6.3 Intelligence services: Die Geheimdienste der Bundesrepublik, der USA und der DDR

Die Geheimdienste der Bundesrepublik

Von der Arbeit des Bundesnachrichtendienstes (BND) wird nicht viel bekannt, so erstaunt es nicht, dass die Frankfurter Allgemeine Zeitung 1993 klagte, der Dienst könne seine Erfolge der Öffentlichkeit gar nicht richtig präsentieren. Aber dafür ist es ja auch ein Geheimdienst. Einer derjenigen, die durchaus Einblick in diesen Dienst hatten und darüber berichteten, war Heinz Felfe. Hören wir einleitend von ihm, wie es um die Damen der Schöpfung in Gehlens Dienst so bestellt war: Viele von ihnen waren „tüchtige und pflichtbewusste Mitarbeiterinnen [...], die auch ohne Weiteres ihre Chefs vertreten konnten“. Das ist ja für den Anfang gar nicht so schlecht. Und sonst? Was musste man mitbringen, wenn man dort anfangen wollte? Der Chef Reinhard Gehlen suchte „Spezialisten auf allen Gebieten. Es gibt kaum einen Bereich modernen Wissens, der im Dienst nicht benötigt wurde und wird. Der wissenschaftlich ausgebildete Mitarbeiter ist jedenfalls, gleichgültig ob er aus dem Bereich der Gesellschafts-, Geistes- oder Naturwissenschaften stammt, für einen effektiven Dienst unentbehrlich. Dass der wissenschaftlich geschulte Mitarbeiter bei aller Nüchternheit und Präzision, die eine systematische Auswertung von Nachrichten verlangt, nicht am Schreibtisch erstarren soll, habe ich immer gefordert. Im engen Zusammenwirken mit den korrespondierenden Stellen in der Nachrichtenbeschaffung sollte er seine Aufgabe vielmehr im lebendigen Gedankenaustausch und in der Anregung sehen. Nur wenn der nachrichten-dienstliche Auswerter sich nicht in erster Linie als Sammelstelle mit Blickrichtung auf die Empfänger in Bonn versteht und fühlt, kann es zu einer optimalen Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Teilen des Dienstes, der Nachrichtenbeschaffung und der Auswertung, kommen. Seine Kenntnisse bedürfen von Zeit zu Zeit, etwa alle 5 Jahre, der Auffrischung und Erweiterung durch einen kurzen Hochschulbesuch, damit er auf seinem Wissenschafts-zweig stets auf dem neuesten Stand bleibt.“

Das setzt freilich voraus, dass sie oder er überhaupt das Abitur abgelegt hatte und ursprünglich etwas mit Gesellschafts-, Geistes- oder Naturwissenschaften zu tun hatte. In den vierziger Jahren war die Aufgabe der Organisation Gehlen noch recht klar und überschaubar – den Amerikanern musste beigebracht werden, wie sie die Russen wirklich zu sehen hatten. (Einen Briten wie Winston Churchill musste da niemand großartig umstimmen.) Es war jedoch gar nicht leicht, Gehlens Leute ins Spiel zu bringen. Eigentlich war niemand davon begeistert, dass diese vermeintlichen Altnazis auf einmal die Partner sein sollten. Allen Dulles (CIA) gab denen, die mit Reinhard Gehlen gar nicht leben konnten, den einfachen Tipp: „Man braucht ihn ja nicht zu sich in den Klub einzuladen.“

Gehlen selbst scherte sich darum wenig. Zu Beginn des neuen Jahrzehnts war er seinem Ziel näher gekommen. „In der Einstellung unserer amerikanischen Freunde zum weiteren Schicksal der »Organisation Gehlen« hatte sich ab Ende 1950 ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Sie hatten – vor allem Mr. M., aber auch die beiden Chefs der CIA, zuerst General Walter Bedell Smith, dann Allan Dulles (ab Januar 1953) – erkannt, dass sich meine Konzeption von 1945 realisieren würde, zu der sich als erster General Sibert im »Gentlemens Agreement« bekannt hatte“, freute sich Gehlen.

„Sie zogen daraus den Schluss, die Überführung der Organisation in die Hände der Bundesregierung mit allen Kräften zu unterstützen. Amerikanische Beauftragte führten deshalb im Laufe der Jahre mehrere Gespräche mit dem Bundeskanzleramt über technische Fragen der Überführung und bewogen auf den verschiedensten Wegen auch die anderen Alliierten dazu, die gleiche zustimmende Haltung einzunehmen. Sie taten dies in der selbstverständlichen Erwartung, dass die enge Zusammenarbeit des Dienstes mit ihnen und den anderen Alliierten auch in Zukunft bestehen bleiben würde. Die CIA war darüber hinaus davon überzeugt, dass sich diese positive Haltung später in der zukünftigen politischen Partnerschaft der Bundesrepublik mit den Westalliierten bezahlt machen würde. Diese Rechnung ging selbstverständlich auf; die vertrauensvolle kameradschaftliche Partnerschaft trug für alle Teile reiche Frucht.“ Selten habe ich einen Text in den Händen gehabt, der mit so einer Arroganz davon ausgeht, dass die Darstellung abgekauft werden wird, die einer abliefert. Nehmen Sie zum Beispiel die Formulierung Diese Rechnung ging selbstverständlich auf. Die Wendung, die er hier abwandelte, lautet gewöhnlich, dass eine Rechnung nicht aufgegangen ist. Es ist seltsam genug, dass er sie positiv benutzt. Es krönt jedoch die Frechheit, sie mit dem Wort selbstverständlich noch verstärken zu wollen. Die westdeutsche Rechnung ging auf, dort trug die Partnerschaft reiche Frucht. Dem Rest der Welt kam sie blutig und teuer zu stehen.

Man musste Frucht und Blut ganz einfach nur richtig verteilen: „Im Übrigen zeigten sich schon in den frühen fünfziger Jahren die Vorteile, die in einer recht verstandenen Arbeitsteilung liegen konnten. Es wird sich immer wieder herausstellen, dass sich in einer ausgewogenen Zusammenarbeit befreundeter Dienste die Erfolgsmöglichkeiten und Ergebnisse vervielfachen. Aber hiervon abgesehen ist der regelmäßige Austausch von Erkenntnissen in jedem Falle von erheblichem Wert.“ In jedem Fall nicht. Der schöne Effekt bleibt aus, wenn die Informationen falsch sind. Die Supermächte ihrerseits starrten nervös auf jeden Handgriff in Bonn wie das Kaninchen auf eine Schlange. „Immer öfter kam bei der CIA, also bei den in Frankfurt am Main sitzenden amerikanischen ND-Leuten, die Frage auf: Was macht der BND mit den Partnerinformationen? Jagen sie wieder Großmachtträumen nach?“ Damals, 1955 (!), bezeichnete Adenauer Sein Reich im Kreis der Kabinettskollegen wieder als eine Großmacht, eine real existierende Großmacht. ND-Leute sind übrigens Leute von einem Nachrichtendienst.

Auch die Presse trug ihren Teil zu dem Misstrauen bei: „Springers Presse verkündete nicht nur einmal in Balkenüberschriften »Deutschland Nr. 1 in Europa«. Dass derlei Überlegungen im amerikanischen Dienst nicht ohne Folgen blieben, zeigten die später immer wieder aufgedeckten Abhörpraktiken der Amerikaner. Quer durch Westdeutschland wurde abgehört, die Post kontrolliert und ein zuverlässiges Agentennetz – unabhängig von den deutschen Geheimdienststellen geschaffen. In den fünfziger und sechziger Jahren holte sich die CIA die weitreichendsten Informationen über die politischen Aktivitäten der Parteien, der Bundesregierung und Bundes-Ministerien durch solche Operationen. Auch die britischen und französischen »Partner« übten diese Praxis.“

Ähnlich wie Markus Wolf glaubten auch sie, auf diese Art etwas über die Deutschen zu erfahren. Daraus wurde im Ausland der irrige Glaube, man wisse, „was in jeder Zelle des westdeutschen Organismus vorgeht. Es kann gar keine Überraschungen geben“, ausgesprochen 1969 vom amerikanischen Diplomaten Martin Hillenbrand. Bedauerlicherweise haben sie eine Option offensichtlich ausgeschlossen – dass es bei den Deutschen in der Ära Hitler ja zu einer Verschwörung gekommen sein konnte. So nahmen sie es auch für bare Münze, dass es sich im Fall Geyer tatsächlich um eine Panne gehandelt hat, als dieser Kollege vom BND plötzlich und unerwartet in die DDR übertrat; und in der DDR hat man sich sicher über den Neuzugang im Käfig gefreut. Es war wohl ebenfalls nickend hingenommen worden, dass der BND-Kollege Hermann Baun meldete, sein Versuch sei gescheitert, Agentengruppen in Ost-Europa zu reaktivieren. Wer wusste denn, ob er das tatsächlich beabsichtigt hatte? Baun war der Agent, der noch bis zum Kriegsende Verbindungen nach Moskau unterhalten hatte, und auf den Reinhard Gehlen nicht den Verdacht gelenkt hatte, als es darum ging, das Leck in der Reichsführung zu orten, durch das man in Moskau stets zeitnah erfuhr, welche militärischen Planungen es jeweils gerade in Berlin gab.

Was die Verschwörung angeht, war ein Amerikaner der Lösung schon nahe. Es war der Analytiker James J. Angleton. „Er gelangte zu der Überzeugung, die amerikanische Auffassung von der Welt müsse von einem umfassenden sowjetischen Komplott gesteuert sein, und nur er, er allein, begreife das ganze Ausmaß der Täuschung. So manövrierte er die Operationen der CIA immer tiefer in ein finsteres Chaos hinein.“ Er kam jedoch nicht auf den Gedanken, dass man sich mit den Deutschen ein Trojanisches Pferd in den Rosengarten gestellt hatte. Julius Mader bezifferte die „Gruppe ehemaliger Hitleroffiziere aus dem »Abwehr«-Apparat“ von Canaris im BND Ende der sechziger Jahre, also noch 20 Jahre nach dem Krieg, auf „etwa sechzig Prozent“. Das reicht für eine Verschwörung. Als Gehlen nach dem Krieg in sein neues Geschäft einstieg, dürfte der Anteil der am Staatsstreich beteiligten Personen noch in der Nähe von 100 % gelegen haben. In den nächsten zwei Jahrzehnten ist sicher mancher von ihnen gestorben, es ist aber nicht zu befürchten, dass Otto Normalverbraucher die Reihen des Dienstes füllte. Da wurden Töchter und Söhne der Verblichenen eingestellt, ein Vorgang, den Erich Schmidt-Eenboom Gehlens Form von „Familienzusammenführung“ nannte. Die Amis waren nicht zu beirren. Wurden in der BRD übereifrige antikommunistische Emigranten aus Ost-Europa gelyncht, war das der KGB. Diese Deutung wird von Gehlen in seinem Werk Der Dienst mit einer Darlegung auf mehreren Seiten unterstützt. Heinz Felfe aber schrieb, als er durch missliche Umstände dem heimatlichen Dresden wieder nähergekommen war, dass das selbstredend der gute BND in die Wege geleitet hat. Das konnte er auch schreiben, das hat ja sowieso keiner geglaubt, allein schon, weil es der Verräter Heinz Felfe von sich gegeben hatte; und in Ost-Berlin hat man sich darüber obendrein schon wieder gefreut.

Um bei dem Spiel nicht aufzufliegen, war es wichtig, über den Stand der Diskussion bei den Partnern im Bild zu sein. Lange vor der Übernahme des BND durch die Bundesregierung wurden deshalb auch Aufklärungsaufträge aus Bonn angemeldet, „die sich durchaus nicht nur auf den Osten beschränkten, sondern auch auf die übrige Welt bezogen. Ich habe dieses wachsende Interesse sicher mit Recht als Anerkennung der bisherigen Ergebnisse unserer Arbeit gewertet und, wenn irgend möglich, für eine rechtzeitige Beantwortung gesorgt. So ergab es sich von selbst, dass in immer stärkerem Maße Unterlagen für die außenpolitische Lagebeurteilung angefordert wurden, wenn die Bundesregierung vor irgendwelchen schwer wiegenden Überlegungen stand.“ Nein, das sagte nicht der Verräter Felfe, sondern Gehlen persönlich. Es war somit nicht seine einzige Hinterhältigkeit, dass er das amerikanische Verbot für „weitere Verhandlungen mit deutschen Regierungsstellen“ vom 21. Dezember des Jahres 1949 „stillschweigend nicht akzeptiert“ hat.

Heinz Felfe, der nach dem Mauerbau als KGB-Agent aufflog, im Westen einsaß und nach einem Häftlingsaustausch in die DDR kam, gab dort das Werk Im Dienst des Gegners heraus, in dem er einen Eimer über dem BND auskippte: „Rückblickend kann festgestellt werden, dass Pullach der Kristallisationspunkt militärischer und entspannungsfeindlicher Nachkriegspolitik wurde.“ Das ist zweifellos richtig; das hatte man in Ost-Berlin und in Moskau jedoch auch ohne ihn bemerkt. Der Meister erläuterte freilich in seinem Werk nicht, dass es um die Verhinderung einer Entspannung ging, weil Herr Gehlen drüben in Amerika gerade seinen Kalten Krieg angezettelt hatte. Für das Publikum machte Felfe anschließend die Täter zu Opfern: „Die Organisation Gehlen und später der BND waren und blieben bei allem personellen Wechsel Werkzeuge des Kalten Kriegs ohne Rücksichten auf die eigenen und auf die westeuropäischen Regierungen.“ Das hörte sich gerade so an, als seien die eigenen Regierungen – bis zu seiner Verhaftung wurden sie stets von Kanzler Adenauer geführt – vom BND mit Gewalt an einer Politik der Entspannung gehindert worden. Das deckt sich natürlich nicht mit den Aktenfunden aus jener Zeit. Da Felfe viele Jahre persönlich mit Gehlen zu tun hatte, gehe ich davon aus, dass er wusste, was gespielt wurde, und habe seine Schrift mit der gebotenen Zurückhaltung gelesen.

Für vorstellbar halte ich wohl, dass Gehlen gerne mal einen Diavortrag abhandelte mit den „Fotos über die Arbeitsergebnisse als Chef FHO im Krieg“. Den zweiten Teil dieses Vortrages bekamen dann sicher nur die Demokraten zu hören, die nicht wussten, was in Bonn gespielt wurde: „Es folgten Prognosen zur gegenwärtigen politischen Lage, die düster genug ausfielen.“ Unabhängig von jeder gegenwärtigen politischen Lage. Als sich das Verhältnis zwischen Moskau und Washington zum Beispiel im Jahre 1959 wieder zu entspannen drohte, blieben seine Prognosen finster. Es waren also keine Prognosen, sondern Argumentationshilfen für die Regierenden in Bonn.

Es gab jedoch noch weitere Möglichkeiten, um die gegenwärtige Lage so finster zu halten, wie sie schon seit Jahren war: „Obwohl offiziell an der Bedrohungsthese aus dem Osten festgehalten wurde, belegten dies die Erkenntnisse des Bundesnachrichtendienstes keinesfalls. Vielmehr hatte man registriert, dass seit 1955 einzelne Werke von der Produktion konventioneller Waffen auf die Herstellung ziviler Güter umgestellt wurden.“ Das bedeutet, dass weder die Lageberichte falsch waren noch die Prognosen ein Versehen; das sagt mir nur, dass Gehlen seine Drohung aus dem Gentlemen’s Agreement wahr gemacht hat, in dem er angekündigt hatte, Aufklärungsergebnisse an die Amerikaner zu liefern, dies jedoch weder für sie noch unter ihnen zu tun. Er kann nicht daran schuld sein, wenn die Amerikaner glaubten, was er ihnen als Ergebnisse präsentierte.

So erstaunt auch das nicht: „Unter diesen Bedingungen entwickelte sich eine Partnerschaft, die eben nicht in der verkündeten Freundschaft mündete, sondern in einem gegenseitigen Misstrauen. Jedenfalls waren und sind Zielstellung und Auftrag der BND-Spionage in den USA die Nuklearpolitik sowie die geschäftlichen Verbindungen der Vereinigten Staaten in Lateinamerika und Afrika. Alle diplomatischen und politischen Kontakte der USA zum Osten, insbesondere zur Sowjetunion, wurden im BND aufmerksam registriert.“ So konnte die Bonner Außenpolitik stets rechtzeitig eingreifen, wenn sich wider Erwarten eine Entspannung zwischen den Supermächten anbahnen wollte.

An anderer Stelle suchte sich Herr Felfe einen Reim darauf zu machen, woher Gehlen eigentlich seine Kommunismus-Phobie hatte: „So herzlich und scheinbar offen, wie Gehlen sich gegenüber seinen Besuchern gab, so wenig echt war diese Haltung. In Wirklichkeit war Gehlen von einer Art Spionitis gesprägt. Hinter allem, was nicht stramm rechtskonservativ war, witterte er den Feind, selbst bei den Leuten, mit denen er zusammenarbeiten musste. Überall sah er die »Rote Kapelle«, hinter jedem Fortschritt vermutete er Moskaus Hand. Dadurch wurde er – wenn er es nicht schon längst war – Gefangener seines selbstgeschaffenen Wahns, das Abendland vor der geschichtlich unabdingbaren Entwicklung bewahren zu müssen. [Das mit der geschichtlich unabdingbaren Entwicklung hörte man im Osten natürlich sehr gern.] Gehlen hat in seinem Verfolgungswahn sicherlich übertrieben. Aber es mag ihm ergangen sein wie jenem Prahlhans, der hundert Hasen gesehen haben wollte, während es in Wirklichkeit nur geraschelt hatte.“

So soll man sich das also vorstellen. Liest man Gehlen selbst, klingt er aber gar nicht so paranoid, wie es sich bei Felfe anhören soll. Ich habe umgekehrt das Gefühl, dass da einer die Feder führt, der in außergewöhnlichem Maße befähigt ist, vierdimensional und farbig zu denken – ein Eindruck, der auch beim Lesen von Felfes Buch entsteht. Wenn Felfe seinem Publikum weismacht, sein Boss sei so ein bisschen seltsam gewesen, dann sagt mir das mehr über Felfes Absichten beim Schreiben als über Gehlen. Vor allem bin ich mir nach der Lektüre sehr sicher, dass Felfe dreimal hervorragende Arbeit geleistet hat: als er im Weltkrieg bei der Aufklärung war, bis in das Jahr 1961, als er über zehn Jahre jeden amerikanischen Versuch vereitelte, den „Kommunismus“ in Ost-Europa tatsächlich zu beseitigen, und nach der Haft, als er auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs auf dem Gelände der Abhandlung 620, wie man unsere DDR wohl seinerzeit beim BND nannte, Propaganda gegen den BND inszenierte, mit dem er aber doch sicher weiter in Verbindung stand. Er passte seine Sprache geschmeidig an die Themen an, und wer hinterfragt schon eine Darstellung, wenn sie den Stallgeruch trägt und das eigene Weltbild bestätigt? Was meine Zweifel weckte, waren die unterschiedlichen Gerüche. Da schrieb also kein Eiferer, kein heimlicher Kommunistenfreund, sondern ein kühler Kalkulator, der wusste, was wer wo wie hören sollte und wollte. 

Es hätte Genossen Markus Wolf eigentlich stutzig machen müssen, als Felfe sagte, dass er „den Hauptanteil“ seiner Kundschaftertätigkeit für den KGB „während der offiziellen Arbeitszeit“ in seinem Dienstzimmer erledigt habe, „denn es wurde nicht gern gesehen, wenn auch nach Dienstschluss gearbeitet wurde“. Das fiel ja auch niemandem auf, dass er seine eigentliche Arbeit immer erst Monate später fertig hatte; und quietschend lustig wird es, wenn er erklärt, warum so lange niemand seine Aktivität für den KGB bemerkte: „Um ungestört zu sein, schloss ich mich meistens ein.“ Spätestens, wenn das zweite Mal ein Kollege an der Tür klopfte und er erst aufschließen musste, hätte auch ein sehr begriffsstutziger Mitarbeiter Verdacht geschöpft, meinen Sie nicht? Er trieb dieses Spiel immerhin zehn Jahre lang. Wenn er den Hauptanteil der Arbeit für den KGB in der Arbeitszeit erledigt hat, dann war genau das seine Aufgabe bei diesem geheimen Dienst. Offensichtlich war er derjenige Kollege, der für Gehlen Infos nach Moskau weitergab. Dafür musste man auch nicht mehr als einen Mitarbeiter in Gefahr bringen.

Bei Heinz Felfe schimmert die Technik durch, wie der BND bei seiner Unterstützung des kommunistischen Aufbaus in Ost-Europa vorging. Den Abwehrbeauftragten beim Siemens-Konzern in München stellte der Dienst mit Major i.G. Ulrich Bauer gleich selbst, so dass es wirklich nicht verwundert, dass Siemens über Jahrzehnte ungestört Produkte der Hochtechnologie in die DDR und in andere osteuropäische Staaten liefern konnte, obwohl sie auf der Cocom-Liste standen und der Export in diese Himmelsrichtung nicht erlaubt war. Als ob es etwas zur Sache täte, verrät Meister Felfe auf Seite 278 , dass Ulrich Bauers Deckname früher mal Bayerle war. Voll das Insiderwissen.

Eine delikate Situation trat Anfang der fünfziger Jahre ein, als jemand aus dem Dienst des Markus Wolf selbst in den Westen flüchtete und im guten Glauben Firmen outete, die sich an den illegalen Geschäften mit der DDR beteiligten. Nun gab es in der Bundesrepublik nicht nur Leute wie Adenauer, die das Beste für Deutschland wollten; es gab ebenfalls Leute, die etwas für Deutschland tun wollten, so dass die Angaben des Überläufers leider bekannt wurden. Jetzt war guter Rat teuer und es musste reagiert werden. Auf Weisung des Vizekanzlers Franz Blücher wurden „massenweise westdeutsche Kaufleute verhaftet und Ermittlungsverfahren wegen Spionageverdachts eingeleitet. In der Masse der Fälle stellte sich dann die völlige Unschuld der Verdächtigen heraus.“ Sehen Sie. Allerdings verrät sich Felfe doch wohl selbst, wenn er diese Schilderung mit dem Satz beendet, die Affäre sei mit viel Mühe „unter den Tisch gefegt“ worden. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn sich in der Masse der Fälle die völlige Unschuld der Verdächtigen herausgestellt hätte. Bezeichnenderweise ging diese Nummer als Vulkanaffäre in die Geschichte der Bundesrepublik ein. Ein treffenderes Wort wäre auch mir dazu nicht eingefallen. Das war ein Vulkanausbruch.

Erbarmungslos komisch wird es, wenn Felfe sich zu der Frage äußert, wie Reinhard Gehlen seinen Freunden bei der CIA die Infos andrehte, die er ihnen im Gentlemens Agreement versprochen hatte. Die Organisation Gehlen, wie der Dienst damals noch hieß, hatte, wie es nicht anders zu erwarten war, in beiden Teilen Deutschlands Agenten. Diese hätten allerdings „Informationen an mehrere Abnehmer“ verkauft. Das waren nämlich ganz schlimme Finger. „Sehr oft waren diese Nachrichten nur bewusste Fälschungen oder stammten aus der Gerüchtekiste. Niemand fand sich mehr in diesem Gewirr von Agenten und Doppelagenten zurecht.“

Niemand. Na gut. Dann eben niemand. Doch Gehlen hatte auch in allen Teilen Österreichs Agenten. Einer der dienstbaren Geister dort war ein gewisser Kim. „Alle Informationen, die »Kim« anschleppte, waren auf dem schnellsten Wege den CIA-Kontrolleuren der OG zu übermitteln.“ Doch an seinen Informationen über die Sowjetunion und Ost-Europa hatten die Amerikaner nicht besonders viel Freude. „Dass »Kim« ein Nachrichtenschwindler war, der die Grenzen des Glaubhaften längst meilenweit überschritten hatte, musste selbst ein Blinder sehen, ganz zu schweigen von der naheliegenden Vermutung, dass es sich bei ihm um einen Mehrfachagenten handelte.“ Ich vermute, dass ein großes Kollektiv beim BND die Informationen verfertigte, die von diesem Kim gekommen sein sollen. Weiter schreibt der Meister Felfe: „Doch aufgeben wollten ihn die Amerikaner nicht, weil seine »brisanten (sprich: erfundenen) Informationen«, wie mir der verantwortliche CIA-Offizier treuherzig versicherte, »oft viel Aufsehen in Washington« erregten. In der Organisation sah niemand mehr durch, welchen Herren er tatsächlich diente.“ Sehen Sie: niemand. Diese Schilderung beginnt auf Seite 356 und zieht sich noch eine Weile so hin. Um das Ganze hier etwas abzukürzen, will ich nur noch sagen, wie die Geschichte ausging: als es den Amerikanern zu bunt wurde und sie eine Aufklärung des Falles in Auftrag gaben, erklärten ihnen ihre Freunde vom BND, dass dieser Kim verstorben war und Herr Felfe „konnte die ganze Sache mit mehr oder weniger Erfolg zu den Akten legen“. Und sich einen neuen Agenten für die Amerikaner ausdenken, oder klingt das in ihren Ohren vielleicht anders? Mehr dazu unter dem Jahr 1957.

Wie es letztlich zu seiner eigenen Enttarnung kam, lässt Heinz Felfe so ziemlich im Dunkeln: „Am Freitag, dem 3. November 1961, wurde ich telefonisch verständigt, dass in einer laufenden Gegenspionageoperation eine Panne passiert sei und das Bundeskanzleramt um einen Bericht ersucht habe. Die von uns gesteuerte und in Ostberlin lebende Quelle – ein für uns dubioser Mann, der sich selbst für Spionagezwecke angeboten hatte – war angeblich verhaftet worden, und seine in Westberlin lebende Mutter habe sich an das Bundeskanzleramt gewandt.“ Dubios ist ja wohl in erster Linie der Bürger Heinz Felfe, der von einem bundesdeutschen Gericht – nachdem die Amerikaner sauer geworden waren – rechtskräftig wegen der Spionage für einen feindlichen Staat verurteilt wurde.

Das Phänomen, dass Ost-Deutsche, die für den BND ihr sozialistisches Vaterland, Unsere Deutsche Demokratische Republik ausspionierten – im guten Glauben, dass sie so helfen, das Unrechtsregime in der Zone zu beseitigen – wird uns über die Jahrzehnte noch häufiger begegnen, auch nach dem Abschuss eines Heinz Felfe. Recht dubios ist für meinen Geschmack auch dies: Wenn es Felfe gelang, aus der Untersuchungshaftanstalt „trotz hermetischer Abschließung und strenger Kontrolle – mit meiner sowjetischen Führungsstelle korrespondiert und von ihr auch schriftliche Nachrichten sowie Geld“ empfangen zu haben, Felfe aber kein Entfesselungskünstler war und kein westdeutscher Beamter zu den Sympathisanten des KGB gehörte, dann organisierten Kollegen seines BND den Kontakt nach Moskau. Oder war Dr. Fritz von Engelbrechten, der Ermittlungsrichter in Karlsruhe, gleich selbst der Bote?

Das Lachen verebbt, wenn man das Produkt Auftrag Pullach von James Critchfield in der Hand hielt. Er hatte seinen Wohnsitz von der einen Seite des Atlantik auf die andere in eine ehemalige Siedlung führender NS-Größen im bayerischen Pullach verlegt und sollte ein paar Meilen südlich von München die Handgriffe des Gehlen-Kollektivs verfolgen. Die Lektüre von Auftrag Pullach bietet ganz exklusiv die amerikanische Wahrnehmung des Falles Felfe. Bei Critchfield erfuhr ich, dass es dabei beileibe nicht um einen Fall Felfe allein ging. Für meinen Geschmack war ja der Verrat von siebzig größeren Geheim-operationen, die Preisgabe von ungefähr 15.000 Geheiminformationen und, noch schlimmer, der Identität von mehr als 100 Agenten der CIA an den KGB schon zu viel des Guten gewesen. Doch Critchfield ergänzt weitere Namen aus den Reihen der Gehlen-Truppe und kommt trotzdem nicht zu dem Ergebnis, dass er und mit ihm die USA einem irren Schwindel aufgesessen sind – ein ungewöhnlich harter Fall von Blindheit.

Critchfield konstatiert, dass es auch um Karl Schütz in der Stuttgarter Dienststelle ging, um den Kollegen Hans Clemens und um Felfes Kurier Erwin Tiebel. Dann ging es noch um den Kollegen Willi Krichbaum in Bad Reichenhall. Oberst Friedrich Wilhelm Heinz lief über. Das war für Ost-Berlin ein gefundenes Fressen – er war der Leiter des Nachrichtendienstes im Amt Blank, dem späteren Verteidigungsministerium. Auch der Leiter von Heinz’ Außenstelle in West-Berlin Jakob Kolb setzte sich in die DDR ab. Damit sind wir – Heinz Felfe eingerechnet – schon bei der siebten Sicherheitslücke. Vinzenz Müller musste sich nicht mehr in die DDR absetzen – er war ja schon dort und leitete bereits geraume Zeit den Aufbau der Kasernierten Volkspolizei. Es lag also nicht außerhalb des Möglichen, dass BND-Leute in die DDR delegiert wurden. Zum Hauptproblem im Falle Müller wurde übrigens im Laufe der Zeit seine Frau, die die Lebensumstände in Unserer DDR so doof fand, dass Frau Müller ihren Mann mit den Jahren immer heftiger bedrängte, endlich in das Heimatland des BND überzusiedeln. Mir ist nicht bekannt, ob es diese Quengelei von Frau Müller war, die Herrn Müller dazu brachte, sich am 12. Mai 1961 das Leben zu nehmen, oder ob ihm jemand bei dieser energischen Maßnahme geholfen hat.

Die Nummer 9 dürfte Alfred Bentzinger sein, dessen Generalvertretung L mit ihrer „außergewöhnlichen Vertrauensseligkeit“ aufgefallen war. Hier geht es aber nicht um das Abzocken alter Damen an ihrer Haustür; hier ist von Männern die Rede, die auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Dienst der Spionageabwehr der Bundesrepublik standen. Man kann das glatt vergessen, wenn man die Einschätzungen des Hobbyagenten Critchfield liest. Es führte bei ihm auch noch nicht zu einem gewissen Anfangsverdacht, dass Bentzinger von Anfang an als „eindeutiges Sicherheitsrisiko“ eingestuft wurde. Zur Erinnerung – die Aufgabe Critchfields bestand darin, Washington zu beraten, ob man die Männer um Gehlen auseinandertreiben sollte oder ob sie in Zukunft den Kern eines Geheimdienstes der Bonner Regierung bilden könnten. Spätestens der zweite Fall dieser Art ohne den Rauswurf durch Gehlen hätte Critchfield ja wohl sagen müssen, dass es höchste Zeit war, den Laden zügig aufzulösen. Er muss eine Schwäche für Reinhard Gehlen gehabt haben, wie wäre es sonst zu erklären, dass er ihn weiter gewähren ließ, als ihm dies zu Ohren kam: „Ich hörte einmal, dass eine Akte über Bentzinger einfach nicht aufzufinden war, als Gehlen Einsicht nehmen wollte.“ Irgendwann hätte dieser Aufpasser hellhörig werden müssen. Ob Critchfield ein guter Oberaufseher war oder ob Gehlen gute Arbeit bei der Geheimhaltung leistete, wird von Critchfield freimütig geklärt: „Mein Wissen über die Umstände und die Vorgänge innerhalb der GV L stammt einzig und allein aus Quellen, die mir erst in den achtziger und frühen neunziger Jahren zugänglich waren.“ Das war viel zu spät. Es verwirrt mich, dass er diese GV L einmal als ehemalige Dienststelle 14 und an anderer Stelle als ehemalige Dienststelle 114 bezeichnet, was auch immer sich dahinter verborgen hatte.

Berechtigterweise erklärt Mister Critchfield, Alfred Bentzingers GV L in Karlsruhe wäre von den Amerikanern dicht gemacht worden, hätte Gehlen sie über die dubiosen Vorgänge dort unterrichtet. Dazu hatten sie freilich keine Gelegenheit, da sie ja nicht unterrichtet worden sind. So weit so gut. Ich begebe mich jetzt auf wackeligen Boden, wenn ich meine Vermutung fixiere, dass Gehlen vermeintliche Überläufe seiner Agenten nutzte, um in regelmäßigen Abständen größere Anzahlen von Ost-Deutschen, die im guten Glauben den Aufbau des Sozialismus in Unserer DDR sabotierten, in die dortigen einschlägigen Zuchtanstalten wandern zu lassen. Vergleichen Sie bitte die nachfolgenden Fälle und entscheiden Sie dann, wie viel Zufall im richtigen Leben glaubhaft ist. Im Februar 1953 wechselt Wolfgang Höher (BND) in den Osten und es wurde klar, dass der liebe Kollege „zweifelsfrei eine Reihe von Gehlens Agenten an das MfS verraten hatte. Darüber hinaus hatte er sehr ausführlich über die »Organisation Gehlen« berichtet, insbesondere über deren Operationen zur Spionageabwehr.“

Critchfields Deutung besagt, dass Herr Höher „schon eine ganze Weile im Dienste des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gestanden“ habe. Seinen Übertritt in die DDR betrachtete er als eine „als Entführung getarnte Abberufung“. Da Critchfield bei der korrekten Deutung dieses Vorganges von Gehlens Beauftragtem für Spionageabwehr Armin Eck geholfen wurde, habe ich gar keine Hemmungen, das auch anders zu deuten.

Es ist immer wieder ein Erlebnis, den Deutungen des Amerikaners zu folgen. Er hält es beispielsweise auch nicht für hinreichend albern, die folgende ziemlich unsinnige Vermutung anzustellen: „Der KGB und die Ostdeutschen waren offenbar der Ansicht, dass es sich lohnt, für die Berichterstattung in der Presse über Personen und Einrichtungen der Spionageabwehr in Westdeutschland einige eigene Agenten zu opfern, um bekannte oder verdächtigte Agenten Gehlens verhaften und vor Gericht stellen zu können.“ Markus Wolf war 1951 mit drei weiteren Männern in das Geschäft eingestiegen und versuchte tastend ein paar geeignete Agenten für den Westen auszubilden; welcher Teufel hätte ihn reiten sollen, einen davon hochgehen zu lassen, wäre es ihm schon gelungen, einen von ihnen tatsächlich bei Gehlen zu platzieren? Davon mal ganz abgesehen – wenn sich Gehlens Männer noch aus dem Krieg kannten, dürfte es auch recht unwahrscheinlich sein, dass sie es nicht mitbekamen, wenn plötzlich ein neuer Mensch auftauchte und wollte mit ihnen gemeinsam zur Auswertung der Daten schreiten. Wie hätte der das denn praktisch anstellen sollen? Mit einer besonderen Maske? Aber Critchfield hatte da ohnehin eine sehr ausländische Sicht auf die Dinge und meinte, die Deutschen waren eben ein geteiltes Volk und da war es doch durchaus möglich, dass mal der oder jener aus dem Osten dazukommt – und ausgerechnet von Gehlen angestellt wird.

Zur gleichen Zeit erfuhr ein in Berlin tätiger Angehöriger aus Gehlens Stab namens Hans Joachim Geyer, dass die Berliner Polizei Ermittlungen gegen ihn führte.“ Kann sein und es kann auch sein, dass es anders war. Es fällt nur ins Auge, dass es anschließend nach demselben Strickmuster weiterging: „Unmittelbar nach Geyers Flucht nach Ostberlin stieg die Zahl der Verhaftungen von Gehlens Agenten in Ostdeutschland.“ So macht man das. „Am 29. Oktober kam Geyer in einer Pressekonferenz als »Überläufer der Organisation Gehlen« zu Wort, der dem ersten Eindruck nach über eindrucksvolle Informationen zu verfügen schien, jedenfalls über weitaus mehr, als man erwartet hatte.“ Freilich vermochte Critchfield nicht darzulegen, dass die Informationen jedoch gar nicht so eindrucksvoll waren, wie es schien; und es deutet nur auf eine Verunsicherung des Amerikaners hin, wenn er das gewählte Wort vom Überläufer extra in Anführungszeichen setzt. Es hätte die Aussage nicht verändert, hätte er geschrieben: Am 29. Oktober kam Geyer in einer Pressekonferenz als Überläufer der Organisation Gehlen zu Wort. Was nicht sein kann, kann einfach nicht sein. Erst reden diese Männer böse über den Kommunismus und dann gehen sie auf die andere Seite. Es war wie im richtigen Leben. Alle strömten hinein in die DDR.

Dort sammelten sich geradezu die unterdrückten Volksmassen aus der Bundesrepublik. „Am 13. November 1953 wurde mit Werner Haase erneut ein »Agent Gehlens« verhaftet, als er gerade damit beschäftigt war, ein Fernsprechkabel über einen Kanal zu verlegen, der an dieser Stelle die Grenze zwischen Ost- und Westberlin bildete. Offenbar hatte ein Agent des MfS innerhalb der »Organisation Gehlen« in Westdeutschland diese Operation verraten.

Nur wenige Wochen später lud das MfS zu einer wichtigen Pressekonferenz in Ostberlin ein, in der es wiederum Geyer und Wolfgang Höher präsentierte – diesmal allerdings in Begleitung Werner Haases.“ Mit derselben Berechtigung wie oben hätte der Autor wieder mit seinen Anführungsstrichen arbeiten können: lud das MfS zu einer „wichtigen Pressekonferenz“ ein. Na gut, dann eben nicht.

Es wäre doch wirklich erstaunlich, wenn unter den Sicherheitslücken nicht auch ein paar Frauen gewesen wären. Eine derjenigen, der der Agentenchef 001 Wolf in der Professionalität im Geheimdienstmillieu auch nicht gewachsen war, hieß Susanne Sievers. Auch diese Agentin des BND war Journalistin. Wolf rief diese Frau für seine Leser dankenswerterweise noch einmal in Erinnerung: „Neben Dr. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen, als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDR-feindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben, und das machte meine Leute neugierig. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr, suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen, schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber, deren selbstbewusste Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht, das sie erdulden musste, und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung keinen Hehl. Trotzdem war sie bereit, sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in Ost-Berlin zu treffen. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit, für uns zu arbeiten. [Freude kann so schön sein.] Lydia, so lautete unser Deckname für Susanne Sievers, richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein, in der sie eine Art Salon führte, wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden, darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt, mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. Durch sie erfuhren wir, dass Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war, den er vor der Öffentlichkeit abgab, sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. [...] Ich habe mich oft gefragt, was sie dazu bewogen haben kann, trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. [Diese Frage war auf jeden Fall berechtigt.] Die finanzielle Entschädigung reichte aus, um ihre Unkosten zu decken, mehr nicht. [Die war aber nett.] Wäre sie eine Doppelagentin gewesen, hätte sie versucht, Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen, aber das war nie der Fall. Später fanden wir heraus, dass Susanne Sievers in den 60er Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong, Tokio, Manila, Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. Aus BND-Akten erfuhren wir, dass ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96 000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein, und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300 000 DM erhalten haben.“ Davon dürfte ein guter Teil aus der Entschädigung für die Zeit der Haft der BND-Frau in der DDR bestanden haben. Woher wollte Herr Wolf eigentlich wissen, dass sie nicht längst beim BND gewesen war?

So darf man sich also das Urteilsvermögen des großen Spionagechefs im geheimen Krieg praktisch vorstellen. Eine Journalistin lädt in Bonn führende Politiker, die sie gelegentlich auch küsst, in eine Art Salon ein, und in den Ecken der Plüschsofas drapiert sie dann nicht hübsche Mädels, sondern lädt dazu Arbeiter und Bauern ein, die zu allem Überfluss auch noch aus der Sowjet-Zone kommen. Da hätte gewiss auch ein einladendes Dekolleté nicht geholfen. Herr Wolf nahm sicher auch an, alle anderen seien noch dusseliger als er selbst gewesen. Aber Tim Weiner hatte ja in Amerika auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges noch keine andere Idee, warum so viele Leute in BND und Verfassungsschutz für Moskau und Ost-Berlin arbeiteten, als eine östliche Unterwanderung dieser „antikommunistischen“ Dienste.

Kommen wir zurück auf Deutsche, die in der DDR meinten, sie sollten für den BND arbeiten. Bei Alexander Reichenbach zum Beispiel heißt es: „Wesentlich einfacher hatten es da die DDR-Aufklärer mit den so genannten »Selbstanbietern«. Darunter werden Personen verstanden, die von sich aus auf die HVA zukamen und anboten, für sie zu arbeiten. In der Regel war Geld das ausschlaggebende Motiv. Den größten Erfolg bei den »Selbstanbietern« konnte – jedenfalls soweit bis heute bekannt – Markus Wolf mit Klaus Kuron erzielen, einem Regierungsoberamtsrat aus dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz. Wie platt! würde man sagen, wenn sich diese Geschichte der Autor eines Spionagethrillers ausgedacht hätte. Aber so und nicht anders verhielt es sich tatsächlich nach den Erkenntnissen der Ermittler: Im September 1981 taucht ein Mann mit Schlapphut und Sonnenbrille am Eingang der Godesberger Allee 18 auf, der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn. Die gedrungene Gestalt wirft einen Brief in den Postkasten und verschwindet. Er biete an, so steht darin zu lesen, für die DDR zu spionieren – gegen entsprechende Bezahlung. Der Mann mit Schlapphut und dunkler Brille heißt Klaus Kuron. Im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz sitzt er an einer Schaltstelle der Spionageabwehr.“

Der Herr verzeihe es mir, wenn ich hier einem echt nur geldgierigen Kerl Unrecht tue; aber die Nummer kaufe ich ja nun überhaupt nicht ab. Ein hochrangiger Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz kommt unter einem Schlapphut – wie blöd geht es denn noch? – zur Ständigen Vertretung der DDR in Bonn und wirft seinen Wunsch auf Spionage in den Briefkasten. Na klar. Diese DDR-Vertretung in Bonn wurde ja auch nicht geheimdienstlich beobachtet. Keiner wusste, wer dort vorbeigeht. Das glaube ich kaum. Sein Metier waren Spione aus der DDR. Mit denen hatte er also mehrmals im Jahr Kontakte; und jetzt sagen Sie mir, dass Kuron den Brief nicht auf einem ungefährlicheren Weg an die Adressaten bringen konnte. Sehr wohl konnte er das.

Als Markus Wolf in Ost-Berlin davon erfährt, ist er zunächst skeptisch. Sollte das eine Falle des Verfassungsschutzes sein?, rätseln er und seine Männer. Sie beschließen, dem »Selbstanbieter« zunächst vorsichtig und in aller Ruhe auf den Zahn zu fühlen. Der Mann meint es ernst, lautet das Ergebnis der Überprüfung durch die HVA-Leute.“ Vielleicht, weil es zu schön war, um wahr zu sein. Nun denken Sie sich natürlich, jetzt musste der Mann erst mächtig schuften, ehe aus dieser Romanze Liebe wurde. Aber nein. Nachdem ihm die HVA über einige Monate in aller Ruhe auf den Zahn gefühlt hat, trug Kuron erst einmal eine kleine Bitte vor: er wollte den Geheimdienstchef Markus Wolf treffen. Doch denken Sie jetzt nicht falsch. Diese klitzekleine Bitte wurde ihm allen Ernstes gewährt – im Oktober 1982. Wie die Affäre weiterging, war dann für viele von Wolfs Agenten nicht mehr lustig. Kuron ließ diejenigen auffliegen, die nicht linientreu geblieben waren, sondern sich angeboten hatten, für westliche Dienste wirksam zu sein. „»Durch die Verratstätigkeit des Angeschuldigten wurde ein wesentlicher Teil des Bundesamtes für Verfassungsschutz für einen Zeitraum von acht Jahren lahmgelegt«, lautet das Fazit über das Wirken Klaus Kurons von Generalbundesanwalt Alexander von Stahl.“ Schicksal. Bei Heinz Felfe hieß es in einer Auswertung: „Die CIA war in Deutschland und in ganz Osteuropa so gut wie aus dem Geschäft, und es brauchte ein Jahrzehnt, um diesen Schaden wettzumachen.“

Kurons Spiel ist übrigens nicht aufgeflogen, weil es Herrn Wolfs Dienst versäumt hätte, die einschlägigen Unterlagen 1989/90 zu vernichten, sondern weil die besonders Klugen unter Wolfs Agentenführern 1990 die Seite wechselten und dann die Kollegen aus dem Westen verpfiffen haben. Darin haben die Deutschen schon lange Übung. Das liest sich, ehrlich gesagt, wie eine Neuauflage der Vulkanaffäre. Was blieb dann anderes übrig, als die Kandidaten vor Gericht zu stellen? Interessieren würde mich aber, an welchen Orten in der Welt die Delinquenten ihre Strafen absaßen – soweit es überhaupt zu Verurteilungen kam. Aus der Vulkanaffäre gingen die beteiligten Kandidaten auch als vollkommen unbescholtene Bürger hervor und die Embargolieferanten wurden in den Jahren nach dem Fall der Mauer auch nicht strafrechtlich belangt. Der Unterschied zwischen Felfe und Kuron dürfte nur darin bestanden haben, dass ein Felfe dem Aufbau des Sozialismus nützte durch seinen Kampf gegen die CIA und Kuron dem Aufbau dieses Sozialismus nützte durch die Preisgabe unsicherer Kantonisten unter Wolfs Agenten an der unsichtbaren Front. Und nach 1990 hieß es, westdeutsche Dienste hätten seit den fünfziger Jahren von Verletzungen der amerikanischen Wirtschaftsembargos für Hochtechnologie gewusst.

Sollte ich mit Heinz Felfe und mit Klaus Kuron Recht haben, sehe ich keinen Grund, den Übertritt des Gruppenleiters der Spionageabwehr Hans-Joachim Tietge in die DDR 1985 anders zu betrachten. Ich müsste mich doch arg täuschen, wenn die Geheimdienste der Weltmacht die Dienste des demokratischen Westens nicht an der Nase herumgeführt hätten. Wie würden sonst auch die anderen Puzzleteile der achtziger Jahre ins Bild passen – von Milliarden-Krediten für die DDR hin zum Staatsbesuch Erich Honeckers bei Helmut Kohl in Bonn.

Der mutige Volksschulabsolvent Günter Guillaume analysierte später: „Wir hatten recht daran getan, unsere Kontakte, die frühen und auch die späteren, die wir zu kooperationswilligen, kooperationsfähigen Partnern unterhielten, hinter dem Schleier der Konspiration zu verbergen, so dass sie den Augen und Ohren des BND verborgen blieben.“ Ein unglaublich gutes Beispiel für die kooperationsfähigen Partner, die dann aber eher der BND persönlich waren, war der in den beruflichen Erinnerungen von Markus Wolf so nett erwähnte Großmeister Franz Josef Strauß, der viele Jahre Ministerpräsident des Landes Bayern und der Vorsitzende der CSU war. Von ihm hörte Wolf lange bevor Strauß Anfang der achtziger Jahre den Freunden in Ost-Berlin sehr viel Geld für den Aufbau des Sozialismus zur Verfügung stellen ließ.

Doch die Geheimdienste der BRD waren offensichtlich auch in einer anderen Hinsicht hilfreich. Wenn sich Wolfs Agenten in dieser Bundesrepublik gar zu ungeschickt benahmen, half dann schon mal jemand nach und hat sie über Funk und Fernsehen gewarnt. Anfang 1979 zum Beispiel konstatierte Unser Geheimdienstchef Wolf eine „unnatürliche Häufung von Enttarnungen“ seiner Agenten und schrieb: „Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht hat und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat.“ Na vielleicht, damit seine Mitarbeiter ein bisschen besser aufpassen, was sie wo oder wie tun oder auch lassen? Wolf hatte das aber im Prinzip völlig richtig verstanden: „Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewissheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt.“ So kluge Überlegungen und keine darunter, die auf die Vermutung hindeutet, dass der Kalte Krieg etwas für das Radio und später ein Pausenfüller für das Fernsehen war. Na gut – und für die Leute zwischen Hollywood, Hanoi und Wladiwostok.

Wenn es ganz hart kam und irgendein tüchtiger Beamter enttarnte einen Unentbehrlichen von Markus Wolfs Verbindungsleuten, wurde dann durchaus auch mal von oben eingegriffen, um größeren Schaden abzuwehren. So wurde 1983 zum Beispiel „Dr. Werner K., gerade auf dem Weg in die Wohnung, die [Adolf] Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte“, enttarnt. „Er stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung.

Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff, weil sie natürlich K.s Gastgeber in flagranti überraschen wollten. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich, und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. Wir fürchteten, eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. Kanter musste zum Verhör, dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Unser Mann beim Verfassungsschutz, Klaus Kuron, gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden.“ Das wird Kuron gleich persönlich veranlasst haben.

Widmen wir uns weiter der amerikanischen Deutung des Falles Felfe. Critchfield kommt auf jeden guten Gedanken außer den, dass Felfe für Gehlen und nicht für die Amerikaner gearbeitet hat. Verfolgen wir die Analyse des Werdeganges von Kollegen Felfe aus der Perspektive des amerikanischen Oberaufsehers: „Die Entscheidung, ehemalige Beamte des SD zu übernehmen, war möglicherweise Gehlens kostspieligster Fehler, denn sie ermöglichte es dem KGB, zwei Agenten – Heinz Felfe und Hans Clemens – in die empfindliche Organisation der Spionageabwehr einzuschleusen. Seine Entscheidung kostete wahrscheinlich zahlreichen Agenten in den kommunistischen Ländern das Leben und schädigte auf lange Sicht Gehlens Ansehen und das seiner Organisation.“

Der erwähnte SD war der Sicherheitsdienst im Reichssicherheitshauptamt zu den Zeiten eines Adolf Hitler. Damit sind wir bei einer weiteren gravierenden Fehlanalyse des amerikanischen Oberaufsehers über das Gehlen-Kollektiv. Immer wieder betont er, wie glücklich er war, wenn er keine Kriegsverbrecher und Altnazis unter Gehlens Männern fand. Das kann einen nur freuen, doch warum hat er kein negatives Urteil in die Heimat geschickt, als ihm zu Ohren kam, dass es solche finsteren Gestalten in der Karlsruher Dienststelle gab? Es ist eine andere Frage, dass es sich auch bei diesen Männern um Menschen wie Heinz Felfe gehandelt haben wird, die genau so wie andere in anderen Positionen persönliche Lehren aus der Nazi-Zeit gezogen haben. Da sie aber wie Gehlen selbst nicht sonderlich viel über ihre Einstellung zu Hitler von sich gaben, musste Critchfield eigentlich in der Frage ihrer Weiterbeschäftigung den Daumen senken. Hören Sie den diesbezüglichen Text: „Gehlen verstieß gegen seine eigenen Richtlinien und ließ es zu, dass eine kleine Gruppe ehemaliger Angehöriger des Sicherheitsdienstes (SD) angeworben und in der GV L beschäftigt wurden. Bentzinger stellte also gleichsam in aller Öffentlichkeit ausgerechnet SD-Leute ein, um sie in der Karlsruher und Stuttgarter Gegend einzusetzen. Sie sollten dort Informationen über die kommunistische Unterwanderung Westdeutschlands sammeln und gegen diese vorgehen. Ich behaupte, dass die Überwachung der kommunistischen Infiltration Westdeutschlands von Anfang an die Hauptaufgabe der GV L war. Gehlen war von der Gefahr, die der Kommunismus für die westliche Gesellschaftsform darstellte, zutiefst überzeugt.“ Je älter er wurde, desto ärger wurde es mit ihm: „Mit zunehmendem Alter neigte er dazu, beinahe paranoisch Leute kommunistischer Verbindungen und politischer Ansichten zu verdächtigen, die nicht mit seiner eigenen konservativen Überzeugung im Einklang standen.“ Nach 1990 wurde dann bekannt, dass die DDR schon Mitte der fünfziger Jahre Geld zugesteckt bekam; erst Ende der sechziger Jahre wurden die Zahlungen der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Hätte der BND davon nichts gewusst und ein Politiker hätte die DDR auf eigene Faust unterstützt, wäre ihm das vermutlich schwer auf die Füße gefallen. In Erinnerung rufen will ich hier nur Altmeister Franz Josef Strauß aus dem direkten Umfeld Reinhard Gehlens.

Und wie bekamen die Deutschen ursprünglich trotzdem Gelegenheit, sich um die Abwehr östlicher Spionage zu kümmern? „Auch wenn die Spionageabwehrabteilung des amerikanischen Heeres, das CIC, zahlreiche Verbindungen zur Polizei und zu Sicherheitsbehörden geknüpft hatte und ein klares Bild von den ostdeutschen Aktivitäten und denen der kommunistischen Parteien in Westdeutschland besaß, wurden seltsamerweise die Deutschen mit der Spionagewabwehr betraut.“ Das war durchaus trefflich als eine seltsame Entscheidung der zuständigen Amerikaner qualifiziert worden; eine Erklärung ist das allerdings noch nicht. Und wie verkaufte der Deutsche dem Amerikaner, warum er in dieser Hinsicht wirksam werden müsse? Ganz billig: „Bei seiner ersten Begegnung mit Reinhard Gehlen 1950 fragte Dr. Globke fast beiläufig, ob Gehlen etwas gegen das wachsende Problem der feindlichen Nachrichtendienste und der subversiven Tätigkeiten aus Ostdeutschland tun könne.“ So einfach war das. Dr. Globke fragte fast beiläufig danach. Erzählte Gehlen seinem Freund Critchfield und der kaufte ihm das ab.

Nach der Jahrhundertwende hielt Mr. Critchfield fest: „Vernünftigerweise hätten diese Überwachungsaufgaben vom Counter Intelligence Corps übernommen werden müssen, denn im Nachhinein erwies sich die Spionageabwehrorganisation unter Bentzinger als der schlechteste Dienst, den Baun dem abwesenden Gehlen hatte erweisen können. Die Dienststelle 114, die später in »GV L« (Generalvertretung L) [nach dieser Erläuterung weiß ich leider immer noch nicht mehr als vorher] umbenannt wurde, entwickelte sich zu einer immer wiederkehrenden Katastrophe für die Organisation.“ Vorausgesetzt, der Amerikaner hat den Auftrag dieser Männer richtig verstanden.

Was war noch in Erfahrung zu bringen? „Vor dem Kriege war Heinz Felfe ein gescheiter junger Mann mit einer aussichtsreichen Zukunft als Offizier im Polizei- und Geheimdienst der SS. Geboren und aufgewachsen in Dresden, einer der schönsten Städte Deutschlands, beendete er im Alter von dreiundzwanzig Jahren seine Schulausbildung sowie die anfängliche Ausbildung im Polizeidienst und heiratete seine gleichaltrige Dresdener Freundin Margarete Ingeborg. Unmittelbar danach trat Felfe in den Dienst der Sicherheitspolizei und begann seine Laufbahn als Kriminalkommissar. Im August 1943 wurde Felfe die Auswertung aller aus der Schweiz eingehenden Berichte übertragen.“

Nach dem Krieg war alles vollkommen anders. Dresden war weitgehend eine Trümmerwüste und Felfe war kein gescheiter junger Mann mehr. Seit 1947 stand er nach Critchfield „im Dienst der Residentur des britischen Geheimdienstes im Rheinland, die ihn zu Operationen gegen die Kommunistische Partei Deutschlands einsetzte. [...] Anfang 1950 kündigte Felfe bei den Briten und arbeitete im Auftrag des auch für Flüchtlingsfragen zuständigen Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen.“

Felfe wurde immer älter und immer dümmer und ließ sich dann doch tatsächlich von dem erwähnten Hans Clemens überreden, ihn einmal nach Berlin-Karlshorst zu begleiten, wo der KGB eine Residentur hatte. Auch an dieser Stelle fällt auf, dass der Amerikaner über Tatsachen berichtet, die er nicht erlebt hat. Da er kein Zeuge dieser Vorgänge war, müsste er in irgendeiner Art und Weise andeuten, wie er zu all seinem Wissen kam. Ungefiltert übernimmt er die veröffentlichte Wahrheit. Über seinem Versuch einer Rekonstruktion der Motivation Felfes für die Unterstützung eines kommunistischen Geheimdienstes driftet der Geheimdienstneuling ganz und gar ab: „Wie gelang es dem KGB, Felfe so ohne Weiteres für seine Dienste zu gewinnen? Meiner Ansicht nach war diese Generation der Deutschen nach gründlicher Indoktrinierung durch die nationalsozialistische Partei, die SS, den SD und die Geheime Staatspolizei psychisch kaum in der Verfassung, sich einer Anwerbung zu widersetzen. Die Zerschlagung des nationalsozialistischen Systems hatte sie zutiefst verwundbar gemacht. Nach dem Untergang des Dritten Reiches waren Hunderte ehemaliger Angehöriger des SD und der Gestapo schnell bereit, für einen ausländischen Nachrichtendienst zu arbeiten.“ Die nationalistisch indoktrinierten Männer haben dann für jeden beliebigen Geheimdienst der Welt gearbeitet – so erklärt sich der Amerikaner also die geistigen Prozesse bei den Ureinwohnern des von ihm zu demokratisierenden Landes. Er war vermutlich auch darüber erstaunt, dass die fremden Menschen Lichtschalter im Zimmer hatten und ihre Nahrung von Tellern einnahmen.

Während Oscar Reile vom BND über Heinz Felfe so schreibt, als ginge es um jemanden, von dem man hin und wieder mal etwas gehört hat – wörtlich heißt es bei ihm, es habe im Winter 1952/53 „zwei Verdachtsmeldungen gegen den in einer Außenstelle der »Org« tätigen Heinz Felfe“ gegeben – klärt der amerikanische Oberaufseher, dass Herr Reile sein direkter Vorgesetzter war. Ganz so fremd war man sich dann also doch nicht. Aber in einem Punkt der Auswertung sind sich die beiden einig: Gehlen war schuld an allem. Bei Oscar Reile heißt es: „Mit diesen Meldungen befasste sich anschließend auftragsgemäß die Sicherheitsabteilung der »Org«. Zu meinem und anderer Mitarbeiter Erstaunen wurde Felfe trotz der vorliegenden Verdachtsmeldungen in die Zentrale der »Org« geholt und ausgerechnet der Abteilung Gegenspionage zugeteilt. Felfe gewann sehr bald das Vertrauen Gehlens, während mein Stern beim hohen Chef zu sinken begann.“ Wahrscheinlich hatte er Tränen in den Augen, als er diese Worte zu Papier brachte: „In den Jahren bis zu meinem Ausscheiden aus dem Bundesnachrichtendienst im Dezember 1961 erlebte ich noch so manches Mal, dass General Gehlen bei Entscheidungen eine unglückliche Hand hatte. Unter anderem schlug er mir und Mitarbeitern von mir bedeutende geheimdienstliche Unternehmen, die wir angebahnt hatten, aus der Hand und übertrug sie anderen.“ Inhaltlich gleichlautend wurde Gehlen auch von Critchfield kritisiert: „Zeitweise war seine Urteilsfähigkeit getrübt. Er war bekannt dafür, Leute, die erkennbar ein Sicherheits- oder ein politisches Risiko darstellten, für die im Moment anstehenden Aufgaben auszuwählen.“ Sehr schön, Herr Critchfield – und was sagte Ihnen das?Felfe in ein Zimmer in Pullach zu versetzen, könnte auf die Überlegung zurückgehen, dass er dort selten oder eher nie „Kundenkontakt“ hatte, um die Verdachtsmomente gegen ihn wieder zu zerstreuen.

Wie ernsthaft hat Critchfield erwogen, den Vorgesetzten zu raten, die fragwürdigen fremden Männer drüben in Deutschland in die Wüste zu schicken? Aber Mister Critchfield suchte und fand auch eine Erklärung für dieses seltsame Verhalten des Ureinwohners: „Ich glaube, Gehlen – im letzten Kriegsjahr noch ein namenloser Generalmajor – war auch gekennzeichnet durch eine Spur von persönlicher Unsicherheit und ein ständiges Bedürfnis nach Anerkennung, was später auch in seinen beiden Büchern deutlich wurde. Er schien an dem plötzlichen Ansehen der »Organisation Gehlen« Gefallen zu finden, während er gleichzeitig das Image eines geheimnisumwitterten Mannes mit Sonnenbrille und Schlapphut pflegte, den eine Aura des Geheimnisvollen bei allen seinen Vorhaben umgab.“ Plötzlich kam Reinhard Gehlens Ansehen aber gewiss nur für den Demokratiseur aus America. Höchstes Ansehen hat er wohl schon genossen, als die Verschwörer von 1943/44 sahen, dass es ihm tatsächlich gelang, die Stimmung zwischen den Alliierten bald nach dem Waffenstillstand zu vergiften. Ich habe auch noch nicht die Stelle bei Gehlen gefunden, die auf eine Unsicherheit bei ihm hinweist. Ich hatte beim Lesen immer das Gefühl, dass mir so viel Arroganz beim Schreiben selten begegnet ist. James Critchfield, der sein Land in einer führenden Position – auf Grund der Empfehlungen dieses deutschen Generals – auf einen Konfrontationskurs mit der Sowjetunion brachte, formulierte im vollen Ernste: „Keiner von uns, der mit Gehlen häufig zu tun hatte, hielt ihn für einen »geheimnisumwitterten Mann« oder den »Spion des Jahrhunderts«, als der er in der Öffentlichkeit gesehen wurde.“ Und warum ist dann keiner von ihnen, nachdem ihm die erste „Panne“ bei der Gehlen-Truppe aufgefallen ist, an diese ausgebombten Russen herangetreten und hat ihnen mitgeteilt, dass in Amerika der Verdacht aufgekommen ist, sie hätten Produktionsstätten für Massenvernichtungswaffen, verbunden mit der Bitte, den frisch entstandenen Zweifel vor Ort in der Sowjetunion ausräumen zu dürfen?

Blickt man auf die Wirkung des Meisters auf den Gang der Ereignisse nach dem Krieg zurück, bekommt Critchfield bei einer Wertung Recht, wenn auch schräg: „Gehlen war in besonderer Weise geeignet, seine Rolle in der Geschichte auszufüllen. Seine Kriegserfahrungen hatten seinen Horizont erweitert und ermöglichten es ihm, über die Zusammenhänge in der Welt in einem geopolitischen Rahmen zu denken. Er war derjenige, der Fremde Heere Ost als eine Trumpfkarte ansah, die es auszuspielen galt, um eine goldene Brücke nach Westen in ein antibolschewistisches Bündnis zu bauen, mit dem Westeuropa verteidigt werden konnte. [Das Problem, das sich Herr Gehlen ausgedacht hatte.] Ich kann keinem anderen ehemaligen deutschen Offizier den Weitblick, die Entschlossenheit oder das praktische politische Geschick zusprechen, mit deren Hilfe er in jenem stürmischen Jahrzehnt, das mit den letzten Tagen des Krieges begann, sein Ziel im Auge behielt. Aber der Fähigkeit, seine Rolle zu spielen, waren auch Grenzen gesetzt.“ Die abschließende Äußerung trifft dann jedoch wohl eher auf den Autoren selbst zu. Das einzige Problem an den Sätzen davor besteht darin, dass er sie in der Sicherheit niedergeschrieben hatte, durch Gehlen von der Gefährdung der Welt durch die Bolschewisten aufmerksam gemacht worden zu sein. Mir ist aber noch in den Ohren, wie sich Gehlen über den ersten Amerikaner freute, der ihm sein Märchen abkaufte. Seinen Talk mit Captain Hallstedt kommentierte er mit den Worten: „Diese Begegnung sollte die entscheidende sein für die weitere Entwicklung meiner Pläne.“

Ich war lange der Meinung, die Amerikaner seien ein, zwei Jahre vor Felfes Verhaftung argwöhnisch geworden, was dann zur Verhaftung führte – und auch da habe ich mich getäuscht. Geheimdienste sind halt auch nur Firmen, die mehr oder weniger erfolgreich arbeiten. Vor dem Krieg hatte Amerika keinen Geheimdienst und nach dem Krieg hatten die Freunde gleich mehrere, die aber nicht miteinander kooperierten, worauf sowohl Tim Weiner in CIA – Die ganze Geschichte als auch James Critchfield in Auftrag Pullach kritisch verweisen.

Letzterer sagte: „Heinz Felfe stand im Mittelpunkt vieler Berichte des CIC über die »Organisation Gehlen«, die oft auch Informationen über weitere ehemalige Angehörige des SD in diesem Bereich enthielten. Vom Sommer 1954 an spielte Felfe allerdings die zentrale Rolle in allen Berichten des CIC. Dessen Akten enthielten auch umfangreiche Daten über die gesamte Organisation Bentzinger, über deren Stab in Karlsruhe sowie über die führenden Persönlichkeiten wie Bentzinger, Oscar Reile, Ludwig Albert und Willi Krichbaum. Der Abschnitt III war somit über den gesamten Karlsruher Kreis der ehemaligen SD-Angehörigen unter Führung Felfes genau im Bilde. Zwei von Dale im Jahre 1954 verfasste Dossiers der CIC enthalten besonders kritische Erkenntnisse. Mit Datum 24. Juni 1954 schrieb Dale, ständige Untersuchungen des CIC seien zum Ergebnis gekommen, dass zumindest siebzig Prozent der Informationen, die sich die Kommunisten über die »Organisation Gehlen« beschafft hatten, nur aus der Gruppe ehemaliger SD-Angehöriger innerhalb der »Organisation Gehlen« stammen konnten, zu der auch Felfe gehörte. Das zweite Dossier vom 13. Juli 1954 belegte, dass sich die Ermittlungen innerhalb der »Organisation Gehlen«, die das Ziel verfolgten, die Quelle zu lokalisieren und zu entlarven, die im Jahr zuvor Informationen an die Kommunisten verraten hatte, den Verdacht auf Heinz Felfe und seinen Gegenüber in Stuttgart, Karl Schütz, konzentrierten.“

Doch diese Informationen erreichten den Oberaufseher nicht: „Damals erfuhren weder ich noch mein Stab, dass man Felfe verdächtigte. Die meisten der entscheidenden Informationen hierüber blieben für mindestens dreißig Jahre in amerikanischen, sowjetischen oder deutschen Akten verborgen.“ Das macht so einem Aufseher das Leben auf keinen Fall leichter. „In den letzten Jahren habe ich weitere Einzelheiten über Gehlens Beziehung zu Felfe erfahren. Als 1956 alle Angehörigen der »Organisation Gehlen« das Überprüfungsverfahren zur Übernahme als Bundesbedienstete durchliefen, war Felfe wegen seiner Dienstzeit im SD aufgefallen. Gehlen ließ Felfe von der Liste der durch einen Bonner Prüfungsausschuss zu durchleuchtenden Personen streichen und handelte später persönlich aus, bei Felfe eine Ausnahme zu machen.“ Und Mr. Critchfield hat trotzdem keinen Verdacht geschöpft. Stattdessen hackt er auf den eigenen Diensten herum: „Gehlens Leistungen in der ganzen Angelegenheit waren nicht vertretbar, aber meiner Meinung nach muss der Löwenanteil der Verantwortung an dem ganzen Fiasko der Spionageabwehr in Deutschland den Amerikanern zur Last gelegt werden. Die Mitschuld der CIA ist in erster Linie auf eine Vernachlässigung ihrer Aufgaben zurückzuführen. Sie hatte zu keinem Zeitpunkt die Notwendigkeit gesehen, für einen umfassenden Schutz der »Organisation Gehlen« vor Spionagemaßnahmen zu sorgen. James Angleton war erst seit 1954 formell Leiter der eigenständigen Spionageabwehrabteilung der CIA. Er zeigte aber keinerlei Interesse oder Verantwortung für den Bereich der Spionageabwehr in Pullach. Ich empfand die Führung der CIA hinsichtlich der militärischen Sicherheit innerhalb der amerikanischen Streitkräfte als schwach und passiv. Dieses schadete zum größten Teil Gehlens Organisation und Ansehen, zumal seine eigenen Leistungen bei der Spionageabwehr erbärmlich waren. Es handelte sich im Grunde um einen gewaltigen nachrichtendienstlichen Misserfolg. Gehlens Heimlichtuerei und sein Mangel an Aufrichtigkeit bei der Zusammenarbeit mit der CIA in Sicherheitsfragen hatten diese Situation heraufbeschworen. Auch wenn man Gehlen erhebliche Fehler vorwerfen kann, ist dennoch ein weitaus bedeutender Teil der Schuld auf den bedauerlichen Mangel an Koordination und Kooperation innerhalb der amerikanischen Nachrichtendienste zurückzuführen.“ Nützlich waren die Heimlichtuerei und der nötige Mangel an Aufrichtigkeit bei der Zusammenarbeit mit der CIA in Sicherheitsfragen aber zum Beispiel, als es um die Umgehung der Lieferembargos für Hochtechnologiegüter für kommunistische Staaten in Ost-Europa ging. Bei Critchfield fehlt durchgängig die Gegenrechnung: Heimlichtuerei und Unaufrichtigkeit konnten Gehlens Mittel sein, um andere Ziele zu erreichen als die, die er öffentlich bekanntgab.

Während ich immer meinte, so ein Mitarbeiter eines Geheimdienstes würde nach seinem Nutzen für die Organisation bewertet, war Critchfield durchaus einfacher glücklich zu machen. Er schreibt: „Wenn man einmal von Clemens und Felfe absieht, erwiesen sich die übrigen bei den GV L beschäftigten ehemaligen SD-Beamten als unbedeutend. Sie schienen auf den Namenslisten der auslaufenden »Organisation Gehlen« und des noch jungen Bundesnachrichtendienstes aufgetaucht und wieder verschwunden zu sein, ohne einen erkennbaren Schaden angerichtet zu haben.“ Die werden Felfe zugearbeitet haben.

Allgemein fällt auf, dass Critchfield auch nicht anders schreibt als der große Markus Wolf. Sie befinden darüber, ob ein fremder Mensch über etwas enttäuscht war, ob er glücklich war, ob sich zwei fremde Leute kannten und ob sie sich im Laufe ihres Lebens einmal getroffen haben oder auch nicht – Tatsachenaussagen, die mir die Frage aufdrängen, ob sie mit einem unkritischen Leser rechnen oder ob ihnen nicht auffällt, dass sie all das überhaupt nicht einschätzen können. Man kann doch maximal formulieren, dass man dieses oder jenes vermutet, annimmt, denkt, gehört oder vielleicht auch gelesen hat, wenn man mit seinen Lebenserinnerungen ernst genommen werden will. Alles andere sind Spekulationen, auf die dann aber durchaus hingewiesen werden sollte.

Nehmen Sie beispielsweise den Satz: „Gehlen war von der Gefahr, die der Kommunismus für die westliche Gesellschaftsform darstellte, zutiefst überzeugt.“ Woher um Himmels willen kann er das wissen? Wäre es nicht gut gewesen, zu formulieren: Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass der … ? Oder nehmen Sie diese Aussage: „Wessel glaubte meiner Feststellung, dass es in Pullach immer schwieriger wurde, Vertrauen zur CIA aufzubauen.“ Woher will ich denn wissen, was Sie mir zum Beispiel glauben? Es kann ja übel kommen und Sie lesen ein Buch mal von vorn bis hinten. Gerade auch bei diesem Satz gehe ich darüber hinaus davon aus, dass er Herrn Wessels Gesichtszüge für bare Münze nahm, was ungewöhnlich dumm ist, da es sich bei Gerhard Wessel um einen Mitarbeiter eines fremden Geheimdienstes handelte. Es wäre ja traurig, wenn der nicht überzeugend schauspielern könnte. Sollte die historische Sicht, die ich hier anbiete, in der großen Linie richtig sein, hatten die Deutschen in Pullach alles andere vor, als Vertrauen zur CIA aufzubauen. Wer Der Dienst von Reinhard Gehlen gelesen hat, hat eine Vorstellung von der Wertschätzung des BND-Chefs für seinen jungen Mitarbeiter Gerhard Wessel. James Critchfield jedoch befindet: „Er und Gehlen standen sich nicht sehr nahe“, und begründet das so: „Ich habe sie nur selten zusammen erlebt.“ Sie waren ja auch nicht verheiratet. Als hätte sich nahe stehen irgendwas mit nahe beieinander stehen zu tun. Und wie schätzte er Reinhard Gehlens Stellvertreter so ein? „Wessel war ein zurückhaltender, unaufdringlich pflichtbewusster Mann, der sich außergewöhnlich gut unter Kontrolle hatte.“ Schon allein dieser Umstand hätte ihn eigentlich sehr vorsichtig werten lassen müssen.

Der Oberaufseher Critchfield hätte für meine Begriffe mehr als irritiert sein müssen, dass sein Freund Reinhard Gehlen erst im November 1953 „die schon lange überfällige Maßnahme“ anregte, Alfred „Bentzingers Außenstellen zu überprüfen“. Unter den amerikanischen Kollegen war man sich darüber „nicht ganz im Klaren, was diese Umstrukturierung bedeuten sollte, auch wenn wir von einigen Stellen hörten, es gäbe Hinweise auf deren völlige Auflösung“. Und? Und? Und? Die Spannung ist am Kochen. Wurde sie dichtgemacht? Sie ahnen es: „In Pullach gab es erhebliche Diskussionen darüber, in welchem Umfang die GV L für die aufgedeckten Sicherheitsmängel verantwortlich war. Gehlen und sein Stab sahen sich gezwungen, den Bediensteten zu erläutern, was den Tatsachen entsprach und was frei erfunden war. Es war offensichtlich auch von entscheidender Bedeutung, Bonn über all diese Geschehnisse aufzuklären. Die anhaltenden »Enthüllungen« und Anschuldigungen aus Ostdeutschland weckten innerhalb der Organisation die Befürchtung, diese Vorkommnisse könnten die Einlösung von Adenauers Versprechen, bei passender Gelegenheit einen eigenen Nachrichtendienst aufzubauen, nicht nur hinauszögern, sondern sogar gefährden.“

Dabei gibt Critchfield vollkommen unreflektiert wieder, worum sich die Gespräche in Pullach damals drehten; er gelangt jedoch auf den 242 Seiten seines Rückblicks auf die großen Jahre seines Lebens, die er für einen großen Erfolg hält, nicht auf den Gedanken, dass die Deutschen eventuell nach einem gemeinsamen Plan vorgingen und ein Stück mit verteilten Rollen aufführten. Er findet ja auch keine logische Erklärung dafür, weshalb Adenauer den erfolglosen Schlamperhaufen in Pullach, dem angeblich eine Panne nach der anderen passierte, letztlich doch unter die Fittiche nahm. „Adenauer stand fest und unerschütterlich zu seiner Absichtserklärung gegenüber der »Organisation Gehlen«, was auch immer seine persönlichen Gründe dafür gewesen sein mögen.“

Was sollen denn das für persönliche Gründe gewesen sein, wenn dem Oberaufseher auffiel: „Im Juli 1954 stimmte Adenauers Kabinett einstimmig für die Übernahme der »Organisation Gehlen«, ohne sich allerdings auf einen Zeitplan festzulegen.“ Critchfield konstatierte, wie sich der BND-Chef endlich um Ordnung kümmerte: „Im Dezember 1953 begann Gehlen, sich persönlich stärker um die wachsenden Sicherheitsprobleme zu kümmern.“ Dass er das nicht nach der ersten Panne tat, wunderte Critchfield so wenig wie der Umstand, dass Bentzingers GV L natürlich nicht aufgelöst wurde, oder die einfach hingenommene Tatsache, dass seine CIA-Männer „über die Details der Reorganisation der GV L nicht in allen Einzelheiten informiert“ wurden. Mein Kind – du kannst alles essen, du musst jedoch nicht alles wissen.

Kommen wir zum Schluss zu zwei Einschätzungen des ersten Chefs des Bundesnachrichtendienstes, die verdeutlichen, dass Reinhard Gehlens Spiel mit der Welt nicht verstanden wurde, weil General Gehlen selbst nicht verstanden wurde. Beginnen wir mit seinem Gegenspieler in Ost-Berlin, Markus Wolf. In seinem Produkt Spionagechef im geheimen Krieg findet man seinen Wissensstand über diesen General Gehlen aus dem Jahr 7 nach (!) der Wende: „Auf den Namen des Mannes, der in Pullach leitete, was sich damals Organisation Gehlen nannte, stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »Ex-Hitler-General spioniert jetzt für Dollars.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet, was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen, den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost, durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt. Als der Krieg zu Ende war, wechselte Gehlen die Seite, aber nicht den Gegner. Beschützt, gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen, die als Eigenkapital ihre intimen Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. Das hinderte Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, nicht, sich des alten, erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen.“

Vergleichen wir das mit den Erkenntnissen des amerikanischen Oberaufsehers von der CIA, der Gehlen immerhin fast ein Jahrzehnt aus der nächsten Nähe kennen lernen durfte, ein Privileg, das Markus Wolf ja vermutlich nicht hatte. James H. Critchfield notiert in seinem Produkt Auftrag Pullach, das sicher das aktuelle Wissen bei den amerikanischen Insidern aus dem Jahr 2003 repräsentiert: „Es ist weithin bekannt, dass Reinhard Gehlen nicht zum Kreis des deutschen Widerstands gehörte. Auf Grund meiner Gespräche, die ich viel später mit Gehlen über die Bestrebungen des inneren Widerstands und über das Attentat des 20. Juli führte, bin ich überzeugt, dass er psychologisch gar nicht darauf vorbereitet war, sich an einem Staatsstreich zu beteiligen, der darauf abzielte, das Staatsoberhaupt, das gleichzeitig auch sein militärischer Oberbefehlshaber war, zu ermorden oder auch nur abzusetzen.“ Dann hatte Marion Gräfin Dönhoff offenbar Recht, als sie einschätzte: „Er muss »mit allen Wassern gewaschen« sein – »das ist bei diesem Beruf gar nicht anders denkbar; und er wirkt doch zuweilen ganz arglos, fast könnte man denken naiv.“ Ein Schauspieler mit einem Pokerface.

Ich habe gut lachen – 2004, ein Jahr nach der Publikation des Buches von Critchfield und ein halbes Jahrzehnt nach Wolfs Erinnerungen lag Geheimdienst, Politik und Medien von Erich Schmidt-Eenboom vor. Der Untertitel Meinungsmache Undercover hätte auch in Bezug auf Gehlen besser nicht gewählt sein können. Wie aus heiterem Himmel und ohne den Eindruck zu erwecken, hier irgendetwas Spannendes darzubieten, steht dort: „Gehlen kannte nicht nur das Vorhaben der Verschwörer, er bewahrte in einer Schreibtischschublade in seinem Hauptquartier den Aktionsplan für die Operation Walküre, die Ermordung Hitlers, auf.“ Das kann man kaum noch unspektakulärer formulieren. Auf eine gewisse Art behielt Markus Wolf sogar Recht, als er feststellte, dass der Herr Gehlen „im NS-Staat geprägt worden“ sei. Alles in allem schrieb er über Gehlen nicht viel – und was er schrieb, half weder den Lesern noch ihm selbst, die Welt zu verstehen. Sicherlich wurde auch Gehlen in den Jahren des NS-Staates geprägt – so oder so oder anders.

Gehlen hat zwar im vertrauten Kreis häufig eine gewisse Nähe zum Widerstand des 20. Juli 1944 betont, besonders, wenn es ihm als Appell an gemeinsame Grundanschauungen nützlich erschien“, so Schmidt-Eenboom. Dann verwundert es nicht, wenn James Critchfield schreibt: „Das Bild von Gehlen in der Nachkriegsgeschichte leidet darunter, dass er keine Aufzeichnungen über seine Ansichten zum Nationalsozialismus hinterlassen hat. Er berührte dieses Thema kaum in unseren Gesprächen. Er identifizierte sich nicht mit dem deutschen Widerstand und hielt ihn für eine mangelhaft vorbereitete Verschwörung ohne jede Aussicht auf den beabsichtigten Erfolg. Er hatte wenig gemeinsam mit dem Kreis der Teilnehmer des 20. Juli, der in den späten vierziger und zu Anfang der fünfziger Jahre in Bonn zu Ansehen gelangte.“ Zum vertrauten Kreis zählte Critchfield ja dann offenbar nicht. Bei Niccolò Machiavelli fand ich eine gute Erklärung, warum keiner Gehlen auf die Schliche kam: „Die Menschen sind so einfältig und hängen so sehr vom Eindrucke des Augenblicks ab, dass einer, der sie täuschen will, stets jemanden findet, der sich täuschen lässt.“ Es beruhigt mich unendlich, dass es gelungen war, selbst den Freunden in Amerika vorzuenthalten, dass Gehlen zu den Verschwörern der vierziger Jahre gehörte.

Andererseits erfuhr man manches doch: „Reinhard Gehlen, am 1. April 1942 zum Chef der Abteilung Fremde Heere Ost ernannt, entstammt einer in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Er wurde 1902 in Erfurt geboren. Gehlens Kindheit und seine Jugend verliefen in traditionell konservativer Weise. Er ist mir gegenüber nie näher auf jene Jahre eingegangen und zeigte sich überhaupt sehr zurückhaltend in persönlichen Angelegenheiten. Wir wissen allerdings, dass er während seiner Schulzeit in Breslau ein leistungsstarker Schüler war und gute Noten nach Hause brachte.“

Von Anfang an wusste ich,“ schreibt James Critchfield, „dass ich es mit einem schwierigen Menschen zu tun hatte. Die Zeit, die ich mit ihm zubrachte, und viele Gespräche mit Gehlen und seinem Umfeld führten dazu, dass ich mir ein eigenes Bild von diesem Mann machen konnte.“ Und, wie war er so? „Ohne Zweifel war er intelligent, ohne jedoch ein Intellektueller zu sein. Er besaß feste moralische Prinzipien und deutlich erkennbare christliche Überzeugungen, in denen er von seiner Frau Herta und der gesamten Familie bestärkt wurde. Allerdings schwelgte er nicht in philosophischen und abstrakten Erörterungen über Politik und Moral. Ein enger Mitarbeiter beschrieb ihn höchst zutreffend als »immer sachlich«, als einen Mann, der immer auf den Punkt kommt.“ Dann möchte ich aber schon wissen, wie Critchfield bei der Wiedergabe eines Gespräches mit Gehlens Stellvertreter Gerhard Wessel auf die Formulierung kam: „Ich sagte ihm, dass der Mangel an Vertrauen die Beziehungen zwischen der CIA und dem BND beschädigt hatte, was ich auf Gehlens argwöhnische und gelegentlich hysterische Natur zurückführte.“ Immer sachlich ist das vielleicht eher nicht. Und so insgesamt? „Ungeachtet seiner Verdienste taugte Reinhard Gehlen nicht als Musterbeispiel für künftige Leiter des deutschen Nachrichtendienstes. Er war gelegentlich heftig umstritten und ist – meiner Ansicht nach völlig unnötig – bei der Einstellung politisch belasteter Personen in die »Organisation Gehlen« zu viele Risiken eingegangen. Auch später noch, während seiner Zeit als Präsident des BND, blieb seine Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten umstritten.“ Er zeigte ja auch „in der Tat eine schwer zu übertreffende Begeisterung für politische Angelegenheiten“, da gehen schon mal die Pferde durch. Aber das war Critchfield wichtig: „Unsere Beziehungen waren immer höflich, korrekt und unpersönlich. Keiner von uns wurde jemals laut, gebrauchte Kraftausdrücke oder verließ erbost eine Besprechung.“

Was den vertrauten Kreis angeht, zu dem der Mr. Critchfield natürlich nicht gehörte, ließ sich der Meister in Pullach offensichtlich nicht gern in die Karten schauen: „Gehlen unterhielt keine engen Beziehungen zu seinen unmittelbaren Mitarbeitern. Das Wort »Freund« kam in seinem Sprachgebrauch nicht vor. Ich habe ihn niemals über all die, die den Krieg oder die Nachkriegserlebnisse mit ihm geteilt hatten, anders als »Kollegen« oder »Mitarbeiter« reden hören.“ Wie weltfremd kann er gewesen sein, danach ernsthaft zu formulieren: „Allerdings glaube ich, er betrachtete Eric Waldmann und wahrscheinlich auch John Boker als Freunde, möglicherweise, weil sie Amerikaner waren und außerhalb seiner beruflichen Welt standen.“ Genau. Weil sie Amerikaner waren. Irren ist menschlich. Aber es kommt noch schlimmer.

Schon in der Antike soll es den Spruch gegeben haben, dass glücklich der ist, der, wenn er stirbt, sein Leben als erfüllt ansehen darf. Das traf auf Gehlen wohl in einem verdammt hohen Maße zu, hatte er es doch geschafft, die Hälfte seines Vaterlandes vor den Folgen des Weltkriegs zu bewahren und für zwei Generationen dort für Wohlstand zu sorgen, zumindest bis die andere Hälfte des Vaterlandes aufbegehrte und seine neue Weltordnung mit dem dazugehörigen Kalten Krieg in den Eimer kehrte. Hart aber von der anderen Seite betrachtet durchaus gerecht. Doch als Gehlen Ende der sechziger Jahre aus dem Beruf ausschied, ist das alles noch kein Thema. Damals konnte er sich in seinem vertrauten Kreis in seinem Ruhm sonnen. Zu diesem Zeitpunkt hätte er wohl gern alle geknuddelt, die ihn auf diesem Weg unterstützt hatten – notfalls auch jene, die er manchmal nicht so nett behandelt hat.

Erst 1968, als Gehlen kurz vor seiner Pensionierung seinen Abschiedsbesuch in Washington machte, »revidierte« er (aus mir unbekannten Gründen) seine Behauptung, ich sei an den feindseligen Maßnahmen, die der G 2 im Jahre 1955 gegen ihn unternommen hatte, beteiligt gewesen. Während seines mehrtägigen Aufenthaltes in Washington begegnete er vielen Bekannten bei der CIA und anderen Dienststellen des amerikanischen Nachrichtendienstes“, wie sich Critchfield erinnerte. „Das einzige Mal traf ich Gehlen an einem Nachmittag bei einer Segeltour auf der Chesapeake Bay, zu der uns Ed Petty eingeladen hatte.“ Es muss dieses eine Wiedersehen gewesen sein, das ihn zu der Ableitung verführte: „Bei all unseren zahlreichen Höhen und Tiefen dienstlicher Natur waren meine persönlichen Beziehungen zu Gehlen und seiner Familie stets ungetrübt. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund glaube ich, dass Gehlen mich als einen Freund betrachtete, der eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hatte.“ Rechnet man die Illusion weg, dass er ihn als einen Freund betrachtet haben könnte, trifft das sicher so ziemlich exakt zu. Er hat eine der entscheidenden Rollen in seinem Leben gespielt. Als alles über die Bühne gegangen war, setzte der Herr Gehlen ein nettes Schreiben auf, in dem er meinte: „Ich habe mich in meinem Urteil über Marshall [Mr. M.] geirrt. Er war insgesamt aufrichtig und hat uns unterstützt.“ Sehr erfreulich. Nach der Pensionierung.

Dass Mister Critchfield das Spiel verloren hatte, hätte ihm spätestens dann auffallen sollen, als der sachliche und manchmal hysterische Kerl so ankam: „Vier Jahre später war ich zu einer privaten Feier anlässlich seines siebzigsten Geburtstages in seinem Haus in Berg eingeladen, an der lediglich Angehörige der Familie, seine lebenslange Sekretärin und Assistentin Annelore Krüger und ich teilnahmen. Zwei Jahre später schickte Gehlen mir mit der Post eine silberne Schale mit der Inschrift »Mr. James Critchfield zur Erinnerung an langjährige Zusammenarbeit. Reinhard Gehlen 24.12.74«. Es scheint fast so, als wollte Gehlen in fortgeschrittenem Alter für sein Verhalten mir gegenüber am Ende meiner Dienstzeit in Pullach Abbitte leisten. Nach unserer beider Pensionierung schaute ich hin und wieder bei den Gehlens vorbei. Er lebte mit Herta immer noch in dem kleinen Fertighaus. Sein Wesen hatte sich verändert, er war freundlich, warmherzig und fast herzlich, wenn wir uns unsere gemeinsamen Erfahrungen in Erinnerung riefen. Eines Nachmittags, als meine Frau und ich bei den Gehlens zum Tee eingeladen waren, ergriff er meinen Arm, zog mich neben sich auf das Sofa und bat, uns beide zu fotografieren. Das war ein Gehlen, den ich zuvor nie so erlebt hatte.“ Nein, auch das hatte den Amerikaner nicht stutzig gemacht. Darauf muss man erst mal kommen: er wollte Abbitte leisten.

Warten Sie“, waren die letzten Worte, die Reinhard Gehlen 1979 zu seinem Freund Mr. James Critchfield sagte, „Ehe Sie gehen, möchte ich Ihnen dafür danken, dass Sie mir geholfen haben, den Traum meines Lebens, den Dienst, zu verwirklichen.“ Dann war sich der Amerikaner endgültig sicher: „Diese letzten Worte Gehlens vertrieben alle Zweifel in mir über das Ziel und die Schwerpunkte, die er all die Jahre über in Pullach verfolgt hatte.“ Das war der technische Teil der Angelegenheit. Danach war nur noch zu klären, was dieser Dienst in der realen Welt wirklich im Schilde führte. Vielleicht doch keinen verbissenen Kampf gegen den Kommunismus und die KommunistInnen?

Die Geheimdienste der U.S.A.

Ein beruflicher Wechsel ist eine Zäsur im Leben eines Menschen. Man muss neu anfangen und sich in neue Aufgaben hineindenken. Dann ist es gut, wenn alte Hasen wertvolle Tipps geben. Was aber, wenn es im eigenen Land den Beruf bislang noch nicht gab? Ganz einfach, werden Sie sagen, man schaut nach, in welchen Ländern es in dieser Branche bereits Erfahrungen gibt. Gut, aber wenn man einen Geheimdienst aufbauen will, liegt die Sache so einfach nicht. Wenn geheim bleiben soll, was man da macht, darf eigentlich niemand außerhalb wissen, was da passiert. Eigentlich. Nicht so in Amerika. Dort blieb es bei dem ersten Gedanken: wir brauchen einen Geheimdienst und holen uns Hilfe.

Späher von der OSS schickten die Amerikaner schon im Krieg hinter feindliche Linien. Doch auch ein paar Schwalben machten noch keinen Sommer und jetzt ging es schon um qualifizierte Geheimdienstarbeit. Um fähige Mitarbeiter zu gewinnen, mussten sich fachfremde Leute in dieses neue Metier sorgfältig einarbeiten. Denkt man sich so. Ich hatte es unter dem Jahr ’45 im Abschnitt über den Beginn des Kalten Krieges ja schon angesprochen – man ließ sich aus dem befreundeten England helfen, und man ließ sich von klugen Deutschen helfen, die analysiert hatten, dass Stalin vorhatte, die Welt auf den Kopf zu stellen.

Im Zweiten Weltkrieg“, wusste der amerikanische General Vandenberg, „mussten wir uns blind und vertrauensvoll auf den überlegenen Nachrichtendienst der Briten verlassen“, aber „es darf doch nicht sein, dass die Vereinigten Staaten mit dem Hut in der Hand losziehen und eine ausländische Regierung um die Augen ihrer Nachrichtendienstler bitten müssen, um etwas zu sehen“. Sprach es und verließ sich fortan gänzlich auf die Deutschen. „Gleichwohl blieb die CIA später stets auf ausländische Dienste angewiesen, um Erkenntnisse über Länder und Sprachen zu gewinnen, die sie nicht verstand. Vandenberg beendete seine Erklärung mit dem Hinweis, man werde noch mindestens fünf weitere Jahre brauchen, um ein Team aus professionellen amerikanischen Spionen aufzubauen. Ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1997 wiederholte CIA-Direktor George J. Tenet diese Warnung Wort für Wort, und dann noch einmal bei seinem Rücktrtitt im Jahr 2004.“

Tim Weiner gab dazu eine CIA-Studie wieder, in der es hieß: „Nie ist es uns gelungen, so viele sprachkundige Leute zu finden, wie wir benötigt hätten, denn an Sprachkenntnissen im Russischen und sogar im Deutschen herrschte bei der Agency empfindlicher Mangel.“ Das führte zu der Lösung, ausgerechnet Deutsche nunmehr als Dolmetscher oder gar für wichtige Posten und für die Erforschung der Sowjetunion heranzuziehen. Die konnten ihren neuen Freunden aus Amerika freilich alles erzählen, wenn die keine eigenen Agenten in Ost-Europa hatten und nicht verstanden, was einer der Agenten so von sich gab. Das machte es Dr. Adenauer und seinen Leuten noch leichter, ihre lieben Freunde von einem anderen Stern auszutricksen.

Es ist auf gar keinen Fall meine Absicht, Ihnen hier etwas wie Slapstick anzubieten; doch was ich in dem Werk CIA – die ganze Geschichte bei Tim Weiner vorfand, hat dann schon so einigermaßen tragikomische Züge: „Die Überwachung der geordneten Demontage der Kriegsmaschinerie hatte Präsident Truman in die Hände seines Haushaltsdirektors Harold D. Smith gelegt. Doch die Demobilisierung geriet zum heillosen Zerfall. Am selben Tag, als der Präsident die Zerschlagung des OSS anordnete, erhielt er von Smith ein warnendes Schreiben: Die Vereinigten Staaten seien in Gefahr, zu jener Ahnungslosigkeit zurückzukehren, die vor Pearl Harbor geherrscht hatte. Er fürchtete, der amerikanische Nachrichtendienst sei mittlerweile »total ruiniert« worden. […] Truman erkannte, dass er ein heilloses Chaos angerichtet hatte, und beschloss, die Sache in Ordnung zu bringen. Er ließ den stellvertretenden Direktor des Marinenachrichtendienstes, Rear Admiral Sidney W. Souers, zu sich kommen. Souers war Reserveoffizier, ein treuer Anhänger der Demokratischen Partei aus Missouri und ein reicher Geschäftsmann, der sein Geld in der Lebensversicherungsbranche und mit Piggly Wiggly, Amerikas erste Kette von Selbstbedienungs-Supermärkten, verdiente. Nach dem Krieg hatte er in einer vom Marineminister James Forrestal ins Leben gerufenen Kommission mitgearbeit