6.7 Artikel im Heft 22/2010 der Zweiwochenschrift “Ossietzky”

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Die Selbstteilung der Deutschen und der Kalte Krieg

Geheimakte Deutschland. Vor 20 Jahren: Wie Europas Politiker die Einheit Deutschlands verhindern wollten, titelte jüngst Der Spiegel. Schon vor Jahrzehnten befand Hans Magnus Enzensberger, dass dieses Nachrichtenmagazin das Publikum nicht orientiert sondern desorientiert. Aus dem selbst ernannten „Sturmgeschütz der Demokratie“ erfuhr der interessierte Laie seit 1946 alle Details der deutschen Nachkriegsgeschichte, von denen er und das Ausland wissen sollten. So zum Beispiel, dass der erste Kanzler der westdeutschen Republik, Konrad Adenauer, Beamte in seinem Staatsapparat hatte, die zuvor unter Reichskanzler Hitler beschäftigt waren. Noch 2006 wurde in diesem Zusammenhang unter der Überschrift „Schweinehunde willkommen“ die Erinnerung an Adenauers Geheimdienstchef Reinhard Gehlen aufgefrischt. Unbetont blieb, dass die Diplomaten und Generäle in diesen zwölf Jahren nur dort blieben, wo sie in der Weimarer Republik schon gearbeitet hatten. Man konnte sich mit dem Spiegel in der Hand auch darüber empören, dass es immer wieder Forderungen gab, die alten ostdeutschen Provinzen von Schlesien bis hinüber nach Ostpreußen zurück zu bekommen, die „vorübergehend unter polnischer oder sowjetischer Verwaltung“ standen. Im Spiegel wurde über die von Helmut Schmidt (SPD) und Franz Josef Strauß (CSU) eingefädelten Milliardenkredite für die finanziell angeschlagene DDR berichtet; es fehlte nur die Erklärung, warum die DDR überleben musste. Das jüngste Glanzstück an Desinformation lieferte das Blatt unter dem eingangs erwähnten Titel zum 20. Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten von 1990 und präsentierte sich so erneut als Enthüllungs- und nicht als Aufklärungsmagazin. Während es bislang immer nur Briten, Russen und Franzosen als Gegner der Vereinigung Deutschlands ausgemacht hatte, suchten die Autoren diesmal auch bei den Amerikanern Tendenzen zur Verzögerung der Einheit. Nur beiläufig wird dort erwähnt, dass bis 1990 alle auf die juristische Anerkennung der 1945er Grenzen des ehemaligen Kriegsgegners warteten.

Jahrzehntelang auf dem Laufenden gehalten wurde das Publikum des Spiegel auch über jede neue Regung des Kalten Krieges. Doch das Magazin informierte nicht darüber, wie es zum Kalten Krieg überhaupt kam. Plötzlich brach die Anti-Hitler-Koalition auseinander und die Amerikaner hatten etwas gegen die Sowjets. Egal warum. Dabei ist es gar nicht so schwer, den Hergang zu rekonstruieren. Schon bald nach Hitlers Krieg war bekannt geworden, dass die Amerikaner nicht jeden führenden Deutschen in Nürnberg vor Gericht stellen ließen. Unter denen, die überraschenderweise nach dem Krieg von den Amerikanern als Berater angesehen wurden, befand sich zum Beispiel Reinhard Gehlen. Während des Krieges war er der Chef der Spione an der deutschen Ostfront und nach dem Krieg ließen sich die Freunde in Amerika von ihm über eine vermeintliche militärische Bedrohung der Welt durch die Sowjetunion informieren. Aus jener Zeit stammt übrigens die amerikanische Panik vor Massenvernichtungswaffen.

Durchaus detailliert schilderte Gehlen in Der Dienst den Hergang der Ereignisse seit 1943, als ihn General Heusinger in die Planung für einen Staatsstreich gegen Hitler einweihte. Bekannt ist, dass auch dieser Versuch dann im Juli 1944 fehlschlug. Unbekannt blieb in der Öffentlichkeit, dass Gehlen selbst den Plan für das Attentat in der Schublade seines Schreibtisches aufbewahrte. Davon berichtete Erich Schmidt-Eenboom erst 2004. Es ist also nicht die ganze Wahrheit, wenn daran erinnert wurde, dass Gehlen General in der Wehrmacht war. In den Erinnerungen von Strauß findet man den Hinweis, dass gerade die Wehrmacht ein Refugium war, „das vor vielerlei Zumutungen des Regimes eine gewisse Zuflucht bot“. 1971 ließ Gehlen in Der Dienst die Öffentlichkeit wissen, dass er und seine Spione es waren, die sich von den Amerikanern gefangennehmen und nach Amerika bringen ließen, wo sie den Siegern im Westen vermeintliches Insider-Wissen über die militärischen Möglichkeiten der Sieger im Osten und über sowjetische Pläne zur Eroberung des Westens anboten. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 bestand jedoch für die Amerikaner die Möglichkeit, die Informationen von damals zu überprüfen. Sie waren falsch. 2007 schrieb Tim Weiner von der New York Times, der die Geschichte der CIA rekonstruiert hatte: „Doch die Spekulationen der Nachrichtendienstler über die Sowjets waren Bilder, wie sie ein Zerrspiegel zurückwirft. Stalin hatte weder einen umfassenden Plan zur Beherrschung der Welt noch die Mittel, einen solchen durchzusetzen.“

Wer auch immer die Idee zuerst hatte, wie man nachträglich einen Weltkrieg gewinnt, den man gerade verloren hatte, es war ein kluger Kopf. Vielleicht war es sogar Gehlen selbst, der als späterer Geheimdienstchef alle Hebel in Bewegung setzte, um seinen Widerstand gegen das Hitler-Regime zu vertuschen und stattdessen den ungeläuterten Antikommunisten gab. Es war sein BND, der von der Umgehung der amerikanischen Handelsembargos gegen die Staaten der Moskauer Hemisphäre einschließlich Unserer DDR wusste und den Amerikanern weismachte, es habe sich um Pannen gehandelt, wenn wieder einmal Fälle illegaler Lieferungen von Hochtechnologie bekannt geworden waren. Gehlen baute seit 1945 die Sowjetunion als Gegner des Westens auf und sorgte dafür, dass ein Kalter Krieg in Fahrt kam, der den Abschluss eines Friedensvertrages und eine Lösung der deutschen Frage verhinderte. Erst im Sommer 1989 wurden posthum die Erinnerungen des BND-Insiders und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß veröffentlicht, die in unfassbarer Offenheit die Grundidee der deutschen Schlauberger aussprach: „Wenn wir einen Friedensvertrag schließen, dann verlangt man von uns Reparationen. Da wir aber nicht bereit und nicht in der Lage sind, Reparationen zu zahlen, wollen wir auch keinen Friedensvertrag. Die höhere und die niedere Mathematik der Politik trafen hier zusammen – das Offenhalten der deutschen Frage und das Vermeiden gigantischer Reparationszahlungen.“

Strauß schrieb dort auch, dass Kanzler Adenauer die erreichte Verkrampfung zwischen den Westmächten und der Sowjetunion um viele kleine und große Zwistigkeiten zwischen den drei Westmächten ergänzte. So entstand der gordische Knoten, der die Einheit Deutschlands über Jahrzehnte verhinderte und der der westlichen Hälfte des Deutschen Reiches ermöglichte, sich schnell von den Folgen des Krieges zu erholen. Das dortige Wirtschaftswunder war die angenehmere Frucht des Kalten Krieges. Genau dafür musste der Eindruck aufrecht erhalten werden, man fordere die östliche Hälfte bis hinüber nach Königsberg/Kaliningrad wieder zurück. Bonn wollte noch nicht einmal die DDR. Dass die Alliierten 1990 mit ihrer Zustimmung zur Vereinigung zögerten, zeigt nur, dass die Bonner Spekulation auf ihre Angst vor einem neuen deutschen Riesenreich aufgegangen war. Dafür waren auch Hitlers Diplomaten im Auswärtigen Amt nützlich. Lesen Sie dazu Intimfeinde – Die Selbstteilung der Deutschen und der Kalte Krieg, ISBN 978-3-86611-446-3, pro literatur Verlag, Augsburg 2009, 328 S., 18 Euro.