6.4 Die Otto-John-Affäre

Von dieser Affäre haben Sie vielleicht schon einmal gehört. In Zeitungsartikeln wird darüber immer mal wieder berichtet. Otto John war nach diesen Artikeln der spektakulärste Überläufer aus der BRD, der je in die DDR ging. Das lag an seinem Posten, war er doch Präsident des Verfassungsschutzes. Was ist am Hergang der Affäre als sicher anzunehmen? Nach seiner Teilnahme an einer Gedenkfeier der Bundesregierung für die Akteure des damals noch nicht so oft gewürdigten 20. Juli 1944, die erstmals im Bendler-Block in West-Berlin stattfand, tauchte er am Abend jenes Tages in Ost-Berlin auf, sprach am 23. und am 28. Juli 1954 auf Radio DDR und am 11. August auf einer Presse-Konferenz, die man auf Zelluloid anschauen kann. Ansonsten bleibt der aufmerksamsten Zeitungsleserin hier nur festzustellen: Nichts Genaues weiß man nicht. „Es ist bis heute nicht mit letzter Gewissheit rekonstruierbar, ob John das Opfer einer Entführung wurde (wie dies zunächst noch von Bundesinnenminister Gerhard Schröder [CDU, nicht zu verwechseln mit dem späteren Kanzler von der SPD] und nach Johns Rückkehr in die BRD von ihm selbst behauptet wurde) oder ob John freiwillig in die DDR ging, wie von ihm am 23. Juli und am 28. Juli in Radio DDR und auf einer Pressekonferenz am 11. August erklärt wurde. Seinen vermeintlich freiwilligen Übertritt in die DDR begründete John z. B. bei der Pressekonferenz in Ost-Berlin mit der Kritik an Bundeskanzler Adenauer, dessen Politik der Remilitarisierung und Westbindung das Ziel der deutschen Einheit gefährde, folgendermaßen: »Ich habe mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, in die DDR zu gehen und hier zu bleiben, weil ich hier die besten Möglichkeiten sehe, für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg tätig zu sein.« Außerdem klagte er den wieder wachsenden Einfluss früherer Nationalsozialisten in der Bundesrepublik an, namentlich nannte er Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer (ein Beteiligter des Hitler-Putsches von 1923) und Reinhard Gehlen, den Präsidenten des Bundesnachrichtendiensts und früheren Chef der »Abteilung Fremde Heere Ost« der Wehrmacht.“

Auch zwei Wohnungen und ein Büro konnten ihn jedoch nicht von den Vorzügen des Sozialismus auf deutschem Boden überzeugen, so dass er auf Abhilfe sann. „Am 12. Dezember 1955 setzte sich John mit Hilfe des dänischen Journalisten Henrik Bonde-Henriksen wieder von Ost- nach West-Berlin ab. In der Bundesrepublik wurde er wegen Landesverrats angeklagt – was ihn anscheinend überraschte – und vom Dritten Senat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe am 22. Dezember 1956 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er nahezu vollständig absitzen musste.“

Dass es dem Otto John nicht so gut im Osten gefallen hat, dass er nun ernsthaft für den Rest seiner Jahre dort im Exil bleiben wollte, hat den greisen Kanzler in Rhöndorf königlich amüsiert. Über den Moment, in dem er dann erfuhr, dass John aus der DDR wieder geflohen ist, sagte er später: „Ich habe lange nicht so gelacht, wie in diesem Augenblick.“ Dem Lachen entnehme ich, dass Herr John sehr wohl von Bonn abgeschoben worden war, und dass da Vorsorge getroffen war, falls dieser arme Wicht zurückkommt, im Glauben, der KGB hätte ihn entführt.

Nach seiner Freilassung bemühte sich John bis an sein Lebensende vergeblich um seine Rehabilitierung. Prominente Politiker wie Herbert Wehner, Willy Brandt und Franz Josef Strauß setzten sich für eine Wiederaufnahme des Prozesses ein. [Sie erinnern sich daran, wie Franz J. Strauß 1953 erfolglos Einspruch erhoben haben will gegen den Rauswurf jenes „vaterländischen, antiklerikalen“ Thomas Dehler? Was den ehemaligen KPD-Genossen Herbert Wehner angeht, muss man sicher nicht die Geschichte mit seiner früheren KPD-Mitgliedschaft aufwärmen. Da genügt sicher der Verweis darauf, dass er der SPD-Opposition im Bundestag angehörte. Von den Oppositionsbänken aus konnte man in Bonn am Rhein so ziemlich alles sagen.] Sein früherer Chef beim Soldatensender Calais, Sefton Delmer, widmete John im 1962 erschienen zweiten Teil seiner Memoiren Die Deutschen und ich in distanzloser Weise zwei Kapitel (60 und 62), in denen er allein auf Grund der Johnschen Darstellungen versuchte, diesen als Märtyrer zu präsentieren, der als Überlebender des Widerstandes gegen Hitler bei den tonangebenden Politikern und Beamten jener Zeit zum »Prügelknaben« und »ersten Opfer des Vierten Reichs« geworden sei. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gewährte ihm 1986 eine Sonderrente (»Gnaden-unterhaltsbeitrag«) von 4200 DM monatlich, »um mit den bescheidenen Mitteln, die meinem Amt zur Verfügung stehen, einen Schlussstrich zu ziehen«.“ Der gute Richard. Der Mann wollte jedoch keinen Gnadenunterhaltsbeitrag sondern die Wiederherstellung seines guten Rufes. Was Sefton Delmer angeht, so stützte er sich nicht allein auf Johns Darstellungen. Doch dazu später.

Was bietet Wikipedia noch? „Der Politikwissenschaftler Hartmut Jäckel kommt auf Grund der inzwischen vorliegenden Unterlagen aus den Stasi-Beständen zu folgendem Schluss: »Gewichtige Indizien besagen: Der Geheimnisträger Otto John hat sich am 20. Juli 1954 freiwillig zu Gesprächen nach Ost-Berlin begeben. Innerlich bewegt von einem naiv-patriotischen Impetus, der deutschen Einheit auf eigene Faust voranzuhelfen, hat er nicht damit gerechnet, dass ihm die Rückkehr in den Westteil Berlins verlegt werden könnte. [Vielleicht war er ja naiv-dumm?] Als ihm dies bewusst wurde, mag er geglaubt haben, einen groben Fehler durch einen noch gröberen korrigieren zu können.« Allerdings kommt Gieseking in seiner über 600 Seiten umfassenden Untersuchung von 2005 unter anderem zu folgendem Ergebnis, das erfreulicherweise ohne die zuvor erwähnten Spekulationen auskommt: »Auf Grund des bestehenden rechtsgültigen Urteils des Bundesgerichtshofes von 1956 kann es keinen Zweifel geben, dass Johns Schuld juristisch erwiesen ist. [Lesen Sie dazu Thomas Ramge oder zum Beispiel Sefton Delmer.] Doch über die Bewertung der Fakten kann man zu verschiedener Auffassung gelangen. Bislang gibt es keinen zugänglichen schlüssigen Beweis dafür, dass John freiwillig nach Ost-Berlin gegangen ist und dass er dort zum Verräter geworden ist. Alle dahingehenden Aussagen beruhen auf Indizien oder Zeugenaussagen. Das Gericht berücksichtigte Aussagen von Personen, die selbst wieder von John oder Dritten von der Freiwilligkeit des Übertritts erfahren haben wollten und dies während des Aufenthalts Johns in der DDR.«“ 600 Seiten Badeschaum. Das lässt doch nichts an Aussagekraft vermissen. Gewichtige Indizien besagen: John hat sich freiwillig. Welche Indizien denn zum Beispiel, sollte die Frage erlaubt sein. Aber bislang gibt es keinen Beweis. Wie? Wenn man über die Bewertung der Fakten zu verschiedener Auffassung gelangen kann, dann sind doch offenbar Zweifel daran berechtigt, ob Johns Schuld juristisch erwiesen ist. Da wird doch mit Worten gespielt.

Schauen wir uns aber erst einmal an, wie es Markus Wolf darstellte: „Der spektakulärste Übertritt jener Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt, und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen, sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür zuständig gewesen, unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. Am 20. Juli 1954 verschwand Dr. Otto John, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des missglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. Wolfgang Wohlgemuth. [Dann war es ja auch kein Problem, an ein Betäubungsmittel heranzukommen.] Es hatte den Anschein, dass beide mit Wohlgemuths Auto nach Ost-Berlin gefahren waren. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. Juli erklärt, John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben, übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns, in der dieser das Gegenteil versicherte. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John, er sei politisch unabhängig, und beschuldigte die Bundesregierung, sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« missbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen, ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen; als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der Organisation Gehlen an, einstige SD- und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe, die er für seinen Übertritt vorbrachte, glaubwürdig erscheinen. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht, Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. [Andreas Hermes’ Widerstand gegen das NS-Regime hatte ihn letztlich auch nicht vor der Bedeutungslosigkeit auf der Bonner Bühne bewahren können.] Heute vermutet er, dass seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby, dem KGB-Maulwurf, abgefangen und unterdrückt wurden. [Die Botschaften der früheren deutschen Emissäre in London waren von der dortigen Regierung auch ganz banal ignoriert worden.] 

Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet, wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch, von Rundstedt und von Manstein aus-gesagt. Eine diplomatische Karriere, wie sie ihm vorschwebte, scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. [In Joachim von Ribbentrops Auswärtigem Amt waren einige aus der „Clique“ gewiss eindeutig vorbelastet. Sie erinnern sich vielleicht an Heinrich Walles Darstellung in dem Buch Aufstand des Gewissens„Dort hatten einige verantwortungsbewusste Diplomaten ebenfalls die Gefahren von Hitlers außenpolitischem Hasardspiel erkannt.“] Dass er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde, die in der britischen Zone ihren Sitz hatte, passte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert, mit Sonderrechten versehen [sich nach Felfe wie auch die anderen großen Köpfe von ihr beschatten lassen] und unverhüllt protegiert, während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. Als ausgemachte Brüskierung musste John es empfinden, dass man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte, fraglos als Aufpasser. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. Aus Akten, die ich 1990 einsehen konnte, und aus dem, was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992 und danach erzählt hat, lässt sich ersehen, dass John tatsächlich entführt wurde und dass die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sahen, den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. [Dieser Mann hatte es einfach mit der Logik nicht so. Entweder ist Otto John aus verständlichen Gründen in die DDR übergetreten oder er ist tatsächlich entführt worden.] Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst [fragt sich nur in wessen Auftrag], und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen, dort Eindruck zu schinden, indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst, dem militärischen Hauptquartier, überreichte. [Dann wäre er im Westen nicht ohne Schrammen davongekommen.] John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht, und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert, um die Situation zu klären. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich, aber arm an Aussagen, und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. Wahrscheinlich ist, dass John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte, als Überläufer aufzutreten, da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr vorerst nicht zu denken war. Auffallend ist, dass mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde, wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann, und wahrscheinlich scheint mir, dass niemand so recht Lust hat, sich zu der Wahrheit der ganzen Sache zu bekennen. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an, den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. Doch im Dezember 1955, siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten, setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität, stieg in den Wagen des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. Dass er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde, hat ihn zeitlebens erbittert, und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils.“

In dem oben zitierten Propaganda-Text bei Wikipedia hieß es da viel dramatischer: „In der Bundesrepublik wurde er wegen Landesverrats angeklagt – was ihn anscheinend überraschte – und vom Dritten Senat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe am 22. Dezember 1956 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, die er nahezu vollständig absitzen musste.“ Etwa schwach in Mathe? Und welchen Grund hätte Markus Wolf gehabt, in dieser Angelegenheit zu lügen? Auch Sefton Delmer schrieb, dass er im Sommer 1958 entlassen wurde. Otto John hat 37,5 Prozent seiner Haftstrafe verbüßt. Nach dem obligatorischen Spektakel für das Publikum wurde er dann wieder entlassen und Konrad Adenauer war ihn los; Ende gut, alles gut. Bei Wikipedia klingt das alles so dramatisch wie in Shakespeares Macbeth.

Im Jahr 2003 brachte Thomas Ramge ein Buch auf den bunten Markt, dem er den Titel Die großen Polit-Skandale – Eine andere Geschichte der Bundesrepublik gab. Da greift der Laie natürlich hin und erwartet spektakuläre Enthüllungen. Was ihr und ihm dann geboten wird, ist eine Sammlung von zwölf Geschichten, die das Bild, das man ohnehin von diesen Geschichten hat, einfach bunt illustriert. Ich habe darin geschmökert und möchte Ihnen da ein paar hübsche Sequenzen einspielen: „Otto John verhielt sich schon seit einigen Tagen sonderbar.“ Dann wird ausgebreitet, wie sonderbar er sich seit einigen Tagen verhielt. Wer will das auch nach dem inzwischen vergangenen halben Jahrhundert noch widerlegen? Bei der nachfolgenden Passage frage ich mich aber schon, woher der Autor sein Wissen bezog: „Zurück im Hotel zog sich Johns Frau mit Kopfschmerzen in ihr Zimmer zurück. Auf Reisen wohnte das Ehepaar immer getrennt.“ Das schließt die Frau als Quelle dieser Informationen schon mal aus. „Auch John ging auf sein Zimmer und leerte dort seine Taschen.“ Dann zählt Ramge auf, was er aus seinen Taschen holte. Gut, er kann eine denkbare spätere Beschreibung des letzten Zustandes des Zimmers vor Johns Verschwinden gelesen und das geschlussfolgert haben. Aber woher wollte er das wissen: „Stattdessen steckte er 750 Mark in bar und einen gefälschten Personalausweis ein. [...] Um 19.40 Uhr ließ er sich von einem Wagen, den das Hotel seinen Gästen zur Verfügung stellte, Richtung Kurfürstendamm fahren.“ Das war fein beobachtet. „Vorgebliches Ziel: das Maison de France. Dort warteten zwei britische Geheimdienstoffiziere, mit denen sich John um zwanzig Uhr verabredet hatte. Im Maison de France tauchte John nie auf, sondern er spazierte in die nahe gelegene Uhlandstraße und besuchte einen alten Freund, den stadtbekannten Arzt und Lebemann Wolfgang »WoWo« Wohlgemuth. Der schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. So weit sind die Fakten unstrittig. Was dann genau geschah, blieb bis heute ungeklärt. Fest steht nur: Wohlgemuth verschwand mit John im Wagen über die Sektorengrenze nach Ostberlin.“ Über das Wort »spazierte« wollte der Autor wohl so etwas wie eine Gedankenlosigkeit suggerieren. Zumindest scheint es nicht ohne Bedacht gewählt. Er schrieb zwar, dass es bis heute ungeklärt sei, was dann genau geschah, konnte jedoch darüber Auskunft geben, was ein fremder Mann allein in seinem Zimmer tat.

Dann erzählt Thomas Ramge, wie erschüttert die junge Bundesrepublik war, und anschließend lässt er uns wissen: „Am Morgen des 21. Juli fand Wohlgemuths Sprechstundenhilfe zudem einen handschriftlichen Zettel ihres Chefs. Darauf teilte der Arzt mit, John habe im Osten Gespräche mit Kollegen geführt und sich entschlossen, nicht mehr in den Westen zurückzukehren. Auch Wohlgemuth wolle erst einmal im Osten bleiben, »bis sich die Lage geklärt hat«.“ Daraus entnahm ich erst, dass WoWo den Zettel schrieb, bevor er sich mit OtJo im Gepäck nach Ost-Berlin aufgemacht hatte. Delmer schrieb jedoch, Dr. Wohlgemuth sei später noch einmal in der Praxis gewesen und habe dann den Zettel hinterlegt. John hat sich auf jeden Fall nicht selbst zum Ziel dieser Fahrt geäußert.

Ramge schildert danach die Auftritte Otto Johns im Osten und die Reaktionen der unabhängigen westdeutschen Medien, die auf einmal entdeckten, was für einen Vaterlandsverrat der böse Verschwörer von 1944 schon damals begangen hatte. So wurden Parallelen zwischen seiner gegen Hitler gerichteten Widerstandstätigkeit und seinen Ost-Berliner Vorwürfen gegen die Bundesrepublik herausgearbeitet. Es ist interessant, wie Ramge ein echtes Zitat in dieses Traktat einarbeitete: „Auch Sefton Delmer, einst Johns Chef beim britischen Soldatensender, hielt ihn für gänzlich ungeeignet. Um in seinem Amt zu reüssieren, hätte John »entweder ein Mann von rücksichtsloser Entschlossenheit sein müssen, mit der Haut eines Elefanten und einer aalglatten diplomatischen Geschmeidigkeit – der er nicht war – oder aber ein unterwürfiger Opportunist – der er ebenso wenig war.«“

Nun klingt gänzlich ungeeignet ja wirklich nicht besonders ermutigend. Aber lesen Sie das noch einmal unter dem Gesichtspunkt, dass Sefton Delmer ihn für einen „Prügelknaben“ und für „das erste Opfer des Vierten Reichs“ hielt. Diesen Sefton Delmer zieht Thomas Ramge als Kronzeugen heran, um eine mangelnde Eignung Johns für sein Amt zu belegen. Das ist dreist. Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, habe ich mir also ganz flugs das englische Original von Delmers Autobiographie in der Amerika-Gedenkbibliothek zu Berlin bestellt und mir die Stelle herausgesucht, um zu sehen, warum Delmer ihn für ungeeignet hielt.

Tatsächlich hatte Delmer geschrieben: „For to survive as President of the newly created »Federal Office for the Protection of the Constitution« Otto John had either to be a man of ruthless resolution with the hide of an elephant and an eel-like diplomatic nimbleness – which he was not or an obsequious opportunist prepared to trim his sails to the wind of change now beginning to blow over Germany. And that he was not either.“ Der Satz begann also mit: Um als Präsident des neugeschaffenen Verfassungsschutzes zu überleben, hätte er entweder . . . Es ging nicht darum, ob er dort vielleicht Erfolg haben würde oder nicht, sondern ganz technisch um sein Überleben in diesem Amt. Der Grund, warum Delmer ihn für ungeeignet hielt, wäre ersichtlich geworden, hätte Ramge nicht auch das Ende des Satzes weggelassen. Den Folgesatz aber nimmt er in sein „Zitat“ auf. Am Ende des Satzes hieß es nämlich: oder ein unterwürfiger Opportunist, bereit seine Segel nach dem Wind der Veränderung, der jetzt über Deutschland blies, auszurichten. Und das war er auch nicht. Ungeeignet schien er somit zu sein, weil er sich nicht durchsetzen konnte gegen die wirklichen und die vermeintlichen alten Nazis, die ihm das Leben in seinem Amt schwer machten. Der gute Reinhard Gehlen soll bei dieser Gelegenheit seinen Ruf eines Alt-Nazis gefestigt haben mit dem recht schrillen Ruf: „Einmal Verräter, immer Verräter!“ Der Brite hatte unmittelbar zuvor geschrieben, dass die zuständigen Personen bei den Amerikanern und Franzosen ebenfalls von der Zuverlässigkeit Otto Johns ausgingen – wegen der Propagandatätigkeit für die Anti-Kriegs-Sender der Briten – und deshalb nichts gegen seine Ernennung zum Chef des Verfassungsschutzes hatten.

Im Laufe des Verfahrens konnte John nicht nachgewiesen werden, tatsächlich Staatsgeheimnisse ausgeplaudert zu haben. Er hatte keine geheimen Dokumente, zum Beispiel eine Liste der Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, in die DDR geschmuggelt. Mit Interna über den geplanten Aufbau der Europäischen Verteidi-gungsgemeinschaft, an denen die Russen brennend interessiert waren, konnte John ebenfalls nicht dienen, er war nicht eingeweiht. [Allein das zeigt, dass er nicht zu denen gehörte, die wussten, was in Bonn gespielt wurde.] Auch war nach seinem Abtauchen im Osten kein westdeutscher Agent enttarnt worden. Die Richter griffen auf § 100a des Strafgesetzbuches zurück. Dieser stellte unter Strafe, einen Sachverhalt zu erfinden, der ein Staatsgeheimnis darstellen würde, wenn er denn wahr wäre. Will sagen: John wurde verurteilt, weil er der Öffentlichkeit Lügen über die Bundesrepublik aufgetischt hatte, die, wären sie keine Lügen gewesen, Geheimnisse enthüllt hätten.“ Worin bestand nochmal die Kritik an der DDR-Justiz?

Apropos DDR-Justiz. Über John wurde vor diesem Verfahren ein psychiatrisches Gutachten angefertigt. Das Papier „attestierte dem ehemaligen Verfassungsschutz-präsidenten eine »in mancher Beziehung nicht ausgereifte, fast noch knabenhafte Persönlichkeit«. Er neige zu Selbstüberschätzung, Geltungssucht, besitze eine spielerisch oberflächliche Veranlagung, dafür aber ein gehöriges Maß an schau-spielerischen Fähigkeiten. Die Anklage kam zu dem Schluss: »Hier ist die Persönlichkeit die Tat und die Tat die Persönlichkeit.«“ Fragen Sie mal Leute, die in der DDR so einen Wisch bekamen. Das hörte sich dort auch nicht anders an.

Unter der Überschrift „Ent- oder verführt?“ schreibt Thomas Ramge: „John präsentierte während der Gerichtsverhandlung eine ganz andere Version: Am Abend des 20. Juli fuhr er zu Wohlgemuth, um ein Attest für die Witwe eines befreundeten Widerstandskämpfers abzuholen. [Er spazierte in die nahe gelegene Uhlandstraße und besuchte einen alten Freund, den stadtbekannten Arzt und Lebemann Wolfgang »WoWo« Wohlgemuth.] Als er kurz auf die Toilette ging, schüttete der Arzt ihm ein Schlafmittel in den Kaffee. Wohlgemuth schlug vor, in seine Privatwohnung zu fahren. Im Auto verlor John das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, lag er auf einer Couch in einer Villa des KGB in Karlshorst. Er fragte, wo er sei. Ein auffällig gut gekleideter Mann mit weißer Strähne im Haar antwortete: »Bei guten Freunden.« Da wurde John bewusst, wie hilflos er war. Durch die Tür im Nebenzimmer sah er eine Frau in einem weißen Arztkittel. Das Spritzenkommando. John entschloss sich, zum Schein zu kooperieren und auf eine Fluchtmöglichkeit zu warten. Dies schien ihm die einzige Möglichkeit, zwanzig Jahren Sibirien zu entgehen. Die berühmte Pressekonferenz studierte der KGB drei Wochen lang minutiös mit ihm ein. Die Erklärung las er dann bewusst teilnahmslos vor, um ein Zeichen zu geben. Bei den anschließenden Verhören in Russland gab John nur Banalitäten preis, von denen er wusste, dass die Russen sie ohnehin schon kannten. Dies entsprach der Linie, die der Verfassungsschutz Anfang der 50er Jahre seinen Agenten für den Entführungsfall ausgegeben hatte: zum Schein kooperieren, wichtiges Wissen schützen und auf die Fluchtchance warten. Bei den Richtern fand John damit kein Gehör.“

Das entspricht vollkommen meinem Eindruck von den Vorwürfen, die John bei der Pressekonferenz gegen die Bundesrepublik erhob. Es ist nichts Neues dabei; es handelte sich hier vielmehr um die Summe der Kritik, die es im Osten damals an der Bundesrepublik gab, diesmal jedoch aus berufenem Munde. Das sollte den Vorwürfen dann wohl mehr Legitimität verleihen. Sefton Delmer sah das genau so und was Johns Beiträge zur Vereinigung Deutschlands anging, konnte er sich nicht erinnern, dass John sich des Themas zuvor speziell angenommen gehabt hätte.

Über Otto Johns Versuche, wenigstens in den neunziger Jahren und somit nach dem Ende des Kalten Krieges mit den inzwischen zugänglichen Quellen seine Lebensgeschichte richtigzustellen, schrieb Thomas Ramge: „John wollte keine Begnadigung, er wollte seinen Ruf wiederherstellen. Mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Ost-West-Konflikts schien dies plötzlich möglich. »Endlich habe ich Tatzeugen«, freute er sich. Im März 1991 meldete sich im Stern ein ehemaliger Oberstleutnant der Stasi zu Wort, Franz Kramer, Ausbilder an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Er bestätigte Johns Unschuld: »Der ist gemaust worden. Das wurde ja damals häufiger gemacht – von uns, aber auch von drüben. Der Wohlgemuth, der KGB-Mann, der hat ihn rübergeholt. Aber das hat er ohne Auftrag gemacht. Er hat seine Kompetenzen überschritten. Das war allgemein bekannt bei uns in der Firma.«“ Hört sich die Formulierung »freute er sich«  für Sie eigentlich auch so an wie: Da hat sich einer zu früh gefreut?

Mich erstaunt die Eindimensionalität gar nicht, mit der in dieser Firma davon ausgegangen wurde, dass WoWo ein KGB-Agent war. Wie klingt das denn in Ihren Ohren? Der ist gemaust worden. Das wurde ja damals häufiger gemacht. Bauer. Auch bei dieser „Überlegung“ fehlt mir eine zweite oder dritte Option. Es gibt Doppelagenten. Es gibt Schauspieler. Es gibt grüne Gurken. Woher diese Leute nur ihre Sicherheit beziehen. Was soll er denn für ein KGB-Mann gewesen sein, wenn Pitawranow Mitarbeiter aus Moskau anrief, um ein erstes Verhör durchführen zu lassen. Wäre das geplant gewesen, hätten sich diese Leute längst in Ost-Berlin aufgehalten.

Otto Johns ehemaliger Londoner Chef Sefton Delmer war empört über den gesamten Vorgang. Schon bei einer Pressekonferenz am 28. Juni, also drei Wochen vor dem Verschwinden des Spitzenbeamten, hatte Bundesinnenminister Dr. Gerhard Schröder diesen Otto John für nicht weiter haltbar erklärt, nachdem die BRD ihre volle Souveränität habe, da er doch ein Mann mit geteilter Loyalität sei, geteilt zwischen Great Britain und der Bundesrepublik Deutschland! Mister Delmer nahm kurz nach dem Verschwinden Johns mit ihm Kontakt auf. Er schreibt, dass er ihm einen Brief nach Ost-Berlin schickte, adressiert an das Postfach, das John in einem Brief an seine Frau angegeben hatte. Obwohl er nicht mit einer Antwort gerechnet hatte, kam am 6. August ein Brief an, in dem es hieß, John habe Delmers undatierten Brief am 4. August erhalten und er hoffe nun auf eine baldige Gelegenheit für ein ausführliches Gespräch. Am Rande der Pressekonferenz vom 11. August kam es wirklich zu der Begegnung, wenn es auch „weder ein langes, noch ein besonders ausführliches oder privates Gespräch“ wurde. Es fand „in einer Art Restaurant über dem Haus der deutschen Presse in Ostberlin statt, in dem Otto John soeben eine Monster-Pressekonferenz abgehalten hatte“.

Delmer schreibt weiter, dort hätten Reporter „aus der ganzen westlichen Welt wie auch aus den Ländern des Sowjetblocks“ teilgenommen, und unmittelbar nach dem Auftritt sei er aufgestanden und habe sich in Johns Nähe begeben. Der Noch-Präsident des Verfassungsschutzes habe ihn „dem kommunistischen Vorsitzenden der Konferenz, einem gewissen Dr. Wilhelm Girnus, vorgestellt“. Doch ein freies Sprechen war im Wesentlichen nicht möglich, da fast die ganze Zeit Dr. Girnus und ein sowjetischer Offizier zugegen waren. Auf Delmers Frage, wann er denn beschlossen habe, den Westen zu verlassen und in die Deutsche Demokratische Republik überzutreten, erwiderte John sichtlich aufgewühlt, er habe sich das erst überlegt, nachdem er die Grenze überschritten hatte und eine Unterhaltung mit gewissen Herren gehabt habe. Auch eine zweite Frage in diese Richtung wurde mit diesem gezirkelten Satz, betont auf »nachdem«, beantwortet.

Unfassbar war für Delmer, dass Otto John von einem Bundesgericht verurteilt wurde, das „ein Gerichtshof ganz besonderer Art [ist], der sich mit keinem Gericht in irgendeinem zivilisierten Staat der westlichen Welt, dem es um Recht und Gesetz zu tun ist, vergleichen lässt“. Empört konstatierte er: „Es ist ein Gericht zugleich erster und letzter Instanz, und gegen seine Urteile, so anfechtbar sie auch sein mögen, ist kein Einspruch möglich. Zweifellos musste eine solche Institution den Polizisten und Richtern, von denen so viele unter Hitler gedient hatten, sehr praktisch und zweckmäßig erscheinen. Aber solange ein solcher Gerichtshof exis-tiert, spreche zumindest ich dem Bundeskanzler das Recht ab, die Bundesrepublik als eine Demokratie zu bezeichnen, so gewissenhaft sie auch das Ritual einer parlamentarischen Regierungsform beobachten mag.“ 

Der Brite fühlte sich unter anderem durch Walter Poller, den Herausgeber der Westfälischen Rundschau bestätigt, der am 16. Oktober 1957 in seiner Zeitung geschrieben hatte: „Die mir vorliegende mündliche Urteilsbegründung ist das erschütterndste Dokument, das ich seit dem Zusammenbruch des Naziregimes in den Händen gehalten habe. Wenn mit solchen Argumenten und mit solchen unzulänglichen Beweisen jemand zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt werden kann, dann hat die Demokratie alle Ursachen, aktiv zu werden.“ Das tat sie jedoch nicht.

Der SPD-Abgeordnete Dr. Adolf Arndt wird von ihm so wiedergegeben, dass es ihm unverständlich sei, wie die Annahme, dass Otto John freiwillig in die Sowjet-Zone gegangen wäre, auf derartigen Argumenten basieren könne. Die psychologische Begründung sei „primitiv, dilettantisch und weltfremd“; sie sei „so erschreckend, dass sie geradezu ein Beispiel dafür bilden kann, wie man als Richter nicht argumentieren darf“. Hat Dr. Arndt auch die Einrichtung einer Berufungsinstanz gefordert? Wie auch Herr Wehner saß er auf der sicheren Oppositionsbank. Es ist zwar schön, dass man in diesem Land fast jede Meinung äußern kann; das hätte aber nur einen Effekt, wenn das auch irgendetwas bewegte.

Interessanter ist ein von Ramge ins Feld geführter Zeuge, der im Jahr 1954 bei den Amerikanern noch nicht in Ungnade gefallen war, der zu jener Zeit aber Reinhard Gehlens Chef der Gegenspionage im BND war. Es geht um den berühmten Heinz Felfe, der dem KGB immer alles über die Absichten der CIA verraten hatte. Hören wir also Thomas Ramge: „Der Spion im Ruhestand bestätigte: Wohlgemuth war auf John angesetzt worden, damit dieser sich bei ihm ausplaudern konnte. In den Osten gebracht hatte ihn der Arzt auf eigene Faust. Offensichtlich wollte er den ganz großen Coup landen. Am liebsten hätten die Russen den Verfassungsschützer unauffällig wieder zurückgeschickt. Doch das war nicht mehr möglich, da der Westen ihn schon vermisste. [Da lag Dr. Wohlgemuths Zettel auf dem Tisch, den Lebemann WoWo sicher auch auf eigene Faust geschrieben hatte. Sie werden staunen, wie diese vermeintliche Hilfe für den KGB für Wowo ausging.] »Also blieb nur die Flucht nach vorn«, erklärte Felfe ebenfalls im Stern. »Die ganze Geschichte mit politischem Asyl und Pressekonferenz. Aber das hat ja nur propagandistischen Wert gehabt.« Dieser wiederum war schnell ausgereizt. Die DDR habe, so der Spion, die Flucht zurück nach Westberlin gar nicht verhindern wollen: »Wäre er richtig überwacht worden, wäre ihm das nicht gelungen.«“

Das Strafmaß der Bundesrichter, einige von ihnen hatten bereits im Dritten Reich »Recht gesprochen«, war hoch – doppelt so hoch, wie es die Staatsanwaltschaft forderte. [...] Mit der harten Strafe versicherte sich die Bundesrepublik ihres Alleinvertretungsanspruches auf die deutsche Staatlichkeit. Dabei warf sie einen elementaren Grundsatz des Rechtsstaates kurzerhand über Bord: im Zweifel für den Angeklagten. Der Fall John war die erste große deutsch-deutsche Spionageaffäre. Spannend, durchtrieben, mysteriös. Ein gefundenes Fressen für Verschwörungs-theoretiker und Freunde von Agentenkrimis.“ Genau. Hofft auch dieser Autor, die sachliche Auseinandersetzung mit den vorhandenen Darstellungen zu verhindern, indem er das Wort von der Verschwörungstheorie fallen lässt? Doch nicht jeder Leser reagiert wie ein Pawlowscher Hund. Nachdem der von Ramge herangezogene Zeitzeuge Heinz Felfe seine Jahre im West-Knast damals abgesessen hatte und in die DDR entlassen worden war, veröffentlichte er – mit einer ganz gehörigen zeitlichen Verzögerung – Mitte der achtziger Jahre dort seine Memoiren.

Für das Bravourstück darin halte ich seine 1986er Darstellung der Otto-John-Affäre. Es gelingt ihm, dem in die bitterlich-süße Freiheit der DDR ausgetauschten Agenten, in diesem Werk Otto John als ein Opfer alter Nazi-Seilschaften in Bonn zu präsentieren – ohne die offizielle Bonner Sicht in Frage zu stellen, nach der John von niemandem in Unsere DDR entführt wurde, schon gar nicht vom BND. John ist vor dem Mobbing geflüchtet. Die Meisterklasse. Der sowjetische KGB war nicht böse zu John – das Buch sollte ja in der DDR verkauft werden, Ost-Berlin hörte, was es über die BRD hören wollte und in Bonn tat er so keinem weh. Dass es in Bonn damals vor Nazis nur so wimmelte, ist schließlich noch nach der Jahrhundertwende Teil der gängigen Propaganda in unserem Land. Dass er Unfug erzählte, konnte man Mitte der achtziger Jahre ja nicht wissen. An einer Stelle verfälscht er jedoch eine Darstellung, was jemand neben Wolf hätte bemerken können. Während der britische Journalist Sefton Delmer 1962 in Die Deutschen und ich auf der Seite 701 schreibt, er habe mit Otto John „in einer Art Restaurant über dem Haus der deutschen Presse in Ostberlin [...] weder ein langes, noch ein besonders ausführliches oder privates Gespräch“ führen können, heißt es bei Heinz Felfe: „Sefton Delmer war es dann auch, der nach seiner Rückkehr aus Berlin als erster berichtete, dass Otto John nicht den Eindruck mache, unter Druck zu stehen.“ Das ist ja primitiv. So einfach sollte man es Kritikern vielleicht nicht machen. Delmer hatte im Detail geschildert, dass ein freies Sprechen gar nicht möglich gewesen sei, da fast die ganze Zeit ein Dr. Girnus und ein sowjetischer Offizier zugegen waren. Wie kam der Herr Felfe dann zu der Aussage, John habe nicht den Eindruck gemacht unter Druck zu stehen?

Als Meister Felfe seine Abhandlung dieser Affäre bereits abgeschlossen und der Leserschar „Einsicht in die Wurzeln der reaktionären Politik der Bundesrepublik“ gewährt hat, wozu ihm diese Affäre genug Stoff bot, holt er noch einmal Luft und ergänzt: „Ein Moment am Rand des Geschehens des Falls John ist seine Haltung mir gegenüber gewesen. Auch dies möchte ich dem Leser nicht vorenthalten, weil es die politische Labilität von Otto John charakterisiert. John hat nach meiner Verhaftung einmal in einem Presseinterview erklärt, dass ich der Anlass seiner »Entführung« gewesen sei, denn ich hätte damit abgedeckt und geschützt werden sollen. Seine Theorie war, die von mir preisgegebenen BND-Agenten in der DDR und in der Sowjetunion seien vom Osten verhaftet worden, und man habe die Gelegenheit genutzt, diesen Vorgang ihm Otto John, zuzuschreiben, um die Quelle Felfe zu schützen. Diese Schutzbehauptungen waren so dumm, dass sie sogar ein Nichtfachmann durchschauen musste.“

Das geht noch eine Weile so weiter; letztlich kommt er „zur objektiven Betrachtung der Persönlichkeit Otto Johns“, die nicht gut ausfällt, und beschließt seinen Psalm mit den Worten: „In seinen Memoiren maß er [Ex-Kanzler Konrad Adenauer] Otto John keine Bedeutung bei. Jedoch nahm er Stellung zu den Problemen jener Tage, darunter zur Wiedervereinigung Deutschlands.“ So bekam Felfe die Kurve zu einem neuen Thema. Schnell wie ein Wiesel, elegant wie ein Reh. Wenn mich hier nicht alles täuscht, war sein Nachtrag in dieser Sache jedoch präzise eine Einlassung zu viel. So erinnerte ich mich überhaupt erst an diese kurze Passage bei seinem BND-Kollegen Oscar Reile, der in einem ganz anderen Kontext von sich gegeben hatte: „Bereits vor diesem Fall – im Winter 1952/53 – hatte ich General Gehlen zwei Verdachtsmeldungen gegen den in einer Außenstelle der »Org« [der Organisation Gehlen] tätigen Heinz Felfe, einen ehemaligen SS-Obersturmführer, vorgelegt, in denen ich darauf hinwies, dass die Meldungen auf Feststellungen beruhten, die vom Verfassungsschutz in Düsseldorf getroffen waren. Mit diesen Meldungen befasste sich anschließend auftragsgemäß die Sicherheitsabteilung der »Org«. Zu meinem und anderer Mitarbeiter Erstaunen wurde Felfe trotz der vorliegenden Verdachtsmeldungen in die Zentrale der »Org« geholt und ausgerechnet der Abteilung Gegenspionage zugeteilt. Felfe gewann sehr bald das Vertrauen Gehlens, während mein Stern beim hohen Chef zu sinken begann.“ Ganz sicher? Ei der Daus! War Oscar Reile tatsächlich so überrascht, wie er sich gab? Hat ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes gegen Heinz Felfe einen Verdacht geäußert, der wegen dessen Tätigkeit für den BND Chefsache wurde? Kam auch John zu der Überzeugung, dass man den BND in der Sache ins Bild setzen musste? Gab es 1953/54 Auseinandersetzungen zwischen John und Gehlen über den Fall Felfe? Dass es da Spannungen gab, drang bis an die Ohren von Markus Wolf in Ost-Berlin; auch Felfe berichtete davon. War also tatsächlich Heinz Felfe der Grund, warum Otto John aus dem Verkehr gezogen wurde? Darauf könnte ein feines Detail hinweisen, dass Felfe selbst lieferte. Wie es der Zufall so wollte, „wurde mein Führungsoffizier »Alfred« zum Dolmetschen kurzfristig in die Villa, in der Otto John saß, abkommandiert“, erinnerte sich der gute Heinz Felfe. Die Schlinge wird enger, wenn James Critchfield von der CIA konstatiert, dass sein Kollege Thomas Wesley Dale am 24. Juni und am 13. Juli 1954 je ein Dossier schrieb, die von einem Verdacht bei Herrn Felfe ausgehen. Im Juli wurde es offenbar langsam ernst.

Stecken wir also den Rahmen ab. Bei vollem Bewusstsein hätte John die Demarkationslinie nicht überschritten, sondern auf eine weniger riskante Weise Kontakt mit der Ost-Berliner Führung aufgenommen. Was hätte er denn von Ost-Berlin aus „für eine Wiedervereinigung und gegen die Bedrohung durch einen neuen Krieg“ real machen können? Betäubt war er jedoch nicht in der Lage, nach Ost-Berlin zu kommen. Es handelte sich also um eine Entführung, was auch gleich die Frage der Freiwilligkeit klärt. Wer sagt, John sei vielleicht doch nicht betäubt gewesen, den verweise ich auf den vorherigen Gedanken. Wenn es sich aber um eine Entführung handelte, gibt es eine Reihe von möglichen Auftraggebern. Es ist tendenziell eher unwahrscheinlich, dass seine Familie ihn loswerden wollte. Nachdem wir einige weitere Varianten verworfen haben, kommen wir auf die europäischen Geheimdienste. Welches Motiv könnte ein westlicher Dienst gehabt haben?

Gut. Eine Entführung konnte auch von der Staatssicherheit oder vom KGB organisiert worden sein. Welches Szenario ergibt sich dann? Ein Beamter aus der Bundesrepublik in höchster Stellung wird betäubt und gegen seinen Willen herüber in den Osten verbracht. Dort warten Männer von irgendeinem geheimen Dienst und hoffen, dass dieser Mann nicht tobt und herumschreit, sondern in die Sonne des Ostens überläuft. Also wissen Sie. So eine Entführung durch einen östlichen Geheimdienst hätte Sinn gemacht, wenn es darum gegangen wäre, John aus irgendeinem Grund vor Gericht zu stellen. Nein. Ich denke, es gibt eine realistische Erklärung für diesen recht mysteriösen Vorfall. Gern gesehen war dieser Herr John in Bonn vom ersten Tag an nicht. Schon mit der erwähnten Einlassung vom 28. Juni hatte Bundesinnenminister Schröder angekündigt, dass die Adenauer-Regierung John bei nächster Gelegenheit aus dem Amt entfernt wissen wollte. Als ich auf der Suche nach Detailüberlieferungen zu Reinhard Gehlen war, stieß ich nach der inhaltlich identischen Überlegung von Markus Wolf auch bei Wolfgang Krieger in dem Band Geheimdienste in der Weltgeschichte auf nachfolgende Passage: „Doch es gelang Adenauer zunächst nicht, den personalpolitischen Einfluss der Westalliierten zu verhindern. Als 1950 zum Schutz gegen innere Subversion das Bundesamt für Verfassungsschutz eingerichtet wurde, musste er den von der britischen Besatzungsbehörde favorisierten Otto John an die Spitze berufen. Diese Besetzung war in Bonn kontrovers, ja sie wurde praktisch gegen den Willen der Regierung getroffen und demonstrierte einmal mehr, wie unselbstständig die Regierung Adenauer in Sicherheitsfragen war.“

Unselbstständig – aber nicht hilflos. Lassen Sie mich einen Tipp abgeben, was sich am Abend des 20. Juli 1954 in Berlin abgespielt hat. Wolfgang Wohlgemuth kannte durch Felfe diesen „Alfred“ vom KGB. Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung hat er Otto John zu sich eingeladen, angeblich um ihm das gewünschte Attest auszuhändigen, gab ihm den mit einem Schlafmittel versetzten Kaffee und fuhr ihn nach Karlshorst, wo John aufwachte. Bei der Ankunft im Osten stand John nach Wolf und nach seinen eigenen Angaben unter dem Einfluss von einem oder mehreren Rauschmitteln. Herr John selbst sprach seinerseits von einem Gang zur Toilette und einem anschließenden Kaffee. Ich stelle es mir übrigens unschön vor, wenn jemand in so eine Mühle gerät und ihm hinterher keiner glaubt. Von solch einer Tasse Kaffee sprach allerdings auch Thomas Ramge. Andererseits frage ich mich, woher dieser Autor, der die Gnade der sehr späten Geburt genoss, von einem vor fünfzig Jahren getrunkenen Kaffee wusste. Der muss ja dolle wichtig gewesen sein. In der Darlegung von Felfe kam Otto John übrigens „stark angetrunken auf dem Parkplatz der Berliner Charité an und bat um Kontakt mit der sowjetischen Seite“. Vollkommen freiwillig. Ohne Entführung. „Als Wohlgemuth eines Tages ankündigte, dass John zum Besuch im Osten bereit war, blieb die Frage offen, warum eigentlich? Heute wissen wir, dass Wohlgemuth seinen Auftrag überzogen und den labilen Otto John politisch in diese Richtung gedrückt hatte.“ Aber klar doch. Da bleibt bei mir kaum noch eine Frage offen. Die Charité ist ein Krankenhaus. Wer dort nach den Russen gefragt hat, wurde wohl eher in die geschlossene Psychiatrie geschickt – und nicht wegen Labilität.

In Karlshorst gab Wowo Otto John bei Felfes Führungsoffizier Alfred ab. Nachdem Herr John in Ost-Berlin aufwachte und begriffen hatte, dass er geleimt worden war, hielt er sich offenbar an das Reglement für den Fall einer Entführung, und nutzte nach gut einem Jahr im Osten eine Chance zur Flucht in den Westen. Das setzt aber voraus, dass er bis zu diesem Zeitpunkt oder bis zum Schluss glaubte, Wohlgemuth habe das für den KGB getan. Sonst wäre er wohl im Osten geblieben. Es ist vorstellbar, dass später auch im Osten mit Chemie nachgeholfen wurde.

Dafür spricht, dass Wolf berichtete, der KGB sei in diesem Zusammenhang stets wortkarg geworden. Dagegen spricht allerdings, dass Sefton Delmer nach Johns Rückkehr in die BRD mit ihm gesprochen hatte und 1962 schrieb, es seien keinerlei Drogen bei ihm angewendet worden – „However no drug was ever used on him.“ Zumindest seien im Osten keine Drogen verwendet worden, denn Delmer war davon überzeugt, dass Otto John nicht bei klarem Bewusstsein über die Sektorengrenze gekommen war. Entsprechend empört war er, dass ein Zollbeamter ausgesagt hatte, er habe das Fahrzeug mit Wohlgemuth und John an der Sandkrugbrücke gesehen und John sei bei Bewusstsein und vergnügt gewesen – „conscious and cheerful“. Delmer schrieb, dass dieser Beamte angegeben hatte, er hätte die beiden identifiziert, bis bewiesen wurde, dass er die beiden zuvor auf Zeitungsbildern gesehen hatte. Er wollte sich darüber hinaus an die letzten drei Ziffern des Nummernschildes erinnert haben, doch ein Kreuzverhör ergab dann, dass er sein Insiderwissen aus einem Rundschreiben bezogen hatte, das die Polizei an Anwohner ausgeteilt hatte. Als sich herausstellte, dass Wohlgemuth nicht an der Sandkrugbrücke sondern am Brandenburger Tor die Sektorengrenze überquert hatte, fiel das Konstrukt endgültig in sich zusammen. Da Dr. Wohlgemuth den Zettel auf dem Tisch hinterlassen hatte, gab es einen Hinweis, wo sich John aufhält. Damit war der Verfassungsschutzpräsident aus dem Rennen.

Aversionen hatte es also in Bonn schon von Anfang an gegen Dr. John gegeben, doch wie stelle ich mir den letzten Stein des Anstoßes ganz praktisch vor? Ende 1952, Anfang 1953 hegte ein Mitarbeiter bei der Düsseldorfer Dienststelle des Amtes für Verfassungsschutz Verdacht gegen einen Bürger Heinz Felfe. Die weitergehenden Untersuchungen ergaben, dass der für den BND arbeitete, weshalb die Angelegenheit an den Chef der Behörde weitergereicht wurde. Der Chef setzte sich mit dem Chef des Bundesnachrichtendienstes in Verbindung und gab den Hinweis weiter. Dann wird es zwischen Otto John und Reinhard Gehlen mündliche und/oder schriftliche Debatten über Schuld und Unschuld dieses Felfe gegeben haben, und nachdem John nicht Ruhe gab, wird in Pullach nach Wegen gesucht worden sein, um John auszuschalten. Der Gedanke kam mir durch Johns Presseinterview Ende 1961. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Weil BND-Agenten in der DDR aufflogen, kamen Ermittler des Verfassungsschutzes auf Heinz Felfe als Ursache. Mit der Entführung Johns wurde Herr Felfe gedeckt und John aus dem Rennen geschlagen. An den Fall Felfe wird sich John 1961 erinnert haben, als dieser wegen des Spionageverdachts verhaftet wurde. Wäre ihm dieser Gedanke schon 1954 gekommen, wäre er wohl kaum zurückgegangen.

Und der Dr. Wohlgemuth? Als er am 12. Februar 1958 eine Freundin in West-Berlin besuchen wollte, wurde er verhaftet und wegen illegaler Kontakte in den Osten angeklagt. Während John über Monate einsaß, wurde Wohlgemuth auf Kaution freigelassen. Nach einer Verhandlung wurde das Verfahren gegen ihn niedergeschlagen. Die Richter befanden, dass Dr. Wohlgemuth Herrn John nicht entführt haben konnte, da Dr. John ja für schuldig befunden worden war, aus freien Stücken nach Ost-Berlin gegangen zu sein. Das klingt zwar auch schräg, aber warum wurde er wegen der Monate beim KGB in Ost-Berlin nicht belangt?