6.1 Deutsche und Juden – Germans and Jews

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German history is bad enough the way it is. So we should not make it worse than it already is. How are we going to educate young people?

1933

Die Möglichkeiten, die das Ermächtigungsgesetz jetzt bietet, werden am 31. März auch auf die Länderregierungen ausgedehnt. Nun können sie ebenfalls endlich beschließen, was sie wollen. Die Auflösung der Landesparlamente nach dem Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich nimmt noch ein paar mehr Querköpfen die Chance, auf die Entwicklung in Deutschland Einfluss zu nehmen. Als die Parlamente neu aufgestellt werden, werden einfach die Ergebnisse der Wahlen vom 5. März zugrunde gelegt. Das bleibt nicht unkommentiert: „Die Länder sind gleichgeschaltet. Wir haben jetzt keine Preußen, Sachsen, Bayern oder Badener mehr. Es gibt nur noch Braun-Schweiger.“

Es dauert gar nicht so lange, bis auf den Straßen Sprüche dieser Machart kursieren: Das Propagandaministerium hat die Zeitungen aufgefordert, für die Eintopf-Sonntage geeignete Kochrezepte zu veröffentlichen. Als wichtigstes Gericht soll empfohlen werden: gedämpfte Zunge. Oder so: „Wenn jetzt neue Konzentrationslager eingerichtet werden, soll das auf Berggipfeln geschehen.“ – „Warum denn?“ – „Man erwartet, dass die Häftlinge dort schneller braun werden.“ Andere geben diesen Hinweis weiter: „Alter schützt vor Schutzhaft nicht.“ Allgegenwärtige Angst vor anderen Menschen macht sich breit und löscht den Gedankenaustausch aus. Das wirkt vielfach bis in die eigene Familie hinein. Die KZs dienen übrigens auch der Disziplinierung der braunen Parteigänger. Mitglieder der NSDAP werden öffentlichkeitswirksam aus der Partei verstoßen und in ein Lager gesteckt, wenn sie zum Beispiel unbefugt versuchen, auf die Arbeit von Handelskammern oder Industriebetrieben einzuwirken.

Wenn Sie im Reich in einen Buchladen gehen, finden Sie dort das Buch Wie wir Deutschen uns selbst entdeckten von Heinrich Wolf aus dem Leipziger Armanen-Verlag. Darin wird erläutert, wie hinderlich sich die Religion der Juden seit langem auf die Entwicklung der Wissenschaften auswirkte. Wir lesen: „Zu den gefährlichsten Wahnvorstellungen gehört der Gedanke einer einheitlichen Menschheit, einer allgemeinen Gleichheit. Er ist ein Erbe des entarteten, semitisierten Orients, wo die Völkermischung schon früh fortgeschritten war. Er hat die Entwicklung der Geschichts- und Naturwissenschaften sehr gehemmt. Vor allem stand das Ansehen der biblischen Überlieferung der freien Forschung sehr im Wege. Der Mosaische Bericht über die Abstammung aller Menschen von einem Paar war seit Augustin Dogma der römisch-katholischen Kirche. Eine päpstliche Bulle des Jahres 1512 erklärte auch die Bewohner der neuen Welt für Nachkommen Adams. Diese jüdische Lehre übte einen so großen Einfluss aus, dass sie sogar einen Gobineau zur Stimmenthaltung veranlasste. Und heute noch nennt Professor Adam den Universalismus, die »Katholizität«, d. h. die Alleinheit des Menschen-Geschlechtes unter den Wesensmerkmalen seiner Kirche »an erster Stelle«. Fr. A. Lange weist mit Recht darauf hin, dass hinter den stellenweise erbitterten Kämpfen um die Arteinheit des Menschen-Geschlechtes der Streit um das Alte Testament stehe. Er sagt: »Diese Frage der Arteinheit ist eine bloße Umbildung der Frage der Abstammung von einem Paar, wie Cuviers Theorie der Erdrevolutionen eine Umbildung der Sage von den Schöpfungstagen war.« – Geologie und Wissenschaft des Spatens haben uns von den Ketten des 1. Buches Moses befreit. Die Erschaffung der Erde und der Menschen ist nicht erst 3761 Jahre v. Chr. erfolgt, sondern wir haben uns daran gewöhnt, mit Jahrmillionen zu rechnen. Eine ebenso verhängnisvolle Irrlehre geht auf die alten Griechen und auf die »Aufklärung« des 18. Jahrhunderts zurück. Juden und Griechen gaben die Ungleichheit der Völker zu. Die einen bezeichneten den »Wirrwarr« als Strafe Gottes für menschliche Überhebung, die Griechen als Wirkung der Umwelteinflüsse. Schemann nennt den großen Arzt und Naturforscher Hippokrates (6. Jahrhundert v. Chr.) den »Entdecker der Rasse« und den großen Geschichtsschreiber Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) einen Rassenspürhund, als welchen sich unser Ernst Moritz Arndt selbst bezeichnet hat. Aber die recht erkannten Unterschiede erklärten sie durch die Umwelteinflüsse. Hippokrates spricht über die Wirkungen von Luft, Wasser und Ortslage auf die menschlichen Bewohner; besonders zieht er das Klima in Betracht. Diese Erkenntnis von der Bedeutung der Umwelteinflüsse war an sich ein großer Fortschritt; aber Hippokrates wurde der Vater der radikalen Milieutheorie. 

Und dann die sogenannte Aufklärung des 18. Jahrhunderts n. Chr.! Da flossen die Lehren von der Gleichheit aller Menschen und von der überragenden Bedeutung der Umwelt zusammen. Vor 200 Jahren lehrten die Engländer Locke und Hume, dass »der menschliche Geist bei der Geburt ein leeres Blatt sei und nach jeder Art oder Richtung gestaltet werden könne«. Später war für den bekannten Franzosen Rousseau, der die Rückkehr zur Natur predigte, ein Fundamentalsatz: »Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen der Menschen.« Sowohl in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) als auch in der französischen Erklärung der allgemeinen Menschenrechte (1789) wurde die Lehre von der natürlichen Gleichheit aller Menschen betont. Und was konnte in dem folgenden Zeitalter der »Humanität« für ernste, fromme Männer anziehender sein als der Gedanke, dass die Leiden der Menschheit nicht auf angeborene Mängel, sondern auf Mängel der Umgebung zurückzuführen seien und dass die zurückgebliebensten und tief stehenden Menschen gegebenenfalls zu den höchsten Stufen emporsteigen könnten, wenn nur die Umwelt genügend gebessert würde? [vgl.: „Mensch, fabelhaft! Ich regiere!“] Auch die Lehre des französischen Naturforschers Lamarck von der Vererbung erworbener Eigenschaften beruht auf einer Überschätzung der Umwelteinflüsse. Und dann trat die materialistische Geschichtsauffassung auf, die von den Sozialdemokraten ins Maßlose gesteigert wurde. Wir bedauern die außerordentliche Verherrlichung und Begünstigung der Soziologie, besonders in der Nachkriegszeit; denn auch für sie sind alle großen Männer Produkte ihrer Zeit und Umwelt.“ Ist das nicht gut aufgebaut? Aber vielleicht glaubt Wolf ja wirklich, was er da schreibt.

In Deutschland bleibt es in dieser Angelegenheit auch nicht bei Worten. Für den 1. April wird zum Boykott von Geschäften aufgefordert, die von Juden betrieben werden. Es stößt viele Deutsche vor den Kopf, dass die Reichsregierung das billigt. Im Jahr 1933 gibt es in Deutschland jedoch nur einen Helden, der sich auflehnt. Es ist eine Frau. Baronesse Maimi Celina von Mirbach ist eine 33 Jahre alte Frau, die in der Stadt Potsdam wohnt. Die einzige Heldin hört das Gegröle „Juda verrecke“ der SA in ihrer Stadt. Jetzt findet sie in der Potsdamer Zeitung einen Leserbrief, den sie kürzlich geschrieben hat. Darin nennt sie das Hissen von Hakenkreuzfahnen an jüdischen Kaufhäusern einen Terrorakt. Nicht übel für den Anfang. Dass das abgedruckt wird, kann niemanden erstaunen, sind doch viele Journalisten kritisch eingestellt gegen die Männer von der braunen Fakultät, wie der junge Franz Strauß diese Truppenteile bezeichnet. Es dauert auch nicht besonders lange, bis so was nicht mehr so einfach in eine Zeitung reinkommt. Es ist andererseits aber auch kein Zufall, dass Celina von Mirbach ernst nimmt, was sich im Lande tut. Sie gehört zu den wenigen Leseratten, die das Buch Mein Kampf von Adolf Hitler schon 1928 gelesen hatten. Wer liest schon derartige politische Pamphlete oder auch nur Parteiprogramme? Man liest doch höchstens, was in der Zeitung steht. Wenn man überhaupt irgendeine Zeitung mit Inhalt liest. Doch selbst wer die besseren Zeitungen liest, hat jetzt schon keine Chance mehr, fatale Selbstoffenbarungen Hitlers über seine Ziele zu entdecken, denn die eigenmächtige Veröffentlichung dieser Texte hat er sofort unter Strafe gestellt, was er damit begründete, dass Gedanken eines oppositionellen Parteiführers ja nicht mit denen eines Regierungschefs übereinstimmen können. Anzumerken bleibt nur, dass sich auch Baronesse von Mirbach nicht vor ein Schaufenster stellt und die Steine auffängt. Sie versucht es mit klaren Worten in einem Leserbrief.

Der zweite einzige Held in Deutschland ist Karl Michael in Hettstedt am Südharz. Er will im Städtchen gerade ein Paar Schuhe für seinen Sohn Waldemar kaufen, als er diese Männer von der SA sieht. Sie stehen vor dem Laden und erklären ihm, der Händler sei ein Jude und er solle doch woanders einkaufen gehen. Das ist Karl so gleichgültig wie die Ansage des Wetters von gestern. Er erwidert, dass die Schuhe hier am billigsten seien, und betritt mit seinem Sohn das Geschäft. Allerdings bleibt die Szene nicht überall harmlos. In Leipzig schaltet sich Oberbürgermeister Dr. Carl F. Goerdeler deshalb persönlich ein, um Übergriffe auf jüdische Geschäftsleute zu verhindern. Spätestens bei unserem dritten Helden wird natürlich klar, dass man schon genau hinsehen muss, wer sich am Mobbing gegen jüdische Mitbürger beteiligt und wer diese Behandlung der Juden ablehnt, weil es seiner Weltanschauung widerspricht.

Der Terror auf den Straßen bewirkt aber in der Breite eine Reaktion, die nicht ungewöhnlich ist: Viele haben einfach Angst, dass sie auch Schläge abbekommen. Nur Einzelne greifen zu und helfen. Wer von den Lesern jetzt den ersten Stein wirft, muss sich fragen lassen, wann er schon mal mit den Fäusten eine Schlägerei beendet hat. Wenn nicht gerade einer von der SA in der Nähe ist, raunen sich die Leute zu: „Lieber Gott mach mich blind, dass ich Goebbels arisch find!“ Zumindest aus der Zeitung kennen sie Bilder vom Klumpfuß und fragen sich, ob er eigentlich selbst schon mal in einen Spiegel gesehen hat. Nein, das kann die Tendenz zur Ausgrenzung der Juden in Deutschland nicht aufhalten, aber es zeigt, was manch einer im Land von der Entwicklung hier hält. Richtig ist im gleichen Moment, dass viele Leute nichts dabei finden, dass andere in vielen Bereichen diskriminiert werden. Die eine Wahrheit macht jedoch die andere Wahrheit nicht unwahr. In der Gesellschaft gibt es zweifellos antisemitische Vorbehalte, doch für physische Übergriffe gibt es keinen Rückhalt. Nehmen Sie zum Beispiel Gottfried Benn. Er sympathisierte mit dem italienischen Faschismus und träumte in den zwanziger Jahren von einer nationalen Wiederkehr Deutschlands. Doch dieser Boykott der jüdischen Läden, der lediglich auf einen einzigen Tag angesetzt ist, weil sich Adolf Hitler nicht zu einer großen Aktion überreden ließ, bewirkt erste Zweifel in seinem Kopfe. Gottfried Benn ist hin- und hergerissen. Hoffnungen auf die Erfüllung so lange gehegter sozialer und nationaler Ziele rücken in greifbare Nähe und auf der anderen Seite so schreiendes Unrecht. Binnen eines Jahres kommt sein politisches Engagement zum Erliegen. Für Gewaltakte gegen Juden gibt es ja noch nicht einmal unter den politischen Leitern der NSDAP eine Mehrheit. Selbst sie wollen die Kirche im Dorf lassen. Golo Mann* beobachtet, dass die Gefühle für und gegen die politischen Veränderungen im Land bei vielen Menschen zugleich nebeneinander und gegeneinander existieren. Nach all diesen fruchtlosen und vielfach blutig ausgetragenen Auseinandersetzungen ist die gleichgeschaltete Konzentration auf die gemeinsame Verbesserung der Lebensumstände für die Deutschen trotz allem erstrebenswert und wen das alles nicht überzeugen kann, sieht seine Meinungsfreiheit durch brachialen und schmerzhaften körperlichen Terror ausgehebelt.

Die Reaktion, die der Terror bewirkt, ist Hitler bekannt. In Mein Kampf erläuterte er, wie er als Hilfsarbeiter auf dem Bau versuchte, seine Ideen für die Gesellschaft gegen sozialdemokratische Arbeiter durchzusetzen: „Anfangs versuchte ich zu schweigen. Endlich ging es aber nicht mehr. Ich begann Stellung zu nehmen, begann zu widersprechen. Da musste ich allerdings erkennen, daß dies so lange vollkommen aussichtslos war, solange ich nicht wenigstens bestimmte Kenntnisse über die nun einmal umstrittenen Punkte besaß. So begann ich in den Quellen zu spüren, aus denen sie ihre vermeintliche Weisheit zogen. Buch um Buch, Broschüre um Broschüre kam jetzt an die Reihe. Am Bau aber ging es nun oft heiß her. Ich stritt, von Tag zu Tag besser auch über ihr eigenes Wissen informiert als meine Widersacher selber, bis eines Tages jenes Mittel zur Anwendung kam, das freilich die Vernunft am leichtesten besiegt: der Terror, die Gewalt. Einige der Wortführer der Gegenseite zwangen mich, entweder den Bau sofort zu verlassen oder vom Gerüst herunterzufliegen. Da ich allein war, Widerstand aussichtslos erschien, zog ich es, um eine Erfahrung reicher, vor, dem ersten Rat zu folgen. Ich ging, von Ekel erfüllt, aber zugleich doch so ergriffen, daß es mir ganz unmöglich gewesen wäre, der ganzen Sache nun den Rücken zu kehren. Nein, nach dem Aufschießen der ersten Empörung gewann die Halsstarrigkeit wieder die Oberhand. Ich war fest entschlossen, dennoch wieder auf einen Bau zu gehen. Bestärkt wurde ich in diesem Entschluss noch durch die Not, die einige Wochen später, nach dem Verzehren des geringen ersparten Lohnes, mich in ihre herzlosen Arme schloss. Nun musste ich, ob ich wollte oder nicht. Und das Spiel ging denn auch wieder von vorne los, um ähnlich wie beim ersten Male, zu enden.“ So steht das auf Seite 42. Östlich der Oder, fast an der polnischen Grenze, wohnt ein kleines Mädchen. Sie heißt Christa Wolf und sie wird später einmal Bücher schreiben. Eines davon wird sie Kassandra nennen und darin sagen: „Viel später fiel mir auf, dass wie ein Mensch sich gegenüber Schmerz verhält, mehr über seine Zukunft verrät als die meisten anderen Zeichen, die ich kenne.“ Bei ihr steht das auf Seite 231; und Hitler schreibt in Mein Kampf auf Seite 46, welche Schlussfolgerung der junge Adolf Hitler aus der Angst vor der Anwendung von Gewalt zog: „Nicht minder verständlich wurde mir die Bedeutung des körperlichen Terrors dem Einzelnen, der Masse gegenüber. Auch hier genaue Berechnung der psychologischen Wirkung. Der Terror auf der Arbeitsstätte, in der Fabrik, im Versammlungslokal und anlässlich der Massenkundgebung wird immer von Erfolg begleitet sein, solange ihm nicht ein gleich großer Terror entgegentritt.“

Kommen wir nach diesem Abstecher in die Vergangenheit zurück zum 1. April. Ein anderer, der diesen Tag in Berlin erlebt, ist Raimund Pretzel, 25. Morgens um zehn erhält er ein Telegramm: „Komm bitte, wenn du kannst. Frank.“ Der junge Deutsche setzt sich auf die Vorortbahn und fährt dorthin, wo Frank Landau wohnt. „Er war mein bester und ältester Freund. Wir kannten uns seit der untersten Gymnasialklasse. Wir hatten zusammen im »Rennbund Altpreußen« Rennen gelaufen und später in »richtigen« Sportclubs. Wir hatten zusammen studiert und waren jetzt Referendare. Wir hatten so ziemlich jedes knabenhafte Hobby und jede knabenhafte Schwärmerei gemeinsam gehabt. Wir hatten einander unsere ersten literarischen Versuche vorgelesen, und wir taten dies mit unseren schon ernsthafteren literarischen Bemühungen – wir fühlten uns beide »eigentlich« mehr als Literaten denn als Referendare. In manchen Jahren hatten wir uns tagtäglich gesehen, und wir waren gewohnt, alles miteinander zu teilen – einschließlich sogar unserer Liebesgeschichten, die wir voreinander ohne das Gefühl der Indiskretion auszubreiten pflegten.“

Der Vater von Frank ist Arzt und zu boykottieren. Pretzel kommt in dem Moment nicht der Gedanke, dass Franks Vater im Weltkrieg sicher auch für sein Vaterland gekämpft hat. Der Jude. Für Deutschland. Die Situation ist derart absurd, dass dem jungen Mann die Gedanken vergehen und ganz andere kommen. Er will hier weg. „Die jüdischen Geschäfte – es gab ziemlich viele in den östlichen Straßen – standen offen, vor den Ladentüren standen breitbeinig aufgepflanzt SA-Leute. An die Schaufenster waren Unflätigkeiten geschmiert, und die Ladeninhaber hatten sich meistens unsichtbar gemacht.“ Der Vandalismus überall im Land spaltet dieses Volk. Ein Teil begrüßt, was hier beginnt, und ein anderer Teil steht hilflos einer von Staats wegen erlaubten Gesetzlosigkeit gegenüber. Wie groß sind die beiden Teile? Raimund Pretzel erlebt die Szene an diesem Samstag jedenfalls als wüst, und ist empört, dass viele Leute gaffen und nicht eingreifen. In diesem Moment schlägt direkt neben ihm ein Blitz ein und eine furchtbar laute Stimme ruft aus dem Off: „Schäme dich deiner Gedanken! Auch du stehst ja nur herum und machst nichts, Pretzel!“ Später geht der Deutsche Raimund Pretzel nach England und legt sich auf der Insel den Namen Sebastian Haffner* zu.

Die dreiundzwanzigjährige Marion Gräfin Dönhoff*, die als viertes Kind ihrer Eltern auf dem Schloss Friedrichstein in Ostpreußen aufgewachsen war und jetzt in Frankfurt am Main Volkswirtschaft studiert, findet sich mit der Diskriminierung jener Professoren, die links oder/und jüdisch sind, nicht ab. Als sie in ihrer Uni ein Plakat sieht, dass diese Männer an den Pranger stellen soll, reißt sie es ab. Sie verteilt Flugblätter gegen die Nationalsozialisten und versucht, die Hakenkreuzfahne vom Dach der Uni herunter zu holen. Sie sagt, der Einzige, der das mit ihr wagt, ist „naturgemäß ein Kommunist“. Ihnen ist kein Erfolg beschieden, denn die Braunen haben „das Ding vorausschauend mit schweren Schlössern abgesichert“. Kein Wunder, dass Marion Dönhoff die rote Gräfin genannt wird. Im Unterschied zum Mut, den namenlose einfache Leute an den Tag legen, wird der Mut einer völlig unbekannten Marion Gräfin Dönhoff später mit ihrem Namen und ihrem Gesicht verbunden werden. 

In Kassel wohnt der jüdische Professor Hans Rothfels. Er stellt fest, dass sich antijüdische Gesinnungen im Reich keineswegs einer breiten Zustimmung erfreuen, von körperlichen Angriffen ganz zu schweigen. Die Leute wissen sehr gut, dass es sich nicht um Greuelmärchen handelt, wenn ausländische Medien berichten, wie in Deutschland mit den Juden umgegangen wird. Seit dem Frühjahr geistern solche Sprüche durch das Land: Isaak trifft Cohn, dessen Kopf verbunden ist. Außerdem trägt er einen Arm in der Binde und hinkt. „Nu, was ist, Cohn“, ruft Isaak entsetzt, „was hat man mit dir gemacht?“ „Pst!“ flüstert der Cohn aus seinem Verbande heraus. „Sei still! Ich bin ein Greuelmärchen!“

Wer sind auf der anderen Seite eigentlich diejenigen, die in gebügelten braunen Uniformen an diesem Samstag über jüdische Läden herfallen? Kennen sie einen der nur 520.000 Juden in Deutschland persönlich? Vielleicht sind es nicht die Schwächlichsten und auch nicht die Klügsten. Es sind Straßenjungs mit rohen Manieren. Welche Rolle sollen pro- oder antijüdische Gedanken bei den Schlägern spielen? Wenn keine Bildung vorhanden ist, hat es Ideologie schwer. Vielleicht haben diese Leute zu allem eine Meinung. Aber wen überrascht es, dass die, die am wenigsten im Kopf haben, zu allem ihren Senf geben wollen? Es muss auf alle Fälle nachdenklich machen, wenn einer, der nach der achten Klasse von der Schule abging und mit Kumpels bei einer Bierrunde von Kommunisten landet, nach zweieinhalb Jahren ganz unversehens in die SA wechselt, in der er dann an der nächsten Ecke auf die früheren Genossen eindrischt. Welche Ideologie soll der denn haben? Ihm geht es um ein gemeinsames Bier, um einen Radau, der Spaß macht, eine Schlägerei, Action. Es geht darum, Arbeit zu bekommen, damit man nicht bei den Eltern um Knete betteln muss. Wer das bietet, ist ein Freund. Von den anderen hat man ja nichts. Bisher war es immer geächtet, wenn jemand einen anderen am Kragen packte und jetzt werden auf einmal ganze Gruppen von Leuten für vogelfrei erklärt. Klasse! Es ist völlig egal, ob die Kommunisten zum Abschuss freigegeben werden oder irgendwer anders. Man darf einmal so richtig die Sau rauslassen und niemand belangt einen dafür. Da wird doch nicht lange gefackelt; wer weiß, wie lange das noch so einfach geht. Und es ist unwahrscheinlich, dass sich die Rassenideologen selbst an diesen wüsten Ausschreitungen beteiligen.

Dass es diesen Straßenjungs gar nicht um Ideologie gehen kann, beweist sich in diesen Tagen in Berlin. Es gibt nun schon geraume Zeit Bunker, in denen man andere Männer Tag und Nacht einsperrt und foltert. Das ist viel besser, als in der Systemzeit von Weimar. Nur laufen draußen auf der Straße Polizisten Streife, die in althergebrachten Kategorien denken und eingreifen wollen. „Nur lässt sich die SA höchst ungern verhaften. Lieber verhaftet sie selber. Sobald die Polizei versucht, jemanden aus ihren Bunkern herauszuholen, gibt es schwere Schlägereien.“ Die Fälle häufen sich und Beschwerden gehen beim Innenminister ein. Hermann Göring ist in einer Zwickmühle. Er selbst hat ja Stil; er schätzt das feine Leben, zieht sich ausgewählt an. Aber wenn andere für den feinen Herrn jemanden umbringen, soll es ihm recht sein. Mit ihm als Innenminister hatte man den Bock zum Gärtner gemacht. Doch jetzt hilft alles nichts – als Innenminister muss er etwas unternehmen. „Da verfällt Göring auf einen rettenden Gedanken. In Zivil verkleidet, lediglich von zwei bewaffneten Polizeihauptleuten flankiert, geht er selber zur Hedemannstraße. Dort befindet sich einer der berüchtigsten Bunker. Furchtbare Dinge erzählt man sich von ihm. In der Ministerpräsidentschaft stapeln sich die Akten darüber. Nun muss man sich das Bild vorstellen, wie Göring an der nächsten Straßenecke halt macht und sich persönlich davon überzeugt, dass schauerliche Schreie noch Hunderte von Metern weit zu hören sind. Was wird er, Göring, jetzt tun? Hineingehen? Nein, das getraut er sich nicht. Aber er findet einen charakteristischen Ausweg. Er holt sich in den nächsten Tagen die gesamte SA-Belegschaft aus der Hedemannstraße zuzüglich einer weiteren Kolonne aus der General- Pape-Straße. Damit hat er die verwegensten Totschläger der Berliner SA beieinander. Diese Halunken ernennt er zu seiner »Feldpolizei«. Er dekoriert sie mit aufdringlichen Polizeisternen und verleiht ihnen unbeschränkte Polizeibefugnisse, besonders innerhalb der SA. Dann betraut er sie mit der ehrenvollen Aufgabe, nunmehr rücksichtslos auf ihresgleichen einzudreschen. Diese Rechnung geht auf. Solchen Kerlen ist es völlig gleich, wen und weshalb sie zu Tode prügeln. Hauptsache ist, dass sich allabendlich ihre Bunker füllen. Deshalb sind die Feldjäger bald in der gesamten Bewegung gefürchtet. In ihrer Art schaffen sie tatsächlich »Ordnung«, mit der sich noch der ungewollte Vorzug verbindet, dass sie sich mit der Zeit selber eliminieren. Von denen, die bei der Gründung dabei sind, bleibt kaum einer übrig. Was sich nicht in den ersten zwei Jahren gegenseitig totschlägt, wird späterhin, als die Zeiten ruhiger werden, wegen krimineller Delikte eingesperrt. Als letzter der ursprünglichen Mannschaft geht ihr Chef über Bord. Dem Standartenführer Fritsch gelingt es noch, richtiggehender Polizeioberst zu werden. In dieser Würde hascht ihn sein Schicksal. Er, der so viele hinter Schloss und Riegel gesetzt hat, wird Mitte 1935 selber abgeholt.“ Angesichts dieser Umstände ist Gisevius froh, dass Göring nunmehr den Schutzhafterlass herausgibt. „Zehntausende sitzen in den Gefängnissen, Bunkern oder Lagern, ohne zu ahnen warum, ja ohne dass ihre eigenen Lagerkommandanten wissen, weshalb sie eingeliefert wurden. Immerhin bringt der Erlass eine gewisse Übersichtlichkeit in dieses heimtückische System neuzeitlicher Freiheitsberaubung, bei dem die Häftlinge vor sich selber in Schutz genommen werden.“ Apropos totschlagen. Allein dieses Jahr wird umgekehrt dreimal versucht, Hitler umzubringen.

In den Wochen nach diesen Gewaltakten gegen viele jüdische Geschäfte, für die an vorderster Front Hitlers Berater bei der Volksaufklärung und Propaganda Dr. Joseph Goebbels schon seit Jahren Stimmung gemacht hatte, entsteht folgender Liedtext, den man nur wenige Wochen später auf Platte mit den Vier Nachrichtern in Goebbels’ rheinischem Dialekt genießen kann: „Gehirnschwund, Kalk, Arteriosklerose. Rasch tritt die Gicht den Menschen an. Und seufzend stehst du vor der Diagnose: Bei dir ist irgendwas nicht richtig, Mann. Se müssten mal zum Dokter jeh’n, Herr Dokter. Dat kann doch nich so weiterjehn, Herr Dokter. Sicher hat Professor Freud auch für Sie a Kleinichkeit, die Sie von den Leiden, die Sie leiden, janz befreit. Dat is ja nich mehr anzusehn, Herr Dokter. Sie sollten wirklich mal, ja, ja, Sie müssten wirklich mal, also, er muss doch wirklich mal zum Onkel Dokter jeh’n.“ Als „der Doktor“ wird Goebbels übrigens unter anderem auch bei der SA bezeichnet.

Goebbels hat wahrhaft riesige Opfer für die Umgestaltung Deutschlands auf sich genommen. Joseph oder Jupp, wie man ihn nennen soll, macht man auf der Straße hinter vorgehaltener Hand zu Bumsbeen, Mahatma Propagandhi, Reichslügenmaul, Reichsspruchbeutel, nachgedunkelter Schrumpfgermane oder beispielsweise zu Wotans Mickymaus. Nicht alle dieser Namen hat er von Anfang an – aber er hat sie in Aussicht. Als er auf Schwanenwerder im Westen von Berlin einzieht, nennen ihn die Leute in feinster Respektlosigkeit den Edlen Bock von Schwanenwerder. Dabei ist wichtig, dass das auch nicht der Falsche hört, sonst geht es ab nach Dachau. Dort ist noch Platz. Und wenn Letzterer nicht reicht, dann wird ausgebaut. Es muss ja auch nicht in Bayern sein. Die Verlogenheit seiner Propaganda wird als das System Klumpfuß tituliert, das Radio als Goebbelsschnauze oder Klumpfüßchens Zeitvertreib und seine Sendung „Stunde der Nation“ findet sich wieder als Josephs Märchenstunde. Und dann kursieren Witze wie dieser: Goebbels ist Ehrenbürger von Leipzig, oder wo man eben wohnt, geworden. Warum? Weil Goebbels der einzige Deutsche ist, der den Spargel quer essen kann. Die große Klappe bietet noch Stoff für viele andere Witze. Dabei darf man freilich nicht denken, dass solch ein Witz lustig gemeint ist. Er macht nur mit den Mitteln der Sprache deutlich, was die Leute von den Zuständen bei uns halten. 

Während der Kanzler überall seine Reden für den inneren und äußeren Frieden hält, sind die führenden Männer in den Kirchen im Clinch über ihre Haltung zur avisierten nationalen Erneuerung Deutschlands. Schon am Montag nach dem Beginn des Boykotts jüdischer Geschäfte trifft sich die Führung der Deutschen Christen zu ihrer ersten Reichstagung. Sie können sich nicht für das Altonaer Bekenntnis vom Januar erwärmen. Wenn Deutschland im revolutionären Aufbruch ist, können sie nicht an alten Sprüchen hängen. Am 4. April 1933 bringen Sie das Ergebnis ihrer wegweisenden Zusammenkunft an die Öffentlichkeit: „Gott hat mich als Deutschen geschaffen, Deutschsein ist Geschenk Gottes. Gott will, dass ich für mein Deutschland kämpfe. Kriegsdienst ist in keinem Fall Vergewaltigung des christlichen Gewissens, sondern Gehorsam gegen Gott … Der Staat Adolf Hitlers ruft nach der Kirche, die Kirche hat den Ruf zu hören … Christus ist zu uns gekommen durch Adolf Hitler!“

Um gerecht zu bleiben – die Nazis haben sich die evangelischen Kirchen aber auch schneller und massiver vorgenommen als die katholische. Der Diplomat Erich Kordt weiß es: „Dem Grundsatz getreu, immer nur einen Gegner anzugreifen, konzentrierten sich die Bestrebungen der NSDAP zunächst auf die protestantische Kirche. Mit den gleichen Methoden, mit denen die politische Macht übernommen worden war, sollten auch die Kirchen gleichgeschaltet werden. Zunächst wurde eine große Zahl SA-Männer, die bisher nur bürgerliche Eheschließungen vorgenommen hatten, zu kirchlichen Massentrauungen veranlasst. In der Propaganda wurde scharf gegen die aus der Kirche Ausgetretenen gewettert. Gleichzeitig wurde eine »Vereinigung deutscher Christen« gebildet, die bei der Kirchenwahl mit staatlicher Unterstützung die Mehrheit erhalten und die Pfarrhäuser ähnlich besetzen sollte, wie es vorher mit den Polizeipräsidien durch die SA geschehen war. Obwohl gerade aus der protestantischen Pfarrerschaft die NSDAP bei den politischen Wahlen wertvolle Unterstützung erhalten hatte, setzte sich die Mehrheit der deutschen Pfarrer unter der Führung von Pastor Niemöller hiergegen zur Wehr, und der Plan einer einfachen Machtübernahme scheiterte. Auch der mit Unterstützung der Partei fungierende sogenannte Reichsbischof Müller hatte kein Glück.“ Ein namenloser Martin Niemöller* hebt mit Gleichgesinnten einen Pfarrernotbund aus der Taufe. Sie möchten die Freiheit des christlichen Bekenntnisses vor der Nazi-Ideologie schützen und sie halten deshalb an der Einheit von Altem und Neuem Testament fest.

Der politische Katholizismus und die Katholische Arbeiterbewegung auf der anderen Seite waren bereits vor dem Jahreswechsel auf Distanz zu den Vorreitern des Rassismus gegangen. Viele Bischöfe verurteilten das Buch Mythus des 20. Jahrhunderts des Rassenfanatikers Alfred Rosenberg. Was die Nazis als Weltanschauung verkauften, bezeichneten sie als eine Irrlehre. Mit dem artgemäßen Christentum in der Evangelischen Kirche können sie nichts anfangen. Anders als bei den Protestanten gibt es in der Katholischen Kirche eine lange Tradition des Widerstands und des Märtyrertums. So sind viele bereit, auch Verfolgung, Haft und Folter wegen ihrer Überzeugungen auf sich zu nehmen, wobei sich das in der trockenen Theorie sicher feierlicher liest, als es in Wirklichkeit ist. Unter der Hand macht bald dieser Spruch die Runde: Auch die Pfarrer grüßen jetzt mit „Heil Hitler!“ Aber der katholische grüßt anders als der evangelische. Der evangelische Pfarrer ruft: „Im Namen Gottes, Heil Hitler!“ Der katholische Pfarrer grüßt: „In Gottes Namen, Heil Hitler.“ Das hat nicht denselben Klang und das hat auch nicht denselben Inhalt.

Um die Gleichschaltung der Länder noch weiter zu verbessern, wird am 7. April ein zweites Gesetz dazu erlassen. Jetzt können Reichsstatthalter ernannt werden. Der Kanzler muss nur geeignete Jungs für diese Posten finden und sie vorschlagen. In der Regel findet er sie in den Gauleitern der NSDAP. Der Statthalter darf mehr als andere Leute. Er kann den Vorsitzenden der Landesregierung entlassen, wenn der nicht macht, was er soll, und er kann einen geeigneten Kandidaten ernennen. Im Bedarfsfall kann er gleich den ganzen Landtag an die frische Luft befördern. Ein Misstrauensbeschluss des Landtages ist nicht mehr zulässig. Eigentlich ist niemand so richtig überrascht, dass man immer seltener Gegenstimmen zur Linie der Reichsregierung zu hören bekommt. Weil sie gerade dabei ist, erlässt sie gleich noch ein Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Damit werden Nichtarier endgültig aus vielen Berufen ausgeschlossen. Dieses Gesetz vom 7. April ’33 ist zwar nicht für die Wirtschaft gedacht, doch mancher wittert auch hier Morgenluft. Ob in den Aufsichtsräten, Vorständen oder Wirtschaftsverbänden – überall ist man schnell bei der Sache und nutzt die Gelegenheit für den eigenen Vorteil, setzt die Juden vor die Tür und holt dafür gute Bekannte herein. Bei dem Gesetz ging es nur darum, Nazis in entscheidende Posten der Verwaltung zu manövrieren. Ergänzt wird das Paket von einem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Darin heißt es, dass die Zulassung von Anwälten bis zum Herbst zurückgenommen werden kann. Damit wird die Unabhängigkeit der Justiz mit der Zeit untergraben.

Wer an den Gesetzen schon nichts ändern kann, übertreibt sie durch die Übertragung der zynischen Gesetzestexte in astreinem Beamtendeutsch auf das berufliche Feld der leichten Mädchen: „Auch das Dirnenwesen soll gemäß dem Reichsbeamten- und Anwaltsgesetz von nichtarischen Elementen gereinigt werden. Danach dürfen beruflich nur noch Dirnen tätig sein: 1. solche, die rein arisch sind; 2. solche, die ihr Gewerbe schon vor 1914 ausgeübt haben; 3. solche, deren Mütter im Kriege gefallen sind.“ Oder auch so: Was ist es? Es liegt vor der Tür und lügt. – Der VB. 1933 muss man niemandem erklären, dass der VB das Nazi-Blatt ist, der Völkische Beobachter. Oder, wie wäre es damit? Wie geht es Ihnen? – Danke, jetzt geht es mir einigermaßen erträglich: Ich habe den Rundfunk abbestellt. Viele Deutsche verlassen in diesen Tagen ihre Heimat und suchen Zuflucht im Ausland. Unter ihnen ist Herbert Frahm. Später erinnert er sich an jene Zeit: „Ein schwerer Abschied war es nicht, den ich, an einem der ersten Apriltage des Jahres 1933, von Lübeck nahm. Ich musste weg, wenn ich nicht Leib und Seele riskieren wollte, und den Blick nach draußen wenden. Wo hätte ich die Muße hernehmen sollen für den Blick zurück?“ Dort, fern der Heimat, wird Herbert Frahm den Namen Willy Brandt* annehmen. Wenn wir schon bei Herbert sind, so wollen wir gleich mit Herbert von Bismarck* weitermachen. Der andere Herbert verlässt dieses Land nicht. Er ist Staatssekretär im preußischen Innenministerium, zumindest bis 1933. Er legt sich dauernd an mit dem neuen Chef Hermann Göring. Er protestiert laut und deutlich gegen die Gesetzwidrigkeit der Verfolgungen, die neuerdings auch von staatlichen Organen ausgehen und er bemüht sich, die Minister, die nicht der Nazi-Partei angehören, zum Rücktritt zu bewegen. Weil ihm das nicht gelingt, tritt er am 10. April zurück. Bleibt nur noch anzumerken, dass der eine Herbert in den folgenden tausend Jahren im Ausland genauso viel oder wenig für Deutschland tun kann wie der andere Herbert in der inneren Emigration. Davon abgesehen, sind viele Leute im Ausland ja auch nicht erbaut von den Emigranten aus einem fremden Land.

1938

Verlassen wir dieses Zimmer in Berlin und schauen uns in der Stadt der Liebe an der Seine um. Schon vor Jahren, als Hans Speidel noch an der Deutschen Botschaft in Paris gearbeitet hat, waren dort die Mitarbeiter mit einer unrühmlichen Ausnahme gegen unsere Nazis eingestellt. Im Juli des Jahres 1938 beginnt der neunundzwanzig Jahre junge Diplomat Ernst Eduard vom Rath seinen Dienst an dieser Botschaft im Rang eines Legationssekretärs. Wegen seiner anti-nazistischen Einstellung wird der junge Mann von den wachsamen Kollegen der Gestapo beschattet. Die passen auch im Ausland immer schön ordentlich auf ihre Schäfchen auf. Doch da ihn die Gestapo eben nur überwacht, ist das nicht so besonders spannend. Gehen wir dorthin, wo wieder wirklich was passiert.

Von 1933 bis 1938 haben ungefähr 557.000 Juden Polen verlassen und Zuflucht im benachbarten Deutschland gesucht, weil sie sich von der neuen Heimat weniger Judenhass versprechen. Doch im Reich steht der Wind für Juden inzwischen bereits seit Jahren gar nicht gut, sodass im selben Zeitraum etwa 170.000 Juden wiederum Deutschland verlassen haben. Da die Führung des Reiches auf neuerliche Zuwanderung keinen Wert legt, wird im Herbst Sendel Grynszpan aus der Stadt Hannover zusammen mit ungefähr 15.000 anderen Juden hinüber zu der polnischen Grenze gebracht. Polen weigert sich jedoch, sie in das Land zu lassen, so dass die Abgeschobenen im Grenzgebiet sich selbst überlassen bleiben. Sendels Sohn Herschel Feibel Grynszpan, der inzwischen in Frankreich lebt, erfährt auf zwei Wegen davon. Von seiner Schwester Esther kommt eine Postkarte mit der Bitte, der Familie Geld zu schicken, und auch die großen Medien in Frankreich berichten in Artikeln über diesen Vorgang. Als Herschel am 3. November die Karte erhält, steht er vor einem nicht ungewöhnlichen Problem: Der junge Mann verfügt über kein Geld. Auf der anderen Seite ist er ohnedies in einer schwierigen Situation. Als der junge Mann versuchte, in das Reich zurückzukehren, scheiterte dies am Einspruch des Polizeipräsidenten von Hannover. Zu allem Elend wurde ihm im August noch der Ausweisungsbefehl aus Frankreich zugestellt.

Herschel wendet sich an Verwandte, um seinen Eltern helfen zu können. Sein Onkel Abraham will erst einmal warten, zumal Herschel nicht weiß, wo sich seine Familie überhaupt befindet. Außerdem ist es per Gesetz ja nicht möglich, Geld an einen Juden im Reich zu schicken. Nach einigem Hin und Her gibt ihm Onkel Abraham 300 Franc. Das ist tatsächlich ein schöner Batzen Geld. Damit kann der Sohn eigentlich die Familie unterstützen. Vermutlich sind sie jetzt aber schon in Zbaszyń – dem früheren deutschen Bentschen – angekommen, wohin sie endlich doch einreisen dürfen. Herschel ist das jedoch nicht bekannt und er ist längst mit einer Demo beschäftigt. Er ist eben mit seinen siebzehn Jahren noch ein Kind und anstatt den schönen Batzen den Eltern zu schicken, kauft er sich am 7. November einen Revolver für 235 Franc, denn er will jetzt ein Zeichen setzen. Mit der Kanone in der Hand geht er zur Deutschen Botschaft im Palais Beauharnais und verlangt einen Botschaftsbeamten zu sprechen.

Empfangen wird er von Legationssekretär Ernst Eduard vom Rath – ja, genau von jenem Neunundzwanzigjährigen, den die Gestapo beschattet, da er wie auch andere Kollegen an der Botschaft nicht wie ein Nazi tickt. Natürlich weiß unser jugendlicher Held davon nichts, beschimpft Ernst vom Rath und erklärt ihm, er handele im Namen von zwölftausend verfolgten Juden, greift die Kanone und schießt fünfmal.

Dabei verletzt er ihn so schwer, dass vom Rath nach zwei Tagen stirbt. Herschel Grynszpan flüchtet nicht, sondern lässt sich verhaften. Auch in der anschließenden Befragung durch den französischen Untersuchungsrichter begründet er diesen Mord wie schon gegenüber dem Opfer. Da er noch minderjährig ist, wird er in das Jugendgefängnis Fresnes bei Paris überstellt.

Gierig greift Joseph Goebbels in Berlin zu. Natürlich könnte er auch ein Schreiben an den Attentäter schicken, in dem er sich dafür bedankt, weil er der Gestapo weitere Mühe mit der Beobachtung des Botschaftsangehörigen in Paris erspart hat. Doch unser Reichspropagandaleiter findet eine viel bessere Verwendung für diese Tat. Seit den stummen Protesten gegen den Durchmarsch der Armee in Felduniformen am 27. September steht sein Versprechen an den Führer der Bewegung im Raum, das Volk bekäme noch seine intensive Aufklärung. Voilà! Die Steilvorlage dieses Kindskopfs in Paris muss genutzt werden. Das ist genau das, was er zum Aufhänger einer großangelegten Aktion gegen die im Reich verbliebenen Juden aufpeppen kann. Wieder fließen Hektoliter Druckerschwärze, um den Deutschen die jüdische Weltverschwörung in Erinnerung zu rufen.

Der nächste Anlass, der sich bestens eignet, ist der jährliche Festakt, der immer am 8. November in München stattfindet. Diesmal ist es sogar der fünfzehnte Jahrestag des Marsches zur Feldherrnhalle in München vom 9. November 1923. Lang und breit spricht wieder einmal unvermeidbar der Führer selbst. Als er irgendwann geendet hat, öffnet sich eine Tür zu dem Saal. Das ist eigentlich nicht erwähnenswert, denn aus irgendeinem Grund öffnet sich ja immer mal eine Tür und jemand geht oder kommt. Aber diesmal lohnt sich doch ein Seitenblick auf diesen Mittdreißiger. Er hat ausgezeichnet verstanden, dass Adolf Hitler unvorhersehbar irgendwo erscheint und wieder verschwindet und dass es deshalb nicht einfach ist, ihn umzubringen. Aber im Bürgerbräukeller ist er jedes Jahr abends am Vorabend des 9. November. Hätte er jetzt schon die richtige Waffe in den Händen, so wäre es leicht, ihn einfach gleich zu töten, doch er tüftelt an seinem Plan herum, wie er ähnlich dem tapferen Schneiderlein schon möglichst viele Braunhemden aus der Staatsführung zugleich erwischt. Auch nächstes Jahr werden sie hier wieder versammelt sein und so sieht sich Georg Elser den Raum genau an und prägt sich den Grundriss des Saales gut ein, hält besonders nach Sicherheitsmaßnahmen Ausschau – und befindet, dass es kaum effektive Maßnahmen gibt. Bis Hitler 1939 wieder hier auftritt, will er eine Bombe Marke Eigenbau fertig haben.

Zurück zur Veranstaltung in dem Saal des Rathauses. Nach Hitler redet sich der Propagandaspezialist so richtig in Rage. Übrigens sind während der Rede von Goebbels weder Hitler noch Himmler zugegen. Beide sind schon vor dem Ende des Veranstaltung in Hitlers Münchener Wohnung gegangen. Die Herren Eberstein und Schallermeier sind der Auffassung, dass beide großen Chefs keine Ahnung davon haben, mit welcher Aktion der Herr Dr. Goebbels bei seinem Führer unsterblichen Ruhm erlangen möchte. Was Hitler selbst angeht, braucht er kein außenpolitisches Aufsehen, denn er tüftelt schon seit Monaten an der Einverleibung der ČSR herum. Schallermeier und Eberstein sagen auch, dass der schlacksige, lange Oberverbrecher Reinhard Heydrich erst eine Dreiviertelstunde vor Mitternacht durch die Staatspolizeistelle München informiert wird, dass ein Pogrom gegen Juden ausgebrochen sei, und dass Himmler ebenfalls erst kurz vor Beginn der Vereidigungsfeier für seine SS um Mitternacht verständigt wird. Nachträglich soll eine Kommission untersuchen, wie es zu den folgenden Ausschreitungen dann überhaupt gekommen war. Major Walter Buch, der Leiter des Obersten Parteigerichts der NSDAP, schreibt in einem geheimgehaltenen Bericht, dass Dr. Joseph Goebbels am Abend des 9. November die Weisung gab, im Laufe der kommenden Nacht „spontane Kundgebungen“ zu organisieren und durchzuführen.

Der Major hält in seiner Abhandlung fest, was der Mob angerichtet hat. An Synagogen seien 191 in Brand gesetzt worden und drei weitere „vollständig demoliert“. Ferner seien 11 Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und dergleichen in Brand gesetzt und noch drei völlig zerstört worden. Festgenommen worden seien „rund 20.000 Juden, ferner 7 Arier und 3 Ausländer. Letztere wurden zur eigenen Sicherheit in Haft genommen.“ An Todesfällen wurden 36, an Schwerverletzten ebenfalls 36 gemeldet. Die Getöteten bzw. Verletzten sind Juden. Ein Jude wird noch vermisst. Unter den getöteten Juden befindet sich ein, unter den Verletzten sind 2 polnische Staatsangehörige. Die endgültige Zahl der in der Nacht vom 9. zum 10. November ermordeten Menschen wird weit höher geschätzt. Damit bekommt ein vier Jahre alter Spruch eine bittere Aktualität: Eine jüdische Familie schreibt an Verwandte im Ausland: „Uns geht es gut. Keinem Juden wird ein Haar gekrümmt. Hitler führt uns einer besseren Zukunft entgegen. Moritz, der das Gegenteil behauptet hatte, haben wir gestern beerdigt.“

Die Schäden der Pogrome in vielen Städten unseres Landes betragen 25 Millionen Reichsmark. Nur zwei Tage später legt der SD-Chef Reinhard Heydrich den Bericht über die Auswirkungen von Goebbels’ Aktion dem preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring vor. Darin steht, die bis zum 11. November 1938 eingegangenen Meldungen der Staatspolizei hätten dieses vorläufige Bild ergeben: In zahlreichen Städten haben sich Plünderungen jüdischer Läden und Geschäftshäuser ereignet. Es wurde, um weitere Plünderungen zu vermeiden, in allen Fällen scharf durchgegriffen. Die Neue Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße ist zum Beispiel vor einem Großbrand gerettet worden, weil der Vorsteher vom Polizeirevier 16, Wilhelm Krützfeld, den Brandstiftern entgegentrat und sie darauf hinwies, dass das Gebäude seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz steht. Er rief dann die Feuerwehr, die tat, was sie zu tun hat, sie löschte. Wegen Plünderns wurden im Reich 174 Leute festgenommen. In jüdischen Läden und in Wohnungen seien Zerstörungen vorgenommen worden, die sich aber bisher ziffernmäßig noch nicht belegen ließen. Die in den Berichten aufgeführten Zahlen seien folgende: 815 zerstörte Geschäfte, 29 in Brand gesteckte oder sonst zerstörte Wohnhäuser. Das sei, soweit es sich nicht um Brandlegungen handelt, jedoch nur ein Teil der wirklich vorliegenden Zerstörungen. Weil der Bericht so rasch fertig sein musste, seien lediglich allgemeinere Angaben möglich, die mit Begriffen wie „zahlreiche“ oder „die meisten Geschäfte zerstört“ arbeiten. Die angegebenen Ziffern dürften daher um ein Vielfaches überstiegen werden. Kein Wunder, dass bald eine kreativ veränderte Version der Abkürzung KdF im Umlauf ist, was in der Nazisprache Kraft durch Freude bedeuten soll. Angeekelt sagen die Leute, das hieße Kauf durchs Feuer. Welches intellektuelle Potential in den Straßenrowdys steckt, die in dieser Nacht die Sau rauslassen, wird schon im Bericht des Sicherheitsdienstes klar. Dort steht, wertvolle Archivstücke und Kunstschätze wurden vernichtet durch „Unbedachtsamkeit oder Unwissenheit der Beteiligten“. Wenn man das übersetzt, heißt das durch Rohheit und Dummheit.

Eilig wird für den 12. November eine Konferenz angesetzt, um die durch die Pogrome angerichteten materiellen Schäden auf die Juden selbst abzuwälzen. Allein die Schäden durch zerstörte Fensterscheiben belaufen sich auf 5 Millionen Reichsmark. Wenn 25 Millionen Reichsmark ausgezahlt werden müssen, ist eine Reihe von Versicherungen bankrott. Dazu kommt, dass der größte Teil des zu ersetzenden Glases aus dem Ausland eingeführt werden müsste und dafür sind die Devisen gar nicht vorhanden. Wir sind ja im Dritten Reich und nicht bei Wünsch-dir-was. Der Bevollmächtigte für die deutsche Wirtschaft, auch diesen Posten hat ein Hermann Göring inne, versucht einem Herrn Hilgard, dem Sprecher der Versicherungen, beizubringen, dass Berlin eine Lösung gefunden hätte, die eine für die Versicherungen eigentlich günstige Lösung darstelle und bei der die Versicherungsgesellschaften einige Schäden nicht auszahlen müssten. Herr Hilgard kann jedoch rechnen und hält unserem Experten in allen Belangen entgegen: „Infolgedessen ist sie [die Versicherungsgesellschaft] der endgültig Geschädigte. Das ist so und bleibt so. Das wird mir niemand abstreiten.“ Wenn einige Schäden nicht ausgezahlt werden müssen, bleiben immer noch genug, bei denen Geld fällig wird. Als Herr Göring sieht, dass er mit seiner Logik nicht unbedingt besticht, wird der gute Mann pampig: „Dann sorgen Sie gefälligst dafür, dass nicht so viele Fensterscheiben eingeschmissen werden!“ Göring hat genug von dem besseren Kopfrechner und lässt ihn abtreten.

Danach bleibt die braune Expertenrunde unter sich und grübelt, wie sie umgekehrt den spontanen Zorn der Versicherungsbosse von sich selbst abwenden können. Nach längerer Diskussion wird beschlossen, das Problem so zu lösen: Die Juden müssen jetzt aus der deutschen Wirtschaft ausgeschlossen werden, eine Maßnahme, vor der sogar Göring bislang zurückgeschreckt ist wegen möglicher Gegenaktionen aus dem Ausland; jegliches jüdische Unternehmen und der gesamte Besitz, eingeschlossen Juwelen und Kunstgegenstände, soll „Ariern“ übergeben werden gegen eine Teilentschädigung in Form von Schuldscheinen, für die die Juden zwar Zinsen erhalten sollen, die sie aber nicht sollen veräußern können; die Frage, ob man Juden vielleicht aus Schulen, Kurorten, Parks und so weiter ausschließt, und ob man sie ins Ausland abschieben oder auch in ein deutsches Ghetto verbringen soll, wird einem Ausschuss zur weiteren Behandlung überlassen. Später wird über das Reichsgesetzblatt verkündet, dass die Gesamtheit der deutschen Juden eine sogenannte Kontribution in Höhe von 1 Milliarde Reichsmark abzuführen hätten.

Nach Mord, Plünderung und Brandstiftung gleichzeitig überall im Reich ist es wirklich kein Wunder, dass die nächste Befehlshaberbesprechung der Wehrmachtsführung turbulent wird. Mehrere Generäle geben ihrer Empörung laut und deutlich Ausdruck und General Fedor von Bock ruft erregt in diese Runde, ob man „dieses Schwein, den Goebbels, nicht aufhängen“ könne. Erich Raeder wird im Namen der Admirale bei Hitler vorstellig. Der weicht ihm aber aus und erklärt, die Gauleiter seien ihm „aus dem Ruder gelaufen“. Diese dummdreiste Lüge Hitlers schlägt dem Fass den Boden aus. So will er also kaschieren, dass mit seinem Chef für Propaganda die Pferde durchgegangen sind. Die Gauleiter, die ihm aus dem Ruder gelaufen sein sollen, waren gar nicht in ihren Gauen sondern vielmehr bei dem Festakt in München, als Goebbels Aufruf in die Runde geschickt wurde. Selbst der Parteiapparat der NSDAP wurde umgangen, weil hier mit Widerständen zu rechnen war. Soweit in Einzelfällen eine Möglichkeit für Politische Leiter zum Eingriff gegeben war, lehnten viele Gauleiter ab oder gaben Gegenbefehle, als sie von der Aktion erfuhren. So hielten es zum Beispiel Gauleiter Kaufmann aus Hamburg und der Gauleiter für Koblenz-Trier. In Schwaben war es nicht anders.

Es ist die neue Qualität im Umgang mit den Juden, die selbst vielen von den Nazis zu weit geht – die gesetzlichen Maßnahmen gegen Juden, die auf die Zurückdrängung ihres Einflusses ausgerichtet waren, wurden ja von den Politischen Leitern begrüßt und entsprachen auch ihrem Parteiprogramm. Auch den Nürnberger Gesetzen wurde nicht widersprochen. Die Ablehnung der staatlichen Maßnahmen beginnt bei der Vermögensbeschlagnahmung und weitergehenden Repressalien. Himmler staunt nicht schlecht, als ihn kurz danach aus den Tiefen des Reiches ein Brief von einem SS-Brigadeführer erreicht, in dem steht: „Einheimische antisemitische Kräfte wurden während der ersten Stunden veranlasst, mit Pogromen gegen die Juden zu beginnen“, dass es sich dann jedoch „als sehr schwierig erwies, sie dazu zu bringen.“ Der Chef der SA in Berlin Graf Helldorf macht nach seiner Rückkehr nach Berlin Polizeioffizieren Vorwürfe, warum sie sich an den Befehl zum Stillhalten gehalten hätten und versichert ihnen, wäre er in Berlin gewesen, hätte er den Befehl zum Schießen auf den Mob gegeben. Vor 1933 hatte Helldorff selbst noch die Nazi-Pogrome organisiert. Vermutlich hatten auch ihn die Ereignisse im Februar 1938 zum Umdenken gebracht. Im November hat erstmals ein unbekannter Offizier das Gefühl, er müsse sich jetzt hörbar artikulieren. Er heißt Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er könne jenes Schweigen des Offizierskorps nicht nachvollziehen und sagt, von Männern, die sich inzwischen schon ein- oder zweimal ihre Wirbelsäule gebrochen hätten, wäre wohl nichts anderes zu erwarten. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht verurteilt auf einem „Betriebsappell“ der Reichsbank die krasse Entgleisung scharf. Selbst so ein Verbrecher wie Reinhard Heydrich erklärt am 20. November den Gauleitern und Gaurichtern, dass schärfste Maßnahmen gegen die Beteiligten ergriffen werden.

Reichspropagandaleiter Goebbels lässt in den Zeitungen schreiben, dass sich in den vergangenen Stunden der spontane Volkszorn entladen habe nach dem Attentat von Paris. Doch auf den Straßen sind die Leute zwar leise aber nicht dumm. Niemand kann sich im Ernst vorstellen, dass zur gleichen Zeit überall im Reich die Hölle los ist. Das muss ja „von oben“ inszeniert worden sein – und wenn Lügenbaron Goebbels etwas anderes behauptet, dann war es gerade organisiert. Vor allem der konkret erlebte rassistische Ausgrenzungsterror stößt bei den Deutschen auf Ablehnung. Auch ausländische Beobachter registrieren die breite Distanzierung vom Pogrom. Antisemitismus hin oder her, man muss nicht jeden lieben, es ist aber etwas anderes, wenn man Menschen angreift und umbringt. Das rechtswidrige Vorgehen widerspricht ganz einfach ordnungspolitischen Vorstellungen und dem Rechtsempfinden der Leute. In weiten Kreisen der Bevölkerung wird jetzt das endgültige Abgleiten in ein allgemeines rechtsfreies Chaos befürchtet. Es sind die ausländischen Beobachter, die ihre Eindrücke bei sich in die Zeitung bringen und wütend antwortet dieser Goebbels im Völkischen Beobachter: „Man erklärt, die spontanen Reaktionen des deutschen Volkes seien durch organisierte Mannschaften durchgeführt worden. Wie wenig Ahnung doch diese Zeilenschinder von Deutschland haben! Wie erst hätte diese Reaktion ausgesehen, wäre sie organisiert gewesen!“ Wie heißt es so schön im Deutschen: Da war auch der Wunsch der Vater des Gedankens.

Der Britische Generalkonsul in Frankfurt/M. schreibt am 14. Dezember in einem Bericht: „Es scheint mir, dass eine sexuelle Massenperversion die Erklärung für diesen sonst unerklärlichen Ausbruch bieten mag. Ich bin überzeugt, dass, wenn die Regierung Deutschlands von der Wahl des Volkes abhinge, die Machthaber, die für diese Schandtaten verantwortlich sind, von einem Sturm der Entrüstung hinweggefegt worden wären, wenn man sie nicht an die Wand gestellt und erschossen hätte.“ Nicht so prominent wie der Herr Generalkonsul ist der deutsche Beamte, der in einem Brief nach England schreibt, dass „das deutsche Volk nicht das Geringste mit diesen Tumulten zu tun gehabt habe“. Doch auch dieses deutsche Volk hat leider seine Schmuddelkinder, ob es der Beamte gern wahrhaben will oder nicht. Er wollte wohl auch nur ausdrücken, dass es sich wirklich um eine Aktion der einschlägig bekannten Leute handelte. Das geht jedenfalls auch aus anderen Briefen hervor, die in London nur wenige Monate später in Buchform erschienen. Auch diese Briefe geben der Empörung Ausdruck, die nach den angeblich spontanen Pogromen des 9. November des Jahres 1938 in weiten Kreisen der Bevölkerung bei uns verbreitet ist. Und das unter den Bedingungen einer Diktatur.

Wenn jemand darauf Wert legt, mal eine Reaktion des spontanen Volkszorns zu erleben, der geht zu dem deutschen Ehepaar Walter und Anny Kreddig in Berlin-Schöneberg. Sie haben dort nämlich ihre Drogerie in der Frobenstraße. Als die SA-Schlägertrupps auf den Straßen in diesem Stadtteil randalieren, ruft der jüdische Fabrikant Horst Wienskowski bei den Kreddigs an. Ihre Antwort ist so eindeutig wie dringlich: „Kommen Sie sofort mit ihrer Familie zu uns!“ Gott sei Dank weiß diese Familie Wienskowski, dass die Kreddigs die Nazis verabscheuen. Mag sein, dass mancher den Kopf einzieht, bis das Gewitter vorbei ist. Und trotz allem: Im Geheimbericht des SD heißt es klipp und klar: „Auch die Öffentlichkeit weiß bis auf den letzten Mann, dass politische Aktionen wie die des 9. November von der Partei organisiert und durchgeführt sind.“ Der SD beweist erneut, dass er zu normalen Gedankengängen durchaus befähigt ist: „Wenn in einer Nacht sämtliche Synagogen abbrennen, so muss das irgendwie organisiert sein und kann nur organisiert sein von der Partei“, wie die Kollegen festhalten. Dass es aber unbedingt die Partei gewesen sein muss, ist nun wieder ein typischer Gedankengang aus der Diktatur. Richtig bleibt, dass es organisiert gewesen sein muss. So viel Zufall gibt es allenfalls bei den Gebrüdern Grimm.

Diese Zeugnisse des Widerstrebens werden ergänzt durch viele Beispiele von Sympathie, Hilfe und positiver Unterstützung, die sich einwandfrei belegen lassen. Bestimmte Gruppen wie die Quäker und protestantische wie auch katholische Vereine sind in einem ausgedehnten Hilfswerk engagiert. Die Zahl derer, die einen öffentlichen Protest wagen, ist, wie es kaum anders zu erwarten ist, gering und ihre Stimmen werden bald zum Schweigen gebracht. Unter denen, die Mut genug haben, um sich völlig unmissverständlich zu äußern, nennt Hans Rothfels, 47, den Dekan der Kathedrale St. Hedwig im Herzen von Berlin, den verehrten Monsignore Bernhard Lichtenberg. Der Dekan betet für Juden und für Insassen von Konzentrationslagern und lädt seine Gemeinde ein, gemeinsam mit ihm zu beten. Natürlich gibt es „viele Einzelfälle von Hilfe durch Individuen und Gruppen, über die naturgemäß keine Akten geführt“ werden, es sei denn bei den hier zuständigen Behörden. Fakt ist, dass die Mehrheit der Deutschen den Antisemitismus der Nazis nicht annimmt.

Die Kollegen vom Sicherheitsdienst sind mit den Reaktionen von Sozialdemokraten so unzufrieden wie mit denen der Kommunisten. Allerdings können sie bei den Rechten in Deutschland so ebenfalls nicht punkten. Ein Kollege notiert: „Anlässlich der Judenaktion im November 1938 war dann wieder in allen rechtsoppositionellen Gruppen eine betont gleichmäßig verneinende Ausrichtung der Reaktion zu vermerken. Die getroffenen Maßnahmen wurden einheitlich als ungerecht und eines Kulturvolkes unwürdig bezeichnet.“ Bei den Sozialdemokraten wird festgestellt, dass man dort vielfach hofft, „die Judenfrage werde den Sturz des nationalsozialistischen Staats bringen“. Bei den Katholiken ist sowieso alles klar und was die evangelischen Gläubigen angeht, so führen es die Männer beim SD auf den kirchlichen Einfluss zurück, wie die evangelischen Lehrer auf die Umfrage des Nationalsozialistischen Lehrerbundes reagieren. „Im Anschluss an die Judenaktion des 9./10.11.1938“ werden sie darin befragt, was sie von der Niederlegung des Religionsunterrichts halten würden. „Ein ganz erheblicher Prozentsatz der Lehrer ist der Aufforderung des NSLB nicht nachgekommen.“

Der Sicherheitsdienst findet, dass „die maßgeblichen kirchlichen Führer den großen Protestkundgebungen in den Metropolen der westlichen Demokratien durch ihre Beteiligung Auftrieb und weiterreichende Bedeutung“ verschaffen. Ja, ist es denn zu fassen? Mit all diesen renitenten Kirchenfürsten ist es eben einfach nur ein Kreuz: „Neben Kardinal Faulhaber, Erzbischof Gröber und Bischof Graf von Galen, welche bereits als gehässige Feinde des Nationalsozialismus bekannt sind, hat sich besonders der Ende des Jahres zum apostolischen Administrator der Diözese Aachen ernannte Weihbischof Sträter durch eine besonders hetzerische Darstellung des Kirchenkampfes in Deutschland hervorgetan, wobei er sich nicht scheute, den Nationalsozialismus als satanische Macht zu bezeichnen.“ In staatskritischem Sinne treten zum Beispiel ebenfalls die Bischöfe Sproll und Bornewasser hervor. Beim Sicherheitsdienst wird das so gewertet, dass die Kirchen „anlässlich der Judenaktion … alsbald wieder mit dem internationalen Judentum Front“ gemacht haben gegen das Nazi-Regime. Hören wir einem aus der Front ein bisschen zu.

Wenige Tage später spricht Pastor Helmut Gollwitzer in der überfüllten Kirche in Berlin-Dahlem zum Buß- und Bettag und ringt um die Fassung nach dem, was geschah: „Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als dass wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen, als dass wir heute haben so hereinkommen müssen, wie wir hereingekommen sind?“ Gollwitzer* spricht klare Worte: „Nun wartet draußen unser Nächster, notleidend, schutzlos, ehrlos, hungernd, gejagt und umgetrieben von der Angst um seine nackte Existenz, er wartet darauf, ob heute die christliche Gemeinde wirklich einen Bußtag begangen hat. Jesus Christus wartet darauf!“

Dem Sicherheitsdienst entgeht es nicht, dass die Kirchen jetzt mit noch größerer Intensität ihre konfessionellen Kerntruppen sammeln und sie schulen, neue Arbeitsprogramme aufstellen, dass organisatorisch umgeschichtet wird und dass sie mit allen Mitteln verbliebene politische Positionen ausbauen. Bei allen kirchlichen Gruppen ließe sich eine Tendenz feststellen, von ihrer früheren Massenbeeinflussung auf eine Eroberung und Beeinflussung der Einzelmenschen überzugehen und zugleich unter allen nur möglichen Tarnungen Einbruchstellen in den Block von Staat und Partei zu gewinnen. Ja, kommt denn nie Ruhe in den Karton? Als Zeichen des Expansionswillens der katholischen Kirche sei dieses Jahr das Kloster Münsterschwarzach errichtet worden. Als Gegengewicht zur offiziellen großdeutschen Buchwoche sei von diesen Querköpfen ein sogenannter Borromäus-Sonntag durchgeführt worden, um auf diese Art für das katholische Schrifttum sowie für einen Ausbau der katholischen Büchereien zu werben. Darüber hinaus registrierte man auch vielfältige andere Versuche, in der Öffentlichkeit Präsenz zu zeigen: auf deutschen Schiffen, im Radio, über Filme und so weiter.

Moniert wird auch, dass die naturwissenschaftlichen Gesellschaften im Reich, die internationale Kongresse veranstalten, „noch immer stark von Juden und Emigranten durchsetzt“ sind und nicht daran denken, „dem Beispiel der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu folgen, die nach dem 10.11.1938 ihre bisherigen Mitglieder, die unter die Nürnberger Gesetze fielen, zum Austritt“ veranlassten. „Fast einheitlich zeigte sich im Berichtsjahr die instinktlose Haltung der deutschen Naturforscher in dem spontanen Beifall, der auf Tagungen den jüdischen oder dem Amte enthobenen ehemaligen Professoren entgegengebracht wurde. Die Vertreter der deutschen Naturwissenschaften (insbesondere die Vorstandsmitglieder der Gesellschaften) besaßen oft nicht die notwendige weltanschauliche und politische Haltung, um dem Auslande gegenüber als Vertreter des heutigen Staates auftreten zu können.“ So richtig glücklich und zufrieden mit seinen Volksgenossen ist dieser Mann nicht. Andererseits fehlt dem Autoren jedes Gefühl für die denkbare Möglichkeit, dass jemandem die jetzigen Zustände einfach nur nicht gefallen. Er vermittelt dem Auftraggeber das Gefühl, die Bevölkerung sei einfach noch nicht so richtig reif, um das Tolle an den neumodischen Zuständen zu sehen. Der Analyse fehlt ganz einfach nur ein Gedankengang: Nicht nur Franz Josef Strauß* aus München findet, bei dem ganzen gottverdammten nationalsozialistischen Sülz handele es sich schlichtweg um eine antisemitische Pseudophilosophie.

Ach, wenn es doch nur die Naturwissenschaften wären, in denen dieser Nazisülz nicht so recht angenommen wird. Schlimmer ist, dass deutlich publikumswirksamere Bereiche wie die Unterhaltungsbranche nicht das machen, was sie tun müssten: „Trotz aller Unterstützung, die die Presse dem kulturpolitischen Aufbau auf musikalischem Gebiet zuteil werden ließ, kann von einem einheitlichen und klar herausgearbeiteten Standpunkt noch nicht gesprochen werden. Ein großer Teil führender Musikverlage bringt nach wie vor Notenwerke jüdischer Komponisten; auch Schallplatten jüdischer Künstler und Komponisten sind noch im Handel erhältlich.“

Besser vorwärtsgekommen ist man dafür in einer anderen Branche: „Die Säuberung des Kunstlebens der angeschlossenen Gebiete von jüdischen, kunstbolschewistischen und sonstigen gegnerischen Einflüssen vollzog sich dank der Zusammenarbeit der beteiligten Stellen reibungslos und umfassend.“ So sehr sich der Autor über den Erfolg freut, so überrascht ist er über das negative Echo auf diese Entwicklung: „Die Ausstellungstätigkeit auf dem Gebiet der bildenden Kunst zeigte weder in der Provinz noch in größeren Städten außer dem Haus der deutschen Kunst in München hervorstechende Leistungen. Allgemein wurde die Güte der Ausstellungen zwar anerkannt, jedoch wurde der Mangel an Beteiligung überragender Künstler bedauert.“ Denselben (absolut verständlichen) Effekt beobachtet der Sicherheitsdienst im Bereich der Theater, wo „in Ermangelung eigener überragender neuerer Bühnenwerke eine gewisse Überfremdung des Spielplans durch ausländische Werke eintrat“. Das ist dann natürlich nicht ganz im Sinne des Erfinders. Da ist noch einiges nachzubessern: „In weiten Kreisen der deutschen Künstlerschaft selbst, soweit sie nicht als ausgesprochen nat.soz. eingestellt anzusprechen ist, insbesondere aber in der ostmärkischen Künstlerschaft, war eine Opposition gegen die nat.soz. Kunstanschauung vorhanden. Fast die gesamte deutsche Künstlerschaft steht ferner der Reichskammer der bildenden Künste ablehnend gegenüber.“ Ein Wort vielleicht noch zu jenen, die ausgesprochen nationalsozialistisch eingestellt sind. Der Autor ergänzt, dass die Künstler kritisieren, dass „Laien und Dilettanten“ in die Reichskammer aufgenommen würden. So ist das, wenn man die Künstler im Reich von der Kunst fernhalten will.

Als irgendwann endlich der Geheimbericht des Obersten Parteirichters der NSDAP wegen der Exzesse gegen die Juden fertiggestellt ist, sieht er lediglich geringere Strafen für die Täter vor, was damit begründet wird, dass man den kleinen Mann doch nicht verurteilen könne, wenn der tatsächliche Anstifter Dr. Joseph Goebbels frei ausginge. Übrigens meint das Statistische Reichsamt, die Anzahl der Juden mosaischen Bekenntnisses habe Anfang des Jahres 1938 bei 365.000 gelegen. Die jüdischen Hilfsorganisationen verlegen nunmehr den Schwerpunkt der Arbeit auf die Vorbereitung der Auswanderung der restlichen Juden. Waren es im Vorjahr etwa 25.000, so wandern dieses Jahr wohl etwa 46.000 aus. Im ehemaligen Österreich ist der wirtschaftliche Druck größer und dort ist mit fast 80.000 auch die Anzahl der Auswanderer größer, wobei es gar nicht jedem möglich ist wegzugehen, weil die Altersgrenze für die Einwanderung in den meisten Ländern bei 45 Jahren liegt.