7.1 Berlin und der Adenauerplatz

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Berlin und der Adenauer-Platz

Was politisch korrekte Bezeichnungen angeht, ist im Osten der Stadt Berlin ja inzwischen gewissermaßen alles in Ordnung. Heute gibt es nur noch im Westen der Stadt öffentliche Orte, über deren Bezeichnung sich trefflich streiten lässt. Warum trägt einer der Plätze dort beispielsweise immer noch den Namen Adenauers? Hat die historische Forschung noch nicht genug Belastendes gegen ihn zu Tage gefördert? Auf ihn geht nicht nur die Gründung eines Separatstaates im Westen Deutschlands zurück, der die Gründung eines Staates im Osten Deutschlands mit all seinen schönen und seinen unschönen Zuständen überhaupt erst ermöglichte. Der Historiker Heinrich August Winkler hielt fest, dass sich Konrad Adenauer auch schon in den Wochen nach dem II. Weltkrieg, als noch nirgendwo von einem Kalten Krieg die Rede war, gegen Berlin als Hauptstadt Deutschlands ausgesprochen hatte, und diese Stadt auch schon in den zwanziger Jahren als einen Ausleger Asiens ansah, als russische Besatzungstruppen noch lange nicht in Sicht waren. Wofür würdigt ihn die Stadt Berlin?

Konrad Adenauers Strategie blieb nach dem Krieg gerade in Berlin nicht unangefochten. Schon im Jahr 1948 schrieb der Tagesspiegel, dass auch Ferdinand Friedensburg, Bürgermeister der Westsektoren und Mitglied der CDU, gegen die Abtrennung eines Weststaates von Deutschland war, weil er befürchtete, dass durch den „ehrlich erhofften Versuch einer Staatskonstruktion für Westdeutschland die Teilung Deutschlands beflügelt“ werde. Inhaltlich gleich gerichtete Worte überlieferte der Tagesspiegel auch vom Chef der Berliner LDP Carl Hubert Schwennicke. Im Sommer 1948 wurde westlich des Harzes die deutsche Währung gegen eine D-Mark eingetauscht, weil die Amerikaner meinten, sie würden die Russen so auch ohne einen Friedensvertrag aus Deutschland verscheuchen können. Der Londoner Daily Telegraph konstatierte: „Aus »klar ersichtlichen Gründen« könne »Berlin im Augenblick in dem Plan nicht berücksichtigt werden.«“

Mancher Deutsche wusste, was das bedeutete. So merkte der Wirtschaftssachverständige Gustav Stolper 1947 an: „Bestehen einmal eine westliche und eine östliche Währung nebeneinander, so wird die Trennung der beiden Teile Deutschlands vollkommen.“ Unterstützt durch den Druck der Straße gelang es West-Berliner Politikern wie Ernst Reuter, Willy Brandt, Jakob Kaiser oder zum Beispiel Ernst Lemmer die Ausweitung dieser regional begrenzten Währungsreform zumindest auf die westlichen Sektoren der Stadt Berlin zu erwirken. Die Auseinandersetzungen zwischen westdeutschen Parteigrößen wie Adenauer (CDU), Schumacher (SPD) und Heuss (FDP) und Berliner Politikern um die Bindung ihrer Sektoren an West- oder an Ost-Europa wurden legendär. Trotzdem gibt es noch immer Plätze, die nach Männern benannt sind, denen die Integration eines Teils von Deutschland in einen zu schaffenden westeuropäischen Staatenbund wichtiger war als das Schicksal Berlins. Als daraufhin die Sowjets die Zufahrtswege zu West-Berlin im Sommer 1948 blockierten, äußerten Politiker wie der hessische Finanzminister, gebeten um Solidarität mit dem Westen Berlins, es sei „nicht zweckmäßig, sich bei der Finanzierung einer politischen Aktion der Amerikaner gegen die Russen« zu exponieren“.

Politiker wie Friedensburg und Schwennicke behielten Recht. Nur ein Jahr später wurde in Bonn ein Weststaat gegründet, woraufhin im sowjetischen Sektor Berlins ein Oststaat aus der Taufe gehoben wurde. Auch in Berlin war klar, dass das nur zu schnell die sowjetische Oberhoheit über die Stadtteile von Zehlendorf bis nach Frohnau bedeuten konnte. Es waren keine bösen Alliierten, es war der Bonner Bundestag, der kurz nach der Gründung des westdeutschen Staates „diese schwierigen Zuzugsgesetze“ für West-Berlin beschloss, und es war umgekehrt nicht der Bundestag, es war der amerikanische Hochkommissar John McCloy, der sich 1952 für „die Anhebung des Status in ein Bundesland“ aussprach. Doch die Herrscher in Bonn ließen wohl keine Gelegenheit aus, um alle Unbill für Berlin und Deutschland den Alliierten anzulasten.

Mancher wird sich daran erinnern, dass westdeutsche Medien in den fünfziger Jahren Propaganda machten für die Vereinigung der westlichen Stadtbezirke mit Unserer DDR. Es ist nicht problematisch, wenn das jemand vielleicht nicht glaubt; das kann jeder auf den CDs mit Auftritten des West-Berliner Kabaretts Die Insulaner selbst hören. Mehr als einmal wird zum Beispiel der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks Walter von Cube attackiert, der im Westen Stimmung machte für die Übergabe West-Berlins an den Osten. Es passt auch nicht in das gängige Geschichtsbild, dass es seinerzeit die Empfehlung gab an jene, die sich von den Trümmerbergen in Berlin gar nicht trennen konnten, ihre Stadt in der Lüneburger Heide neu aufzubauen, Berlin (West) jedoch den Kommunisten zu überlassen. Auch solche unsittlichen Angebote wurden von den Insulanern angeprangert. Sie haben völlig Recht – darüber schreiben die unabhängigen Medien schon lange nichts mehr. Sonst würde ja gleich jeder mitbekommen, dass das von ihnen geformte Geschichtsbild einseitiger Unfug ist. Mogelbilder als die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit in Umlauf zu bringen, ist jedoch gewiss nicht besonders schwierig, wenn der Journalist Paul Sethe ein Jahrzehnt nach jenem Krieg in einem Brief an den Verleger Axel Springer einschätzen konnte, dass „die Pressefreiheit in Deutschland im Grunde eine Sache von 200 Leuten“ sei. Das ist auch die Erklärung dafür, warum es keine Meinung in eine Zeitung schafft, wenn sie diesen paar Leuten nicht zusagt.

Die Leute, die wissen, was hier gespielt wurde, mögen heute ebenfalls nicht mehr daran erinnert werden, dass Adenauers Finanzminister Fritz Schäffer schon im Sommer 1955 in Ost-Berlin sondiert hatte, ob Bonn an den Allierten vorbei die DDR als neuen deutschen Staat anerkennen könnte, was an Geheimdienstchef Markus Wolf scheiterte. Er konnte sich das nicht vorstellen und hatte deshalb den sowjetischen Botschafter nicht informiert. Auch das muss man nicht glauben; das kann man in den Erinnerungen von Wolf nachlesen. Es wird ebenfalls nicht gern gehört, dass Adenauers Staatsminister Hans Globke 1959 einen Plan vorlegte, der in seiner ersten Fassung vorsah, dass sich beide deutsche Staaten als souverän anerkennen sollten, und in der weiterentwickelten Ausführung die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Kunstgebilden BRD und DDR sowie die übergangsweise Umwandlung West-Berlins in eine Freie Stadt vorsah, die völkerrechtlich von der BRD abgekoppelt war. Hier muss Hans Globke immer noch herhalten als Beweis dafür, dass das Dr. Konrad Adenauer alte Nazis in seinem Staatsapparat gehabt hätte. Hans Bernd Gisevius, der bei den Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg als Zeuge aussagen durfte, berichtete in seinen zwei Bänden Bis zum bittern Ende, wie auch er Männer in führenden Positionen in den dreißiger Jahren beschworen hatte, ihren Platz im Staatsapparat um Gottes willen nur nicht zu räumen, da Adolf Hitlers Gegner einen Staatsstreich nur dann wagen konnten, wenn auf genügend wichtigen Stühlen die richtigen Leute saßen.

Geschichtsbilder sollten schon alle relevanten Fakten einbeziehen. Wenn man inzwischen in aller Freimütigkeit zugibt, dass es Kanzler Adenauer und seine Mannen auf die Westintegration eines abgespaltenen West-Deutschlands abgesehen hatten, dann kann man genauso ruhig zugeben, dass sein Regierungssprecher Felix von Eckardt 1960 einen Plan entwickelte, „der auf eine neutralisierte und demokratisierte DDR hinauslief, mit dem ganzen Berlin als Hauptstadt“. In demselben Jahr 1960 schlug der Bonner Verteidigungsminister Franz Josef Strauß aus der CSU dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt eine „Frontbegradigung“ zwischen West- und Ost-Europa vor, da man West-Berlin nicht verteidigen könne, was dieser empört in das Reich der Wunschgedanken verwies. Strauß musste Berlin nicht verteidigen; dafür standen die westlichen Alliierten Gewehr bei Fuß. Wer Strauß nur die Unterstützung der DDR durch die Kredite der achtziger Jahre vorwirft, ist entweder zu jung oder liest nicht genug. Ich kann es nicht mehr hören, wer in der DDR alles mit der Staatssicherheit kooperiert hat; Strauß traf sich schon seit den fünfziger Jahren mit Markus Wolfs geheimen Männern aus Ost-Berlin. 1962 und somit noch nach dem Mauerbau frischte Außenminister Schröder aus der CDU das Wort von der Frontbegradigung auf und brachte damit erneut die Vereinigung West-Berlins mit der DDR ins Gespräch.

Kanzler Dr. Konrad Adenauer versprach in diesem Zusammenhang „mehr Beweglichkeit“ und eine „flexiblere Haltung“ in der Berlin-Frage – und das sah praktisch so aus, das Kanzler Adenauer im Gespräch mit amerikanischen Diplomaten eine Volksabstimmung in West-Berlin erörterte, in der er darüber abstimmen lassen wollte, ob die Leute in West-Berlin ihre westlichen Schutzmächte behalten wollten oder nicht. Unterdessen waren 1961 zwischen West- und Ost-Berlin eine Mauer und im Westen rund um West-Berlin ein Metallzaun hochgezogen worden. In einem von keiner Seite dementierten Zeitungsartikel vermerkte der Journalist Jörg Marschner, dass der Draht für diese lebensgefährliche Grenze aus der westdeutschen Teilrepublik geliefert worden war, deren Kanzler sich erst lange nach dem Tag X in der nunmehr völlig geteilten Stadt kurz sehen ließ, was er mit einem historisch schlechten Wahlergebnis bezahlte.

Falls Ihnen in diesem kurzen Rückblick das Wort von West-Berlin als der Stachel im Fleisch des Kommunismus fehlt – das kam von Bürgermeister Ernst Reuter. Konrad Adenauer konnte keinen Stachel gebrauchen, der die Bonner Außenpolitik belastete. Heute stört in Berlin keine Stalin-Allee sondern ein Adenauer-Platz, und die Berliner haben diesen Namen schon einmal aus ihrer Stadt verbannt. Am 26. April 1967 versuchte der Senat, den Kaiserdamm in den Adenauerdamm umzubenennen. Gegen diese Bezeichnung wehrten sich die Berlinerinnen und Berliner so lange, bis der Name am 15. Januar 1968 so verschwand wie er gekommen war. Erst drei Jahre nach der Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler und als der Ärger über Ex-Kanzler Adenauer nicht mehr so brandaktuell war, gelang es, diesen Namen für einen neu entstandenen Platz durchzusetzen.

Die deutsche Geschichte nach dem Krieg ist viel spannender als gemeinhin angenommen. Lesen Sie Intimfeinde – Die Selbstteilung der Deutschen und der Kalte Krieg, ISBN 978-3-86611-446-3, pro literatur Verlag, Augsburg 2009, 328 S., 18 Euro.