefragt, ob das stimme, dass hier die Cocom-Bestimmungen umgangen werden. Der BND und der Verfassungsschutz haben das im Detail gewusst, was da läuft. Die Nachrichtendienste haben mir doch im Januar 1990 alle Lieferanten genannt, sogar noch mehr, als ich überhaupt kannte. Wie kann man mir heute daraus einen Vorwurf machen? Maßgebliche Behörden in der Bundesrepublik kannten die Vorgänge im Detail besser als ich.“

War es auch bei Konrad Adenauer Antifaschismus, der ihn bewog, dieses Land wieder zu teilen? In den Erinnerungen des 1969 demokratisch gewählten Kanzlers Brandt findet sich die folgende Einschätzung über den ersten Kanzler nach Adolf Hitler, der nach 1933 selbst zweimal in Gestapo-Haft war: „Adenauer war sich seines Volkes nicht sicher – nach allem, was geschehen war. Dass es Maß und Mitte finde, mochte er nicht glauben und meinte deshalb, Deutschland vor sich selbst schützen zu müssen. Mir (Brandt – d. V.) vertraute er an, noch unter dem Eindruck des Jubels, den de Gaulle während seiner Deutschland-Visite 1962 ausgelöst hatte: ‘Die Deutschen verlieren leicht die Balance.‘ … Es ist aktenkundig, dass er sich den Alliierten als unentbehrlich angepriesen hat; auf einen Nachfolger würden sie sich nicht verlassen können. Und dass er die Westmächte, der eigenen innenpolitischen Bedürfnisse wegen, zum Lippendienst an der Wiedervereinigung ebenso angehalten und ihnen versichert hat, eine solche ‘Gefahr‘, lasse man ihn gewähren, sei nicht zu befürchten.“

Während sich die Darstellung Adenauers in den westdeutschen Medien bis 1990 auf seine Angst vor einer russischen Gefahr beschränkte, findet sich bei Brandt also die Angst Adenauers vor seinen Landsleuten. Und die kam bei dem alten Mann nicht von ungefähr. Dr. Adenauer ist auch nicht erst durch seine Verhaftung 1933 munter geworden. Er stand schon lange zuvor der militaristischen Ausrichtung des Kleinstaaten aufsaugenden Preußen kritisch gegenüber. Aus einem Bericht des New Yorker CIP Press Service vom 29. Mai 1945, der sich in der Rhöndorfer Ausgabe im Band Adenauer im Dritten Reich findet, geht hervor, dass er mit Persönlichkeiten in Verbindung stand, die sich nach der Machtergreifung der Nazis 1933 verstärkt bemühten, im Angesicht der erneuten Kriegsvorbereitungen das Rheinland und andere Gebiete aus dem preußischen Machtbereich herauszulösen. Wäre das damals gelungen, hätte die Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert vielleicht einen glücklicheren Verlauf genommen.

War das Ziel also die Bekämpfung des Rassismus der deutschen Herrenmenschen, denen im Krieg die Haager Landkriegsordnung so egal war wie im KZ die Zehn Gebote Jesu Christi? Und war der laut vorgetragene Antikommunismus nur das Mittel zum Zweck, um das Großdeutsche Reich in Großfürstentümer zurückzuführen? Ein vermeintlicher Systemkonflikt als Begründung für die listige Zerlegung des Reiches, das Fürst Otto von Bismarck fünf Jahre vor der Geburt des kleinen Konrad, Jahrgang 1976, mit List und Tücke zusammengeschustert hatte? Diese Deutung liegt nahe. Ist es nicht augenfällig, dass bei den Wahlen seit dem Kriegsende nichts so erwähnenswert ist, wie die Leute, die rechts außen wählen? In dem Land, in dem die Altnazis bis zum Schluss ihre guten Pensionen bekamen und viele Naziverbrecher nicht bestraft worden waren?! Das Gespräch, das der amerikanische Befreier Lieutenant Just Lunning am 28. März 1945 mit Dr. Adenauer führte, liefert ein frühes Indiz für diese Vermutung. In der genannten Rhöndorfer Ausgabe findet sich der entsprechende Tagesbericht von Offizier Lunning: „Am späten Nachmittag besuchte ich Adenauer auf dessen Wunsch hin und verbrachte eine Stunde mit ihm und seiner Frau im Garten des katholischen Hospitals, in dem er wohnt, wenn er in Köln ist. Wie bereits erwähnt, werden seine gegenwärtigen Aktivitäten streng geheimgehalten, weil er um die Sicherheit seiner beiden Söhne in der Wehrmacht besorgt ist. Adenauer begann das Gespräch mit einem langen Vortrag über die zwei Deutschlands: das Deutschland, das sich im wesentlichen auf die römische Kultur gründet, und das Deutschland Preußens, das ersterem seinen Willen aufgezwungen habe. Seit einigen Jahren frage er sich, ob es richtig gewesen sei, Stresemann 1923 zu sagen, ein Separatist dürfe nicht anerkannt werden. Adenauer erläuterte dann seine Vorstellung von einer idealen Lösung: Errichtung eines Bundesstaates aus Österreich, den Resten Preußens, Westdeutschland (Westfalen und Rheinland) und Süddeutschland. Wäre Preußen nur einer von vier Staaten, dann lasse sich der vorwiegend ’undeutsche’ Einfluss Preußens neutralisieren. Sollte diese Idee nicht verwirklicht werden können, dann müsste das Rheinland als separater Staat anerkannt werden.“

Diese Schlussfolgerungen äußerte Dr. Adenauer somit einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation des Nazi-Staates und ein Vierteljahr vor dem Beginn der Potsdamer Konferenz. In diesem Gespräch wird auch deutlich, dass Dr. Adenauer mit der Anwesenheit der sowjetischen Truppen in Preußen nicht Furcht sondern Hoffnung verband. In der Wiedergabe des Offiziers heißt es dazu: „Im weiteren Verlauf der Unterhaltung bemerkte er bei einer Schilderung seiner Erfahrungen während der Haft in der zweiten Jahreshälfte 1944, er habe Russen kennengelernt, die ihn in seiner Hochachtung vor den großen Errungenschaften Russlands bestärkt hätten. Er wies besonders auf die großartigen Fortschritte auf dem Bildungssektor hin. Er bemerkte, das Bemühen der Russen, der Bildung größere Verbreitung zu verschaffen, sei einer der entscheidenden Unterschiede zwischen ihnen und den Nazis, die Bildung und Wissen unterdrückten.“

Hatte der Alte also gehofft, die Deutschen im Osten würden es nach sowjetischem Muster wirtschaftlich auch ohne amerikanische Hilfe zu etwas bringen? Die Sowjetunion hatte in den zwanzig Jahren bis 1941 den technologischen Vorsprung der entwickelten Länder des Westens in gewaltigen Schritten verkleinert. Es muss jedoch konstatiert werden, dass Formulierungen, wie die hier aufgeführten, nicht den Weg in die deutsche Zeitungslandschaft finden. Es ist anzunehmen, dass auch die Suche nach der folgenden Einschätzung des Historikers Peter Graf Kielmansegg in Nach der Katastrophe in Zeitungen und Zeitschriften vergeblich bleiben wird, der über die Einführung der D-Mark (1948) schrieb – „sie war ja ein ganz entschiedener Schritt in die Endgültigkeit der Teilung hinein. Gustav Stolper hatte schon 1947 geschrieben: ’Bestehen einmal eine westliche und eine östliche Währung nebeneinander, so wird die Trennung der beiden Teile Deutschlands vollkommen’.“ Das stand damals ganz sicher auch damals schon in keiner Zeitung. Wie passte die separate Währungsreform im Westen eigentlich zur Präambel des Grundgesetzes?

Und wie darf man diese Passage über Dr. Adenauer in den Erinnerungen von Brandt verstehen? „Zwei Monate später – März 1966 – machte er auf dem Parteitag der CDU, seinem letzten, nicht wenig Furore, als er erklärte, die Sowjetunion sei in die Reihe der Völker eingetreten, die den Frieden wollten; man müsse verstehen, dass sich das russische Volk vor den Deutschen fürchte, denn es habe fünfzehn (sowjetische Zahl: zwanzig) Millionen Tote gehabt. Die harten Wunden, die die Russen Deutschland geschlagen hätten, seien ‘Vergeltung für harte Wunden, die den Russen unter Hitler geschlagen worden sind.‘ Mir sagte er um dieselbe Zeit: ‘Wir haben die Russen falsch behandelt.‘ Vor allem ‘die Herren vom AA‘ (vom Auswärtigen Amt – d. V.) hätten das nicht richtig gemacht, sie seien mit dem sowjetischen Botschafter ganz falsch umgegangen. Hieß dies, wie nicht wenige seiner Parteigänger unterstellten, dass der alte Herr der Senilität anheimgefallen wäre? Ich meine, nein, und halte jene Deutung für zu simpel. Von einem seiner wenigen Vertrauten – Heinrich Krone – ist überliefert, was er schon Ende 1961, im Jahr der Mauer-Krise, gesagt hatte: Für den Rest seines Lebens sei es das Wichtigste, ‘unser Verhältnis zu Russland in eine erträgliche Ordnung zu bringen‘.“

Wie hat nun Kanzler Dr. Kohl nach dem Einstiegscoup mit den Milliardenkrediten das Lebenswerk von Kanzler Dr. Adenauer, auf den er sich so oft berief, fortgeführt? 1987 hatte er (offenbar zu hintergründig) versucht, Erich Honecker in seine Politik zum Wohle der DDR einzuweihen. Während seines Staatsbesuches in der Bundesrepublik hatte der DDR-Staatschef beim Gespräch im kleinen Kreis gesagt, dass die DDR-Führung entschlossen sei, die „Beziehungen zur BRD zu erweitern und den Prozess der Normalisierung weiter voranzubringen.“ Und darauf hatte Kanzler Kohl geantwortet, er wolle „diesen Prozess psychologisch unterstützen“. Also von hinten durch die Brust ins Auge. Dr. Kohl sagte in diesem Gespräch weiter, er sei „an Ergebnissen interessiert“ und ihm komme „es auf Tatsachen an“, wie es Erich Honecker leider erst in seinen Moabiter Notizen aufschrieb. Auf Tatsachen, die auch gerne dem widersprechen durften, was Helmut Kohl dem Publikum sonst so erzählte. Und Tatsache war zum Beispiel schon seit Adenauers 74. Lebensjahr die Existenz zweier deutscher Staaten, die es innerhalb der eigenen Grenzen zu stabilisieren galt, damit es genau zwei blieben. In Abschied von den Sonderwegen verweist der Historiker Heinrich August Winkler auf die Doppelzüngigkeit in den öffentlichen Äußerungen des Pechvogels von 1989, der so oft mystisch orakelte, Geschichte sei machbar: „Kohl sprach zwar häufig von der Einheit der Nation, fügte aber bereits während des Bundestagswahlkampfes von 1983 hinzu, dies bedeute nach seiner festen Überzeugung keine Losung des ‘Zurück in den Nationalstaat einer vergangenen Zeit‘.“ Selbstverständlich ist Geschichte machbar.

Wenn man Helmut Kohls politische Aktivitäten unter diesem Gesichtspunkt beleuchtet, wird erklärlich, warum der Kanzler am Tag nach der Öffnung der Grenzen zwischen der DDR, West-Berlin und der Bundesrepublik im Interview sagte, er nehme nicht an, dass „Herr Krenz Bonn erpressen“ wolle, indem er Ausreisen zulasse, welche die Aufnahmefähigkeit der Bundesrepublik überstiegen, wie es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 11. November 1989 zu lesen war. Dergleichen wäre eine „ungewöhnliche intellektuelle Fehlleistung“. Helmut Kohl fügte hinzu, er wolle alles tun, um die Verantwortlichen in der DDR zu sofortigen Reformen zu bewegen, damit möglichst viele Deutsche in der DDR blieben. Und weiter: „Die Vorgänge setzen ein neues Datum. Ich werde, wenn es sein muss, mit ungewöhnlichen Mitteln alles tun, um mit der Situation fertig zu werden.“

Was er da wohl noch vorhatte, um das endgültige Ausbluten des anderen deutschen Staates zu verhindern? Schade, dass solche Äußerungen heute nicht mehr eingespielt werden. Dafür finden sich dann solche süffisanten Garstigkeiten in der Presse dieses Landes, wie diese hier aus dem SPIEGEL des Jahres 1999: „Uneins sind sich Wissenschaftler noch immer über die passende Bezeichnung für jenen Prozess, der am 3. Oktober 1990 zur un(v)erhofften Einheit führte: Hat sich in der DDR ein Volksaufstand vollzogen? Ein Zusammenbruch? Eine Konterrevolution? Eine Revolution? Die schlichteste Antwort gab, mit einem Lenin-Zitat, eine Leipziger Demonstrantin. ‘Ich habe mal gelernt‘, sprach sie einem TV-Reporter ins Mikrofon, ‘Revolutionen haben immer dann Erfolg, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Die unten wollen nicht mehr, und die oben können nicht mehr.‘ Genau so war‘s im Herbst 1989.“ Schlicht unerhofft.