1. Book: Sein Kampf – Deutschland 1933 – 1937

ISBN 978-84-9015-493-9 (20,30 €)

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Was Sie hier in den Händen halten, ist kein Buch über Opfer und auch kein Buch über Täter im Deutschland der dreißiger Jahre des XX. Jahrhunderts. Dafür gibt es viele andere. Das Buch ist entstanden, um die Innen- und Außenpolitik des sogenannten Dritten Reiches mit Beobachtungen seiner Kritiker zu vergleichen. Der Schwerpunkt liegt auf Menschen aus dem Volk, die nach 1945 die Geschicke Deutschlands gestalteten. Fragen werden in den Raum gestellt und gängige Klischees aufgebrochen. Hier geht es im Kern um Menschen, die in den dreißiger Jahren verstanden, dass Adolf Hitler Deutschland in eine schwere Krise dirigierte, als viele noch meinten, dass er das Land aus einer Krise rettete. Sie waren schon Minister oder noch Schüler, sie arbeiteten in der Wirtschaft oder waren Studenten, als die Deutschen die Fäuste der SA zu spüren bekamen. Auf keinen Fall darf es Sie wundern, wenn durch die kritischen Blickwinkel ein sehr lebendiges Bild jener Jahre entsteht. Die traurigen Bücher über diese Zeit sind wohl alle schon geschrieben worden.

Das ist keine Geschichtsschreibung, die Deutschland von oben aus dem Helikopter betrachtet und über alle die Städte und Dörfer, über Wälder und Konzentrationslager hinweggleitet. Wie kann man diese Zeit verstehen, ohne sich Gedanken und Gefühle jener Menschen zu vergegenwärtigen, die diese Geschichte kritisch begleitet haben? Im Überflug kann nur der vollkommen absurde Eindruck entstehen, in Deutschland hätte es eine verbrecherische Staatsführung gegeben, der alle Beifall spendeten nach dem Motto: Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer. Wie entstand aus solch einem Nazi-Wunschdenken nachträglich dieses Bild von 97,4% der Deutschen?

Diese Darstellung stützt sich vor allem auf Texte von Zeitzeugen, deren Autoren schon in ihren Berufen waren, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, obwohl seine NSDAP bei den Wahlen zuvor viele Stimmen verloren hatte. Diese Akteure wussten aus eigener Anschauung, wovon sie sprachen. Zu Wort kommen Personen, die Einblicke hatten in solche Schlüsselbereiche wie Diplomatie, Militär oder Gestapo. Ganz besonders wertvoll in der Sache sind die Äußerungen von Prof. Hans Rothfels. Als er 1939 aus dem Reich auswanderte, war er 48 Jahre alt. Wenn Rothfels sich als deutscher Jude erinnert, dass die Mehrheit der Deutschen nicht antijüdisch eingestellt war, wird er sicherlich wissen, was er da sagt. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Jude, nach allem was bei uns geschehen ist, an den Deutschen nur ein gutes Haar lässt, wenn es nicht berechtigt ist. Es spricht doch Bände, wenn knapp 10 Prozent der etwa 50.000 Juden in der Stadt Berlin von Deutschen versteckt wurden, um ihnen Unheil zu ersparen. Dabei setzten sie sich einem persönlichen Risiko aus. Waren außerhalb Berlins mehr als 10 Prozent der Juden gerettet worden, oder waren es an anderen Orten weniger? Wem nützt es eigentlich, wenn hier behauptet wird, Die Deutschen hätten etwas gegen Die Juden gehabt? In diesem Buch darf sich unter anderem auch Dr. Hans-Bernd Gisevius zu Fragen seiner Zeit ausführlich äußern, weil er als ein profunder Kenner der Verschwörerszene in der deutschen Staatsführung anerkannt wird – und weil er nach dem Krieg als einer der Zeugen der Anklage vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal auftreten durfte. Das macht es wohl glaubhaft, wenn er zugunsten von Personen aussagt, die man bei oberflächlicherer Betrachtung für staatstragende Größen halten könnte.

Neben Berichten von Akteuren und Zeitungsartikeln werden politische Witze und Briefe verwendet, um es dem Publikum zu ermöglichen, sich die Atmosphäre jener Tage, Monate und Jahre vorzustellen. Dabei wird in diesem Buch nicht der irrige Eindruck unterstützt, man spräche hier über einen Zeitraum von tausend Jahren. Hier bleibt die Kirche im Dorf und es geht nur um einen Abschnitt im Leben von Menschen zwischen siebzehn und neunundzwanzig Jahren, wie bei Franz Josef Strauß, oder zwischen dem siebenundfünfzigsten und dem siebzigsten Geburtstag. So war es zum Beispiel bei Dr. Konrad Adenauer, der später Bundeskanzler in Bonn am Rhein wurde. Es waren nicht mehr als zwölf Jahre; aber die haben geprägt. Für sie war 1945 ganz bestimmt keine Stunde null. Diese Akteure, die das Dritte Reich überlebt haben und nachher in führenden Stellungen die weitere Entwicklung dieses Landes beeinflussen konnten, sowie Persönlichkeiten, bei denen dies bei ihren Nachkommen zutrifft, bekommen in diesem Band einen Stern* angefügt, damit sie beim Lesen auffallen. Stößt fremden Leuten Unrecht zu, kann man Mitleid haben; wenn in der eigenen Familie das Gleiche geschieht, dann beschäftigt das Thema einen Menschen noch sehr lange.

Eine Anmerkung ist notwendig zu den politischen Witzen. Sie stammen aus einer Sammlung von Kurt Hirche, der diese Jahre in Berlin verlebte. Sie sollen verdeutlichen, dass jeder Handgriff der braunen Machthaber von Teilen der Bevölkerung sehr kritisch begleitet wurde; es wäre jedoch fatal, wenn hier der Eindruck entstünde, das wäre eine irre putzige Zeit gewesen. So ein politischer Witz wurde nur erzählt, wenn man die Leute sehr gut kannte, mit denen man sprach. Auf keinen Fall darf man hier den Eindruck gewinnen, es habe einen öffentlichen Gedankenaustausch zwischen den braunen Herrschern und der Bevölkerung gegeben.

Um es leichter zu machen, sich in jene Zeit hineinzuversetzen, werden hier ganze Passagen mit Aussagen von Zeitzeugen ins Präsens gebracht und zur besseren Lesbarkeit ohne Anführungsstriche eingearbeitet. Sie sind wie Zitate mit Fußnoten versehen. Es ist also nicht der Mühe wert, hier nach Plagiaten zu suchen. Da im Wesentlichen nur Beteiligte reden dürfen und ich damals glücklicherweise noch nicht gelebt habe, ist das ganze Buch ein einziges großes Plagiat. Damit unterscheidet es sich aber gerade durch viele authentische Einblicke wohltuend von hellsichtigeren Werken mit realitätsfernen Ratschlägen, was man hätte tun oder lassen sollen. Es dient demselben Ziel, dass sich das Lesepublikum die Zeit ein wenig besser vorstellen kann, wenn Worte ohne Anführungszeichen verwendet werden, wenn sie damals so geläufig waren. So ist der „Führer“ ganz einfach der Führer; erst so kann einleuchten, wie dieses Wort im Laufe der Monate und Jahre diese schräge Klangfarbe bekommen hat.

Reinhard Leube